Nr. 219 Zweites Blatt. Mittwoch den 19. September
1891
Der Hteheaer Aureiger erscheint täglich, Wit Au-nahme deS Montag-.
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Gießener Anzeiger
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Die
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Weir größere Anzahl alter Leute — 105 gegen 891 Bezeichnet man die Bevölkerung unter 15 und über 60 Jahren als unproductiv oder minder productiv, so ist die unproductive Klasse am schwächsten vertreten in Frankreich mit 392 aus 1000, schwach auch vertreten in der Schweiz mit 415, Italien mit 411, während Oesterreich 421, England 425, Deutschland 431 solcher „unproductiver" Menschen zählt.
* Mau muß sich zu helfen wisse«. Lord Rosebery, der englische Premierminister, hat eine besondere Vorliebe für Hunde. Pariser Blätter fügen jetzt der Nachricht von seiner bevorstehenden Reise nach Paris folgende Anecdote von ihm bei. Als er vor Jahren eine Ueberfahrt von Liverpool nach
Feuilletsn.
.frankfurter Lheslerbrief.
Ortginalbericht für den „Gießener Anzeiger".
(Nachdruck verboten.)
Uusere guten Landlente. — Italienische Novitäten. — Oper und der Wagnercyclus.
Dublin machte, fiel sein LiebltngShund „Mutton", von dem er sich niemals trennte, über Bord. „Halt Kapitän, halt, stoppt die Maschine!" ruft Lord Rosebery dem Kapitän zu. Aber dieser antwortet, daß er die Maschine nur stoppen dürfe, wenn ein Mensch über Bord gefallen sei. „Nun, daS kann leicht geschehen," rüst darauf der Lord, und mit einem Satze ist er im Wasser. Nun muß der Kapitän wohl oder Übel beidrehen lasten, und bet zukünftige „Premier" wurde jammt seinem Hunde heil und gesund wieder an Bord geholt.
Alle Annoncen-Bureaux de- In- und Ausländer nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Dr. M. Sardous Schauspiel „Unsere guten Landleute" war die erste Neuheit der Saison. DaS Stück selbst bat schon eine stattliche Reihe von Theaterjahren auf dem Mücken und ist !durch die späteren Bühnenthaten des Herrn Sardou verdunkelt worden. Zumal jetzt, wo die „Madame Sans Göne" noch immer die Spielplane beherrscht, ist es nicht möglich, daß sich daneben »Nos bons villageois große Geltung erringen. Und doch ist das Schauspiel ein echter Sardou mit allen Vorzügen und Schwächen- letztere ergeben sich sogar weniger aus den Grenzen des Talents, als aus dem Umstande, daß der Uebergang von dem Komödtenton in den des ernsten Schauspiels zu plötzlich und unvermittelt erfolgt. Ein Lustspielmotiv war der Kern des Ganzem Sardou hatte sich di- Ausgabe gestellt, zu z-ig-u, mit welch scheelem Auge der Pariser, der das Landleben genießen will und seine Villen in dörflichen Gegenden aufschlägt, von der heimischen Bevölkerung angesehen wird, die sich dabei doch selten die Gelegenheit entgehen läßt, den zugezogenen Groß- städter tüchtig zu rupfen. Das bot zu satirischen Ausfallen, sowie zur HerauSarbeitung dummschlauer Baueruphyfiognomten schouste Gelegenheit. Sardou hat st- auch fürd-u -rst-n und zwesteu Act gut benutzt, aber danu lieh er stch an der ein. fachen satirifchen Grundidee, bei deren consequenter Berfo^ung etwa» AehnlicheS h-raudg-komm-n Ware w,- P-tll-r°ns „Welt in der mau stch langweilt", nicht mehr genügen, sondern fügt ähr da» auf der Vorauisetzung Pariser Verhaltniffe beruhende sensationelle und pikante Ehedrama hinzu, das zwar hier zu
Reich, 56 in Ungarn und von 30—69 in Australien. Doch I beweisen diese Ziffern nicht allzuviel. Denn die Zahl der Alten auf Tausend hängt insbesondere auch von der größeren oder kleineren Zahl der Kinder und darum der Geburten ab. In Frankreich kommen auf 1000 Einwohner nur 270 solche bis 15 Jahre, dagegen in Deutschland 351, in der Schweiz 321, und in Folge dieser großen Zahl jüngerer Personen in der Bevölkerung können sich auf 1000 nicht so viele alte ergeben wie in Frankreich. Vergleichbar sind darum eigentlich nur Länder mit der gleichen Zahl Unterfünfzehnjähriger. Ganz oder fast ganz gleich ist die Zahl Unterfünfzehnjähriger in Deutschland, Dänemark (348), England (351), Holland (352), Victoria (346). Von diesen Ländern hat die meisten Sechzig- und Mehrjährigen Dänemark, nämlich 102, es folgt Holland mit 92, Deutschland mit 80, England mit 74, Victoria (Australien) mit 64. Diese Reihenfolge ist beweisend. Zweifellos sind Klima und Lebensweise rationeller in Dänemark als in Holland, hier wieder rationeller als in Deutschland, und in Deutschland rationeller als in England, wo ein größerer Theil der Bevölkerung als irgend anderSwo in Städten concentrirt ist. Am aufreibendsten ist bte Lebens- weise unter ben hier ausgewiesenen Läubern in Australien. Mit ber Schweiz (321 Untersünfzehnjährige auf 1000 ber Bevölkerung) finb nur wenige Länder vergleichbar, vor allem Italien (322), Irland (325), Belgien (328), und etwa noch Schweden (333). Von diesen Ländern besitzt die meisten i alten Leute Schweden, trotz seiner auch verhaltnißmatzig | großen Anzahl jüngerer Leute, nämlich 115- es folgt merk- i würdiger Weise Irland mit 105, woraus bervorqeht, daß die ärmliche Lebensweise mcyi auch bie ungeiunoefte sein ' muß, weiter Belgien — trotz der großen Maste industriell ( verwendeter Bevölkerung — mit 97, und jetzt erst die
Schweiz mit 94. Sie ist gefolgt von Italien mit 89. ADte ' Lebensverhältniste der großen Maste des Volkes dürften in ~ • 1 ' ’ . Trotzdem dier eine
keiner Katastrophe führt, weil der junge Lebemann noch bei | Zeiten in sich geht und durch eine Reihe äußerer und innerer Ereiguiste dazu bestimmt wird, die sträfliche Neigung zu der verheiratheten Frau gegen die reine und erlaubte zu dem jungen Mädchen einzutauschen. Sardou hat zu viel bringen wolle« und da ist e» ihm denn pafstrt, daß er zu wenig geboten hat und daß die Zufchauer bei .Unseren guten Land leuten" nicht ganz auf ihre Rechnung kommen, wenn auch die Darsteller redlich bemüht sind, den verschiedenen Tonarten, die der Autor anschlügt, gerecht zu werden.
Mit Spannung sah man den beiden italienischen Novitäten entgegen. Die Erwartungen wurden nicht ganz befriedigt, woran bei dem einen Stück „Ein Wort de« Erlöser«" der Inhalt selbst, bei dem anderen „Rechte der Seele" die theilweise ungenügende Darstellung die Schuld trug. Den Eintritt des Christenthums in di- judaische Welt seine sortreißende Macht auf bie Gemüther der Einzelnen episch ober bramatisch zu entwickeln, ist eine große, gewaltige Ausgabe, aber bi» jetzt hat stch noch kein Dichter gesunb-n, ber sich ihr ganz gewachsen gezeigt hatte. Giovanni Bovio, der .La Festa di Purim“ geschrieben, welche» der Ueber- setzer Eisenschitz unter dem Titel „Ein Wort be» Erlösers" in Deutschlanb eingesnhrt hat, ist auch nicht ber Wann bazu. E» fragt stch zunächst, ob ber Rahmen be» Einacter» nicht viel zu eng ist, um in ihn Borgange hinein- zueornponiren, die zu ihrer Erklärung einer breiten Cutter« geschichtlichen Grundlage bebürfen- In bem Drama von Bovio werden bie verschiedensten Motive ange[d;Iagen, die mannigfaltigsten Interessen berührt, aber nichts klingt aus, nicht» lebt sich aus. An biblischen Sitaten, Prophezeihungen nach den Ereignissen, grübelnden Mono logen seh t -» mcht, aber die Messia-idee tritt nicht groß, nicht machtvoll genug in bie Ereiguiste hinein- .La Festa di Purim l)ot me^r Beiwerk als Hauptwerk. Da» ist ber Kardinalfehler, ber dadurch nicht verschleiert werden kann, daß Frl. @ünb« al» „Magdalene" und Herr Hermann al« „Jscharioth bie
Literatur un6 Aunst.
- Was s.ll«n uniert Töchter lefen» ®o manche L-tt« fdjrift bie aewttz nicht ohne Bedeutung ist, eignet sich doch nicht w allen Füllen für ein sittssmeS junges Mädchen; mandicrlei tmbet sich darin, das für sie nicht nur allein werthl^, fandern gerade-u verfehlt erscheint. Das im Verlage von Th- Schrote in Lp-lg, Lindenstr 12 erscheinende Familienblatt »DaS bat es sich zur Aufgabe gemacht, erzieherisch, anregend und unterhaltend gleichzeitig der deutschen Frau, wie der deutschen äungsr^, eine treue Begleiterin zu fein und sich ihr unentbehrlich zu machm. Decent und andererfeits anregend geschriebene Romane wechseln mit kurzen belehrenden Artikeln, Gedichten, Rälh'eln, Kochrecepteni imd Rathschlägen aller Art. Der billige Abonnementspreis von nur 1 Mk. vro Quartal ermöglicht wohl jeder Mutter, welcher der Tochter Wob am «denen liegt, und welche derselben ein Blatt zur Hand geben will, L bUn Inhalt N- sich nicht -ist s-wst un.-rr,»im maß,-in Abonnement auf dieses empfehlenSwerthe Blatt.
— Der oft wiederholte Vorwurf, daß der Deutsche keine Bucher kaufe, hat nur eine bedingte Berechtigung. Allerdings wird der Deutsche nicht wie der Franzose ein neues Buch kaufen, nur weil es neu ist! er hat im Gegentheil, wie gegen alles Neue auch gegen neue literarische Erscheinungen ein gewisses Vorurtheil. Hat er ab einmal einen Dichter in sein Herz «-schlossen, so bleiber ijm unb feinen Werken auch treu. Einen glänzenden Beweis für biesen Satz liefert Georg Ebers, der Liebling der deutschen Familie, bem bie deutsche Leserwelt trotz ber neuesten und allerneuesten Erscheinungen heute noch ebenso treu anhängt wie bei fernem ersten Auftreten. Die Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart hat die dankbare Ausgabe, die Werke des allbeliebten Autors immer wieder von Neuem aiüjm leaen und erfüllt diese ihre Ehrenpflicht mit gewohnter Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit. Von der mustergiltigen Gesammtausgabe der Ebers'scken Dichtungen sind uns soeben ßieterung 26 bis 30 ju- g gangen Sie brwgen unS den in Lieferung 25 begonnenen Roman Bürgermeisterin-, in bem ein schöner Abschnitt !®Uber glorreichen Geschichte Hollands das Spalier bildet, um welches sich die Ranken ber reizvollen Dichtungen _^"u?en. Sie schließen damit den VII. Band der „Gesammelten Werke und ginnm den achten Band mit bem äußerst interessanten Roman „Die Schwestern", ber seinen Schauplatz mieber ^demalten Egypten hat der allgemein anerkannten Domäne des Dichters. Der überaus niedrige Preis — die auf das eleganteste ausgestattete ^ieferrmg kostet nur 60 Pfennige — sickert der schönen Ausgabe einen Ehrenplatz in jeder Familienbibliothek. Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen entgegen.
biblischen Gestalten genau nach berühmten malerischen Entwürfen auf die Scene bringen. , .
Giacosa ist in Frankfurt durch seine „Tustia mon„ bestens eingeführt, und auch seine „Diritti dell anima ( Recht der Seele") hätten einen unbestrittenen Erfolg da- von getragen, wenn der Darsteller der männlichen Hauptfigur bester auf den intimen Charakter der Dichtung em- gegangen wäre. In „Recht der Seele" handelt es sich wie in der „Sündigen Liebe" wieder um ein Stück Innenleben, welchem auf rein äußerliche Weise nicht beizukommen ist. Frl. G ü n d e l, die s. Z. auch der „Tnstia mon zu ihrem Siege verholfen hat, hielt in der Rolle der „Anna , was sich halten ließ, konnte aber eben nicht Alles machen.
In der Oper herrscht gegenwärtig Wagner mit seinem Rina der Nibelungen", von welchem diesmal der dritte Tbeil Siegfried" in Wegfall kommt. An der Wiedergabe M abeingTlb", b« „Walkür-" unb ber „Götr-r- bäm'mcrung" finb elfte Sfräftt beteiligt Steine geringere als Frau Enbe-Anbrießen, bi- berühmte Wagner. Interpretin, singt bie „Fri-ka" im „«tingol. unb bU „Brünhilbe" in ber „Oötterbammerung". iReben ihr be- baupten sich noch mit Ehren ber Loge be» ®“tn.
bet Slegmunb be» Herrn v. Banbrowbki, ber SBotan be« Herrn ©reeff, bie Sieglinbe ber Frau Jager unb bie brei Rh-intächter ber Damen Schacko, Fischer und
Bei ber großen Aufmetklamkeit, beten sich bie Wagnet- Mustk schon fett lange am Frankfurter Opernhaufe zu er- freuen hat, leibet jedoch bas G-nr- ber anbeten Opern keineswegs Roth. In bunter Reihe wechseln Laust , „Mignon", „Figaros Hochzeit", mit einanbet ab. So^erlebten wir Sonntag vor 8 Tagen eine ganz vorzügltch- Ausi Nthrung bes Gounob fch-n Werkes. Die herrlichen Sttmm-n ber Frau Jäger (Margarethe) unb be« Herrn Pichler (Faust) rlffen bie entzückten Hüter zu stürmischen Beifall« bezeigungen hin.
* In unserem schnelllebigen Zeitalter wird wenig aus die kleinen Arttkel geachtet, die im täglichen Leben in ungeheuren Mengen verbraucht bezw. verschwendet werden, weil sie eben so billig sind und auch sein müssen. Kein Artikel wird wohl in solchen Masten fabricirt und consumirt als daS kleine wenig geachtete, und doch so unendlich wichtige __ Streichholz. Den Verbrauch destelben genau sestzu- stellen hält sehr schwer, weil die Nachweise fehlen, jedoch ist eS dem Patent- und technischen Bureau von B. Reichhold, Berlin C., Kaiser Wilhelm-Str. 40 gelungen, an Hand unvollkommener statistischer Nachweise folgendes ziffernmäßig zu belegen. In Europa ist nachweislich der tägliche Verbrauch an Zündhölzern per Kopf durchschnittlick 7 Stück, woraus sich bei der jetzigen Einwohnerzahl ein Consum von 2 Milliarden Stück per Tag ergibt, im Jahr also 730 Milliarden. Diese Streichhölzer in eine Reihe hintereinander gelegt, haben eine Länge von 36,5 Milliarden Meter, welche 829 Mal um die Erde reichen, oder wenn diese 829 Win- bungen nebeneinander laufen, würde ein Band von 1,65 Meter Breite die Erde umschließen. 6000 Stück Streichhölzer wiegen 1 Kilo, daS Holzgewicht der täglich ver- brauchten beträgt 300,000 Kilo. Da nun 1 Cubikmeter Pappelholz, das beste Material sür Streichhölzer, 300 Kilo wiegt, so sind 400,000 Cubikmeter Holz im Gewicht von 109»/, Million Kilo nothwendig, um den Bedarf eines Jahres nur in Europa zu decken. Bezüglich der anderen Materialien, welche zur Fabrication gehören, läßt sich der Verbrauch nicht einmal annähernd feststellen, nur vom Phosphor ist nachgewiesen, daß zur Zündholzfabricatton circa 210,000 Kilo jährlich verbraucht werden. Die Menge der anderen Materialien, wie Schwefel, chlorsaures Kali, schwefel- „„Umnn lAnmnit Gelatine. Paraffin ist gänzlich unbekannt. - w«.
Wirb nun ben Kosten vom und Pho-phor noch ber . Italien Aulich^t- in Jrtanb, fein. Lohn ber Arbeiter, welche auf 30,000 geschätzt werden, hinzugerechnet, fo ergibt sich ein Gesammtwerth der Mr- l,chen Zündholzsabncation in Europa von mindestens 195 Millionen Mark. Bemerkt muß noch werden, daß die Schachteln, Verpackung, Papier, Siegellack rc. nicht mit eingerechnet sind. Dos kleine, wenig geachtete Streichholz spielt also in der Beziehung eine ganz bedeutende Rolle.
» Wo gibt es die meisten alten Leute? Antwort auf diese Frage gibt eine vom statistischen Amt des Deutschen Reiches hergestellte Tabelle, aus welcher hervorgeht, daß man in Frankreich aus 1000 Einwohner 122 solche von 60 unb mehr Jahren zählt gegen 94 in ber Schweiz, 80 im deutschen


