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Nr. 139 Drittes Blatt.______Sonntag den 17. Juni
1894
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Zlints- und Anzeigeblutt für den Kreis Gieszeir.
A«a«tz m « von Anzeigen zu der Nachmittag« für bew /A /d. f« ... Alle Annoncen.Burraur bei In. und Auslandes nrfrme
fnlgenden Lag erscheinenden Nummer bis vorm. w Uhr. HraNSVNlllgt. AttMlltCHPiCltt€Y. für den .Gießener Anzeiger- -ntgeg».
Bekanntmachung.
Der durchschnittliche Jahresarbeitsverdienst der land« und forstwirthschaftlichen Arbeiter in der Gemeinde Eberftadt mit Arnsburg ist in Abänderung unserer Bekanntmachung vom 30. März d. I. (Anzeiger Nr. 76) in folgender Weise fest« gesetzt worden:
1. für erwachsene (16 und über 16 Jahre alte) männliche Arbeiter auf 450 Mk.-
2. für erwachsene (16 und über 16 Jahre alte) weibliche Arbeiter auf 270 Mk.;
3. für jugendliche (unter 16 Jahre alte) männliche Arbeiter auf 240 Mk. ;
4. für jugendliche (unter 16 Jahre alte) weibliche Arbeiter auf 180 Mk.
Gießen, den 15. Juni 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung, betreffend Gesuch der Frankfurter Bersicherungsgesellschast gegen WafferleitungSschaden um Erlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum Hessen.
Mit Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 8. Juni 1886, (Anzeiger Nr. 136) bringen wir zur öffentlichen Kenntniß, daß die obige Gesellschaft mittelst Nachtrags zu den Statuten vom 25. Mai 1891 die Firma: „Neptunz Wafferleitungsschäden- und Unfallversicherungsgesellschaft" angenommen hat.
Gießen, den 16. Juni 1894.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Brosche, 1 Geldbeutel mit Inhalt, Briefmarken, 2 Taschentücher, 1 Paar Handschuhe, 1 Kiffen, 1 Badehaube und 1 Maulkorb.
Gießen, den 16. Juni 1894.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Zweck und Ziele eines Rasenspielplatzes.
Wir haben als Grundsatz in der vorliegenden Frage jüngst betont, daß unsere Zeil im höchsten Maße der Gelegenheit bedarf, alS Ausgleich für einseitige und auch sonst vielfach gesundheitSnachtheilige Berufsarbeit einer vielseitigen körperlichen Bewegung zu pflegen. Dabei sahen wir, daß der systematische Turnbetrieb sich bestrebt, dieser Forderung mit einem möglichst geringen Zeitauswande Genüge zu thun, andererseits indeß mit gewiffen Mängeln zu kämpfen hat, die unS durch eine entsprechende körperliche Bethätigung in freier Luft auszugleichcn sind. Dies bezweckt im weitesten Umfang daS sog. volksthümliche Turnen, und hierzu gehört vor Allem daS Turnspiel. Solcher Spiele sind: Fußball, Schlagball, Grenzball, Rundball, Barlauf, Criquet, Eroqnet, Reifenspiel, Lawn tenniß u. v. a. Sollen sie in ausreichendem Maße gepflegt werden, so bedarf eS nothwendigerweise eines wohlgepflegten kräftigen Rasens von genügendem Umfang. Wie im Winter der Eislauf, so im Sommer, Frühling und Herbst das Spiel in freier, frischer Natur! Dieser Vergleich darf nun aber nicht die Vorstellung erwecken, als sei die Organisation eines derartigen Rasenspielplatzes genau in den gleichen Bahnen möglich, wie die des hiesigen so ungemein ersprießlichen Eisvereins. Den Eislauf vermag der Einzelne für sich, zwei, drei miteinander, zur völligen Befriedigung des Bedürfnisses wie des Vergnügens zu pflegen. Nicht so daS Spiel! Hierzu gehören in der Regel 10 bis 40 Theilnehmer und zwar müssen sie sich möglichst genau kennen, vor Allem miteinander spielen mögen. Das Spiel gibt nur dann auf die Dauer Befriedigung, wenn die Theilnehmer miteinander eingespielt sind. Ueberdies verlangt selbst das genügsamste Spiel einen ungehinderten freien Platz von ziemlich großem Umfange. Ein Durcheinander würde jeden befriedigenden Erfolg verhindern.
Indem wir uns nun die Ziele im Weiteren vor Augen stellen, werden wir die nöthigen Gesichtspunkte für die Organisation alsbald erkennen.
ES ist in erster Linie als erftrebenSwerth zu bezeichnen,
daß der Platz groß genug ist, um ein großes und ein mittelgroßes, oder ein großes und zwei kleinere Spiele zu gleicher Zeit zu ermöglichen. Als solche Zusammenstellungen mögen gelten: Fußball, oder Schlagball mit Lawn tenniß oder Eriquet; Fußball und Barlauf und Croquet usw. CS würden so freie Vereinigungen von 40 bis 80 Spielern gleichzeitig spielen können. Damit wäre aber auch der Platz besetzt!
Als ausreichende Spielzeit sind für den Erwachsenen ca. 3 Stunden zu betrachten. Nun soll der Spielplatz natürlicherweise ein durchaus gemeinnütziges Unternehmen sein. Alle Kreise der hiesigen Bevölkerung müßten die Möglichkeit haben, aus dem Platze zu spielen. Dazu bedars es einer genauen Erwägung der Verhältnisse.
In erster Reihe sind zu beachten die Schulen. Alle unsere Schulkinder, Mädchen wie Jungen der Mittel- und Oberklassen müssen der Wohlthat des Spieles theilhaftig werden. Die ganz kleinen Schulkinder vertragen den Zwang der Spielordnung noch nicht. Dabei ist zu beachten, daß die Mittelklassen an ausreichender Spielzeit ca. eine Stunde, die oberen etwa zwei Stunden nöthig haben. Dabei können jedoch die oberen, weil geringer besucht, zusammengelegt werden. Außerdem ist für die Schulen jeder Tag geeignet, nicht so für andere Kreise der Bevölkerung. Hier kämen nun in Betracht die Turnvereinigungen. Da als zu verwendende Tageszeiten im Allgemeinen täglich ca. 7 bis 8 Stunden zu« Spiel benutzbar sind (Sommers 6 oder 7 bis 10/11 Vormittags, 4 bis 8 oder 9 Nachmittags, Herbst und Frühling 8 bis 12, 2 bis 5 entsprechend), so müßten die BevölkerungS- klassen, welche während der Woche in diesen Stunden keine Zeit haben, wohl oder übel den Sonntag benutzen (im Uebrigen eine zweifellos nützlichere Verwendung als daS WirthShauSlaufen). Hierhin gehören im Wesentlichen aber die Mitglieder der genannten Vereine.
Es kämen werter im großen Ganzen in Betracht noch die studirten Berufe und die Studtrenden mit ihren Angehörigen, soweit sie in der freien Verwendung ihrer Zeit durch ihre Berufsthätigkeit an feste Stunden gebunden sind, und endlich freie, in ihrer Zeit völlig unbeschränkte Spiel- Vereinigungen. Während letztere natürlich Rücksicht auf alle
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Ethische Erziehungsaufgaben.
Von O. R. Stoltzc.
Die Erziehung des Menschen hört bekanntlich erst mit dessen letztem Athemzug auf. Denn wenn Eltern und Schule das Ihrige an einem Heranwachsenden Menschenkind gethan haben, dann übernimmt ihn das Leben. Die Gesellschaft, der Staat, die Kirche, Ehe und Familie, Freundschaft und Feindschaft der Genossen, Alles arbeitet unausgesetzt an dem Individuum herum, sucht es in eine gewisse Form zu drängen und darin festzuhalten. Diese Lebensschule ist regelmäßig eine rauhe und harte. Das, was man gewöhnlich Erziehung nennt, hat vor Allem die Aufgabe, auf diese Lebensschule vorzubereiteck, diese erste Erziehung ist so unendlich wichtig, weil sie systematisch sein kann, weil sie geeignet ist, den Menschen auf die Bahn zu bringen, auf der er am ersten darauf rechnen kann, sein besseres Ich auszugestalten und durch alle „Pfeil' und Stöße" des Lebens sich durchzuretten.
So ist die erste Erziehung vor Allem Einführung in die Lebenskunst. Der Lehrer und Erzieher muß noch mehr Lebens- künftler als Wißmeister sein. Ihm ist die höchste und schwerste Aufgabe gestellt, er soll sein Inneres zu einem reinen Spiegel der Welt gestalten- für seinen Erfolg ist sein Charakter unendlich viel wichtiger als das Maß seiner Kenntnisse. An Pädagogen, die nach diesem Ziel ringen, richtet sich ein soeben erschienenes Merkchen von Richard Wulckow: „Die ethischen Erziehungsaufgaben unserer Zeit" (Gießen, Emil Roth), Preis geb. 2 Mk., an Pädagogen in erster Linie, aber auch weiter an Alle, die sich mit dem Problem der Erziehung unserer heutigen Jugend zu beschäftigen haben. Sie Alle werden in Wulckows Schrift eine Quelle der Belehrung und eine Fülle von Anregungen finden.
Das Buch von Wulckow, wenn eS sich gleich nach außen wendet, ist doch vor allem ein Selbstbekenntniß. In den acht Kapiteln mit ihren weittragenden Ueberschriften ergiebt sich schon der Umfang der Betrachtungen. Sie lauten: Die Weltlage und die heutige Erziehung. Die pessimistische Strömung und ihre Bekämpfung. Der Naturalismus in der Kunst. Er> ziehung und Gewöhnung zum Schönen. Die Weltübel und chre Linderung durch Erziehung, Patriotismus und Antisemitismus. Das Wirken im Dienste des Gemeinwohls. Volksbildung und Volksaufklärer. Die erreichten Ziele und der ethische Beruf der Frauen.
Es tritt die Weltanschauung eines Mannes zu Tage, der sein Leben in ernster Arbeit zugebracht hat, und der als Direktor einer Schule in den praktischen Ergebnissen seiner Thätigkeit fortlaufend die Probe auf seine pädagogischen Theorien machen konnte, ähnlich wie ein Naturforscher, der mit dem Experiment arbeitet. Wir können unseren Schulen nur viele Leiter von solch reifem und sicherem Sinn, von einer so vornehmen und doch so praktischen Lebenserfahrung wünschen, wie dies von dem vorliegenden Buch wiedergespiegelt wird. Alle Probleme, die das Leben bewegen und die in unserer gährenden Zeit kaum irgend etwas fraglos lassen, finden in einer oder der andern Art ihren Weg in die Schule. Der Versuch ihnen auszuweichen, ist umsonst. Wulckow sieht ihnen kühn ins Auge. Er weiß, daß, um auf eine Zeit zu wirken, man in ihr stehen muß.
Für sich wie für Diejenigen, die er zu leiten hat, muß der Pädagog vor Allem die Frage beantworten : Was haben wir vom Leden zu erwarten? In der systematischen Ermu- thigung und Kräftigung zu einem arbeits- und mühevollen, keineswegs aber freudlosen Dasein findet Wulckow das Grundprinzip einer gesunden, für die bessere Gestaltung der Zukunft wirkenden Erziehung. Zwischen dem apathischen trüben Pessimismus und einem trügerischen Optimismus hat er so den Mittelweg gesucht und gefunden. In seiner bedingungslosen Verurtheilung von Tolstoi, Ibsen und Zola hat Wulckow aber mehr der praktische Pädagog als der literarische Shritifer geleitet. Es würde hier zu weit führen, die Grenzen zu untersuchen, die die Volkspädagogik der freien literarischen, künstlerischen Ausgestaltung des Inhaltes der Ideenwelt einer Zeit zu ziehen hat. Natürlich ist es eine ganz andere Frage, wie weit die Lektüre dieser Bücher für noch nicht zu festen Lebensanschauungen gelangte Individuen räthlich ist. Nichtsdestoweniger versteht man den heiligen Zorn, der den praktischen Pädagogen erfaßt, wenn er so manche Verwüstung junger Ge- müther gerade auf derartige Einflüsse zurückführen muß.
Das Bild, welches Wulckow von der gegenwärtigen Weltlage entwirft, ist indessen keineswegs ein rosiges.
Eine dumpfe, trübe Stimmung, so spricht er sich aus, lagert über der Welt. Obwohl in äußerem Frieden lebend, sind wir in ernste innere Kämpse verflochten, unter denen das Vaterland schwer leider: das Volk ist durch polinsche Parteiungen und Jnteressenkämpfe gespalten, Niemand ist zufrieden. Das zähe und rücksichtslose Verfechten der materiellen Inte
ressen hat den politischen Blick getrübt und das unparteiische politische Unheil irregeleitet- die Zeit trägt die Signatur des Kampfes um den eigenen Vortheil, und in diesem wird das selbstlose Wirken reinerer Geister und die aus rein sittlichen Ueberzeugungen geborenen Bestrebungen erstickt. Kau« jemals hat eine Zeit einer harmonischen Ausgestaltung de» inneren Menschen sich so feindlich erwiesen wie die jetzige- die tieferen inneren Bedürfnisse deü Menschen verflachen oder schwinden. Ernste und tiefere Naturen ziehen sich von der öffentlichen Schaubühne zurück und vereinsamen, weil so viele- Unlautere und Widrige draußen im Weltgetriebe sie abstößt und verbittert- die geistig und sittlich Geringeren mit „robustem Gewissen" beginnen im öffentlichen Leben mehr unb mehr eine Rolle zu spielen. Sittliche Straft und sittliche- Ge- wissen ist in verzagtes Schwanken gerathen ober „in steter Nothwehr gegen arge List", die das Leben uns aufnöthigte, gelähmt und behindert.
Trotz Allem ist die Wulckow'sche Schrift eine Aufmunterung dazu, nicht zu verzagen, sondern gerade durch eine in besserem Geist aufgezogene Jugend eine bessere Zeit zu erobern. Unter den Erziehungsmitteln weist er nächst der Leitung zu wahrer Religiosität einer methodischen Gewöhnung zu« Schönen den obersten Rang an. Das Schöne im Schiller'schen Sinne baut uns die Brücke zum Guten. In der praktische« Pädagogik hat Wulckow vorwiegend als Mädchenlehrer gewirkt. Der Einfluß eines Mädchenlehrers ist gleichbedeutend mit seiner Beliebtheit, man nennt dies Berhältniß gewöhnlich „Schwärmen", und wohl selten ist ein Lehrer so beschwärmt worden wie Wulckow. Die Spezialität, die er pflegte, tritt in seinem Buche natürlich vielfach in den Vordergrund, und es ist interessant, zu vernehmen, welche große Rolle er in der anzustrebenden Reform unserer Zustände den Frauen zuweist. Mit besonderem Nachdruck wendet sich Wulckow schließlich einem Punkte zu, der ihm von seinem Standpunkt aus besonder- naheliege: der Auswahl der Leiter unb Leiterinnen von Mädchenschulen. Er verlange ein um Vieles sorgfältigeres Vorgehen.
„Die Staatsprüfung ber Lehrer unb Lehrerinnen bekümmert sich heute eigentlich nur um bas Maß ber erworbenen Kenntnisse - auf eine Würbigung der Gemüths- und Charaktereigenschaften, die ja durch eingehende informatorische Gespräche erforscht werben könnten, legt bie Prüsungsconr- mission anscheinenb keinen Werth, unb so kommt eine große Zahl von Lehrern unb Lehrerinnen ins Amt, bie ihr recht-


