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21.3.1894 Erstes Blatt
 
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Rr. 67 ErKcs Blatt. Mittwoch dm 21. Mär;

1894

Der chitjrner -«»tiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags

Tif Gießener

werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger t A^onntmrnlsprfi»;

2 Mark 20 Pfg. nut

Vringrrlohn. , Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

RedaeNon, Expedition und Druckerei:

-ikusckrahe Är.7.

Fernipiecher 51.

Amts- und Anzeigeblntt für den Urei* Gicfzcn.

chratisbeikage: Kießener Aamikienbkätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erfcheiuenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.

Amtlicher Lheit.

Bekanntmachung.

Montag den 2. April ds. Js., Vormittags 1<> Uhr, findet im Negierungsgebäude dahier eine öffent- liche Sitzung des Provinzialtags der Provinz Dberhefien mit folgender Tagesordnung statt:

1. Prüfung der Rechnung der Provinzialkasse und Er­stattung de» Rechenschaftsberichts für 1892/93.

2. Feststellung de» Voranschlags der Provinzialkaffe für 1894/96.

3. Ersatzwahl eines Mitglieds des Provinzialausschuffes an Stelle des verstorbenen Rechtsanwalts Curtman- Gießen, sowie eines Ersatzmitglieds an Stelle des nach Darmstadt versetzten Gr. Oberlandesgerichtsraths Holz­apfel, für den Rest der Dienstzeit der Genannten (Ende 1895).

Gießen, den 10. März 1894.

Der Vorsitzende des Provinzialtags der Provinz Oberhessen, v. Gagern.

Zum deutsch-französischen Colonialvertrag.

Der deutsch-französische Vertrag über die Theilung und Abgrenzung deS umfangreichen und wichtigen Hinterlandes von Kamerun, welcher vor Kurzem im amtlichen Colonialblatt seinem Wortlaute nach veröffentlicht wurde, besitzt ohne jeden Zweifel neben seiner materiellen colonialpolitischen Bedeutung auch einen nicht zu unterschätzenden ideellen und moralischen Werth. Ganz entschieden darf man zunächst diesen Vertrag als einen ziemlich bedeutenden Erfolg der deutschen Colonial­politik bezeichnen, denn dieses Abkommen mit Frankreich sichert Deutschland erstens ein neues Gebiet von ziemlich 500 OOO Quadratkilometer Flächengehalt, zweitens wird dadurch eine freie Verbindung zwischen dem Tschadste und unserer Kamerun- colonie geschaffen, dritten» der ganze schiffbare Oberlauf des Benue - FluffeS bis nach Bifara in die deutschen Jntereffen- Kreife gezogen und viertens wird durch den Gewinn eines großen Flußufergebietes in der Länge von 30 Kilometern am Laufe deS Sanga die Wahrscheinlichkeit gegeben, die Hinterländer Kameruns wie auch des Sudan durch die beiden großen Wasserstraßen des Benue-Niger und des Congo für den Verkehr zu erschließen. Ferner ist durch den Colonial­vertrag zwischen den beiden Großmächten Deutschland und Frankreich auch wichtiges, grundsätzliches Material für die Behandlung von Territorialstreitigkeiten in Afrika geschaffen worden, denn der deutsch-französische Vertrag bestätigt den Grundsatz, welcher von den interessirtcn Staaten im Fahre 1885 auf der Afrikanischen Conferenz ausgesprochen wurde, wonach die Vertheilung des afrikanischen Hinterlandes nach Maßgabe des jeweiligen Kastenlandbesitzes erfolgen soll. DaS deutsche

Feuilleton.

Frankfurter Lhealerbries.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

(Nachdruck verboten.)

Hansel und Gretel.

Von Engelbert Humperdinck.

Or. M. DaS luftige Reich des griechischen und germa­nischen Olymps, daS weitverzweigte Gebiet der Historie, die Welt des realistischen wie die des phantastischen RomanS, kurz, nachgerade Alles, was irgendwie ästhetische Behandlung verträgt, bat sich die Verwerthung zum Opernlibretto gefallen lasten müssen. Nur an ein Genre, das zudem noch so überaus nahe lag, ganz in dem so oft betretenen Reich der Romantik, an daS Märchen hat man sich seltsamerweise nicht herangewagt. Denn BoildieusRothkäppchen", daS im vergangenen Sommer zu Gotha gelegentlich der Mufter- und PreiS-Einacter-Aufführungen auSgegraben wurde, hat daS bekannte Märchenmotiv auf einen modernen Stoff über­tragen. HumperdincksHänsel und Gretel" ist also schon nach seiner dichterischen Grundlage ein Novum. Aber der Text allein würde unS wenig in unserem Urtheil be­stimmen, wenn nicht eben die Musik, die auf dieser dichterischen Grundlage entstanden ist, unser ganzes Jntereffe wachriefe. Wenn wir die Humperdinck'sche Musik auf. unS wirken lasten, so haben wir auch mit einem Male die Beantwortung der Frage: warum sind früher Tondichter nicht schon auf das Gebiet der Märchenpoesie gerathen?! AuS dem sehr einfachen Grunde, weil die frühere Nummernoper, die Eintheilung in Arien und Recitative sammt dem ganzen traditionellen

Reich ist bei Anwendung dieses von Frankreich in entgegen' kommender Weise anerkannten und ausgelegten Grundsatzes sehr gut gefahren, denn aus eine KüstenauSdehnung unserer Kameruncolonie von 420 Kilometer Länge wurde uns ein neues Hinlcrlandsgebiet von circa 500 000 Quadratkilometern zugesprochen. DaS neue deutsch afrikanische Land heißt Ada- maua. Wenn nun auch ursprünglich der Streit um dieses Land zwischen Frankreich und Deutschland lang und hartnäckig war, so muß doch betont werden, daß Frankreich, nachdem ihm Deutschland einen territorialen Zugang zum Mayo Kebbi ge­währt hatte, die deutschen Forderungen mit Entgegenkommen gewährte. Obwohl es nun wohl etwas zu kühn erscheinen dürfte, auS diesen colonialpolitischen Vorgängen in Afrika auf die politischen Vorgänge und Derhältniste in Europa zu schließen, so glauben wir doch aussprechen zu dürfen, daß in der Gegen­wart das Bedürsniß nach möglichst guter Ausgestaltung fried­licher Verkehrs- und Handelspolitik so groß auch bei Frank­reich ist, daß, abgesehen von der Schaumweinpolitik gewisser Hetzapostel, die wirklich maßgebenden Kreise Frankreichs doch den Frieden zu erhalten wünschen, denn anders läßt sich das entgegenkommende Gebühren Frankreichs bei dem Abschluffe des Vertrages wohl nicht erklären. Die Machtgebote deS Friedens im Jntereffe des Wohlstandes aller Völker sind eben so zwingend, daß auch der am kriegerischsten angelegte Staat dieselben befolgen muß, und nur eine Politik der Abenteuer und deS Größenwahns könnte bei den Franzosen die jetzige friedliche Situation ändern.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 19. März. Seine Königliche Hoheit der Groß Herzog sind in Begleitung des Obersthofmarschalls General der Infanterie z. D. v. W e st e r w e l l e r gestern Abend 10 Uhr 20 Minuten von Coburg hierher zurück­gekehrt.

Berlin, 19. März. Das am Samstag Abend beim Botschafter in Berlin, Grafen Schuwaloff, stalt- gefundcne diplomatische Diner, welches bekanntlich durch die Anwesenheit des Kaisers ausgezeichnet wurde, weist unver­kennbar eine politische Bedeutung auf. Es erhellt dies aus dem ganzen äußerlichen Rahmen der Festlichkeit, wie auch auS ihrem Verlaufe, namentlich aber aus dem Trinkspruch, den der Kaiser in russischer Sprache aus den Czaren aus- brachte, wobei der erlauchte Monarch den russischen Herrscher alsseinen geliebten Freund" bezeichnete. Das ist eine sehr bemerkenswerthe Kundgebung Kaiser Wilhelms, sie beweist genugsam, welch eine erfreuliche Wendung zum Besseren in den politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland infolge des Zustandekommens des deutsch - russischen Handels­vertrages eingetreten ist. Der Kaiser trug bei dem Diner die Uniform feines russischen Jnfarterie-Regiments, im Ver­laufe der Tafel zeichnete er den Botschafter Grafen Schuwaloff

Formelkram der opera seria herzlich schlecht zu der schlichten und dabei doch naiven, traumbefangenen Stimmung deS Märchens paßte. DaS Märchen hat das mit dem Volkslied gemein, daß es nicht Alles sagt, daß es den Hörer aufS Errathen verweist. Die Rolle, welche in der Wortpoesie dem Hörer zuertheilt wird, übernimmt bei musikalischer Be­handlung des Stoffs das Orchester, das beste und sinn- gemäßeste Organ für Ahnungen, dumpfe Gefühle, unbewußte Jnstincte. Erst mußte der großartige Apparat des Wagncr- orchesters vorhanden sein, bevor man daran denken konnte, daS Märchen in den Kreis der Opernthemen zu ziehen.

Engelbert Humperdinck arbeitet mit der Technik Wagners. InHänsel und Gretel" finden wir den Stil der Meistersinger" wieder. Ein bedeutender Reichthum von Ausdrucksmitteln steht dem Componisten zu Gebot, der sich ganz dem Jdeenkreise des Bayreuther Meisters, aber ohne deshalb in sclavische Nachahmung zu verfallen, hingegeben hat. Ehedem wußte man viel zu sagen und zu schreiben von der Nervenüberreizung, welche die Wagner-Musik für Pro- ducirende, Reproducirende und einfach Genießende im Gefolge hätte und haben müßte. Und jetzt hört man sich mit Be­friedigung die Humperdinck'sche, in ihrem ganzen Wesen urgesunde Oper an, und muß sich dabei sagen, daß diese Musik in der Formensprache mit dem Wagner'schenSiegfried" sich berührt. Nicht ausschließlich freilich bewegt die Musik zuHänsel und Gretel" sich in diesen orchestralen Ausdrucks­mitteln, sie findet auch einfache, volksthümliche Melodien und unterscheidet sich darin eben sehr glücklich von dem Gros der Wagnerianer, die mit wenigen Ausnahmen, etwas außer­ordentlich Schwerfälliges in ihren Compositionen haben.

Den Text zu dem Humperdinck'schen Märchenspiel hat

Alle Annoncen-Burcaux be» In- und Au-landc- nehmen Anzeigen für benGießener Anzeiger" entgegen.

durch wiederholtes Zutrinken auS', auch conversirte er während seines ganzen Besuches vorwiegend mit dem Bot­schafter.

Die Leitung der antisemitischen Partei hat den Parteigenossen im Wahlkreise Meseritz-Bomst em­pfohlen, bei der daselbst bevorstehenden Stichwahl zury Reichstage zwischen dem Polen Szymanski und dem Reichsparteilec v. Dziem- bowSki für letzteren einzutreten. Hoffentlich leisten die anti,em. Wähler in Meseritz-Bomst dieser Aufforderung auch durchweg Folge, andernfalls müßte der genannte Wahlkreis, der deutscherseits immer nur mit Mühe gegen die Polen behauptet werden konnte, an die letzteren verloren gehen sollten die» aber wirklich die Anisemiten wollen, die sich so gern als eine deutsche und nationale Partei bezeichnen? UebrigenS liegt jetzt daS amtliche Ergebniß der am 13. d. MtS. im Reichs- tagswahlkreise Meseritz-Bomst vollzogenen Ersatzwahl vor. Es erhielten: Probst Szymanski (Pole) 7812, v. Dziem- bowSki (freicons.) 5347, v. Mosch (Antis.) 3530, Stolpe (Soc.) 197 und Dau (freis.) 33 Stimmen.

Es dürfte von Jntereffe sein, die landschaftliche Vertheilung der Gegner und Freunde des rus­sischen Handelsvertrages nach den namentlichen Ab­stimmungen im Reichstag, die wir dabei zusammenfaffen, fest- zuftellen. Königreich Preußen. In der Provinz Ost­preußen wurden abgegeben 5 ja, 11 nein, in Westprenßen 7 ja, 4 nein, in Stadt Berlin 6 ja, in der Provinz Branden­burg 6 ja, 13 nein, in Pommern 2 ja, 12 nein, in Posen 11 ja, 2 nein, in Schlesien 19 ja, 15 nein, in der Provinz Sachsen 9 ja, 10 nein, in Schleswig-Holstein 7 ja, 3 nein, in Hannover 16 ja, 2 nein, in Westfalen 12 ja, 4 nein, in Hessen-Nassau 6 ja, 6 nein, in der Rheinprovinz und Hohenzollern 29 ja, 5 nein, zusammen in Preußen 136 ja, 87 nein. In Bayern 9 ja, 38 nein, in Sachsen 12 ja, 11 nein, in Württemberg 11 ja, 4 nein, in Baden 12 ja, 2 nein, in Hessen 3 ja, 5 nein (der Abgeordnete für Mainz, Jöst, fehlte bei jeder Abstimmung), in den beiden Mecklenburg 1 ja, 6 nein, in den kleineren Fürsten- thümern 17 ja, 7 nein, in den freien Städten 4 ja, in Elsaß-Lothringen 9 ja, 3 Stimmenthaltung. Weggelassen sind dabei diejenigen Mitglieder, die bei keiner Abstimmung zugegen waren. Es sind dies die conservativen Abgeordneten Steinmann, Graf Kanitz - Schlochau, Gescher- Bauermeister und Engels von der Reichspartei- Humann, Fritzen, Lerzer vom Centrum- die Antisemiten König und Leuß- die süddeutschen Volksparteiler Haag und Pflüger- Württemberg- der Pole v. Kalkstein- die Socialdemokraten Stadthagen, Jöst und Metzger- die Elsaß-Lothringer Preiß, Simonis, Haas- von den Nationalliberalen hat nicht ein einziger gefehlt. Die Mehrheit der Abwesenden würde zu den Anhängern deS Vertrages zu rechnen sein. Die selt­samste Stellung hat der schlesische Centrumsmann M e tz n e r eingenommen. Er stimmte einmal für, daS anderemal gegen

eine Verwandte des Componisten, Adelheid Wette, ge­schrieben und zwar mit großem Geschick. Die Eintheilung inBilder" ist günstig und paßt für den einfachen Stoff, der nichts theatralisch Aufregendes an sich hat, entschieden beffer als die Zerlegung inActe". DaS Libretto folgt getreu dem bekannten Märchenvorgange.Daheim" benennt sich daS erste,Im Walde" daS zweite undDas Knusper­häuschen" das dritte Bild. Die lyrische Stimmung herrscht naturgemäß vor. In der ersten Abtheilung fallen die Wechselgesänge und Tanzlieder der Kinder gar lieblich in unser Ohr, aber von entzückendster Wirkung ist daS zweite Bild mit seiner Waldromantik. Die Schilderung der Schauer des nächtlichen Waldes mit dem einsamen Kuckuksruf und dem gespenstischen Echo verrathen durchweg eine Meisterhand. Nur noch dieWolsSschlucht" im Weber'schenFreischütz" und dasWaldweben" im zweiten Act deSSiegfried" vermitteln unS ähnliche oder verwandte Stimmungen. Der Sinn de» Componisten für Humor und drastische Characteristik gibt sich besonders im dritten Bilde, beimHexenritt" undKnusper­walzer" zu erkennen.

Vorzügliche Vertreter stehen in Frankfurt für die einzelnen Rollen zur Verfügung. Frl. Jäger singt denHansel", Frl. Sch ar ko, die reizende Naive der Oper, dasGrethel". Frl. Weber bringt dieKnusperhexe" zur Darstellung Sandmännchen und Thaumännchen werden von den Damen Jenny Fischer und Blätterbauer gegeben. Um die Wiedergabe des Elternpaars machen Frl. Wendorf und Herr Pokorny sich verdient.

Für Dienstag (20.) und SamStag (24.) istHansel und Gretel" wieder angesetzt.