Ausgabe 
24.11.1894 Erstes Blatt
 
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Nr. 276 Erstes Blatt. Samstag den 24. November

1894

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Amtlicher Theil.

Gießen, den 22. November 1894.

Betreffend Ausführung des Reichsgesetzes vom 5. Mai 1886 über die Unfallversicherung der in land- und forstwirtlffchaft- lichen Betrieben beschäftigten Personen, hier die Einziehung der Genoffenschaftsbeiträge.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

sm die «rotzft. Bürger 8, elfter eie« de- «reifes.

Nach einem bei Großh. Ministerium des Innern und der Justiz eingereichten Berichte des Vorstandes der land- und forftwirthschaftlichen Berufsgenoffenschaft ist die Ein­sendung der auf die Mitglieder der letzteren umzulegenden Beiträge an den GenoffenschaftSvorstand auch im Jahre 1894 nur mit erheblicher Verzögerung durchgeführt worden. Ob­wohl die Versendung der von dem Genoffenschaftsvorstande aufgestellten ErhebungSverzeichniffe an die Großh. Burger- meistereien bereits am 10. Mai d. I. beendet war und sonach gemäß § 20 der V. O. vom 10. Juli 1888 sämmtliche Beiträge für das Jahr 1893 spätestens am 10. Juni v. I. in den Händen des Rechners der Genossenschaft hätten sein müffen, sind zu diesem Zeitpunkte noch eine ganze Reihe von Gemeinden mit der Abführung jener Beiträge rückständig gewesen.

Im Anschluß an uns.r Ausschreiben vom 27. Februar d. I. (Kreisblatt Nr. 50) müffen wir Ihnen deßhalb wieder» holt empfehlen, dahin zu wirken, daß die Beiträge innerhalb längstens vier Wochen nach Empfang des von dem Ge- noffenschaftsoorstande ausgestellten Erhebungsverzeichnisses durch die Gemeindceinnehmer in ganzer Summe an den Ge» noffenschaftsvorstand eingesendet werden.

Zu diesem Zwecke werden Sie angewiesen, fchon bei Aufstellung der Gemeindevoranschläge für das Vorhandensein eines ausreichenden Betriebscapitats Sorge zu tragen, aus welchem die umzulegenden Mitgliederbeiträge, sofern deren Einziehung nicht innerhalb der vorerwähnten vierwöchigen Frist bewirkt werden kann, vorlagSweise an die GenoffenschaftS- kaffe abgesührt werden können.

v. Gagern.

Deutscher Neich.

Berlin, 22. November. Das Großherzogliche Haus Sachsen-Weimar und das ganze Weimartiche Land sind durch das am Dienstag Nachts ll®/4 Uhr in Cap St. Martin (Süd-Frankreich) erfolgte Ableben des Erbgroß- herzogs Carl August in tiefste Trauer versetzt worden. Der hohe Verblichene war von demselben furchtbaren Leiden befallen worden, das den Kaiser Alexander III. dahinraffte; in dem milden Klima der französischen Riviera gedachte der Erbgroßherzog mindestens Linderung seines Le-dens zu finden. In der Thal lauteten die Berichte über sein Befinden in den letzten Wochen verhältnißmäßig günstig, aber eine plötzlich aufgetretene Lungenentzündung gesellte sich zu dem alten Uebel und führte den Tod des erlauchten Patienten herbei. Groß ist der Schmerz der Großherzoglichen Familie und der gesammten Bevölkerung um den mit so mannigfachen Gaben des Geistes und des Herzens wie mit vortrefflichen Character- etgenschaften geziert gewesenen Prinzen, am schwersten aber dürfte Großherzog Carl Alexander gebeugt sein, der bereits seinen 76. Geburtstag gefeiert hat und nun seinen einzigen Sohn beweinen muß. Erbgroßherzog Carl August war geboren am 31. Juli 1844 und vermählt mit Prinzessin Pauline, Tochter des Prinzen Hermann von Weimar. Der überaus glücklichen Ehe entstammen die Prinzen Wilhelm Ernst, geboren 10. Juni 1876, und Bernhard Heinrich, geboren 18. April 1878.

Die Vorlage über die Bekämpfung der U msturzbestreb ung c n scheint bestimmt den Vorrang in der parlamentarischen Behandlung vor den übrigen gesetz­geberischen Stoffen der hcrangenahten R ichstagssession er­halten zu sollen. Die Nachricht, daß der Inhalt des wich­tigen Gesetzentwurfes baldigst und zwar im Wortlaute, zur Veröffentlichung gelangen werde, kann nur mit Genugthuung ausgenommen werden, denn hierdurch wird es der öffent­lichen Meinung ermöglicht, sich noch üot der Berathung der Vorlage im Reichstage ein Urtheil über die Grundzüge der geplanten Maßnahmen zu bilden. Im Uebrigeu bezeichnen die osficiösenBerl. Pol. Nachr." die genannte Vorlage als geheim" und bemerken hierzu, schon aus dieser Thatsache erhelle zur Genüge, daß die über ihren Inhalt umlaufenden

Mittheilungen mit großer Vorsicht aufzunehmen seien. Das officiöse Organ betont, der Entwurf ziele in der Hauptsache nur auf eine präcisere Faffung gewisser Bestimmungen des Strafgesetzbuches, gegen bestimmte Parteien oder bestimmte Bevölkerungsklassen sei er durchaus nicht gerichtet.

Dem Bundesrathe ist der Entwurf eines Ge- setzes über die Bestrafung des Sclavenraubes und des Sclavenhandels zugegangen. Der Reichstag hat sich schon wiederholt mit dieser Frage beschäftigt, doch kamen die betreffenden Vorlagen niemals zur Erledigung.

Der Reichskanzler Fürst Hohenlohe- Schillingsfürst ist von seinem Aufenthalte in Süd- Deutschland wieder nach Berlin zurückgekehrt.

Die Strafexpedition des Gouverneurs Obersten v. Scheele gegen die Wahehe im Inneren von Deutsch- Ostafrika hat zu einer empfindlichen Niederlage dieses räube­rischen Volkes geführt. Die Expedition erstürmte das stark befestigte Kuiremja, eine der Hauptstädte der Wahehe, und zerstörte den Platz gänzlich. Deutscherseits sielen Lieutenant Maaß und 8 ASkari, 29 Askari wurden schwer verwundet; die Verluste des etwa 3000 Mann starken Feindes waren sehr beträchtlich. Die Expedition erbeutete die Geschütze und Gewehre der Zelewski'schen Expedition, viel Vieh, Elfenbein, Pulver usw. und befreite 1500 Weiber und Kinder, die von den Wahehe geraubt worden waren. Alsdann trat die Ex­pedition den Rückmarsch nach Kilossa an; ein hierbei unter­nommener Angriff von 1500 Wahehe auf die Truppen bei Mage wurde kräftig abgeschlagen. Letzterer Vorgang beweist aber doch, daß die Wabehe trotz der Einnahme von Kuiremja keineswegs enlmuthigt sind, es wird daher zu ihrer Unter­werfung wohl noch mancher Kämpfe bedürfen.

Nerieste Nachrichten.

WolffS telegrsphffcheS Lorrcsponbens-Bureau.

Weimar, 22. November. Ein Erlaß des Großherzogü gibt den Tod des Erbgroßherzogs kund und den Uebergang des erbgroßherzoglichen Titels auf den ältesten Sohn des verstorbenen Prinzen, Wilhelm Ernst.

Petersburg. 22. November. Bei dem gestrigen Cercle im Winterpalast stellte Prinz Heinrich dem Kaiser die preußischen Militär - Deputationen vor. Der

Fenilleton.

Alexander Strakosch.

In der Zahl der Recitatoren, welche in der deutschen Kunstgeschichte einen dauernden Platz einnehmen werden, darf Alexander Strakosch als der hervorragendste genannt werden.

Es ist eine eigenartige Kunst, welche er sich zurecht gelegt hat eine Kunst, die eigentlich durch keine der land­läufigen Bezeichnungen, wieRecitation",Vortrag" oder Vorlesung" zur Genüge gekennzeichnet wird. Man wäre in Verlegenheit, den richtigen Namen für sie zu finden, denn die vorhandenen sagen entweder zu viel oder zu wenig. Strakosch darf sich rühmen, daß er in seinen Hörern die Illusion hervorruft, als säßen sie in einem Schauspielhause; rind doch arbeitet er ohne den Apparat der Bühne er hat nichts als das gesprochene Wort, um zu wirken.

Zweierlei ist, was Strakosch aus der Schaar seiner Kunstgenoffen heraushebt, einmal die wunderbare Vertiefung seiner Auffaffung, daß andere Mal die charactervolle Action seines Vortrages. Da ist kein Wort und keine Silbe, die nicht von seiner forschenden und ergründenden Subjectivität durchströmt wäre, die er sich nicht zum vollen, zur freien Verfügung stehenden geistigen Eigenthume gemacht hätte, die er nicht in seinem eigenen Wesen durchs und auSempfunden hätte. Man hört es auS jedem Worte heraus, daß das -Leben, nicht bloß die Theorie die Lehrerin StrakoschS ge­wesen ; denn um so das Leid und Wehe Anderer, die bitter- -süßen Gefühle der Menschheit wiederzugeben, muß man selbst gelitten, gefühlt, empfunden haben. Das Goethe'sche

Wenn Jhr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht erjagen, Wenn es nicht auS der Seele dringt

Und mit urkräftigem Behagen

Die Herzen aller Hörer zwingt"

wird hier zur vollen Wahrheit. Und um nun, mit Goethe weiter zu reden, noch innigerHerz zu Herz" zu schaffen, begleitet Strakosch, selbst ruhig und unbeweglich in der Hal' lung des Oberkörpers, seinen Vortrag mit einer wohlberech­neten, bald erläuternden, bald zum Nachdenken anregenden, bald die Aufmerksamkeit auf einen Punkt fesselnden Action, mit einem Augen , Mienen- und Händespiel, das nicht minder

sicher wie sein Vortrag selbst, den Sinn des Gesprochenen entsiegelt, das dunkle Dichterwort blitzartig erleuchtet.

Auch alle übrigen Eigenschaften, die den großen Vor- tragSkünstler ausmachen, sind bei Strakosch zu finden. Kraft, Fülle, Biegsamkeit des Stimmorgans, Schärfe der Aussprache, und dies in einer solchen Weise, daß selbst sein geflüstertes Wort im weiten Saale bis in die fernsten Ecken gehört wird; die Fähigkeit feinster Abtönung und Scdattirung, die ihm beim dramatischen Vortrag zur Auseinanderhaltung der Rollen trefflich zu statten kommt, das Alles erblicken wir bei Strakosch im glücklichsten Vereine, das Alles erzielt wunder­bare, große, man möchte sagen, dämonische Wirkungen.

Der Name des seltsamen Mannes tauchte ganz plötzlich auf. Es war im Jahre 1872, als Laube das Wiener Stadt­theater eröffnete, mit der offenkundigen Absicht, einen (Son* currenzkrieg gegen das Burgtheater zu führen. Das Unter­nehmen wurde allgemein als ein geradezu unsinniges be­trachtet. Kaum ein Jahr war Laube gegönnt gewesen, die Werbetrommel in Deutschland zu rühren. Sein Personal war auS allen Gauen des Reiches zusammengelesen; das Burgtheater dagegen hatte sein altberühmtes, wohlaccredirtes Ensemble mit Künstlern ersten Ranges. Um so mehr über­raschten die Erfolge der neuen Bühne, welche- selbst Vorstel­lungen classischer Stücke bot, die jenen des Burgtheaters nicht nachstanden. Wer hatte die Künstler des Stadttheaters ausgebildet? wer ihr Talent entdeckt und in die richtige Bahn geleitet? Die Frage lag auf allen Lippen und ein Wort war die Antwort: Der Name Strakosch.

Auch ihn hatte man früher nicht gekannt. Der alte Laube stellte ihn alsVortragsmeister" in seinem Theater an, und in dieser Eigenschaft erwies er sich als ein wahrer Schatz. Zur glücklichen Erkenniniß des Talentes, wo es vor­handen war, gesellte Strakosch die stilgerechte Ausbildung zu einer edlen Schauspielkunst. Kein Wunder, daß die kunst­begeisterte Jugend Deutschlands bald zu ihm wallfahrtete wie zu einem Propheten. Man forschte der Vergangenheit des Wundermannes nach, und erfuhr, daß er in Eperics in Ungarn als Kind armer Eltern geboren war, daß er am akademischen Gymnasium in Wien seine Studien gemacht hatte, und dann von der Liebe zum Theater ersaßt, ein Schüler Sonnenthals geworden. In den 60 er Jahren war

er Mitglied des Deutschen Theaters in Budapest, wo sein ungewöhnliches Talent dieselbe Anerkennung sand, wie im Hostheater zu Hannover, dem er zuletzt angehörte. Von dort ging er nach Paris, wo er nach einiger Zeit in der Salle Scribe" ein Concert veranstaltete, und mit dem Vor­trag einiger Szenen ausHamlet" und derGlocke" Schil- ler's einen kolossalen Erfolg errang. Er wollte sich dem französischen Theater widmen, studirte bei Märtel und 6e; suchte später das Pariser Conservatorium. Dort gewann er namentlich seine rhetorische Ausbildung, welche unsere deut­schen Schauspieler leider entbehren müffen, und die ihn be­fähigte, seinen Schülern die werthvollen declamatorischen Lehren zu geben, die man bei ihm suchte. Eine vorüber­gehende Lähmung der linken Hand machte indeß der schau­spielerischen Laufbahn Strakoschs ein Ende. Er ging zu Heinrich Laube, der seine hervorragenden Fähigkeiten richttg erkannte, und ihm als Vortragsmeister anfänglich in Leipzig, später in Wien einen neuen Wirkungskreis eröffnete. Seine Schule feierte Triumphe; alle seine Schüler zeichnen sich durch das klare Verständniß ihrer Aufgaben, die edle Decla- mation, und die poetische Verkörperung der dramatischen Ge- stalten aus. Nach dem Tode LaubeS widmete sich Sra- kosch dem declamatorischen Vortrag im Concertsaal. Als solcher hat er in allen Theilen des Reichs, in Amerika, Italien u. s. w. kolossale Erfolge errungen.

Strakosch darf, wie oben erwähnt, als der bedeutendste aller jetzt lebenden deutschen Kunstvorleser gelten, sei es nun, daß man die Größe seiner natürlichen stimmlichen Begabung, oder die Tiefe seiner Auffaffung, oder die maßvolle Schön­heit seiner rednerischen Action mehr in den Vordergrund stellt, und sehr bezeichnend sagt Bodenftedt in einem kleinen, nach Anhörung von Strakoschs Vorträgen sofort nieder- geschriebenen Gedichtchen:

Wie Bilder, die auS ihrem Rahmen treten, Wo jedes nur als Schattenbild erschien, Läßt Strakosch die Gestalten der Poeten In Fleisch und Blut an uns vorüberziehn.

Die künstlerische Begeisterung, die ihn erfüllt, ist die Quelle aller Erfolge, die er errungen, und hat der kleinen, fast unscheinbaren Gestalt zu ungewöhnlichem Ruhme ver- holfen.