Nr 226 Zweites Blatt. Donnerstag den 27. September
1894
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giefzen
chratisöeitage: chießener Aamitienötätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
vtzri'önlichen Standpunkte aus und betonte, nach einer dem „Marb. Tgbl." zugegangenen Meldung, daß schon in Hinsicht auf die Socialdemokratie für alle Erkrankten gleiche gesetzliche Bestimmungen zu treffen seien.
Niederschlagssystem besaß. Das zweite interessante Resultat war die Feststellung der bet eigentlichen Regenwolken ohne Gewittercharacter — es war richtiges „Westwetter" Im Gebiete der großen Depressionen und früh kaum 11 Grad Wärme auf der Erde — bisher kaum für möglich gehaltenen und sonst nie angetroffenen Mächtigkeit und Höhe, bis zu welcher diese Wolkenschicht sich erhob. Von etwa 1750 bis über 5000 Meter als eigentliche Schneewolke, von da bis über 7000 Meter als geschloffene Eiscrystallwolke, in der höchsten Höhe noch bei 8000 Meter als feinerer, sich lichtender Eisnebel stellte sich diese Schicht in so großer Entfernung von der Mitte der Depression dar. Die Beobachtungen des zweiten Ballons und der Augenschein lehrten, daß mit noch wachsender Entfernung vom Centrum gegen SO sowohl der untere Rand der Wolkenmasse sich senkte als auch in noch höherem Grade deren Dicke abnahm, über dem Spreewald blaute bereits der Himmel durch. Der dritte Hauptpunkt bezieht sich naturgemäß auf das, was diese Hochfahrt von den früher in Frankreich und England gemachten unterscheidet, auf die Feststellung der wahren Lufttemperaturen durch Instrumente, die durch Sonnenstrahlen nicht beeinflußt werden. Und da ergab sich denn, während Glaisher bei seiner höchsten Ablesung am 5. September 1862 in 8030 Meter — unter Berücksichtigung der Lufttemperatur waren es jedoch nur 7650 Meter — 20,6 Grad unter Null (!), Tiffandier, Sivel und Croce Spinelli in 7400 Meter (darüber hinaus haben sie keine Ablesungen mehr gemacht) kaum — 11 Grad gesunden haben, bei der Phönixfahrt mit dem Aspirationspsychrometer in 7700 Meter eine Temperatur von 36,5 Grad, wogegen dann in größter Höhe direct über dem oberen Wolkenrand die Luftwärme infolge von Reflexion von demselben stark zunahm und in 8000 Meter — 32,8 Grad betrug.
Vierteljähriger KbonnementsprelOr 2 Mark 20 Pfg. mit Lringerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schurstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
Die Gießener Aiamtktenö kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
örtliche und persönliche Verhältniffe gebe, die mitwirkten. Welcher Art diese seien, sei bis jetzt noch nicht genügend be- tonnt; man sei hier auf dem Wege der Erforschung.
Ein ungeheurer Dortheil sei es aber, daß in der theil- weise unbekannten Kette, in der die Cholera sich verbreite, ein Glied, eben der Bazillus, jetzt erkannt und rasch festgestellt werden könne- man sei damit in der Lage, die Kette zu sprengen und die Krankheit lahm zu legen. Die rasche Erkenntniß der beginnenden Choleraherde, die Jsolirung und Untersuchung auch scheinbar Gesunder, bei denen aber doch Ansteckungsgefahr vorhanden war, habe dahin geführt, daß man im vorigen und in diesem Jahre aller auftretenden Choleraherde Herr geworden sei. Auch 1892 habe sich das im Herbste schon gezeigt, und man könne nach nunmehr dreijähriger Erfahrung nicht sagen, daß die Maßnahmen in Deutschland verfehlt oder wirkungslos gewesen seien. Auch eine andere Annahme sei falsch, nämlich, daß die Cholera ihre asiatische Heftigkeit eingebüßt habe. Ein glücklicherweise nur vereinzelter Fall eines zu spät entdeckten Herdes in einem ostpreußischen Städtchen und das Verhalten im benachbarten Rußland bewiesen deutlich das Gegentheil. In seiner zentralen Lage müffe Deutschland noch auf längere Jahre hinaus auf das Andringen der Cholera von den Grenzen her gefaßt fein, und auch die internationalen Beschlüsse würden daran nicht viel ändern. Glücklicherweise sei man jetzt in Deutschland in der Lage, die Cholera sofort nach ihrem Auftreten zu fassen und ihr den GarauS zu machen- wenn alle anderen Staaten dasselbe thun wollten, dann sei es mit derselben allerdings bald vorbei. Aber auch bei uns würde die Wissenschaft nicht stille stehen. Der heutige Tag bezeichne eine Epoche auf dem Gebiete der Bekämpfung der Cholera- auf dem wieder vereinigten Boden würden Nord« und Süddeutschland gemeinsam und erfolgreich weiter arbeiten. Die so gewonnene Erkenntniß werde auch?noch weitere Kampfmittel ergeben und eine zunehmende Vereinfachung der Gegenmaßregeln hoffentlich gestatten.
Professor Dr. Fränkel-Marburg verfocht den Krankenhauszwang, besonders auch auf dem flachen Lande. Professor Fränkel will alle Cholerakranken, ja auch alle Choleraverdächtigen in Krankenhäuser aufnehmen. Auf diese Auseinandersetzung Fränkels erfolgte Seitens der Versammlung ein Bravo. Dr. Gustav Wolfhügel, Professor der Hygiene zu Göttingen, fragte darauf Professor Fränkel, ob er schon in einem Choleralazareth gelebt habe (Nein!)- ob er sich dort allen Zwangsmaßregeln der Lazarethe unterwerfen wolle (Ja !)- Wolfhügel sagte darauf: „Ich nicht!" Professor Wolfhügel erklärte sich sodann weiter sür einzelpersönliche Behandlung, wobei er seine eigenen Erfahrungen als Cholerapatient mit Humor heranzieht. Professor Fränkel erwiderte noch vom
Feuilleton.
Aus dem Reiche der Lüfte.
(Schluß.)
Wirklich drang jetzt der „Phönix" durch die Eisnadelwolken und übersprang das Wolkenmeer. Tiefblau wölbte sich der Himmel, unten glitzerten die EiScryftalle in beißendem Sonnenlichte. Beide Herren athmeten jetzt aus einem Stahlbehälter, da der andere leer war, und zwar nur wenig, um vicht zu früh den Vorrath zu erschöpfen. Sie wurden sehr schwach, zeitweise versagte der Sehnerv, eine Art Betäubung befiel sie; doch erhielt man sich durch Anruf und Schütteln auf dem Posten, die Energie des Willens besiegte die Schwäche des Körpers. Herr Groß entsinnt sich nur noch einzelner Momente aus der Periode der Fahrt: wie er einmal zu- fammengebro^en war und erst nach schwerem Bemühen sich aufrichtete, wie er dann Herrn Berfon zu wecken suchte, da diesem der Kopf auf die Brust gesunken und die Augen geschloffen waren. Die grimmige Kälte — 37 Grad C. unter Null — trug viel zu dem schlechten Befinden bei- in den Oberschenkeln und Armen hatte Herr Groß das Gefühl des Erfrierens.
Um 10 Uhr 40 Min. waren 8000 Meter endlich erreicht, der Ballon gewann jetzt neue Kraft an der strahlenden Sonne - der Schnee schmolz und klirrend brachen die Eiszapfen herunter. Wohl hätte man noch 1000 Meter steigen können, aber die Nähe des Meeres durfte den lebhaften Wunsch, die Vorgänger an Höhe zu schlagen, nicht zur Geltung kommen laffen. Man machte daher noch mit Aufbietung aller Kraft einige absolut sichere Beobachtungen, dann hing sich der 1 Führer an das Ventil und raubte dem Ballon die Kraft. |
Gießener Anzeig er
Kenerat-Anzeiger.
Aus den Berathungen des deutschen Ver- I eins für öffentliche Gesundheitspflege, I
welcher in voriger Woche in Magdeburg tagte, theilen wir das auf die Maßregeln zur Bekämpfung der Cholera Bezügliche mit. Berichterstatter waren Geh. Rath vr. v. Ker scheust einer-München und Prof. Dr. Gaf f ky- Gießen. Die Beiden hatten eine Reihe von Leitsätzen aufgestellt und begründeten dieselben dahin: Den sichersten Schutz gewähre Reinlichkeit in Städten und Ortschaften, besonders eine reichliche Versorgung mit gutem Wasser - beim Heran- nahen der Krankheit frühzeitigste, zuverlässige Meldung, sachgemäße Ueberwachung Zugereister, bei Verdächtigen bakterio- logische Untersuchung, Ueberwachung des See- und Flußschifffahrtsverkehrs- beim Auftreten der Seuche Jsolirung der Kranken und Verdächtigen ohne unbedingten Krankenhauszwang, Desinfeclion der Ausscheidungen u. s. w.- Räumung durchseuchter schlechter Wohnungen und Flußfahrzeugen, Schließung aller verdächtigen Wafferentnahmestellen, Heran- ziehen eines erfahrenen Sachverständigen bei weiterer Verbreitung der Seuche, der seine ganze Kraft der Bekämpfung widmen kann. Alle Verkehrsbefchränkungen sind auf das Mindestmaß festzufetzen, der Waarenverkehr bleibt unbehelligt, bei Personen genügt ärztliche Controlle, Nahrungs- und Genußmittel sind an der Verwendungsstelle einer verschärften polizeilichen Controlle zu unterwerfen, auch die Bevölkerung auf eine sachgemäße Lebensweise aufmerksam zu machen. Alle schärfer einschneidenden Maßregeln find nur von den oberen Behörde anzuordnen und stets die Möglichkeit des sanitären Nutzens einer Maßregel gegen deren Verkehrs- gewerbliche Störung abzuwägen. Besonders fei der Ausdruck Stromverseuchung nicht zu schroff auf einen einzelnen Fall aufzubauen, wenn auch nicht verkannt werden solle, daß gerate die Stromüberwachung in Deutschland ausgezeichnete Dienste geleistet habe. Hervorzuheben sei, daß bei sachgemäßem reinlichem Verhalten die Pflege von Cholerakranken keine Ansteckungsgefahr mit sich bringe. Im Laufe der sehr lehrreichen Besprechung nahm Geheimrath Dr. Robert Koch bas Wort. Es freue ihn, aussprechen zu können, daß nach den Ausführungen der Berichterstatter in Bezug auf die Ansichten über das Wesen der Cholera der Friede zwischen Süd- und Norddeutschland jetzt hergestellt sei. Zwischen Pettenkofer und ihm bestände keine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit mehr- denn auch er habe nur gesagt, wenn Cholera auftrete, müffe der Bazillus vorhanden sein, nicht, daß auch jedesmal Erkrankungen beim Auftreten der Bazillen eintreten. Die gar nicht seltene Thatsache, daß Kommabazillen in den Abgängen von Menschen gesunden würden, die nicht erkrankt seien, diese aber doch bei anderen Personen Erkrankungen Hervorrufen könnten, bewiese, daß es zeitliche,
Der Abstieg war Anfangs ziemlich gleichmäßig bis in den Theil der Wolkenwand hinein, wo der Schneefall wieder zunahm - dort wollte der „Phönix" auf der Wolke schwimmen, ja sogar wieder steigen. Nachdem abermals das Ventil gelüftet worden war, nahm jedoch die Fallgeschwindigkeit dauernd zu. Während die beiden Herren im ersten Theil des Abstiegs noch sehr schwach, ja vielleicht am schwächsten waren, hoben sich Kräfte und Wohlbefinden, als man wieder 4000 Meter erreicht hatte. Der Ballon, deffen Gas sich immer mehr zusammenzog, wurde erschreckend schlaff, die untere Hälfte flatterte und rauschte unheimlich im Winde, der ausgeworsene Sand schoß rapide nach oben — es war keine angenehme Situation. Dazu kam die Besorgniß, über dem Meere zu sein, bis man zu großer Freude in ca. 3000 Meter Höhe Hundegebell und Laute der Erde vernahm. Bet 2000 Meter erblickten die Luftschiffer plötzlich die Erde, die auf sie zuzurasen schien, einzelne Wolkenfetzen jagten vor ihnen nach oben. Um 11 Uhr 23 Min. fiel man mitten in einen Eichwald hinein, der Korb des Ballons saß in der Krone eines der höchsten Bäume fest. Die Landung war unweit der Oftfee- küste bei Stralsund erfolgt. Am Abend fuhren die beiden Aeronauten frisch und wohlbehalten nach Berlin zurück.
Auch der Militärballon hatte eine interessante Fahrt gemacht und ist es gelungen, aus der unteren Zone, die der „Phönix" sehr schnell durcheilt hatte, eine zusammenhängende Reihe werthvoller Beobachtungen zu machen, welche noch durch die Feffelballons ergänzt wurden.
Die wiffenschaftliche Ausbeute der Hochfahrt des „Phvnix ist ganz besonders Intereffant. An und für fich war schon die Feststellung höchst merkwürdig, daß fich zwei Depressionen über einander wegbewegten, deren jede ihren vollständig getrennten Luftkörper mit gesondertem Wind-, Wolken- und
Vermißtes.
* Solingen, 17. September. „V iolinde" das ist die „letzte Neuheit" auf dem Gebiete bei Mädchenvornamen und Solingen darf den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, fie in die Welt gesetzt zu haben. Violindchens Vater soll ein leidenschaftlicher Violinspieler sein und damit erklärte sich auch der etwas ungewöhnliche Vorname. Jndeffen braucht man nicht daran zu zweifeln, daß Violinde Schule machen wird. Der musikalische Papa, der Trompete bläst, läßt sein Töchterchen Trompetrine taufen, der Musiker, der gut mit feiner Flöte umzugehen weiß, nennt seine Kleine — Flötulda und ebenso wohllautend wird klingen „Clarinettchen" oder „Fagottilde" ober auch „Pianinchen".
• Alte Liebe rostet nicht, sagt ein Sprichwort. Aus Zwickau, Sachsen, wird geschrieben: Alte Liebe rostet nicht, das zeigte sich wieder vor Kurzem in einem unserer Nachbardörfer, wo zwei alte Leute, die bereits das sechszlgste Lebensjahr überschritten haben, den Bund der Ehe eingingen. Die beiden Alten waren bereits in ihrer Jugend einander in Liebe zugethan gewesen, doch hatte das zwischen ihnen bestehende Verhältniß damals eine jähe Unterbrechung erfahren, als der jetzige Ehemann als junger Bursche im Jahre 1863 im Verein mit einem anderen jungen Manne bei einem Wortwechsel mit einem Gendarmen letzterem einen tödtllchen Stich versetzt hatte. Der Bursche wurde damals zu dreißigjähriger Freiheitsstrafe verurtheili und nachdem er im Vorjahre aus der Haft entlasten wurde, hat er nun fein früher gegebene« Eheversprechen eingelöst und seine Auserwählte, welche ihm in dem langen Zeiträume treu geblieben war, als Ehefrau heimgeführt.
* Was wiegt eine Fliege? An den Stammtischen werden bekanntlich die schwierigsten Fragen spielend gelöst. Einen Stammtisch in Gleiwitz beschäftigte dieser Tage die Frage: Was wiegt eine Fliege? Die Schätzungen bezüglich des Gewichls einer gewöhnlichen Stubenfliege schwankten zwischen 0,1 bis 10 Gramm. Eine Wägung von sechs Fliegen ergab ein Gesammtgewicht von 0,0886 Gramm, so daß im Durchschnitt eine Fliege 0,01466 Gramm wog. Es wiegen olso etwa 70 Fliegen 1 Gramm, und auf 1 Kilogramm gehen nicht weniger als ca. 70 000 Fliegen.
* Unter Schriftstellern. Eister Schriftsteller: „Denke Dir, Freund, bet dem gestrigen Brande sind mir meine besten Manuicripte mit verbrannt." — Zweiter Schriftsteller: „Ja, ja, wohlthätig ist des Feuers Macht!"


