1894
Rr. 299
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme deS Montag«.
Die Gießener A.mltieuvtälier tverden dem Anzeiger .Wöchentlich dreimal brigelegt.
Zweites Blatt. Freitag den 21. December
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
vierteljähriger , AvonaemcntspretAr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Aedaction, Expedition und Druckerei:
Schutstraße Ar.7.
Fernsprecher 51.
Amts- und Zlnzeigeblatt für den Kreis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für be* * folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Gießener Aamikienökätter.
Alle Annoucen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Abonnements^ Einladung
Zum Bezug des „Giehener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur'Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen bettiebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als UnterhaltMgsstoff bringen, namentlich im Kreise der Famllien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufaeben zu wollen. Neuhinzuttetende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenftei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbettag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
* Hannöver, 18. December. Der aus dem Hannoverschen Spielerproceß bekannte „olle ehrliche Seemann" ist im Ge- fängniß zu Hameln gestorben. Frkf. Ztg.
* Großer Maffebestand. Der Kaufmann R. Luser, der s. Zt. in Frankfurt ein Colonialwaaren- und Delicatesien- Geschäft betrieb, verschwand von dort mit Hinterlassung von 30 000 Mark Schulden. Es wurde Concurs erkannt und es hat sich nun herausgestellt, daß der verfügbare Masiebestand 9 Mark 16 Pfg. beträgt. Da die Summe zu geringfügig ist, vertheilt zu werden, soll nun wegen dieser Bagatelle eine Gläubigerversammlung stattfinden, um zu beschließen, was mit dem Gelde geschehen soll..
* Geschenk für den Kaiser! Der Sultan läßt drei prachtvoll auSgeftattete Säbel aufertigen, die für den deutschen Kaiser und seine zwei ältesten Söhne bestimmt sind.
* Ausgestorben ist im Zeitraum von sechs Monaten eine ganze Familie, die vorher in den glücklichsten Verhältnissen gelebt hatte. Im Sommer starb zuerst daS Familienoberhaupt, der Kaufmann R. aus Charlottenburg, der beim Verlassen des Stadtbahnhofes einem Herzschlage erlag. Den jähen Todesfall des Gatten nahm sich Frau R. derartig zu Herzen, daß sie zu kränkeln begann und trotz der aufopfernden Pflege in etwa 3 Wochen starb. Ihr folgte
nach wenigen Tagen der 9jährige Sohn, der an Diphtherie erkrankt war, ins Grab. Die fortgesetzten Anstrengungen und Aufregungen warfen noch dem Tode der Mutter auch die beiden jungen Mädchen aufs Krankenlager- das eine derselben erkrankte an Gehirnentzündung, die zweite Schwester litt an der galoppirenden Schwindsucht, und wiewohl seitens der Verwandten alles Mögliche aufgeboten wurde, um wenigstens die letzten Mitglieder der R.'schen Familie zu retten, starben die beiden Mädchen doch Ende der vorigen und Anfang der folgenden Woche.
* Von einem schrecklichen Unglück wurde eine Mutter in Fischeln bet Crefeld betroffen. Die Frau sah, wie ihr Kind in einen mit heißem Waffer gefüllten Kübel fiel. Als sie hinzusprang, fiel ihr ein Säugling vom Arme in daffelbe Gefäß. Der Säugling ertrank, das andere Kind erlitt schwere Brandwunden.
* Schrecklich. Eine bei Eon stanz wohnende Familie hat in den letzten 7 Wochen sechs Kinder an der D tpth eri e verloren. „ _ . .
* Für da« im Jahre 1896 in Stuttgart stattfindende fünfte deutsche Säugerfest soll ein Garantiefonds von 200000 Mk. ausgebracht werden. Bereits sind über 100000 Mk. gezeichnet, darunter 30 000 Mk. von der Stadt. Durch Ent- gegenkommen des Königs, der die unteren Königlichen Anlagen zur Verfügung stellt, ist die Festplatzfrage schon gelöst. Der deutsche Sängerbund (1862, ein Jahr nach dem Nürnberger Sängerfest, gegründet) zählt heute 65 Unterverbände mit 160 000 Sängern. Das erste von ihm veranstaltete Sängerfest hat im Jahre 1865 in Dresden (16000 Sänger) stattgefunden, das zweite 1874 in München (5000 Sänger), das dritte 1882 in Hamburg (7000 Sänger) und daö vierte iu Wien (12000 Sänger). Stuttgart wird bei seiner günstigen Lage auf sehr starken Besuch aus dem Norden wie aus Oesterreich zählen dürfen- man wird sich dort auf etwa 17 000 Sänger einrichten. Schon jetzt finden durch ein Comits, an dessen Spitze Oberbürgermeister Rümelin steht, Vorberathungen zu dem Feste statt.
* Noch zu früh. Freundin: „Also ein neues Kleid hat Dir Dein Mann schlechtweg abgeschlagen?! Und fielst Dn nicht gleich in Ohnmacht?" — Junge Frau: „DaS hat vor dem Ersten keinen Zweck! Aber dann —!"
Feuilleton. »
Nur ein Blümchen.
Skizze von W. S.
(Nachdruck verboten.)
Weihnachtszeit, frohe Zeit! — Welche Feder vermöchte die tausenderlei Empfindungen zu schildern, die, je näher das liebe Christfest rückt, Millionen von Herzen erfüllt, sie gefangen hält in dem gehetmnißvollen Wünschen, Hoffen und Sehnen, in dem märchenhaften Zauber, der all das Thun und Treiben der Christenheit umgibt! Und doch, ach! bei Weitem nicht Aven, die es möchten, ist es vergönnt, sich den ungetrübten Freuden dieses FestrS hingeben zu dürfen, des Schicksals rauhe Hand verrichtet auch in dieser weihevollen Zeit rastlos ihr Werk und greift oft dort gerade unbarmherzig ein, wo goldener Friede, reinstes Glück bisher gewaltet! Bisher!--
ES war drei Tage vor dem Feste. Ein schmuckes, villenartiges Häuschen, am Bodensee gelegen, ist eS, in daS ich eintrete. Wie anmuthig, einladend ist jeder, auch der kleinste Raum auSgestattet, aber nicht wie sonst klingen mir fröhliche Kinderstimmen entgegen, nicht wie an andern Tagen begrüßt mich mein Freund schon an der Pforte, tiefe Stille waltet überall. Bedächtig, von einer uugewiffeo düsteren Ahnung erfüllt, schreite ich durch den Corrtdor jenem Eckzimmer zu, in dem ich so manche schöne Stunde in traulichem Geplauder mit meinem Freunde verlebt. Erst auf wiederholtes Pochen dringt ein kaum hörbares „Herein!" an mein Ohr.
„WaS gibtS, mein Freund, wie verstört siehst Du aus?" fragte ich erstaunt.
„ES droht mir Unglück?" preßte er mit von Thränen halb erstickter Stimme hervor. „Emma, meine Frau, ist schwer erkrankt."
„Wie ist denn daS so schnell gekommen, mein lieber Helmuth?"
„Ein bvseS Fieber, — o, ich fühle eS, ich darf nicht mehr hoffen — all mein Glück ist dahin. Das Weihnachtsfest wird für mich ein Fest der Trauer, unsägllcheu Schmerzes werden."
Lange saßen wir unS schweigend gegenüber, — er
hoffnungslos, gramgebeugt, ich ihn tröstend, voll der innigsten, wärmsten Theilnahme für meinen armen, beklagenswerthen Freund. Was konnte ich thun? Selbst tiefes Weh im Herzen tragend, verließ ich das HauS, über dem der Todes- engel feine Flügel schwang.
In martervollen Seelenqualen verbrachte mein Freund diesen und die beiden folgenden Tage- der heilige Abend kam. Draußen tobte ein starker Sturm, der die schäumenden Wellen des SeeS gewaltig gegen das Ufer peitschte. War er der Vorbote einer unheilvollen Katastrophe, durch die ein selten schönes Familienglück für immer zerstört werden sollte? — Helmuth trat ans Fenster, die Hände zu inbrünstigem Gebet gefaltet- bald schweifte sein umflorter Blick über den erregten See in die Nacht hinein, bald erhob er sich zu den vereinzelt durch das finstere Gewölk leuchtenden Sternen.
„Papa!" rief da plötzlich hinter ihm die kleine, vierjährige Frieda, „kommt das Christkind roch nicht? Der Weihnachtsbaum soll brennen!"
Traurig nahm er seinen Liebling auf den Arm, herzte und küßte ihn und kehrte mit ihm an daS Lager der geliebten Kranken zurück, besorgt fragend:
„Wie befindest Du Dich, Emma?"
„Beffer als am Tage", flüsterte sie leise, „o bitte, laß mir das Kind hier, zünde den Baum an, ich freue mich auf seinen Anblick." — —
Liebevoll schmiegte die kleine Frieda sich an die schwer leidende Mutter, während Helmuth in das Nebengemach ging und mit Hilfe einer Dienerin den Christbaum anzündete — mit welchen Gefühlen? Der Arzt hatte zwar am Nachmittag erklärt, daß er noch nicht alle Hoffnung aufgebe, Helmuth dagegen glaubte eine stete Abnahme der Kräfte der Kranken wahrgenommen zu haben.
Immer heftiger tobte draußen der Sturm- zeitweilig schien es, als wolle das wüthende Element daS Haus hinwegfegen, in den See schleudern. Welch ein Contrast zu tben Vorgängen, die sich gleichzeitig im Innern abspielten! Durch die offene Thür warfen die Christbaumkerzen ihren vollen Lichtschein in daS Krankenzimmer, wo neben dem Bette Helmuth saß, ängstlich auf jeden Athemzug der theuren Gattin lauschend. Jubelnd, eine Puppe in den Aermchen, sprang die kleine Frieda um den Weihnachtsbaum herum, wiederholt rufend:
„Komm, Papachen! Komm, Mamachen! Seht, wa mir das Christkind gebracht hat!"
Mit thränenden Augen näherte Helmuth sich der Thür — da, als er wenige Minuten auf der Schwelle stand, drang ein schwerer Seufzer vom Krankenbett zu ihm herüber. Rasch ! wandte er sich um, einige große Schritte und er hielt daS ! geliebte Weib im Arm.
„Lebe — wohl — Gott — mit--Euch —"
An seiner Brust hatte sie ihren Geist ausgehaucht — war die Seele ihrem Körper entflohen. Geraume Zeit kniete der schwer geprüfte Gatte heftig schluchzend neben der theuerex Todten, nicht achtend, waS in seiner Nähe vorging, wie Frieda noch immer arglos in ihrer kindlichen Unschuld sich erfreute und belustigte und wieder und wieder rief:
„Komm, Papachen! Komm, Mamachen!" —
Nun erhob fich schwer und langsam der faffungSlose Mann und schwankte auf das Einzige, was ihm noch geblieben, sein Kind zu, hob es empvr und drückte es an sein schmerzdurchwühltes Herz.
„Das hat mir das Christkind gebracht!" jubelte die Kleine von Neuem, „was hat Mamachen bekommen?"
„Die gute Mama schläft," kam es stöhnend über HelmuthS Lippen.
„Mamachen soll doch was haben," drängte Frieda, „ja Papachen, nur ein Blümchen!" und gleichzeitig riß sie von einem Rosenstock eine prachtvoll fich entfaltende weiße Knospe.
Ein neuer Thränenstrom entquoll den Augen HelmuthS, während er Frieda au das Sterbelager führte und sie die Knospe zwischen die gefalteten, allmälich erstarrenden Hände der theueren Todten stecken ließ. Inzwischen waren die Kerzen am Chrtstbaum nach und nach erloschen und ich, der ich unbemerkt eingetreten und an einem verborgenen Plätzchen ungesehener Zeuge der letzten ergreifenden ©eenen gewesen, verließ still wie ich gekommen, bis ins Innerste erschüttert das Haus, in das kmit dem heiligen Christ der TodeSeugel seinen Einzug gehalten hatte.
„Nur ein Blümchen" — o hättest du unschuldSvolleS Kind gewußt, daß es daS letzte war, mit dem du der treuen Mutter Hand geschmückt!


