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17.6.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 139

Somtag den 17. Juni

Zweites Blatt

1894

Kenerat-Wnzeiger.

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Zlints- und Zlnzeigeblntt für beit Kreis Giefzen

chratisbeikagc: chießener Aamilienbtätter.

Alle Annovcen-Bureauk de» In- und ÄußlanM nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de, folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

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Durch die Poft bezöge« 2 Mark 50 Psg.

Die Gießener Aa misien dläller werden dem Anzeiger -wöchentlich dreimal beigrlegt.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Au-nahme de- Montag-,

E M Bierteljähriger

Gießener Anzeig er

ZUM Blüchersefl in Laub

am 18. Juni.

(Eigener Aufsatz.)

(Nachdruck verboten.)

Für Nassau ist daS Jahr 1894 ein rechtes Denkmal- Jahr. Im April wurde in Wiesbaden eine Büste des Dichters Bodenstedt, im Mai eine solche des Liedercomponisten Möhring enthüllt und für den Herbst steht die Aufstellung eines Kaiser-Wilhelm-DenkmalS bevor. In AßmannShaufen ehrte man am 19. Mai das Andenken FreiligrathS durch ein Marmorbild und dem deutschen König Konrad ward am 10. Juni an der Grenze zwischen Runkel und Villmar eine Statue errichtet. Alle diese Feierlichkeiten aber haben mehr eine locale Bedeutung, während die am Montag den 18. Juni, am Tage der Schlacht bei Waterloo, ftattfindende Enthüllung des Blücher-Denkmals in Caub ein Nationalfest im schönsten Sinne des Wortes ist. Wenn eine Feier, deren eigentliche Ursache mehr als acht Jahrzehnte zurückliegt, im ganzen Volke einen so lebhaften Widerhall findet,' wie eS diese thun wird, so mutz die Person, der fie gilt, oder daS Werk, das von ihr vollbracht wurde, von hoher Bedeutung für das Gesammtleben der Nation sein. WaS aber auch könnte patriotische Herzen höher schlagen machen, als die Erinnerung an die Zeit der Befreiungskriege, an die einmüthige Erhebung deS deutschen Volkes gegen eine fremde Willkürherrschaft, als die Erinnerung an den Helden, der die Söhne deS Vaterlandes zu Sieg und Ruhm führte und an die bedeutungsvolle That seines UebergangeS über den Rhein, der in der NeujahrSnacht deS Jahres 1814 erfolgte.

Die Völkerschlacht bei Leipzig, die zehn Wochen vorher stattgefunden, und den Verbündeten 47,000, Napoleon fast 70,000 Manu an lobten, Verwundeten und Gefangenen kostete, säuberte das Land von der Feldarmee des Korsen, die in wilder Flucht dem Rhein zustrebte, bei Hanau aller­dings noch den bayerischen General Wrede mit seiner be­deutend kleineren Truppenzahl schlug, sich aber erst sicher fühlte, alS sie den Rhein hinter sich hatte. Blücher, der Marschall Vorwärts", welchen Ehrennamen die verbündeten Russen zuerst für den greisen, 71jährigen Feldherrn auf» gebracht hatten, wäre ihnen am liebsten sogleich auf dem Fuße gefolgt, denn sein Wunsch, der seiner Armee und der der Nation war der, den Krieg durch die Einnahme von Paris zu beendigen. Aber die zaudernde Diplomatie Oester­reichs fiel ihm in den Arm. Sie hatte auch gar zu viel zu bedenken, so unter Anderem den Umstand, datz der langjährige Unterdrücker Deutschlands, deflen Joch man kaum abzu schütteln begonnen, doch auch der Schwiegersohn des Kaisers Franz war. Zudem entstand eine einfluhreiche Friedenspartei, welcher der Gedanke, datz eS überhaupt mög­lich sei, den auch in seinem Unglück noch gewaltigen Kaiser vom Throne zu stoßen, unfatzlich war- er erschien ihr vielmehr als eineromanhaft fixe Idee der Enragirten in BlücherS Hauptquartier". Mochte Blücher, der nach« mals bei einem Feste Wellingtons den bezeichnenden Toast ausbrachte:Was die Schwerter uns erwerben, laht die Feder nicht verderben," mit seinen kräftigen Worten gegen dieSchufte" wüthen, die den Galgen verdienten und die ihn, mochte Arndts Flugschrift:Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze," begeisterten Widerhall in Millionen von patriotischen Herzen finden, eS hatte ganz den Anschein, alS sollte der vaterländische Strom doch die französische Grenze und alte Reichsstädte, wie Köln und Aachen, in der Hand deS Eroberers bleiben. Zum Glück war des corsiichen Emporkömmlings Unverschämtheit so groß, daß er die Friedensanträge der Verbündeten: Bestätigung der natürlichen" Grenzen Frankreichs durch Rhein, Alpen und Pyrenäen ignorirte, nur einen Friedenskongreß annehmen wollte und geräuschvolle Rüstungen betrieb. So kam man denn solcher Frechheit gegenüber zum Entschluß, den Krieg nach Frankretch hineinzutragen. Während aber Bülow Holland besetzte und die Hauptarmee von der Schweiz her einzufallen gedachte, sollte Blücher vor Mainz, das tn fran­zösischen Händen war,an die Kette gelegt werden", um die Festung zu beobachten und den Mtttelrhein gegen einen etwaigen Einbruch Napoleons zu schützen. Eine derartige Passivität lag nun natürlich nicht in der Natur beß Marschall Vorwärts, den zu Anfang des BefteiungSkrieges Rathgeber des Königs, Gott sei Dank vergebens, als zu alt, zu toll­kühn oder zu rücksichtslos hingestellt hatten. Aber Gnelsenau, sein Generalftabschef, wußte cs durch eindringliche Vor­stellungen zu bewirken, datz die Blücher'sche, 84 000 Mann starke Armee doch gleichzeitig mit der Hauptarmee über den

Rhein gehen solle, den Feind an sich ziehen und den Einbruch und Vormarsch der Südarmee so zu erleichtern. Um die Franzosen zu täuschen, sprengte man auS, der Feldzug würde verschoben, und Blücher, der bei aller Hitzköpfigken doch ein ebenso kluger, als schlauer Herr war, that, als sei er untröst­lich darüber. In aller Stille jedoch zog er sein aus Preutzen und Russen bestehendes Heer zusammen und, um der Sache bei der begeisterungsentflammten Armee die rechte Weihe zu geben, wählte er die NeujahrSnacht zum Uebergang Über den Rhein und zum Einmarsch in daS französische Reich. Während daS CorpS Sacken bei Mannheim, daS CorpS St. Priest bei Lahnstein über den Strom setzte, kam er mit dem Uork'schen CorpS über das Gebirge und rückte auf schlechten Wegen durch ein von Brombeeren, Schwarzdorn und wilden Rosen überwuchertes Felsenthal, das man ihm zu Ehren von nun an Blücherthal nannte, in daS Rheinörtchen Caub.

Eine kalte Winternacht mit glitzernden Sternen. Eis­schollen treiben auf dem murmelnden, schnell dahin flietzenden Strom. Rechts den F>utz hinab und hinaus und in den Gassen deS alten Städtchens ein stilles, geschäftiges Leben­drüben an dem französischen Ufer aber vollkommenste Ruhe. Nun füllen sich, es ist 3 Uhr Morgens, in Caub eine Menge dunkler Boote mit lautlosen Gestalten, kaum, datz hin und wieder leises Waffenklirren ertönt. Die Avantgarde des preutzischen CorpS istS: 200 Lützow'sche Jäger und Branden­burger Füsiliere unter dem Major Gras Brandenburg und dem Hauptmann v. Arnauld. Die Boote, von erprobten (Sauber Färchem geführt, stoßen ab nach dem anderen Ufer, kämpfend gegen den Strom und daS Eis. Dann landen die ersten Kähne. Von Begeisterung erfüllt, springen die Soldaten in den eisig falten Fluß und waten ans Land, dem Befehl entgegen in ein wildes Hurrah! ausbrechend. AuS einem französischen Douanenhäuschen fallen Schüsse, einen Jäger und einen Einwohner CaubS verwundend, der sich die Ehre nicht versagen wollte, die Preußen, die übrigens zum Feldzug in der Campagne hier schon einmal übersetzten, an den feindlichen Strand zu führen. ES entwickelte sich bald ein Tiraillcur- Gefecht mit kleinen, aus Bacharach und Oberwescl herbei­eilenden französischen Truppemheilen, die aber daS Feuer der mitten tm Rhein liegenden alten Zollburg, der Pfalz, postirten preußischen Jäger schnell vertrieb. Dann ginge an den Dau der Brücke, die in zwei Abtheilungen, vom rechten Ufer zur Psalz und von da nach dem linken Ufer geschlagen wurde, freilich unter schweren Hindernissen, denn die Verankerung der PontonS im reißenden Strome war schwierig und die Wellen störten, besonders an der linken Seite, mehrfach das Werk. Der greise Marschall selbst, bedacht, fein Wort: Bonaparte mußrunter vom Thron", wahr zu machen, gönnte sich kaum Ruhe und feuerte die Pioniere und die roarfern, ihnen Hülfe leistenden (Sauber Schiffer durch feine Gegenwart an. Endlich war die Riesenarbeit vollendet, die fast 400 Schritte lange, auf 71 PontonS ruhende Brücke hergestellt. Der einige Wochen in Anspruch nehmende Ueber­gang des wackeren, von russischen, oft phantastisch gekleideten Regimentern durchsetzten Corps konnte beginnen, jenes Corps, von dem der Marschall Vorwärts nach dem Nachtgefecht bei Athis sagte:Bei (Sott, Ihr alten Dorkchen seid brave KerlS, wenn man sich auf Euch nicht mehr verlassen könnte, da fiele der Himmel ein." Und dies Unheil deS Schlachtenhelden bleibt einzig bestehen, ob auch später vor Paris König Friedrich Wilhelm IIL, als ihm Aork die durch Kämpfe, Stropatzen und Hunger schwer mitgenommenen VaterlandSbefreier vor- führte, sich schnell mit den Worten abwandte:Sehen sehr schlecht auS, schmutzige Leute!"

Eine hochbedeutsame Begebenheit in der vaterländischen Geschichte ist dieser Uebergang über den Rhein, der den end­lichen Sturz deS korsischen Usurpators zur Folge hatte, Mitursache war, daß das linke Rheinufer von der elsässischen Grenze bis nach Holland hin wieder in deutt'chen Besitz kam und unserer Nation die Rache gewährte, die ihr nach so Lngcr Unterdrückung voll und ganz zukam. Schon hat man der Erinnerung an daS Ereigniß am Orte selbst mannigfach gerecht zu werden gesucht, mit dem Namen Blücher dieS und jenes geweiht, hat eine Gedackitnitztafel am jenseitigen User ange­bracht, desgleichen (1889) eine solche an dem Gasthof zur Stadt Mannheim, in der Blücher in jener Nacht wohnte. Ader der Zeit nach dem glorreichen Feldzuge 1870/71, die unß jene große Epoche von 18131815 wieder näher rückte, blieb es Vorbehalten, ein würdiges Denkmal für den National­helden der Freiheitskriege an jenem Orte zu schaffen. Von dem Bürgermeister Hepke in Neuenahr, dem als ehemaligem Reiterosfizier der Marschall Vorwärts schon besonders werth sein mußte, ging zu Anfang der acht; ger Jahre die erste Anregung dazu au5; die Sammlungen begannen, aber die

Sache, für die sich übrigen« der Kaiser Wilhelm I. und bei gegenwärtige Kaiser lebhaft intereffirten, wollte keinen rechten Fottgang nehmen, bis vor drei Jahren unter dem Borfitz des Herrn Regierungspräsidenten von Tepper-LaSki zu Wiesbaden und dem genannten Herrn Bürgermeister Hepke als stellvertretender Vorsitzender ein neues Comitö zusammen- trat, welches die Sache so thatkräfttg förderte, daß bis heute gegen 65,000 Mk. gesammelt wurden, wobei der Staat 5000 Mk., der Bezirksverband Wiesbaden die gleiche Summe, die Rheinprovinz 3000 Mk.. der Kreis St. Goarshansen 2000 Mk. beisteuerten, während da« Uebrige durch Beittäge privater und militärischer Vereinigungen und Einzelpersonen aufgebracht wurde. Dem berühmten Bildhauer Professor Fritz Schaper in Berlin fiel die würdige Ausgabe zu, daS Bildniß zu schaffen, und er hat sie wahrhaft glänzend mit gewohnter Meisterschaft gelöst, voll und ganz der Bedeutung de« Helden und seiner Mission gerecht werdend. Mit der Linken den Säbel hebend, energisch vorwärts schreitend, so datz der Mantel nachflattert, daS kühne Antlitz erhoben und die Rechte deutend ausstreckend gegen deS Feindes Land, so erhebt sich daS Erz- bild BlücherS, daS nun enthüllt wird, höchst malerisch wirkend und doch voll stilvoller Einsachheit. Ja, daS ist Blücher, wie er in unseren Herzen lebt, der thatkrästige, begeisterte, deutsche Patriot, der offene, gefertigte, derbe, aber warm empfindende Held, der einst so bescheiden sagt:WaS ist S, daS ihr an mir rühmt; es ist meine Verwegenheit, Gneisenau« Besonnenheit und des großen GotteS Barmherzigkeit." Wahrlich, in diesem bedeutenden Bildniß hat Schaper ein Ehrenmal geschaffen, nicht nur für den berühmten Feldherrn, sondern für Alle, die mit ihm und unter ihm kämpften, für die ganze vaterländische Bewegung jener großen Zeit. Al- Standort hat man sehr glücklich den Platz in der Mitte zwischen dem AuSgang des BlücherthalS und dem Ort, wo damals die Brücke geschlagen wurde, gewählt. Da steht weithin sichtbar das eherne Bild auf hodcm Postament am Ufer dcs Rheins, unfern der Psalz und zu Füßen deS mächtigen Felsens mit der Burg Gutensels, welche selbst, durch ihre wackere Dertheidigung gegen die Hessen 1504 im bayrisch pfälzischen Krieg, ein Denkmal deutscher Tapferkeit bedeutet, welche aber auch die Franzosen zerstörten sie, wie so manche andere deutsche Burg, i. I. 1806 ein stets mahnendes Zeichen gallischer Raublust und ZerstörungSwuth ist.

Außerordentlich umfangreich waren die Vorbereitungen zu den auf zwei Tagen berechneten Festlichkeiten mit Illumination, Festzügen und Volksbelustigungen: Bekränzte Häuser, mächtige Tribünen und Zelte. Mehr als em halbe« Tausend Kriegervereins - Deputationen, Abordnungen von Regimentern und OfficiercorpS rc. auS allen Theilen de« Reiches treffen zu der Feier ein. Der Kaiser, welcher ur­sprünglich selbst anwesend zu sein gedachte, läßt sich durch den General Obersten Frhrn. v. Voe vertreten und mehrere andere Generäle und hohe Mil'tärS, die Oberpräsidenten der Rheinprovinz und von Heffen Naffau und sonstige Spitzen der Behörden sind anwesend. Die Festrede hält Herr Re- gierungS-Präsident v. Tepper-LaSki, dessen patriotischem Eifer nicht zum wenigsten baß Zustandekommen deS Denkmal« zu danken ist. So vollzieht sich denn wieder einmal ein echte« Nationalfest, das seinen lebendigen Widerhall in jedem vater­ländisch empfindenden Herzen findet, und dem deutschen Volke wird eines jener seltenen Denkmäler übergeben, welche die hohe Bedeutung einer großen Zeitepoche in ihrer genialen Gestaltung verkörpern, daS Vaterlandsgefühl stärken und heben, und die spatesten Enkel mahnen, den ruhmvollen Thaten ihrer Ahnen stetig eingedenk zu sein. Sch. v. B.

DermHcbie«.

* Turch feine eigene Haut und feine haare ist vor einigen Tagen ein Dieb ermittelt worden. AIS ein Besitzer in Dell nzen (Ostpreußen) am frühen Morgen an seinem Kellerfenster vorüberging, bemerkte er, daß daS GlaS mit Theer bestrichen und eingedrückt war. Als er nun die Stelle naher untersucht, sand er zu seiner Verwunderung an den Traillen nicht nur Haare, sondern auf dem Fensterbrett auch ein halbes Ohr- der Dieb hatte also zweifellos den Kopf durch die eisernen Fensterstäbe gezwängt, den Körper aber nicht hiadurchbekommen und beim Zurückziehen des Kopfe« Haare und das halbe Ohr verloren. Auf Grund dieser un­trüglichen Beweisstücke gelang es, den. Sp'tzduben zu ermitteln und die bei demselben vorgenommene Haussuchung sörderte eine Menge in der Umgegend gestohlener Gegenstände au den Tag. BemerkenSwerth ist, daß der Manu im Besitze eines hübichen Grundstücks ist.