Nr. 277 Erstes Blatt. Sonntag den 25. November
Der chießcner Anzeiger nfdjtint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.
Die Gießener A-mitieuvkäller werden dem Anzeiger wSchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
1894
Vierteljähriger AdonncmcntspreiAe 2 Marl 20 Psg. mit Vringerloha. Durch die Post bezog«« 2 Marl 50 Psg.
Redaktion, E^editio» und Druäerei:
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Aints- und Anzeigeblatt für den "Kreis Giefzen.
chratisöeitage: Hießener Aamitienötätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtliche* Theil.
Nachrichten über den Saatenstand im Grotzherzogthnm Hessen
um die Mitte des Monats November 1894.
Ausammengestellt bet der Großherzoglichen Oberen landwirthschaft- lichen Behörde.
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Saatenstanb. Note 1 — seh' juter, 2 —
Ernteertrag in
100 kg pro ha
juter, mittlere geringer ehr ar.
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ErhebungSbezirke.
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Durchschnitt für
Starkenburg
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Durchschnitt für das Großherzogthum
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Bemerkungen: Dte Erträge an Hafer und Grummet sind durch dte anhaltend nasie Witterung sehr geschädigt worden, ebenso war dte Bestellung der Wtntergetretdearlcn außerordentlich behindert. Roggen muhte entweder sehr schlecht untergebracht werden oder unbestellt bleiben, und von Wetzen ist nur ein Bruch- theil bestellt. Wo die Saat ausnahmsweise rechtzeitig erfolgen konnte, ist der Stand gut. Bet Kartoffeln wird über Faulen geklagt. Der Wein ist in Bezug auf Qualität gering, hinsichtlich der Menge tn geringeren Lagen befriedigend.__
Gefunden: 1 gold. Ring, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Brosche, 1 Taschenmesser, 1 Shlipö, 1 Schleier, 1 Taschentuch, 1 Henkelkorb, 1 Schachtel mit Inhalt, ein Kinderstrumpf, 1 Leine und 1 Kette
Gießen, den 24. November 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Neueste Nachrichten»
Wolff» telegraphisches Eorrespondevz-Bureau.
Reggio di Calabria, 23. November. Der Regierungs- commissar Galli besuchte die durch das Erdbeben betroffenen Städte Bagnara, Pellegrina, Santa Eufemia, Sinopolt und San Procopio. Alle diese Orte find mit Ausnahme BagnaraS Trümmerhaufen. Um Krankheiten zu verhindern, müfien die Tobten nochmals beerdigt werden. In mehreren Orten liegen entstellte Leichen und abgertffene Gliedmaßen auf der bloßen Erde. Der Commissar hinter« ließ überall Geldunterstützungen und wies die Militärärzte an, Hilfe zu leisten. Daö Unglück ist furchtbar, es muß für 50 000 Personen vorgesorgt werden. In Messina kam in den letzten 24 Stunden kein Erdstoß tior; die Bevölkerung schöpft wieder Muth. In Milazzo wurden tn längeren Intervallen leichte Erdstöße mit unterirdischem Nollen wahrgenommen. Als Centrum des Erdbebens werden die liparischen Inseln betrachtet. Die Bevölkerung bringt dte Nächte tm Freien zu.
Petersburg, 23. November. Nach dem veröffentlichten Ceremontal für die kaiserliche Hochzeit am 26.November wird der Tag durch 21 Kanonenschüsse angekündigt. Die geladenen Personen und Würdenträger versammeln fich Vormittags halb zwölf Uhr in verschiedenen Sälen deS Winierpalais. Die Ehrendamen der Kaiserin wohnen der Toilette der Braut bet, dte eine Krone trägt. Die Brautschleppe wird von vier Hofchargen getragen. 51 Kanonenschüsse kündigen an, daß der Zug sich von den Gemächern der Braut nach der Kapelle in Bewegung setzt. Voran schreiten Großwürdenträger, alsdann folgt die Kaiserin- Wittwe mit der Braut, hierauf der Kaiser, gefolgt von dem Hofminister und drei Generaladjutanten, der König von
Dänemark, der König und die Königin von Griechenland, der Großherzog von Hessen und die anderen fürstlichen Gäste. Den Zug schließen die Senatoren, die Staattzsecretäre und sonstige Würdenträger. Der Kaiser, die Kaisertn-Wtttwe, die kaiserliche Braut, die Souveräne und Prinzen werden . an der Thüre der Kapelle von den Metropoliten, dem heiligen ■ Synod und dem Hofclerus empfangen. Sobald der Kaiser ' die inmitten der Kirche errichtete Estrade betreten hat, führt die Kaiserin Mutter ihm seine Braut zu. Der Erzhospriester überreicht dann auf goldener Schüssel die Eheringe, dte der Beichtvater dem Kaiser und seiner Braut an den Finger steckt. Nach der TrauungSceremonie treten die hierzu be- stimmten Souveräne und Prinzen heran, um dte Kronen über den Häuptern des Kaisers und seiner Braut zu halten. > Sodann folgt die Einsegnung der Ehe und die Fürbitte, i Hierauf nähern sich die Neuvermählten der Kaiserin zum ! Danke und empfangen die Glückwünsche der Souveräne und ' Prinzen. Hierauf wird das Tedeum angestimmt, wobei 101 Kanonenschüsse gelöst werden. Dte Majestäten begeben ' sich dann nach ihren Appartements, wo der Kaiser und seine ! Gemahlin die Glückwünsche des diplomatischen Corps, der
Würdenträger und der Damen eutgegennehmen.
Petersburg, 23. November. Der Kaiser drückte dem Vernehmen nach dem Communicationsminister seinen Dank für die umsichtigen Vorkehrungen anläßlich der Ueberführung i der Leiche Alexanders III. aus. Die Meldungen verschie- dener Blätter Über einen bevorstehenden Urlaub des Ministers Kriwoschein beruhe auf reiner Erfindung. Der Kaiser empfängt morgen im Winterpalais eine Deputation der Städte Moskau, Petersburg re. — Heute wurde der Ehe- contract zwischen dem Kaiser und seiner Braut in Gegenwart der Minister von Giers und Woronzow unterzeichnet. Der Contract enthält Bestimmungen zu Gunsten der zukünf- ’ tigen Kaiserin für jetzt und für den Todesfall des Kaisers. I Petersburg, 23. November. An dem Diner bei dem S Botschafter v. Werder nahmen Theil Prinz Hetnrich, \ der Erbgroßherzog von Oldenburg, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, die deutsche Deputation, der russische Ehrendienst und die Mitglieder der Botschaft. Prinz Heinrich empfängt morgen die Vorstände der deutschen Vereine. Darauf findet ein Frühstück in der Botschaft statt, an wel- ' chem auch der Großherzog von Hessen theilnimmt. ■ Gestern beiuchte Prinz Heinrich die baltische Schiffswerft : und besah auch den im Bau befindlichen Kreuzer „Rosstjja". l Gestern reiften ab der Prinz von Siam, die Vertreter der ; Königin der Niederlande, der Herzog von Cumberland, die ; Landgräfin von Hessen, die belgische Deputation und einige ; Mitglieder der französischen Mission. Die Kaiserin-
Feuilleton.
Großherzog Ernst Ludwig. @iue Betrachtung zum 25. November 1894. (Nachdruck verboten.)
Ludwig und seine Schwestern an dem auch viel zu früh dahingeschiedenen Vater, und dieser wiederum liebte seine Kinder aufs zärtlichste.
Der jetzige Großherzog, bevor er die Wahl seines Herzens getroffen und die Prinzessin Viktoria Melita von Sachsen- Coburg-Gotha als Gemahlin heimgeführt, fühlte sich nach dem Tode des Vaters mit besonderer Bruderliebe zu der
M. Die hochseltge Großherzogin Alice hatte noch kurz vor ihrem letzten Krankenlager den Plan aufgestellt, nach welchem der hessische Thronerbe, ihr geliebter Ernie, erzogen werden sollte. „Ein Edelmann im vollsten Sinne de s Wortes, ohne Prinz endünkel, bescheidenen- egoistisch, hilfreich, erfüllt von Pslichtbewußt- se in, Ehrgefühl, Wahrheitsliebe und der Achtung vor Gott und demGesetz, die allein frei machen." Das war das Ideal, welches der Großherzogin vorschwebte und welches sie dem Manne, Hofrath Mut her, entwickelte, der von ihr und dem Großherzog auserwählt worden war, Gemüth und Geist des Erbgroßherzogs zu bilden. Die Anlagen für eine glückliche Entwicklung waren vollauf gegeben. Aus der frühesten Kindheit der Knaben weiß die damalige Prinzessin Alice eine Reihe allerliebster Züge an die Königin von England zu berichten. Es spricht für das gute, fremdem Leid offen stehende Herz des kleinen Ernie, wenn derselbe gelegentlich deS Ausspruchs einer ihm lieb gewordenen Persönlichkeit, einer MrS.Orchard: wenn das und das geschieht, werde ich schon längst tobt sein . . , in Thräuen aus« bricht und ruft: „Nein, du mußt nicht allein sterben- ich mag eS nicht, daß die Menschen allein sterben- wir müssen Alle zusammen sterben." Im Schooße eines überaus glücklichen Familienlebens wuchs Ernst Ludwig heran. Auch nach der unaussüllbaren Lücke, welche der Tod der Großherzogin in den schönen KretS gerissen, blieb die Harmonie zwischen den übrigen Gliedern nicht nur ungetrübt, sondern vertiefte sich von Jahr zu Jahr. Mit großer Pietät hingen Ernst
ihm im Alter und vielleicht auch im Charakter am nächsten stehenden Prinzesfin Alix, der nunmehrigen Alexandra Feo- dorowna, hingezogen.
Schon die Großherzogin Alice hatte die äußere Aehn- lichkeit zwischen den beiden Kindern in einem Brief an die Mutter constatirt, indem sie schrieb: „Baby (also Alix) ist „Ella" sehr ähnlich, hat aber einen kleineren Kopf und ist lebhafter, mit Ernie's Grübchen und Ausdruck."
Dem Großherzog ist die Trennung von dieser Schwester nicht leicht geworden. Beim Abschied mußte sie ihm mit Handschlag versprechen, sich nicht eher trauen zu lassen, bevor er gegenwärtig sein könne. Dies ist ja bekanntlich auch der Grund, weßhalb der Großherzog seinen Geburtstag, der ja auch der der Großherzogin ist, im Auslande zubringen muß. Für die Rückkehr des Gatten hat die Großherzogin für denselben eine sinnige Ueberraschung vorbereitet- sie hat dem hiesigen Maler und Reallehrer Heinrich Getrost zu einem Portrait gesessen (Röthelzeichnung), das sehr lebenswahr ausgefallen ist.
Im Hoftheater wird man am Sonntag zum ersten Mal Rubinsteins „Dämon" geben, welchem ein von Otto Roquette gedichteter scenischer Prolog, betitelt „ F e st g r ü ß e", worin eine Odenwälderin und eine Koburgerin ihre Glückwünsche aussprechen, voraufgehen soll.
Großherzog Ernst Ludwig hat viel übrig für die Kunst und ist selbst Ausübender in verschiedenen ihrer Zweige. Schon früh zeigte er bedeutende zeichnerische Anlagen, und bei mehr als einer Gelegenhett hat er bei Hofbällen, Arrangements
lebender Bilder rc. die Zeichnung der Costüme entworfen und alle Angaben bis ins Detail hinein getroffen.
Von seinen Ideen zeugen auch verschiedene Neuerung« im Hoftdeater. Sein ausgeprägt ästhetischer Sinn, sein Auge, das z. B. jeden Fehler in der Farbenzufammenstellung peinlich empfindet, duldet keinerlei Stillosigkeiten und anachronistische Verstöße in der Ausstattung. Es kommt die- natürlich der Gesammtwirkung der Stücke ungemein zu statten.
Der Großherzog ist, was nicht unbekannt sein dürfte, außerordentlich musikalisch, kennt die alten und neuen Stil- arten der Oper und componirt in seinen Mußestunden selbst. Die Jnstrumentalcomposition „ErinnerunganJlinskoe" ist von den Darmstädter Musikern des öfteren als anregende und wirksame Nummer auf dte Concertprogramme gesetzt worden.
Vor seinem Abgänge nach der Leipziger Universität nahm der Erbgroßherzog in Darmstadt Gesangsstunden bei Frau Pfarrer Knispel, die auch sämmtlichen Schwestern de- Großherzogs Unterricht ertheilt hat.
Wäbrend seines Aufenthalts in Gießen war die GesangS- lehrerin des Erbgroßherzogs die jetzige Kammersängerin Fra« Matz - La n g s d v r f f.
Ein Herr Heim ist der Clavierlehrer deS Großherzog» gewesen und hat ihm wohl auch den ersten ComPositiouS- unterricht ertheilt.
Der Großherzog, der morgen in sein siebenundzwanztgsteS Lebensjahr tritt, ist in den zwei Jahren seiner Regierung am vieles ernster geworden, aber die frische, sonnige Fröhlichkeit, welche damals die Gießener Gesellschast an dem jungen Studiosus so anheimelnd und sympathisch fand, hat er sich zu bewahren gewußt. Sein Wesen, das frei ist von aller zugeknöpften Förmlichkeit, wirkt wohlthuend auf seine gesammte Umgebung und auf Alle, die länger oder vorübergehend in seine Nähe kommen.


