Nr 250 Zweites Blatt.
Donnerstag den 25. October
1894
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Deutsches Reich.
? 'Berlin, 23. October. Der Kaiser bringt der schweren Erkrankung des Czaren die größte Theilnahme entgegen, u. A. muß ihm über daS Befinden des rusfischen Herrschers täglich Bericht erstattet werden. Bei seinem kürzlichen Besuche am Darmstädter Hofe soll Kaiser Wilhelm bei der Tafel zum Großherzog von Hefien geäußert haben: „WaS ich aus Livadta gehört habe, raubt mir jeden Appetit." Auch wird versichert, daß der kaiserliche Gast den verschiedenen Festlichkeiten in Darmstadt in sehr ernster Stimmung beb gewohnt habe. Der „Nordostsee-Zeitung" in Kiel zufolge wird daselbst die kaiserliche Yacht „Hohenzollern" angeblich in Bereitschaft gehalten, damit der Kaiser für den Fall des Ablebens des Czaren sofort nach Petersburg abreisen könne. Freilich ist nicht recht zu verstehen, warum dann der Kaiser in diesem Falle nicht den ungleich rascheren Landweg mittels der Eisenbahn wählen sollte. Wie ncch weiter verlautet, wäre in Aussicht genommen, daß Prinz Heinrich von Preußen mittels des Panzerschiffes „Wörth" seinen kaiserlichen Bruder nach Petersburg begleite.
— Am kaiserlich en Hofe wurde am Montag der 3 6. Geburtstag der Kaiserin Augusta Victoria festlich begangen. Um 11 Uhr Vormittags fand eine beschränkte Gratulationscour im Neuen Palais statt, worauf Familienfrühstück folgte; Abends 8 Uhr war Galatafel zu etwa 60 Gedecken.
— lieber die Audienz einer Abordnung des Bundes der ostpreußischen Landwirthe beim Kaiser liegen jetzt ausführlichere Nachrichten vor. Aus denselben erhellt, daß dem Monarchen eine Adresse überreicht wurde, in welcher die zum Bunde gehörenden ostpreußischen Grundbesitzer den Borwurf einer systematischen Opposition weit von sich weisen und ihre freudige Bereitwilligkeit betonen, dem kaiserlichen Ruse zum Kampfe wider die Umsturz- bestrebungen zu folgen. Doch erklären die Unterzeichner der Adresse zugleich auch, sie behielten sich, unbeschadet ihrer Treue für ihren König und Herrn, in wirthschaftlichen Fragen abweichende Ansichten von denen der Räthe der Krone vor. Die Erwiderung des Kaisers lautete ungemein huldvoll, er wies auf seine Königsberger Rede hin und gab seine Genug- rhuung darüber kund, daß die Ostpreußen die in Königsberg gesprochenen Worte richtig aufgefaßt hätten, wie das Er- »chetnen der Deputation beweise. Schließlich drückte der Kaiser sein Vertrauen aus, daß, wenn die wohlgesinnten Elemente der Nation sich um ihn schaarten, eS möglich sein würde, das Vaterland ohne schwere Erschütterungen durch die Kämpfe gegen zersetzende Bestrebungen hindurchzusühren. Dann unterhielt sich der Monarch leutselig mir den einzelnen Mitgliedern der Deputation über meist landwirthschaftliche Dinge. Der Audienz wohnten der Ministerpräsident Graf Eulenburg, der LandwbthichaftSminister v. Heyden und der Chef des kaiserlichen Civilcabinets bei.
CocoUs unb ^provinzielles,
a. Lollar, 23. October. Seit heule früh hat sich hier ein bedeutendes Hochwasser eingestellt. Die Lumda hat ihre Ufer überschritten und weite Flächen unter Wasser gesetzt. X>;c KreiSstraße nach Londorf wird an mehreren Stellen vom Wasser überfluther, so daß einige Orte augenblicklich zu Fuß nicht zu erreichen sind. Auch in Londorf und Umgegend tst das Wasser so hoch, daß die Arbeiten an dem Bahnbau Londorf—Grünberg eingestellt werden mußten. Die ältesten Leute können sich auf ein solches Hochwasser in hiesiger Gegend nicht erinnern.
□ Ruppertenrod, 23. Oct ober. Ganz ungeheuere Regenmassen gingen am gestrigen Tage und in der ver- floffcnn Nackt nieder. Die Ohm ist infolge dessen über ihre Ufer getreten und hat das Wiesenthal in einen See verwandelt. In den Mühlgräben mußte das Wasser abgewiesrn werden, sollte es anders nicht Schaden an den Mühlen verursachen. Alle Kanäle und Abzugsgräben sind überfüllt von Wassermassen. Die Feldarbeit mußte wiederum unterbrochen werden und dürfte nun schwerlich vor Eintritt des Winters beendigt werden können, da man im Felde zu versinken droht.
K. Ranstadt, 22. October. Ein alter Bettler, der beute hier beim Fechten mehrere Diebstähle beging und kurz darauf festgenommen wurde, sollte von zwei jungen Leuten nn daS Großh. Amtsgericht Ortenberg abgeliefert werden. Auf dem Wege dahin bat er dieselben, austreten zu dürfen, er ging einige Schritt auf die Seite, nahm sein Messer, schnitt sich die Kehle durch und war bald darauf eine Leiche.
H. Ans dem Horloffthale, 17. Oktober. Kürzlich brachte Ihre Zeitung die Nachricht, daß das Schloß zu B'ingen- heim mit einem blaugrauen Bewurf versehen worden sei, der das Schloß verschönt und doch den alterthürnlichen Character wahrt. Die Herstellung des Mörtels dürfte weitere Kreise interessiren, weil die Sache noch neu ist, sich aber trefflich bewährt hat. Zu dem Mörtel wird außer Schwarzkalk und Sand noch der Sand von Formen aus Eisenhüttenwerken benutzt, wenn letzterer seine Schuldigkeit als Formsand gethan hat und als solcher nicht mehr verwendet werden kann. Dieser Formensand gibt nicht bloß einen sehr schönen, in verschiedenen Farbennüancen herstellbaren Mörtel, sondern er wird auch in kurzer Zeit eisenfest und unverwüstlich den Atmosphärilien gegenüber. Das Material für den Bingenheimer Bewurf hat die Baubehörde, welche seit einiger Zeit sehr befriedigende Proben mit diesem Mörtel machte und ganz zufällig darauf kam, selbst geliefert. Die Hüttenwerke waren früher froh, wenn der abgebrauchte Sand weggesahren wurde. Heute ist die Masse bereits so begehrt, daß sie bezahlt wird. Die Sache erinnert an die Schlacken bei der Herstellung des Roheisens. Einsender hatte Gelegenheit, den als Chemiker berühmten, in Gießen noch in bestem Andenken stehenden Herrn Professor Dr. Will zu Anfang der sechziger Jahre zu hören. Herr Dr. Will sagte damals: Die bei der Eisenprodnction erzeugten Berge von Schlacken, die damals eine Plage für die Hüttenwerke waren, enthielten so vielen werthvollen Phosphor, daß die Zeit käme, wo man den Letzteren sehr wohl gebrauchen und nutzbar machen könnte. Seit einigen Jahren werden diese damals werthlosen, höchst lästigen, platzoersperrenden Schlacken vermahlen und sind als „Thomasschlacken" ein unentbehrliches mineralisches Dung- mittel für den Landwirth geworden, welches mit schwerem Gelde bezogen wird und eine große Rolle auf dem Weltdüngermarkte spielt. Aehnlich hat man nun den abgebrauchten, fast werthlosen Formensand bei den Hüttenwerken als treffliches Baumaterial entdeckt, der sich bereits weite Kreise erobert hat. Es gibt nichts Werthloses auf der Welt! Selbst Unkräuter, Schmutz und Koth besitzen werthlose Eigenschaften, man muß sie nur zu finden wissen.
A Mainz, 23. October. Die mehrfach erwähnte Wormser Ringdiebstahlsgeschichte, die in Kurzem vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts ihre richterliche Erledigung finden sollte, hat jetzt einen unerwartet sensationellen Abschluß gefunden. Die des Diebstahls bezüchtigte junge Dame — die Tochter des Wormser Oberamtsrichters — »st nämlich der richterlichen Entscheidung zuvorgekommen und hat ihrem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht. Die hochgeachteten Eltern des jungen Mädchens finden allseits das tiefste Mitgefühl. — Der Rhein steigt in Folge der fortgesetzien Niederschläge der letzten Tage sehr stark. Da von Auswärts gleichfalls heftiges Steigen des Rheines und seiner Nebenflüsse gemeldet wird und die Niederschläge noch fortbauern, ist die Möglichkeit einer Ueberschwemmung nicht ausgeschlossen. Hier hat man bereits die städtische Pumpstation in Thätigkeit gesetzt. — Infolge der starken Strömung ist heute Morgen ein einer Mannheimer Firma gehörendes Floß wider die Pfeiler der Eisenbahnbrücke gefahren und zerschellt. Ein Theil des Holzes ist fortgetrteben.
Vermischtes.
* Stargard, 22. October. Im Dorfe Plantikow verbrannte die herrschaftliche Schäferei mit 1000 Schafen- mehrere mit dem Ernte Ertrag gefüllte Scheunen, ein Familienhaus und der Kirchthurm des Dorfes fielen ebenfalls den Flammen zum Opfer.
♦ Augsburg, 22. October. Hiesige Blätter melden einen furchtbaren Gatte nm or d in Lindau. Der Handelsmann Ernst Raupach aus Trieb-.lwitz in Schlesien stieß auf der Hochzeitsreise seine 56|obrige Gattin in den See, um deren Baarvermögen und Ve'sicherungßsumme zu erlangen. Die (Sanin ertrank - der Thäter wurde verhaftet und hat bereits sein Verbrechen eingestanden.
* Charleroi, 21. October. Aus dem Unglücksschacht „Aulniats" in Anderlues wurden während der vergangenen Nacht wieder 15 Leichen hervorgeholt, die sämmtlich wiedererkannt wurden.
Adresse freundlich entgegen und wird sie dem Reichstage vorlegen.
* Die rauhe Wirklichkeit. Sommergast: „Sagen Sie mal, Herr Schwimmmeister, ich beobachte so oft, daß Ertrinkende, sobald Sie dicht bei Ihnen sind, zu schreien aufhören. Jedenfalls sprechen Sie den Leuten so freundlich zu, daß sie wieder Muth gewinnen." — Schwimmmeister: „DaS weniger, aber ick jeb ihnen eenen jehörigen Schlag ins Jenicke, daß sie mtt's Schreien uffhören- denn so fin se leichter zu retten."_______________________________________________
Technische Fortschritte.
— Festgerostete Schrauben löst man in gewöhnlichen Fallen durch reichliches Aufgießen Petroleums, das man in die Fugen einziehen läßt; oft reicht auch Salmiakgeist aus. Bei Schrauben jedoch, die entweder stets im Wasser stehen oder einmal naß und dann wieder langsam trocken werden, nützen beide Mittel entweder feiten ober überhaupt nichts, weil die Rostschicht eine so lief in das Eisen gedrungene ist, daß kein Zwischenraum mehr vorhanden. Wird nun das ßökn der Schraub.nmuttern mit Gewalt versucht, so dreht sich der Kopf einfach ab. Dieses Abdrehen findet auch bei Maschinen, die der Hitze ober feuchter Lust ausgesetzt sind, bann noch statt, wenn selbst Cel an die Schrauben gegeben wurde, a's man die Maschine zu ammenschraubte. Vor dem Festrosten der Mutter an dem Bolzen bei Schrauben, die mit Wasser ober heißen Dämpfen in Berührung kommen, schützt am besten ein Bletüberzug, der jedoch schwer herzustellen ist. Ein vorzügliches und stets bewährtes Mittel bietet dagegen gelöster Graphit, der mit Mineralöl einzukochen ist. Vor Einbringung der Schrauben sind sowohl Bolzen, Köpfe wie Muttern mit dieser Grapbitschmiere zu bestreichen. In dem Schraubengewinde hält sich der Graphit sehr lange und verhindert auch daS Eintreten von Dämpfen bezw. Master, also das Festrosten. Auch für Holzschrauben ist diese Schmiere sehr gut, man dreht selten beim Lösen derselben den halben Kops weg, wie dies so häufig vorkommt, roenn keinerlei Schmiere beigegeben wurde.
— AeinkSrnige- Matt auf MefsinggegenstLnde. Alan mische 1 Theil Salzsäure mit 8 Theilen Wasser und setzt 8 Thelle Schwefelsäure zu. In das Gemisch legt man die Gegenstände 10 bis 12 Stunden ein und unterwirft sie dann dem Gelbbrennen, wodurch ein körniges Matt auf den Gegenständen heroorgerufen wird. Zur Erzeugung einer matten Färbung auf den Kupferlegirungen unterwirft man die Gegenstände zuvor dem Gelbbrennen, wodurch Fett und Oxydschichten entfernt werden. Bei jeder Behandlung mit Säuren ist die peinlichste Sorgfalt vor und nach dem Brennen zu beobachten, vorher, um die Ueberzüge gleichmäßig und in den gewünschten Tönen zu erhalten, und nachher, um auch die letzten Säuerreste von den gebeizten Stücken zu entfernen, wodurch ein Anlaufen vermieden wird. Zum Abtrocknen sollen Sägespäne aus Ahornholz wegen der geeigneten Structur den Vorzug oerbtenen.
— Künstlicher Marmor. Nach dem englischen Fachblatte „Engineering" läßt sich mit Hilfe des Verfahrens von Moreau Rae die Kreide oder jeder andere poröse Kalkstein in künstlichen Marmor verwandeln, dem alle Farbenabstufungen zu geben sind, und der sich leichter als das natürliche Gestein bearbeiten läßt. Die Aederung wird durch ein Wasserbad hervorgebracht, dem ein Firniß von Eisensesquioxyd, Gummi und Terpentin zugeseht ist. Der Stein wird einige Minuten hineingelegt, ein wenig abtrocknen gelassen und in einem Metallsalze (Eisen-, Kupfer-, Zinkottriol) enthaltenden Bade behandelt. Zur Fixlrung der Farven gelangt der Stein darauf in ein auf 50° E. erwärmtes Wasserbad und später in einen auf 90 bis 1000 C. geheizten Trockenofen, wo er vollkommen austrocknet, schließlich läßt man einige Stunden noch eine Lösung von Zinkottriol auf ihn einwirken. Die „Fortschritte der Industrie" empfehlen das Moreau Nae'sche Verfahren angelegentl'chst, und wir persönlich kennen zur Zeit kein billigeres Verfahren, Kunstmarmor herzustellen, als das hier beschriebene.
— Holz gegen siedende- Master und Dampf wider- stand-fähig zu machen. Da in vielen gewerblichen Betrieben Holzanlag^n unh hölzerne Gefäße sehr vom Dampf und kochendem Wasser angegriffen werden, so sei dagegen nach der „Fundgrube" folgendes Verfahren empfohlen: Zwei Gewichtstheile aebrannter Gips und ein Gewichttztheil fein puloerifirter Asbest werden innig gemengt und mit frtidjem Ochsenblute zu einet dicken, streichbaren Masse verrührt. Das durchaus trockene Holz wird damit gleichmäßig überzogen und der Anstrich trocken gelassen. Nach wenigen Stunden wird ein zweiter Anstrich vorgenommen; es hat sich nun bewährt, diesem einen ganz geringen Zusatz von Lelnölfirniß zu geben. Um ein vollständiges Erhärten des Anstriches herbeizuführen, kann man sich eines kleinen Holzkohlenfeuers, über welches das bestrichene Holz gehängt wird, bedienen; doch genügt auch einfaches Lufttrocknen, welches einige Tage andauern muß. Dann läßt man auf das Holz er ft langsam den Dampf einwirken und trocknet dasselbe hierauf noch einige Zeit, bevor man es zur Verwendung bringt. Tann nirb bei richtiger Behanblung die Anftrichschichte fest unb gut anhaften; sie wirb niemals Risse zeigen oder gar abspringen. Ta bas Verfahren ein äußerst billiges unb einfaches ist, die angewen- beten Stoffe auch ganz unschäblicher Natur sinb unb weder auf Geruch noch Geschmack der in den Holzgefäßen aufbewahrten Flüssigkeiten wirken, so eignet sich dasselbe z. B. für Stärkefabriken und andere Anstalten.
* Kopeuhageu, 20 October. Ein Kreis dänischer Frauen Überreichte heute dem Minister der inneren Angelegenheiten eine von über 100,000 Unterschriften bedeckte Adresse, welche | die Bitte an Regierung und Reichstag enthält, Bestimmungen ' gegen denübertriebenenGenuß geistiger Getränke zu treffen, vor allem die Erlaubniß des Ausschanks geistiger Getränke bedeutend etnzuschränken. Der. Minister nahm die
— Billige und gute Stempelfarbe, welche «an selbst herstelle« kau«. Eine solche Stempelfarbe, welche nicht zu rasch aui dem Farbenkisien trocknet, wird aus 16 Theilen einer beliebigen Anil-nfarde, 80 Theilen kochendem destilltrtem Wasser, 7 Theilen Glycerin und 3 Thellen Syrup bereitet. Das Anilin wird in heißem Wasser gelöst unb unter Umrühren ber übrigen Bestanb- theile hinzugefügt. — Zahlreiche Vorschriften zur gewerbsmäßigen Herstellung von Tinten unb Stempelfarben finben sich im 17. Band der chemisch technischen Bibliothek von A. Hartleben, zu beziehen durch jede Buchhandlung.


