Nr. 273 Erstes Blatt. Mittwoch den 21. November
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Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
1894
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2lmilid?er Theil.
Nr. 42 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 14. d. M., enthält:
(Nr. 2201) Verordnung, betreffend die Uebertragung landesherrlicher Befugniffe auf den Statthalter in Elsaß- Lothringen. Vom 5. November 1894.
Gießen, den 19. November 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. November. Der Kaiser empfing am SamStagBormittag den btSherigenJusttzministervr.Schelltng und kurz darauf den Bicepräsidenten deS Staatsministeriums und StaatSsecretär im Reichsamte deS Innern, Dr. von Bötticher. Ob die Audienz Herrn von Bötticher beim Kaiser vielleicht eine spectelle Bedeutung besitzt, muß noch dahingestellt bleiben. Bekanntlich sollte die Stellung dieses Ministers ebenfalls erschüttert sein, welchen Gerüchten aber die Erklärung des „Reichsanzeigers", daß keine weiteren Beränderungen im Staatsministerium beabsichtigt seien, ein Ziel gesetzt hat.
— Der für den 24. November geplant gewesene Jagd- ausslug des Kaisers nach Schloß Hummelshain m Altenburg soll zunächst wieder aufgegeben worden sein.
— Die Vorlage, betr. die Bekämpfung der Umsturzbestrebungen, ist Ende voriger Woche dem BundeSrathe zugegangen. Die seitherigen Muthmaßungen über den Inhalt der Vorlage werden durch die offictöse Mittheilung bestätigt, daß der genannte Gesetzentwurf Abänderungen des Strafgesetzbuches, des Militärftrafgesetzbuches und des Preßgesetzeö vorschlägt. Die ersterwähnte Abänderung bezweckt eine schärfere Faffung der Abschnitte des Strafgesetzbuches, welche vom Widerstande gegen die Staatsgewalt, sowie von dem Verbrechen und Vergehen wider die öffentliche Ordnung handeln. Die beim Militärstraf- gesetzbuche vorgeschlagenen Abänderungen zielen darauf, das Hinübergreifen der socialrevolutionären Agitationen auf die HeereSorganisation nach Kräften zu verhüten. Was endlich die geplanten Abänderungen des Preßgesetzes anbelangt, so richten sich dieselben gegen die Preßausschreitungcn, welche die öffentliche Ordnung gefährden, und fassen sie namentlich die Bestimmungen über die Beschlagnahme anders. Gesetzliche Maßregeln über das Vereins- und Versawmlungswesen sind dagegen in dieser Vorlage nicht vorgesehen, sie bleiben also der gesetzgeberischen Thätigkeit der Einzelstaaten überlasten.
— Der Panzerkreuzer „Irene", das Flaggschiff der deutschen Flottendivision in Oftafien, ist am Samstag von Kiel nach Ostasicn abgegangen. Mit der „Irene" hat das letzte der zur Wahrung der deutschen Jnreresien in tranSoceanischen Gebieten neubestimmten deutschen Kriegsschiffe die heimarhlichen Gewässer verlassen, mit seinem Eintreffen in Ostasien wird die Stärke des dort zusammengezogenen deutschen Geschwaders die stattliche Zahl von sieben Schiffen erreichen. Aus ihrer Fahrt nach dem fernen Osten hat die „Irene" noch eine besondere Bestimmung zu erfüllen, sie soll nämlich Tanger anlausen, um für die Ermordung des deutschen Kaufmannes Neuman bei Casablanca Genug- thuung von der marokkanischen Regierung und Entschädigung für die Hinterlassenen des Ermordeten zu verlangen. Hoffentlich gelingt dem Commandanten die Erfüllung dieser Aufgabe, ohne daß hierdurch die weitere Reise der „Irene" eine wesentliche Verzögerung erfährt.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenr- Bare»».
Berlin, 19. November. Im Reichsversicherungsamte eröffnete Präsident Boediker die voraussichtlich zweitägige Conserenz der Vertreter der Landes-Versicherungs- A em ter und der JnvaliditätS- und Alters-Versicherungs-Anstalten. Erschienen sind 52 Vertreter, darunter Geheimrath Sydow aus dem Reichspostamte, Oberpostrath Seidl vom bayerischen Ministerium. Die Tagesordnung umfaßt 24 Gegenstände.
München, 19. November. Die Verfertiger der seit einem Jahre in München und im ganzen Reiche im Umlauf befindlichen falschen Reichska ssenschetne zu 50 Mark sind hier und einer in Stuttgart verhaftet worden. Die Bande zählt acht Personen, darunter vier Photographen.
Rom, 19. November. In der letzten und vorletzten h?acht fanden neue Erderschütterungen in Reggio statt, die keinen Schaden anrichteten. Die Bevölkerung geht aufs Land oder campirt in Zelten. In Bagnara find 13 tobt und 50 verwundet- die Gemeinde ist fast Zerstört. In Palmi sind 7 tobt, 50 verwunbet, bie Häuser unbewohnbar. In Malocchio unb Teranova finb nur bie Häuser beschäbigt. ES wirb militärische thatkräftige Hilfe geleistet. In Milazzo fanden gestern IO Uhr Abenbs und heute Uhr Erdstöße statt. Es herrscht Panik.
Petersburg, 19. November. Den Ehrendien st am Sarge Alexanders III. versahen heute! die Commandeure der Leibregimenter. Die preußische Deputation wurde gestern vom Kaiser, der preußische Uniform angelegt hatte, empfangen. Prinz August von Sachsen kehrt morgen über Moskau zurück. Den auswärtigen Correspondenten wurde bei der Trauerfeier durch die Liebenswürdigkeit beS Hofministers unb bes Ober- Ceremonienmeifters in ber Peter • Pauls - Kathebrale ein reservirter Platz eingeräumt; außerdem wurde denselben unter Führung des Minifterialsecretärs Szlavin die dankeswertheste Förderung gewährt.
Petersburg, 19. November. Heute Mittag fand die Beisetzung der Leiche des Kaisers Alexander statt. Anwesend waren Vertreter von ganz Rußland, der Staaten Europas, Amerikas und Asiens, darunter drei Könige, die Thronerben dreier Großmächte, ferner sämmtliche russische Botschafter im Auslande und das diplomatische CorpS in Petersburg, sowie die Generalgouverneure. An der letzten Ehrenwache am Sarge betheiligten sich die inländischen und ausländischen Truppentheile, deren Chef der Kaiser war. Nach dem Todtenamte verabschiedeten sich der Kaiser und die Fürstlichkeiten von der Leiche. Der Sarg wurde geschloffen und zum Grabe getragen und unter Gebeten und Ehrensalven versenkt.
Petersburg, 19. November. Dem Vernehmen nach findet die kaiserliche Hochzeit nächsten Montag statt. — Der Abschied der Kaiserin vom Sarge war tief erschütternd- sie sank schluchzend nieder. DaS Publikum drängte sich, als sich der Hof entfernt hatte, an die Gruft heran und erbat inständigst Blumen von dem Grabschmucke. Die Wache haltenden Grenadiere kamen bereitwilligst dieser Bitte nach. Der Sarg ist zwiefach verschloffen und ruht in einer ebenfalls ver- schloffenen metallenen Hülle. Einen Schlüssel verwahrt der Festungscommandant, den andern der Hosminister. Hebet der metallenen Umhüllung wird ein einfacher, den übrigen entsprechender Sarkophag errichtet. Eine Menge von Kränzen bedeckt fast sämmtliche Säulen der Kirche. Die Spenden Moskaus bedecken allein eine ganze Säule.
Depeschen deS Bureom „fcerolb*.
Berlin, 19. November. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." hört, ist an maßgebender Stelle nichts davon bekannt, daß der Plan einer Organisation des Handwerks definitiv als gescheitert betrachtet ist. Man hofft vielmehr denselben als preußischen Antrag bis zur nächsten, nicht zur bevorstehenden Reichstagstagung im Bundesrath vorzubringen - im nächsten Jahre soll eine den Antrag betreffende Enquete veranstaltet werden.
Berlin, 19. November. Wie die „Post" hört, beginnen in dieser Woche im Reichsamt deS Innern die Sitzungen, worin die Formulirung des Börsenresormgesetzes berathen wird. Die Vorlage wird jedenfalls erst am Ende der Session an den Reichstag zur Berathung gelangen.
Berlin, 19. November. Anläßlich der Beisetzung des Czaren Alexander fand heute Vormittag in der Capelle der hiesigen russischen Botschaft eine Trauermesse statt. Zu derselben waren das Kaiserpaar, die Mitglieder des Königlichen Hauses, bie Generäle, sowie bie Ritter vom Schwarzen Ablerorben erschienen.
Mannheim, 19. November. Von ben Tabakintereffeuten Mannheims unb bei Umgebung wurde gestern eine Versammlung behufs Bekämpfung der in Aussicht stehenden Tabak st euervorlage einberufen. In derselben gelangte eine Resolution zur Annahme, bie die neue Tabaksteuer verwirft.
Wien, 19. November. Einer Meldung der „Pol. Corr." aus Petersburg zufolge hat die Aufmerksamkeit des deutschen Kaisers, daß er der französischen Militär- deputation, welche zur Leichenfeier von Paris abgesandt war, einen Sonderzug von Köln bis Eydtkuhnen zur Verfügung stellen ließ, bei der Militärdeputation einen ausgezeichneten Eindruck heroorgerufen.
Wien, 19. November. Wie von privater Seite aus Petersburg gemeldet wird, soll der Botschafter in Wien,
Fürst Lobanow, zum Nachfolger deS Herr« v. Giers ausersehen sein. Kaiser Nicolaus soll bereit» mehrere Male hierüber conferirt haben.
Prag, 19. November. Der Arbeiterverein in de« Vororte Weinberge ist wegen omladinistischer Umtriebe aufgelöst worden.
Triest, 19. November. Wie die Einwohner von Istrien erheben nunmehr auch die Gemeinden von Friaul energische» Protest gegen die zweisprachigen Straßentafelu.
Rom, 19. November. Die Regierung beebfichtigt 22 Millionen Ersparnisse vorzuschlagen, davon sollen zehn auf die HeereS- und Marineverwaltung entfallen. Nach einer ungefähren Schätzung soll daS Deficit 60 Millionen betragen.
Rom, 19. November. Diese Nacht wurden abermals in Reggio, Seminara und Malachio heftige Erdstöße verspürt, wobei es 20 Todte und über 100 Verwundete gab. Die Gemeinde Seminara ist fast vollständig zerstört.
Paris, 19. November. Die Blätter besprechen die vo« den Abgeordneten unterzeichnete Bittschrift zu Gunsten der zweijährigen Dienstzeit unb heben besonders hervor, baß diese Maßregel, welche in der deutschen Armee nach reichlicher Ueberlegung eingeführt worben, auch für Frankreich von großem Nutzen sein werbe, wenn bieselbe gewiffenhaft burchgesührt werbe.
Paris, 19. November. Der Senat hob heute al» Zeichen ber Trauer anläßlich bet Beisetzung bes Czaren seine Sitzung auf.
Mons, 19. November. Der von ben Socialiften in den Provinzialrath gewählte Artillerie-Offizier erhielt von seinem Commanbeur die Aufforberung, sich in einer öffentlichen Versammlung eingehend darüber auszusprechen, ob er im Falle des Auöbruchs von Unruhen seine Pflicht als Angehöriger des Militärstandes erfüllen oder sich auf die Seite ber Socialiften stellen werbe. In seiner Antwort sprach bet Offizier seinem Commanbeur unb bem Offiziercorps jebwedeS Recht ob, ihn über seine politischen Ansichten unb Meinungen zu befragen. — Die ganze belgische Presse bespricht ben Zwischenfall mit aufgeregten Worten.
London, 19. November. Sämmtliche Morgenblätter veröffentlichen anläßlich des heutigen BegräbntffeS des Czaren sympathievolle Artikel für Rußland. Der „Standard" betrachtet die Aufmerksamkeiten, welche dem Prinzen von Wales vom Czaren in Petersburg zu Theil werden, als gutes Vorzeichen für die Beffergestaltung ber englisch-russischen Beziehungen.
London, 19. November. Fortgesetzt laufen Nachrichten über Schiffsunfälle während des letzten Sturmes ein. Auch vom Atlantischen Ocean kommen dieselben traurigen Meldungen.
Petersburg, 19. November. Am Vermählungstage de» Czaren soll eine Amnestie für viele Tausend auf administrativem Wege nach Sibirien verschickte Verbrecher erlaffen werden. »
Petersburg, 19. November. Minister v. Giers und Ktiegsminister Wannowski haben ihre Entlassung eingereicht. Der Kaiser soll Wannowski erklärt haben, noch z« warten.
Petersburg, 19. November. Der Generalgouverneur von Finland ist in Petersburg eingetroffen, um dem Czaren z« berichten, baß die finländische Bevölkerung bie Eidesleistung verweigere, weil der Czar bis jetzt noch nicht den Eid auf die finländische Verfassung geleistet habe.
Petersburg, 19. November. Es wird versichert, daß die russische Diplomatie gegenwärtig auf kaiserliche Antriebe die größten Anstrengungen macht, China zu überreden, Japan direct den Frieden anzubieten, weil, wenn ber Frieden erst in Peking dictirt, eS nahezu unmöglich sei, China» Integrität ohne kriegerische Einmischung zu erlangen.
WB. Petersburg, 20. November. Anton Rubinstein, geboren 1830, berühmter Clavier-Birtuose und Componist, ist heute in Peterhof am Herzschlag gestorben.
CoceUs ttnö provinzielle».
Sieben, den 20. November 1894.
** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordnete»- Versammlung Donnerstag ben 22. November 1894, Nachmittags 4 Uhr : 1. Gesuch ber Großh. Universitäts- Bibliothek um Ueberlasiung der photographischen Aufnahmen alter Häuser. 2. Den Schulgarten bei der höheren Mädchenschule. 3. Anschaffung von Kartenhaltern für die höhere


