Ausgabe 
26.10.1894 Zweites Blatt
 
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1894

Freitag den 26. October

Rr. 251 Zweites Blatt

vierteljähriger

Generat-Anzeiger.

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Die kommende Neichstagsfesfion.

Kaum noch drei Wochen sind es bis zum rnuthrnaßlichen Zeitpunkte des Wiederzusammentrittes des Reichsparlamentes, da allgemeiner Annahme nach dasselbe gegen den 15. No­vember zu seiner Wintersession einberufen werden dürfte; es rückt daher die Frage nach den Aufgaben und dem Verlaufe der herannahenden neuen Tagung der deutschen Volksver­tretung allmälich in den Vordergrund des tagespolitischen Interesses an den inneren Angelegenheiten. Zwar läßt sich der Kreis der für die nächste ReichstagSsesfion bestimmten Gesetzentwürfe selbst jetzt noch nicht mit Sicherheit übersehen, immerhin kann man doch schon einigermaßen beurtheilen, welche hauptsächlicheren gesetzgeberischen Aufgaben den Reichstag in dem bevorstehenden Abschnitte seiner Legislaturperiode be­schäftigen werden. Der ReichShaushaltetat ist da selbstver­ständlich als eine der nächsten und wichtigsten Vorlagen zu erwarten- er soll schon so weit sertiggestellt sein, daß er dem Reichstage gleich beim Beginne der Session vollständig unter­breitet werden kann, was der Förderung der ReichstagL- geschäfte unstreitig zu Statten kommen würde. Von den ge­scheiterten steuer- und finanzpolitischen Vorlagen der letzten Session erscheint voraussichtlich nur das Tabaksabrikatsteuer- gesetz wteder. Dasselbe soll einergründlichen" Umarbeitung unterzogen worden sein, so daß man in Regierungskreisen auf die endliche Annahme dieses zur Stärkung der Reichs- finanzen bestimmten Gesetzes mit Zuversicht rechnet, in der That scheinen die parlamentarischen Aussichten des umgearbei­teten Tabaksteuerentwurfes günstige zu sein. Ebenfalls gleich beim Zusammentritte des Hauses würde ihm, wie neuerdings verlautet, die signalisirte Novelle zum Strafgesetzbuche zu­gehen, welche in der jüngsten Sitzung des preußischen Staats­ministeriums als eine« der Mittel zur geplanten Bekämpfung der Umsturzbestrebungen im Prinzip angeblich gutgeheißen worden ist.

Diese drei Sachen der Etat, die Tabaksteuer-Vor­lage und die Strafgesetznovelle wären demnach gewisser­maßen als Hauptstücke der kommenden Reichslagssession zu betrachten, zu denen sich dann noch die ebenfalls angekündigte wichtige sozialpolitische Vorlage über die Ausdehnung der Unfallversicherung auf das Handwerk gesellen würde. Um diese muthmaßlichen hervorragendsten gesetzgeberischen Gegen­stände der bevorstehenden Wintertagung hätten sich eine Anzahl weiterer, in ihrer Art auch nicht unwichtiger Vorlagen, zu gruppiren. Hierzu sind etwa die Entwürfe über die Be­

kämpfung des unlauteren Wettbewerbes und über die Reform des Hausirhandels, dann die in früheren Sessionen unerledigt gebliebenen Vorlagen, betr. die Regelung des Auswanderungs­wesens, und betr. die Bekämpfung gemeingefährlicher Krank­heiten (Reichsseuchengesetz), sowie vielleicht noch der Entwurf über die Revision des StrasprocesseS und die Novelle zum Gerichtsverfassungsgesetze zu rechnen. Mit Sicherheit sind ferner verschiedene Sachen untergeordneter Bedeutung und schließlich wiederum eine stattliche Reihe von Initiativanträgen im Reichstage zu erwarten.

Ob alle diese gesetzgeberischen Materien den Reichstag in seiner kommenden Session nun auch wirklich beschäftigen werden, das bleibt freilich noch abzuwarten, sicherlich gelangt die größere Mehrzah'l derselben zur Vorlage. Es steht demnach dem Reichsparlamente abermals eine lange und arbeitsreiche Sitzungsperiode bevor und nach den bislang mit den längeren Sessionen des Reichstages vorwiegend ge­machten Erfahrungen möchte man schon jetzt fast bezweifeln, ob die Ergebnisse der herannahenden Wintersession in quali­tativer Beziehung dem verheißenen reichen Arbeitsprogramme entsprechen werden. Jedenfalls dürfte sich dann aber zeigen, inwieweit die Regierung nur einigermaßen auf eine zuver­lässige Mehrheit rechnen kann, denn die Regierungsmajorität bei den Handelsverträgen war doch lediglich blos für letztere zu Stande gekommen. Die Tabaksteuerfabrikatvorlage und die signalisirte Novelle zum Strafgesetzbuche behufs Be­kämpfung der Umsturzbestrebungen werden da vor Allem die Prüfsteine dafür abgeben, ob wirklich eine zu ehrlicher Mit­arbeit mit der Regierung entschlossene Mebrbett im deutschen Parlamente vorhanden ist oder ob auch fernerhin nur mit Zufallsmajvriläten gewirthschaftet werden muß.

Vermißtes».

* Wie wird mau Weiuhäudler? ES ist nichts einfacher, als Weinhändler zu werden, so meint dieNeust. Ztg." Man braucht sich nur mir einer Prager Firma zu verbinden und man kann des schlechten Wetters und der Reblaus spotten. Diele Firma gibt zur Herstellung von 100 Liter Wein folgende Vorschrift:Zwei Kilogramm meines Wein- extracteS werden mit 10 Liter feinst rectificirtem 95procentigen Spiritus gut vermischt und 88 Liter reines Brunnenwasser dazu gefüllt. Man erhält hierbei 100 Liter vorzüglichen Fayonwein, der vom ächten Naturwein nicht zu unterscheiden ist. Der mittelst WeinextractS hergestellte Wein ist sofort

trinkbar- läßt man ihn jedoch acht Tage lang lagern, so hält sich der Fa^onwein jahrelang. Zum Verschneiden mit echtem Landwein eignet sich der Fayonwein bestens, denn der Landwcin wird dadurch haltbarer. Lagert der Verschnittwein einige Zeit, so soll der geübteste Weinkenner einen solchen Wein als tadellos und reintönig finden." Prosit!

* Die Pyreuäeu sollen jetzt mittelst zweier Tunnels durchbohrt und dadurch zwei Eisenbahnverbindungen zwischen Frankreich und Spanien hergestellt werden. Die Her­stellung des Tunnels ist daS Ergebniß von Verhandlungen, die zwischen der französischen und spanischen Regierung über diesen Gegenstand seit längerer Zeit gepflogen wurden uni deren Abschluß durch strategische Bedenken Spaniens verzögert war. Die Bahn, die den einen Tunnel erfordern wird, bt ginnt zu Saint-Chiron im Departement Arriene, geht im Thale von Satal aufwärts und führt über den spanischen Ort Estert di Quen nach Lerida. Ausgangsort der anderen ist Öleton im Departement der niederen Pyrenäen; sie soll durch das Thal von Aspe führen und bei Guera in den von Saragossa nach Barcelona führenden Schienenweg einmünden. Jeder der herzustellenden Tunnels wird eine Länge von 7 bis 8 Kilometern erhalten und auf jeder der beiden Linien wird ein internationaler Bahnhof eingerichtet werden. Die Arbeiten an der erstgenannten Bahn sollen zuerst auf spanischer Seite in Angriff genommen und im Verlause von fünf Jahren zu Ende geführt werden. Nach den getroffenen Abmachungen, die aber noch der Genehmigung durch die beiderseitigen Parlamente bedürfen, müssen beide Bahnen in zehn Jahren fertig sein. Gegenwärtig verbinden zwei Schienen­wege die Länder; beide sind Küstenbahnen. Die eine führt am Biscayischen Meerbusen von Bayonne nach San Sebastian, die andere am Mittelländischen Meere von Perpignan nach Figueras.

* Wie viel ein Scherflein ist. In einer Schule unter­richtete der Pfarrer im Religionsunterricht über Almosen­gaben und führte u. a. das reiche Almosen des Pharisäer- und das Scherflein der armen Wittwe als Beispiele zur Erläuterung an. Auf seine Frage, wie viel wohl das Scherflein der armen Wittwe betragen haben könnte, gab eine Schülerin ganz prompt zur Antwort:12 Mk. 43 Pf." Ueber diese seltsame Antwort befragt, erklärte sie:Im Katechismus steht: Das Scherslein der armen Wittwe. Mark. 12, 43." (Markus 12. Cap., 43. Vers.)

Lruilleton.

Eine Heirsth im vorigen Jahrhundert.

Aus dem Tagebuche einer alten Dame. Von ß. Heinau.

(Nachdruck verboten.)

Seltsamer Weise hatte mich mein Vater, nach dem Bei­spiele fürstlicher Personen, wie das damals Sitte war, als ich kaum sechs Jahre zählte, mit einem zehnjährigen Knaben, dem Sohne des Grafen Almington, vermählt. Wir haßten uns beinahe, da wir ohne Zank und Streit niemals mit­einander spielen konnten; er war, wie ich mich erinnere, sehr leicht zum Zorn gereizt und ein wenig tyrannisch, so be­handelte er mich rauh und streng, woran ich wenig gewohnt war. Als kleines Kind viel kränklich, hatte man mich ver­zogen und dadurch eigensinnig gemacht- überdies behandelte uns unsere Umgebung wie erwachsene Personen und das trug nicht dazu bei, unseren Charaeter liebenswürdig zu machen.

Da mein Vater sehr kränklich war und fürchtete, daß ich nach seinem Tode schutzlos zurückbleiben könnte, so ver­mählte er mich mit dem Sohne seines Freundes, deffen Be­sitzungen an die unseren grenzten. Außerdem war der Vater meines zukünftigen Gemahls vom König zum Gesandten an einen fremden Hof bestimmt- er mußte daher mit seiner ganzen Famllie ins Ausland gehen. So kam es, daß unsere Vermählung in großer Elle vollzogen und auf unsere Wünsche durchaus nickt geachtet wurde. Vielleicht war ich von uns beiden der Sache am wenigsten abgeneigt, denn man gab mir schöne Kleider, um mich zu trösten, und ich fand es ergötzlich, daß der Bischof die Ceremonie vollzog und so viele edle Herren und Damen bei dem Mahle anwesend waren. Mein junger Gemahl dagegen befand sich in großer Wuth während der ganzen Handlung und nur mit Mühe konnte ihn sein Hofmeister während der ganzen Trauung in Schranken halten. Sobald er Gelegenheit dazu hatte, sagte er mir denn auch, ich sei eine häßliche kleine Hexe und keine paffende Frau für ihn- wenn er einmal ein Mann geworden

wäre, dann wollte er Sorge tragen, mein Gesicht nie wieder zu sehen . . .Dann sollst Du auch mein Vermögen nicht verbrauchen dürfen," gab ich zurück, denn ich meinte aus der Umerhaltung der Dienstleute den Grund zu kennen, weßhalb man .seine Vermählung mit mir für Wünschenswerth ge­sunden hatte.

Pah!" rief er, ein Gesicht schneidend, das ihn voll­kommen entstellte, obgleich er sonst ein hübscher Knabe war, wenn es ihm gefiel, liebenswürdig zu sein,kein Vermögen der Welt würde einen solchen Handel, wie derjenige zwischen uns, ausgleichen. Außerdem werde ich einmal selbst genügend zu meinem Verbrauch haben und was Dein Vermögen an- betrifft, so werde ich auch darüber verfügen, ob Du es erlaubst oder nicht!"

Dor Zorn weinend, stürmte ich jetzt gegen ihn an, den Ring, welchen man mir an den Finger gesteckt hatte, ihm ins Gesicht schleudernd und mich dann in leidenschaftlicher Erbitterung an die Erde werfend. So sand wich meine Erzieherin und beeilte sich, mich fortzuführen- seit jenem Augenblicke sah ich den Gegenstand meines Zornes nicht wieder.

In der That bin ich überzeugt, daß ich ebenso unartig wie er war, wenn nicht noch schlimmer- jedenfalls hätte ich als kleines Mädchen ein wenig mehr Sanftmuth und weniger Heftigkeit zeigen müffen. Was mich am) meisten ärgerte, war, daß Jedermann sein Aussehen lobte, während ich für häßlich erklärt wurde - er hatte ein angenehmes, gewinnendes Benehmen wie sein Vater, der Hofmann, ich dagegen sah kränklich und unbedeutend aus und Niemand würde bei mir die vornehme Abkunft geahnt haben, wenn ich in geringer Kleidung und ärmlicher Umgebung gewesen wäre.

Meine Angehörigen hofften, ich würde hübscher werden, wenn ich erwachsen wäre, und sie sollten sich in dieser Hoff­nung nicht täuschen- hauptsächlich hatte auch die Wiederkehr der Gesundheit zu meiner Schönheit beigetragen.

Als ich fünfzehn Jahre alt war, gab es kein Mädchen in unserem Theile des Landes, das einen leichteren und flüchtigeren Fuß besaß- ich liebte Spaziergänge durch die

| Wälder, einen Ritt, einen Tanz mit den Nachbarn und diese v Bewegungen hatten meinen Wangen die Frische und meinem < Fuße die Elafticuät verliehen. Obgleich drei Jahre jünger , als meine Freundin Anna Lingall, war ich doch größer und blühender wie sie, und eS gab einige Herren, die mir zu- flüsterten, daß sie mir gern ihre Liebe zu Füßen gelegt hätten, wenn ich frei gemacht wäre. Mein Vater war während dieser Zeit gestorben, nachdem er lange und schwer gelitten, und man sprach davon, mich der Obhut meiner Schwiegermutter anzuvertrauen, wogegen ich mich aber energisch sträubte. So nahm mich die Schwester meine- Vaters, Lady Weeden, in ihre Obhut und sie trug Sorge, mich in allen Arten von Fertigkeiten unterrichten zu taffen, damit meine Familie einmal mit mir Ehre einlegen könnte. Wa- das Lernen anbetraf, so hatten meine Lehrer keine Mühe mit mir, denn mein Stolz war geweckt und ich wünschte, Niemand den Vorrang zu lassen in allen denjenigen Dingen, die eine Dame jener Zeit wissen mußte. Ick er­innerte mich immer der Worte des jungen Grafen, daß ich keine passende Frau für ihn fei, und auch der Worte eines Andern, der bei unserer Hochzeit zugegen war:Niemand würde sie gern einmal ansehen, wenn sie ^tsicht eine so große Mitgift hätte."

Aus diesem Grunde wünschte sich so zu werden, daß Alle von mir entzückt, wären, und besonders Graf Lionel - ich aber wollte dann, so meinte ich wenigstens, alle seine Wünsche unter meine Füße treten und über ihn spotten. Wenig ahnte ich damals, daß das Glück meine Ideen so seltsam begünstigen würde, wie dies in der Folge geschah. Inzwischen beeilte sich mein Lord durchaus nicht, mich kennen zu lernen, und obgleich mir der Gedanke an sein Kommen verhaßt war, so war ich doch noch mehr empört, daß er nicht kam und mich dadurch dem Gespötte der ganzen Umgegend preiSgab.

(Fortsetzung folgt.)