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Nr. 140 Zweites Blatt. Dienstag den 19. Juni
Ter Hitheaer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aamtsienvtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerak-Mnzeiger.
1894
Vierteljähriger A5onne«enl»preis r 2 Maik 90 Psg. mit Bringertobn. Durch die Pest dezogew 2 Mark 50 Psg.
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Der Liegener Bankkrach vor Gericht.
W. Siegelt, 16. Juni. XIV.
Bor überfülltem Gerichtssaal wurde heute daS Urtheil in dem Bankproceß gegen Brüggemann und Genossen gesprochen. Die Verkündigung deS UrtheilS begann um 4*/t Uhr und war erst gegen 6 Uhr zu Ende. Seitens der öffentlichen Anklagebehörde war Herr Staatsanwalt Savels, ferner für den Vertheidiger R.-A. Dr. Sello-Berlin, Herr Gerichts- Affeffor Velhagen-Siegen anwesend. Das Urtheil lautet: 1) Der frühere Bankdirector F. Brüggemann wird wegen absichtlicher Benachtheiligung des Bankvereins und wegen Differenzhandels und damit verbundenen übermäßigen Ver- brauche-, in idealer Concurrenz dieser beiden Strafhand' lungen zu 3 Jahren Gesängniß und 10,000 Mark Geldstrafe (eventuell 2 Jahre Gesängniß), ferner wegen Verschleierung in 4 Fällen zu je 9 Monate Gesängniß und 6000 Mark Geldstrafe (eventuell noch 400 Tage Gesängniß), ferner wegen Betruges zu 1 Jahr Gesängniß verurtheilt, welche Strafen auf eine Gesammtstrafe von 5 Jahren Ge- fängniß und 16,000 Mark Geldstrafe, wofür eventuell noch 2 Jahre Gesängniß zu substituiren, zusammengefaßt werden; 2) der frühere Bankkassirer I. Kölsch wird wegen absichtlicher Benachtheiligung und Differenzhandels zu 1 Jahr 6 Monate Gesängniß und 5000 Mark Geldstrafe (eventuell 334 Tage Gesängniß), wegen Verschleierung in 4 Fällen zu je 6 Monate Gesängniß und 4000 Mark Geldstrafe (eventuell 67 Tage Gesängniß) und zu einer Gesammtstrafe von 2 Jahren 6 Monate Gesängniß und 9000 Mark Geldstrafe verurtheilt - 3) der Kaufmann Louis Schröder wird wegen absichtlicher Benachtheiligung zu 1 Jahr Gesängniß und 3000 Mark Geldstrafe (eventuell 200 Tage Gesängniß) verunheilt- 4) der Kaufmann F. W. Franz wird wegen Beihilfe zur Verschleierung in 3 Fällen zu je 9 Monaten Gesängniß und 1500 Mark Geldstrafe (eventuell 34 Tage Gesängniß), sowie wegen einfachen Bankerotte (nichtgezogene Bilanz 1892) zu 3 Monaten Gesängniß und zu einer Gesammtstrafe von 2 Jahren Gesängniß und 1500 Mark Geldstrafe verurtheilt. Den Angeklagten Brüggemann, Kölsch und Franz werden je 6 Monate Untersuchungshaft, Schröder 3 Monate angerechnet- Brüggemann wird von der Anklage der Er- preffung freigesprochen und Franz von der Anklage der
Anstiftung bezüglich der absichtlichen Benachtheiligung und des Differenzhandels. Brüggemann wird außerdem zu drei Jahren Ehrverlust verurtheilt und allen Angeklagten werden die Kosten des VersahrenS unter solidarischer Haftbarkeit zur Last gelegt.
Bei der Ausmeffung der Strafen hat die Erwägung Platz gegriffen, daß alle Angeklagte im höchsten Grade eigennützig gehandelt und schweres Unglück, nicht bloS über eine große Anzahl von Personen, sondern auch über die ganze Gegend gebracht haben. Brüggemann ist der Haupturheber dieser langen Kette deS Unglücks und er war am schwersten zu bestrafen, während Kölsch unter dem Einfluffe Brügge- maunS stand. Franz hat in gewissenloser Weise den Machenschaften Vorschub geleistet und immer noch weiter Credit verlangt, obwohl er wußte, daß derselbe ganz gewaltig bereits überschritten war. Es war den Angeklagten zu Gute zu halten, daß auf der abschüssigen Bahn, nachdem sie dieselbe einmal betreten, für sie kein Haltens mehr war und aus einer strafbaren Handlung sich die andere entwickeln mußte. ES ist ferner berücksichtigt worden, daß die Angeklagten aus kleinen Verhältniffen hervorgegangen und der Mangel an Erziehung nicht ohne Einfluß auf ihre Characterbildung geblieben. Bezüglich deS Schröder könnte man sagen, daß er vielleicht schuldiger ist, als erwiesen worden- wenn auch durch die Beweisaufnahme nicht alles bezüglich seiner festgestellt wurde, was die Anklage behauptete, so entbehrt seineHandlungs- weise keineswegs der Selbstsucht, ja sie ist sogar höchst eigennützig und unredlich zu nennen.
Damit war die UrtheilSverkündigung zu Ende, Brüggemann, Kölsch und Franz wurden wieder in die Haft abgeführt, während Schröder auf freiem Fuß verblieb.
Dermif^fci.
* Braunschweig, 13. Juni. Welche traurigen Folgen ein „schlechter Scherz" haben kann, zeigte heute eine Verhandlung vor der hiesigen Landgerichtsstrafkammer. Am 20. November v. I. zog der 16 jährige Rob. Stelze aus Morsum in der Gesindestube des Gerbers Witte in Thedinghausen der Dienstmagd Heinemann, die sich eben setzen wollte, ohne deren Wtffen den Stuhl fort, eine leider vielfach übliche Unsitte. Das Mädchen fiel zu Boden, ihre Beine waren so
fort gelähmt, die Lähmung dehnte sich weiter aus und nach großen Leiden starb sie am 20. December an den Folgen deS Falles. Da Stelze große Reue zeigte, ihm auch sonst ein gutes Zeugniß ausgestellt wurde, erhielt er nur eine Gefängnißstrafe von fünf Tagen.
* 6toe ergötzliche Episode spielte sich auf einem Thüringer Bahnhof ab. Es wollte nämlich ein junger Mann, welcher auS einem Geschäfte entlasten, mit der Bahn abreisen, ohne einen Schuhmacher, welcher ihm ein Paar Sdefeln angefertigt, wegen Zahlung zu befriedigen. Der Schuhmacher eilte, wie er ging und stand nach dem Bahnhof, traf eben noch rechtzeitig ein, um den jungen Mann zur Zahlung seiner Schuld auffordern zu können. Derselbe betheuertc aber, kein Geld zu haben und eilte in den Eisenbahnwagen. Da keine Zeit mehr war, sprang der Schuhmacher ohne Fahrkarte ihm nach und beide dampften ab. Auf der nächsten Station angekommen, verließ der Schuhmacher den Zug. Ob nun ohne oder mit Beihilfe der Mitreisenden der junge Mann an die Wagemhür zu stehen kam, lasten wir dahingestellt sein, genug, der Schuhmacher benutzte diese Gelegenheit und griff schnell nach den Beinen desselben und befreite diese ihrer Fußbekleidung. Nun drehte sich der Spieß um, und hatte erst der Schuhmacher um Zahlung gebeten, mußte nun der junge Mann zum Gaudium aller Anwesenden in die Tasche langen und bitten, da er betheuerte, nicht ohne Fußbekleidung weiter reisen zu können, ihm doch die Stiefel wiederzugeben, welche- auch geschah, nachdem er nicht nur die Stiesel bezahlt, sondern auch dem Schuhmacher das Reise- und Strafgeld erstattet hatte.
* Um eine Henne. Bei einem Picknick im Walde fing, wie aus Wien mttgetheilt wird, einer der Theilnehmer in seinem Uebermuthe eine herumlaufende Henne, welche au- einem nahen Gehöfte entwichen war. Die Beute wurde geschlachtet, gebraten und wohlgemuth verzehrt. Die Sache war aber nicht unbemerkt geblieben und — die ganze Gesellschaft, Herren und Damen, wurde des Diebstahls und der DiebftahlStheilnahme angeklagt und für schuldig befunden. Drei der Verurteilten verloren in Folge besten ihre Stellen und einer, Vater von drei Kindern, erschoß sich aus Gram darüber, daß nun Schande und Elend über seine Familie hereingebrochen war. Von den verurtheilten Damen aber wurde eine von ihrem Bräutigam verlosten, weil er eine „Diebin", die im Gesängniß gesesten habe, nicht zu seiner Frau machen könne.
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Ferrilleton.
Das neue Theater in Wiesbaden.
(Ortginalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
E. M. Wiesbaden hat seine herrlichen Anlagen, seinen Kurpark, seine eleganten Villen und Hotel- — aber es hat keine Bauten und Denkmäler, vor welchen der Fremde be- wundernden Blickes stehen bleiben, auf die der Heimische mit Stolz Hinweisen kann. Was in dieser Richtung vorhanden ist, steht in keinem rechten Derhältniß zu der Ausdehnung der Stadt und ihrer bevorzugten Lage.
Mit der Besichtigung der Denkmäler ist man sehr rasch zu Ende. Den Kranzplatz schmückt eine zierliche „Hygeeia", auf dem Wege zum Nerothal liegt ein einfaches Krieger- denkmal, ein Obelisk in der Stadt spricht von den 1815 gefallenen Nassauern, vor dem schmucklosen Theater steht eine herzlich geschmacklose Schillerbüste, die es mit dem Frank- futter und Mainzer Schillerdenkmal auch nicht im Entferntesten aufnehmen kann, und in den Anlagen längs »der Wilhelm- straße befindet sich daS kürzlich enthüllte Bodenftedt-Denkmal, daS einzige, auf welchem das Auge mit ästhetischem Wohlgefallen ruhen kann. Nimmt man dann noch die Tafel, welche in einer Straße zum Gedächtniß an Thieriot, den Freund und Geistesverwandten Jean Pauls, angebracht ist, und die Ehrentafeln im Gast- und Badehause „zum Bären", welche melden, daß Goethe und der engliche Dichter Thomas Campbell, der Verfasser des Nationalliedes »Ye mariners of England“, in den zwanziger Jahren gebadet haben, so wäre die Klasse der monumentalen Sehenswürdigkeiten, die erst mit der Enthüllung eines pompösen Kaiser-Wilhelm- Denkmals gegenüber der Schtllerbüste einen Zuwachs erhalte» wird, erschöpft.
Eine Zierde Wiesbadens aber verspricht das „Neue Theater" zu werden. Dieser Bau, der nun allmählich seiner Vollendung entgegengeht, war durch die ganzen Der- haltniffe der Kurstadt dringend geboten, denn der alte Kunst- tempel vermochte auch selbst bescheidenen Ansprüchen nicht mehr zu genügen.
DaS neue, im Rohbau fertiggestellte Theater ist ein Renaiffancebau in edelstem Stil. In seinem Totaleindruck wird eS vielleicht nicht so einheitlich wirken, well die eigentliche Front fehlt. Zur Zeit ist man noch geneigt, die hinten mit prächtigem SäulenporticuS geschmückte und mit einer AuffahrtS- rampe versehene Fa^ade dafür zu nehmen. Diese Rampe ist aber nur für die Pferde und Wagen da, welche auf die Bühne kommen sollen, während der Eingang für daS Publikum von der neuen Colonnade aus hergestellt ist. Dieser Anbau, mag man ihn architectonisch auch noch so günstig gestalten, wird immer etwas die Harmonie stören. Durch drei Oeff- nungen in der Mitte der neuen Eolonnade soll der Haupteingang erfolgen. Ein PorticuS, der eine Unterfahrt bildet, wird daS dahinter liegende Theater markiren.
Gegenwärtig find noch 300 Menschen am Bau thätig, aber so rüstig es auch vorwärts geht, daß die Eröffnung schon Ende September stattfinden kann, erscheint im Hinblick auf die noch völlig unauSgebauten und schmucklosen Innen- räume fast ein Ding der Unmöglichkeit.
Die Bestimmung der einzelnen Theile, die sich auch deuttich nach außen abzeichnen, ist unschwer zu erkennen.
Den höchsten Theil bildet selbstredend daS Bühnenhauses schließt kuppelförmig ab und hat wohl die Höhe des Frankfurter Opernhauses. Die Einrichtungen entsprechen dem Leistungsvermögen moderner Technik. Versenkungen, Auf- züge u. dergl. werden mit Wasserdruck bewegt. Au daS Bühnenhaus schließt sich eine geräumige Hinterbühne, deren Seitenräume und Untergeschoß als DecorationShauS dienen. Um diese Räume herum liegen Garderobezimmer, Probe- säle rc.
Die Gesammtzahl der Plätze, die alle nummerirt sind, beträgt 1400. In jedem Range befindet sich ein Buffer. Der erste Rang hat 22 Logen und vor diesen zwei Reihen von Balkonplätzen. Der zwette Rang ist nicht in Logen ein- getheilt, sondern hat 278 Sperrsitze. Parket und Parterre haben zusammen 552 Sitzplätze, unterscheiden sich von der Frankfurter und Darmstädter Anlage darin, daß, abgesehen von zwei Prosceniumslogen, die Logenplätze fehlen. Stehplätze gibt es im neuen Hause nicht.
Umfaffende Vorrichtungen sind gegen FeuerSgefahr ge
troffen. Die ganze innere Bühneneinrichtung, wie der ganze Jnnenbau des LogenhauseS sind von Eisen, die Treppen find von MelibocuS-Granit und von angemeffener Breite.
Besondere Ein- und AuSgänge befinden sich an den Settenfa^den, so daß sich die Entleerung deS Theater- in wenigen Minuten vollziehen kann.
Für das gesammte Baucapital wurden bis jetzt 2,100,000 M. bewilligt.
Mit dem Intendanten Herrn von Hülsen ist ein schneidiges, aber heilsames Regiment aufgekommen. Auf seinen klaren, von großer Sachkenntniß zeugenden Antrag hin haben die Stadtverordneten sofort die Mehrkosten für den hydraulischen Bettieb bewilligt.
Ja den schleppenden Gang der innere« Berhältniffe griff der neue Intendant gleichfalls mit sicherer Hand ein. Sein Hauptaugenmerk mußte sich zunächst auf Aenderungen richten, die das Künftlerpersonal angingen, denn mit dem übernommenen Material glaubte Herr Georg v. Hülsen seine künstlerischen Absichten nur halb erreichen zu können. Es versteht sich, daß der „neue Kurs" verschiedenen Mimen arg in die Glieder gefahren ist.
Der Intendant wohnt so ziemlich jeder Vorstellung bei, verfolgt aus seiner Loge mit gewiffeuhaftester Aufmerksamkeit jeden Bühuenvorgang, kümmert sich um den ganzen Betrieb persönlich und hat auf diese Weise in den Wiesbadenern den festen Glauben hervorgerufen, daß das Theater unter seiner Leüung einer neuen, an künstlerischen Erfolgen reichen Aera evtgegeusehe.
Bei Carl Schnegelberger (Wiesbaden) ist soeben auS der Feder von Dr. Otto Wed digen eine „Geschichte deS Theaters in Wiesbaden" erschienen, welche auf die älteste» Anfänge der Schauspielkunst in Wiesbaden zurückgeht und ihre Untersuchungen bis zur unmittelbaren Gegenwart führt, um mit Geschichte, Bau und Architectonik deS neuen Schauspielhauses am warmen Damm den Beschluß zu machen.
Die einzelnen Capitel enthalten höchst intereffante Daten, daS Ganze darf als ein werthvoller Betttag zur allgemeinen Culturgeschichte angesehen werden.


