1894
Amts- und Anzeigeblntt für den Mveis Gieren.
chratisöeitage: Gießener Aamiktenökätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den «olgendcn Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
ich die Worte hervor:
„Da schlag denn doch ein Donner —"
„Das nützt alles nichts, mein Herr, gegen Naturgewalten können wir nichts ausrichten."
Der Beamte wandte sich seinen dienstlichen Obliegenheiten zu, während ich in einer GewüthSversasiung, die schwer zu beschreiben ist, hinaustrat. Da wimmelte es auf dem Bahnsteig, in den Wartesälen, Durchgängen, der Vorhalle, kurz, überall von Reisenden aller Stände, Manner und Frauen,
Vünehähriger A5oi»»e«cntspreiSr 2 Mark 20 Psg. mit Briugerlohn. Durch die Poft bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Äcdaetion, Expedition unb Druckerei:
KchutstraßeIr.7.
Fernsprecher 51.
Rr. 300 KwetteS Blatt. Samstag dm 22. December
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Nach einigem Zögern erklärte ich mich mit diesem Bor schlage einverstanden und während die beiden anderen die Tanne, Kerzen u. s. w. besorgten, wurde mir die Aufgabe, das nöthige Confect einzukaufeu, zu welchem Zwecke ich mich in einen großen, von Käufern nahezu überfüllten Conditorladen begab. Als ich denselben verließ und in einiger Entfernung — der Abend war mittlerweile hereingebrochen — unter einer Gaslaterne meine beiden Genosien mit der stehen sah, eilte ich in großen Sätzen auf sie zu. Das sollte für mich verhängnißvoll werden.
(Schluß folgt.)
^emlteton.
Der Schneeflurm.
Ein Weihnachts-Reiseabenteuer.
(Nachdruck verboten.)
Weihnachten — hehres Wort! Welch eine Fülle süßer, geheimnißvoller Reize, froher Hoffnungen birgt eS in sich für Jung und Alt, für Arm und Reich, und erst für einen angehenden Bräutigam, wie ich es war l Lange hatte ich die AuSerwählte meines Herzens nicht mehr gesehen, weil ihre Eltern in unseren Bund nicht einwilligen wollten und ich aus Verdruß hierüber, nachdem Marie und ich uns „treue Liebe bis zum Grabe" geschworen, meine Vaterstadt verlaffen hatte. So weilte ich denn in liebendem Gedenken an sie «nd auf eine Wandlung in der Gesinnung ihrer Eltern hoffend, in der Ferne, und richtig, nach zwei Jahren langen Harrens traf die mich hoch erfreuende Nachricht ein, daß ich zurückkehren, am ersten Weihuachtsfeiertage unsere osficielle Verlobung gefeiert werden solle. Wer konnte glücklicher sein alS ich? Voll der Sehnsucht, der wonnigen Gefühle, die mich im Hinblick auf das nahe bevorstehende Wiedersehen erfüllten, bestieg ich seelenvergnügt, in fast übermüthiger Stimmung am vorletzten Tage vor dem Christfeste in Görlitz den Sisenbahuzug, der mich wieder in die Heimath, an die Sette meiner Angebeteten führen sollte, zählte mit steigender Ungeduld jede Station, die wir passirten. Alles ging gut, Dresden lag längst hinter uns, wir hatten Freiberg erreicht, doch da hieß eS: „Eine Stunde Aufenthalt, zwischen hier und Noffen sitzen zwei Züge im Schnee fest!"
Schöne Aussichten! Jetzt war eS Abend» gegen zehn Uhr, aus der einen wurden zwei, drei Stunden und endlich, kurz nach 1 Uhr, konnten wir, über hundert Passagiere, die alle griesgrämig dreinschauten, unsere Reise fortsetzen, doch auch nur unter Ueberwindung einer Reihe neuer Hindernisse. Der Schneesturm, welcher den ganzen verfloffenen Tag über getobt, wurde immer heftiger, wohl ein halbes Dutzend Mal blieb unser Zug au völlig überwehten Stellen zwischen hohen Schneewällen stecken. Sters verging längere Zett, bis durch die rastlose Thätigkeit zahlreicher Arbeiter das Geleise frer gemacht und das schnaubende Dampfroß sich oft nur langsam
des JohaltS:
„Verkehr zwischen hier und Leipzig stockt vollständig, drei Züge sitzen auf der Strecke im Schnee fest- bis auf ; Weiteres keinen Zug mehr ablaffeu." <
Bestürzt blickte ich den Beamten an, wuthschnaubend stieß
Der Gießener Anzetger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Die Gießener Aamitien v kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Greise und Kinder, mit Reisetaschen, Packeten u. s-w- beladen, wogten trotz deS äußerst unfreundlichen, häßlichen Wetters hin und her — alle mehr oder weniger entrüste über dieses Mißgeschick. Nun erst erfuhr ich, daß die In- saffen von vier Zügen aus verschiedenen Richtungen zu dieser ebenso unfreiwilligen als unliebsamen Reiseunterbrechung ge- zwungen waren. ,
„ES ist zum Verzweifeln!" brummte ich mürrisch zwei jungen Herren gegenüber, die ihrem Unwillen ebenfalls sehr lebhaft Ausdruck gaben. , . , . .
„Was fängt man nun an?" bemerkte der eine, „im günstigsten Falle können wir gar nicht daran denken, vor Abend hier fortzukommen." „ ,,, .
„Wir gehen ein paar Stunden in die Stadt," schlug der
sortbewegen konnte. Auch auf den Stationen gab es meist längeren Aufenthalt, so daß wir erst, Vormittags um die elfte Stunde in Leipzig eintrafen — ich in einer so üblen Laune, wie ich sie bisher nie gekannt. Gerade deßhalb, um ja rechtzeitig mein Ziel zu erreichen und meine Marie am heiligen Abend überraschen zu können, war ich einen Lag früher abgereist, und nun mußte ich meinen schönen Plan mehr und mehr in Nebel zerrinnen sehen. Daß zu alledem einige meiner Reisegefährten, denen ich im Laufe der Unter- Haltung, anfangs freudig erregt, wie ich war, erzählt hatte, daß ich zum Zwecke meiner Verlobung nach Hause reise, sich über mich lustig machten, ihre schlechten Witze an mir erprobten, machte mir wiederholt die ZorneSader schwellen.
„Wann geht der nächste Zug nach Braunschweig ?" fragte ich in Leipzig sofort, allerdings in ärgerlichem Tone, den rothbemützten Stationsbeamten.
„Der nächste?" weinte dieser, bald mich anblickend, bald zweifelnd in das dichte Schneegestöber starrend, „das weiß der Himmel!"
Erregt donnerte ich ihn an:
„Aber, hören Sie — ist denn das eine Antwort auf meine Frage? Ich verlange- präctse Auskunft von Ihne», dazu find Sie verpflichtet!"
„Kommen Sie, bitte, mein Herr!" bat der Beamte mit mich verblüffender Ruhe und Höflichkeit.
Ich folgte ihm ins Bureau, wo er mir ein wenige Minuten zuvor aus Halle eingetroffenes Telegramm vorlegte
Gießener Anzeiger
Generak-'Unzeiger.
Gesagt, gethan. Bald saßen wir drei in einem Re- staurant und waren bemüht, unseren Aerger durch einen gute» Trunk hinunterzuspülen. Bon hier miß ging eß tn an zweiteß Restaurant und schließlich tn Auerbachs Keller, wo beim Glase vortrefflichen Rebensaftes eine Art Galgenhumor sich unserer bemächtigte. Dessenungeachtet konnte ich meine bittere Enttäuschung nicht unterdrücken und mehr als einmal . murmelte ich, meiner armen Marie gedenkend, die mich so sehnsüchtig erwartete: „Mir ist meine Wethnachtsfreude gründ- i ltch verdorben."
1 „Wissen Sie was?" sagte da der eine meiner Leidens geführten, „wir kaufen einen Tannenbaum, gehen nach dem Bahnhof, schmücken ihn dort auS und — nun, wir machen
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