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22.3.1894 Zweites Blatt
 
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Nr 68 Zweites Blatt. Donnerstag den 22. März

1894

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Feuilleton.

Bstersegen.

Eine Ostergeschichte von Victor Blüthgen.

(Nachdruck verboten.)

Nun, mein Sohn, wenn Du denn satt bist, so wollen wir uns tn aller GernüthSruhe an daS Feuerchen da setzen und bet einem guten Tropfen von alten und neuen Dingen schwatzen . . Franz, hol ein paar Flaschen 1875er Rauens thaler heraus, Berg Auslese wir Goldkopf, und dann räum ab! Du hast ja einigen Weinverstand, Heinz, oder besser gesagt, eine Weinzunge, . . denn der Verstand kommt mit den Jahren und der Erfahrung- beim Wein geht Probiren über Gtudiren, oder vielmehr, eS läuft beides auf dasselbe hinaus. WaS ist daS für ein närrisches Frühjahr Heuer! Gestern zwölf Grad Wärme, heute wieder Ofen- und Kaminfeuer. ES gibt weiße Ostern morgen, paß auf !"

Der Onkel ist ein kleiner fetter Herr- er nimmt sein bequeme» Lodenjaquett, da» er als HauSrock trägt, über der grauen Plüschweste zusammen und steuert von dem Tisch mit Ukberresten deS Abendessens zu dem lodernden Kaminseuer hinüber. Dort steht ein niedriger Tisch, darauf eine offene Stgarrenkcste, daneben zwei niedrige Lehnstühle. Ec wirft 'ein paar Scheite auS dem Holzkasten tn daS Feuer, stochert mit einer Zange durch die glühende Maffe und setzt sich dann gemächlich, indem er sich und den Neffen mit einer Eigarre versorgt.

DaS alle» thut er mit einer gewiffcn behaglichen Sicher­heit, die vergnüglich wirkt. Er ist ein leidlich wohlhabender Junggeselle In den Fünfzigern, der sein Delicateßwaaren- geschäst bereits seit zehn Jahren verkauft hat, sich seinen Diener hält und da» Leben anständig genießt vorwiegend nach seiner- und trinkbaren Sette hin. Als Vormund seines Neffen Heinz eS gab da nicht viel zu verwalten hat er durch einigen Zuschuß zu den Kosten deS Studiums ter Familie ein gelehrtes Mitglied gewonnen, was ihn mit Kenugthuung erfüllte. Heinz ist ein tüchtiger Philologe- im Herbst war seine Studienzeit zu Ende, er hat sich keck sofort zum Staatsexamen gemeldet, hat den Winter auswärts, bei der Mutter, mit den Vorarbeiten dafür zugebracht nipi, seit ein paar Tagen ist da- Examen bestanden, seit heute ist Heinz sogar Doctor.

Die Familienehre steht in leuchtendem Glanze!

Heinz har seine Eigarre angezündet und prüft sie auf ihren Gehalt. Der Onkel betrachtet den hübschen brünetten Jungen mit dem schwarzen Schnurrbärtchen und der kurzen Oaartschmarre aus der Wange m*t versteckter Zärtlichkeit, inbeß er sich selber ein paar Züge Rauch langsam gegen die lote bläst. Er ist der richtige kleine Rentier, wie er so zurückgelehnt liegt, die Hände über dem Leibe gefaltet, die schwarzsetdene HauSmütze mit langer Quaste auf dem Kopse, darunter im Flammenrrflex glänzend daS volle Antlitz mit kurzem Vackenbärtchen.

Also, Junge, mit dem Doctor ging daS glatt ab?"

Natürlich. DaS ist nur ein Spaß nach dem Staats- kramen."

Ra, na! Nun bin ich doch neugierig, wo Du ankommst. Ta Du die Facultas für die oberen Klaffen in Deinen Fächern haft und Oberlehrer werden kannst, so wird DirS doch nicht jkhlen. Hast Dich großartig gemacht, Heinz- in den ersten remeftern warst Du ein bischen ein Windhund . . na, na, s» ein ganz klein bischen, meine ich . . weiß schon, gerade so viel wie die meisten Studenten. Ich habe Dich ja auch nicht emschränken wollen, daS siehst Du daraus, daß ich Dich nicht zu mir nahm unter väterliche Aufsicht, sondern Dich Deine eigene Bude miethen ließ."

Heinz lachte gutmüthig.

Hand aufs Herz, Onkel, wen hast Du da nicht ein- 'kranken wollen?*

Was, Junge, Du willst Deinem braven Onkel auf» -ewtffen knieen . . Franz, die Gläser her! Na, Prosit, Herr Doctor, und recht bald einen netten Anfang-Posten." Die Römer trafen einander, dann tranken Onkel und Xtffe bedächtig- der Feuerschein flackerte vom knisternden Samin her über die Trinker. Drüben, unter der Decken- lampe, mühte sich Franz mit dem Kellnergesicht, so geräusch­los wie schnell zusammenzupacken. In wenigen Minuten war alles in einem Koibe untergebracht, das Tischtuch mit einer Decke verrauscht, der Onkel schielte wie erwartungsvoll fr nüber.

So! In einer halben Stunde bring Cognac und nun verschwinde wie die Wurst im Spinde. Ich wollte den Menschen erst nicht behalten, wie Du Dich erinnern wirst, abnr er hat sich gemacht- bei solchem Volke kommt viel auf

die richtige Erziehung an. Wenn bloß die Liebschaften nicht wären! Kaum hat man so einen Geist, wie man ihn haben will, dann geht er einem durch und heiraihet. AppropoS, Liebschaft, waS die Deine betrifft, die ist doch nun Hassent- lich auS? Mit dem kleinen Musikantenfräulein, wie? Wenn da noch etwas hängt ... ich kann Dir bloß väterlich rathen: gieb sie auf!"

Heinz sah zur Seite, in die Kaminflammen, in welche der sausende FrühlingSwind eben mit starkem Anlauf stürmte. War davon, daß seine Wange sich tiefer färbte? Die kleine Quartnarbe glühte. Das raffelte, brummte und knisterte eine Weile, während die beiden Männer schwiegen.

Ich bin noch nicht bei ihr gewesen, seit ich wieder hier in der Stadt bin," sagte Heinz endlich langsam.Ich habe ihr sogar während deS ganzen Winters nicht geschrieben."

Auch zu Neujahr nicht?"

Auch zu Neujahr nicht."

Hast ihr auch nichts zu Weihnachten geschickt?"

Auch daS nicht."

FamoS, Junge! So gefällst Du mir. Prosit! Die Sache har mir ordentlich auf dem Herzen gelegen. Verlaß Dich darauf: die Kleine wird sich trösten, vielmehr schon getröstet haben. Alte Geschichte, die Studentenliebschaften: er jung, sie jung- er grün, sie grün zu Anfang bildet sich baß beideß em, es muß geheirathet sein, und im Grunde ist die ganze Liebschaft nichtß alß sozusagen ein erster Versuch. Man ist auf die Liebe eingerichtet tn den Jahren, Hal daß Gefühl: irgendwo mutzt Du hin damit und die erste beste passende oder unpaqenbe Gelegenheit wird benutzt, um daß Herz unterzubringen. Die jungen Männer sind ja meist die ver­nünftigeren, sind sich schon nach einem halben Jahre klar, daß daß geliebte Wesen doch eigentlich keine richtige Frau für sie abgiebt, und wer da bißchen Schneid hat, macht zeitig ein Ende. Ueber daß Ach und Weh kommen dann schließlich auch die jungen Dinger fort, und nach zwei, drei Jahren haben sie den Rechten und laffen sich einsegnen. Daß giebt dann so eine schöne und rührende Erinnerung an den Unge­treuen, und wenn sie ihn zufällig einmal Wiedersehen, werden sie nach fünfundzwanzig Jahren roth. Na daß ist so, wie sein soll. Aber es fehlt auch nicht an überzarten Jünglingen, die möchten los und können nicht recht . . . eine» Tages sind sie ja doch in Amt und Würden und können allenfalls eine Frau ernähren, die nichts hat . .. daS Fräulein ist wohl inzwischen ein Bißchen altbacken geworden."

DaS wenigstens ist die Edith sicher nicht geworden in dem halben Jahre . . ."

Der Onkel zieht die Stirn hoch und zwinkert.Du, so ganz curitt scheinst Du mir doch nicht zu sein."

Und wenn ichß dennoch wäre?" Ein Schatten fliegt übet das Gcsicht des jungen DoctotS, indeß er ein Stückchen Asche von seiner Cigarre abstreift und in den Kamm schleudert.

Vernünftig wärs und mir um Deinetwillen lieb, Junge. Es fallen nicht umsonst neun Zehntel B ürhen taub vom Kirsch- bäum. Ich habe recht, glaubS mir! Eins will die Jugend nicht capiren, waS einem, je älter man wird, desto deutlicher einleuchtet: daß nämlich Lieben und Heirathen zwei grund­verschiedene Dinge find. Was ist man in der Jugend? Ein junger Mensch, das ist alles. Und ein liebesbedürftiger dazu. Man hat weder einen ausgebildeten Geschmack nur die reine Natursympathie führt da zwei zusammen noch ein Gefühl für daS, waS man einer künftigen Stellung schuldig ist. Ihr junges Volk solltet nur wissen, wie wählerisch Ihr nach zehn Jahren, nach zwanzig Jahren fein würdet!"

Ja, Du bist so wählerisch geworden, Onkelchen, daß Du zuletzt Junggeselle geblieben bist," lächelte der Neffe.

Richtig, Heinz," schmunzelte jener,daS stimmt, und ich raufe mir die Haare darum auch nicht auß. Aber alles mit Maß so um die Mitte der Dreißig weiß man gerade hinlänglich, was für eine Frau man braucht . . ."

Fünfunddreißig? So lange möcht ich doch nicht warten!" Eh, baß ist schließlich auch nicht nöthig. Wenn Du jetzt ein biSchen vordenkst, kannst Du immer schon so wählen, daß Du einigermaßen sicher sein darfst, nicht zu bereuen."

Heinz seufzte.Es bleibt Lotteriespiel, Onkel. Ich kann mich beim Rechnen verrechnen, und kann mit meinem bloßen Durnrnen-Jungen-Gefühl das große Loos ziehen."

Da haben wirs wieder" der Onkel hob in einer Art von Verzweiflung die Atme weit auseinander.

So heirathe meinethalben Deine geli'bte Edith."

Heinz schlug langsam die Lider auf und blickte den Onkel ein paar Augenblicke steif an.

Ich werde sie nickt heirathen, Onkel?"

Hm bann haft Du wohl gar irgend einen Privat- * gründ für Dich . . Heran» mit der wilden Katz."

Daß allerdings und hak dieser Grund den Ausschlag gegeben, wenngleich Erwägungen wie die Deinigen den Hebel angesetzi haben, mich schwankend zu machen. Ich habe mir gesagt, daß nur eine dauerhafte, im tiefsten Wesen gegründete Liebe zu Edith den zureichenden Grund für mich bilden könnte, um dieses Studemenverhältniß mit einer Ehe abzuschließen. Sie ist arm und sie ist in nichts so außergewöhnlich, daß Jedermann um deßwillen meine Heirath mit ihr begreiflich finden müßte. Ihr eigener Vater hat unS immer mit Miß­trauen bewacht, weil er ganz ausgesprochen überzeugt war, mit meinem Weggange von hier würde ich Edith aufgeben."

Der Mann gefällt mir," schaltete der Onkel ein.,

AlS ich von hier zur Mutter ging, war ich entschloffen, die Trennung zu einer Prüfung meiner Neigung auf ihre Aechtheit zu benutzen. Ein halbes Jahr ohne jede Verbindung mit dem Mädchen fein, nichts von ihr sehen und hören . . wenn mein Herz nach Ablauf dieser Zeit mich noch zu ihr zwingen würde, ja, dann sollte mich nichts abhalten, unsere Verlobung vor aller Welt zu verkündigen. Dann wollte ich alles dransetzen, auch Dich für den Gedanken dieser Heirath zu gewinnen."

Gui! Dann hätte ich am Ende auch die Aussteuer für die Kleine besorgt. Und mit der Dauerhaftigkeit Deiner Liebe war nichtß?"

Heinz zögerte.

Nein!" sagte er endlich fest und herb.

(Fortsetzung folgt.)

* Für das Studentische Gesangsfest tu SsuderShaufe» ist daß Programm jetzt folgendermaßen festgesetzt: Im Laufe bei Pfingstsonntag« treffen die 13 deutschen Studenten - Gesang­vereine und die Abordnungen dec 3 österreichischen Vereine Wie», Jnnßbruck und Graz in der Stadt ein. Am Nachmittag giebt die sÜrstl. Hoscapelle im Lohpark e'n größeres Sinfonie- Concert, Abends beginnt der officielle Theil deß Festeß mit einem kurzen Begrüßungßcommerß in dem zur Festhalle um» gewandelten Exercierhause. Am zweiten Pfingsttage wird Morgenß die Generalprobe abgehalten, Nachmittags im fürst­lichen Theater' baß Festconcert gegeben unb Abends großer CommerS veranstaltet. Am brltten Tage finbet Morgen» ein Katerfrühstück mitMimik" statt, Mittags Festzug mit Hulbigung vor bem fürstlichen Schlöffe, Nachmittag» größere» gemeinschaftliches Esten, Abenbs Gartenfest im fürstlichen Park. DaS Fest endigt am vierten Tage mit einem Ausflug nach dem Kyffhäuser.

Innsbruck, 17. März. Ueber den bereit» gemeldeten Unfall ist jetzt folgende» Nähere bekannt: Gestern Abend gegen 4 Uhr wurde auf dem vielbegangenen, zu den schönstenJnnSbrucker Spaziergängen gehörenden Wege von hier über die Weiherburg nach Mühlau in der Nähe de» letzteren Orte» der absolvirte 21 Jahre alte Oberrealschüler Otto Würtenberger, der Sohn eine» hiesigen Zollbeamten, durch den electrischen Strom getödtet. Den Weg kreuzt die vom Electricität»- toetf oberhalb Mühlau nach Innsbruck oberirdisch geführte electrische Leitung. An den gleichen Stangen ist auch, über dem electrischen Leitungsdraht, der Telephondraht befestigt. Dieser war nun unter der Schneelast (feit Mittwoch Abend schneit es nämlich fast ohne Unterbrechung) zerrissen und die Stücke hingen, zugleich den electrischen Leitungsdraht berührend, auf den Weg herab. Würtenberger, welcher mit einem Freunde, der Mediciner ist, dort spazieren ging, wollte den Draht vom Wege wegbringen und hob ihn auf, al» er auch schon mit den WortenReiß mich los" zurücktaumelte und niederstürzte. Sein College befreite ihn mit dem Stocke, erhielt aber von dem zurückschnellenden Draht ebenfalls einen solchen Schlag, daß er auch bewußtlos niedersank. Nach einiger Zeit kam er wieder zu sich unb rief um Hilfe. So­fort erschien der Wirth des benachbarten Gasthauses und etwas später ein Arzt, der aber nur noch den Tod Würten- bergerß constatiren konnte.

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