Ausgabe 
22.11.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 274 Zweites Blatt. Donnerstag den 22. November

1894

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Kkrrilleton.

Die verhängnißvollen Wärmflaschen.

Ein Schmuggelgeschtchtchen von der sächsisch-böhmischen Grenze.

Von A. Härtner.

(Schluß.)

Gin Vierrelstündchen hatten die Ausflügler in derRothen Schenke" geweilt, als der Oberförster das Zeichen zum Wiederaufbruch gab, indem er fein Gläschen leerte und dann den Wirth zur Empfangnahme des Zechgeldes heranrief. AufS Neue stieg man nun in den Schlitten ein, aber noch hatten nicht alle Insassen desselben ihre früheren Plätze ein­genommen, da rief die Oberförfterin wie erschrocken aus:

Mein Gott, mir istS, als wenn die Wärmflaschen heiß wären wie käme denn das?"

Sie bückte sich nieder, um mit der Hand nachzufühlen, in dem nämlichen Moment stieß aber der Lehnrichter einen Fluch aus, steckte die Rechte in etwas Schnee und -sagte zum Oberförster:

Donnerwetter, ich habe mir die Hand an etwas Heißem verbrannt, das kann gar nichts anders als die eine der Wärm­flaschen sein, ^woher"

Jawohl, jawohl, ach Herrje," unterbrach ihn jedoch erneut die Stimme der Oberförfterin,ich hab mich nicht geirrt, die Wärmflaschen find von irgend Jemand wirklich heiß gemacht worden, wie ich mich soeben durch Befühlen mit der Hand überzeugte, wer mag sich nur den Witz erlaubt haben, den Wein zu wärmen?"

Herr Oberförster," ließ sich da Heinrich vernehmen und deutete mit dem Peitschenstiel nach derRothen Schenke", der Knecht vom Wirth, der Friedrich, war vorhin da und hat die Wärmflaschen zum frischen Füllen hineingeholt, sie waren ja ganz kalt geworden und der Friedrich meinte, eS würde den Damen schon recht sein, wenn er die Wärmflaschen nochmals mit heißem Wäger füllte."

Was?!" rief nun auch der Oberförster erschrocken auS, während er bald seinen Kutscher, bald den dienstfertigen Friedrich anstarrte, der jetzt auf der Bildfläche erschienen war und offenbar auf ein Trinkgeld zur Belohnung seines Liebes­dienstes wartete,es ist nicht möglich, daS wäre ja ein netter Hereinfaü?"

Ja, Herr Oberförster," bestätigte aber Friedrich, dem die Aufregung des würdigen Beamten höchst befremdlich er­schien,ich hab die Wärmflaschen umgesüllt, derweilen die Herrschaften drinnen in der Stube saßen, es gab ja so schönes heißes Wasier in der Küche, da hat die Sach' weiter nicht viel Ungelegenheit gemacht."

Der Oberförster war von dieser unerwarteten Aufklärung förmlich niedergedrückt, er schüttelte nur immer wieder den Kopf und sagte wie mechanisch:Nee, der schöne Wein, der

schöne Wein, man sollte es nicht glauben, das ist doch wahr­haftig mehr wie Pech!"

Ach, und die 21 Gulden 85 Kreuzer, die Du dem Hessevjörgel für den Erlauer gezahlt hast, sind nun auch hin, für nichts und wieder nichts," lamentirte die Obersörstertn, dafür hätte ich schon einen neuen Pelz haben können, den ich eigentlich ganz nothwendig gebrauche, ich habe mirS aber gleich gedacht, daß die ganze Geschichte kein gutes Ende nimmt."

Auch die Andern erörterten den curiosen Zwischenfall, wobei eS nicht an Borwürfen für den Forstgehilfen Mauckisch, als den Urheber des so unerwartet auSgegangenen Schmuggel­planes, fehlte. Mauckisch versuchte allerdings eine schwache Entschuldigung, schließlich aber zog er sich auf seinen Pritschenfitz zurück und verharrte hier in düsterem Schweigen. Der Kutscher Heinrich jedoch und der unglückselige Friedrich standen mit offenem Munde da und wußten nicht, wie sie sich die herrschende Erregung deuten sollten. Da donnerte der Oberförster den erschreckt zusammenfahrenden Friedrich an:

Na, Sie alter Esel, Sie begreifen wohl noch immer nicht, was für eine Dummheit Sie angerichtet haben? Wie kommen Sie überhaupt dazu, die Wärmflaschen aus meinem Schlitten herauszunehmen wer hat Ihnen hierzu Auftrag ertheilt, he?"

Verzeihen Sie schönstens," stotterte Friedrich in tiefer Zerknirschung,ich dachte ... ich wollte ... ich glaubte, daß am Ende die Damens eS nicht gerade Übel nehmen würden, wenn sie in derRothen Schenke" die Wärmflaschen aufs Neue hübsch warm erhielten . . . und . . . und"

Und da mußte ich natürlich eine gewaltige Eselei be­gehen," ergänzte der Oberförster den stockenden Redefluß des Sünders, ihn mit grimmigen Blicken messend,es ist haar­sträubend, was Sie angerichtet haben, ja, wenn Sie mich vorher wenigstens gefragt hätten! An welcher Stelle haben Sie denn überhaupt die Wärmflaschen auSgegoffen?"

Dort drüben an der Stallecke," erwiderte der Knecht und schritt, gefolgt vom Oberförster und vom Lehnrichter, der Unglücksstätte zu. Wahrhaftig, ein großer dunkler Fleck breitete sich hier im Schnee aus und bezeichnete die Stätte, an welcher die dreiundzwanzig Flaschen des edlen Ungarweins ein so unrühmliches Ende gefunden hatten.

Und haben Sie denn nicht an der Farbe und wohl auch am Geruch des von Ihnen ausgeschütteten Inhalts der Wärmflaschen gemerkt, daß dies doch unmöglich Waffrr sein konnte?" fuhr der Oberförster in seinem Jnquisitorium fort.

Nee, Herr Oberförster," war die unbefangene Ent­gegnung des biederen Friedrich,ich wüßt nicht, daß mir an der Sack etwas aufgefallen wär, ich hab eben geglaubt, daß kalt gewordenes Waffer in den Wärmflaschen gewesen wär. Wie hält ich auch wissen sollen, daß der Herr Oberförster Wein in den Wärmflaschen aus R. mitbringen würden?"

Breitbach biß sich auf die Lippen und ging nach dem Schlitten zurück, wo inzwischen die anderen Thetlnehmer an der Partie abermals Platz genommen hatten. Auch der Ober­förster stieg jetzt ein und sagte zu Friedrich, ihm ein größeres Geldstück in die Rechte drückend:

Natürlich ist mir der ganze Vorfall recht fatal, Fried­rich, ich möchte Sie deßhalb dringend bitten, nichts darüber auszuplaudern, und ebenso ersuche ich Sie, lieber Herr Selt­mann," der Oberförster kehrte sich hierbei dem neben seinem Knecht stehenden Wirthe derRothen Schenke zu nichts über diese Affaire verlauten zu laffen, daS gäb ja einen netten Klatsch in der ganzen Gegend."

Herr Seltmann und Friedrich erschöpften sich in Ver­sicherung unverbrüchlichsten Stillschweigens über die ihnen ganz wundersam dünkende Weingeschichte, der Oberförster nickte herablaffend zum Abschied und klingelnd ging es nun vollends der Heimath zu, nur daß in diesem letzten Abschnitte der Fahrt die Stimmung der Schlitten-Insassen eine recht einsilbige und gedrückte geworden war. Als man sich dann nach erfolgter Heimkehr in Helmerswalde trennte, gelobten sich die Thellnehmer an der Parthie gegenseitig ebenfalls tiefstes Schweigen über den ganzen Vorfall, worauf der Oberförster auch noch dem alten Heinrich strengstens gebot, nichts von dem Geheimniß, das er heute mit ausgeschnappt, laut werden zu lassen.

Aber trotz alledem ging doch sehr bald das Gerücht von dem gepaschten und zuletzt so schmählich verunglückten Wein in der ganzen Umgegend. Auch die Namen der handelnden Hauptpersonen in dieser Tragicomödie wurden allmälich genannt und der Oberförster Breitbach zog eS des­halb lange Zeit vor, sich so wenig wie nur möglich bei öffentlichen Gelegenheiten sehen zu lassen, um nicht die ewigen Sticheleien" von theilnehmenden Freunden und Bekannten über diefamose Wärmflaschengeschtchte" zu hören. Jahre vergingen darum auch, ehe der würdige Forstmann wieder einmal nach R. kam und dort gewohntermaßen wieder beim Heffenjörgel" einkehrte. Aber wunderbare Ironie des Zufalls kaum war der Oberförster in das so wohlbekannte Hinterzimmer etngetreten, als sich von einem der nächsten Stühle Niemand anders als der R. R. Herr Finanzaufseher Härtel erhob und, dem neuen Gaste zutrinkend, fröhlich ausrief:

A, der Herr Oberförster Breitbach, grüß' Gott, schaun s das ist halt lieb von Ihnen, Herr Oberförster, daß Sie sich wieder einmal in R. zeigen, jetzt bitte, kommen's her und erzählen Sie mir und den anderen Herren hier gleich, wie eigentlich die Beschicht' mit dem gepaschten Erlauer war!" Die Sage will wissen, daß es an diesem Tage außerordentlich gemüthlich im Hinterstübchen vom Heffenjörgel" zugegangen sein soll!

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