1894
Sonntag den 16. December
Nr. 295 DrittesBlatt
Amts- und 2lnjci<?cblatt Vitt den Itrets (Stcfecn.
chralisöeitage: Hießener Kamilienötatter.
Iflt UllnonccL-Burravx d«S In- und LuSlandes »«zeige« für bm Gießener »»leigeT* mtge,«.
ge- des
„Ein
oo« «n,eigen ja der Nachmittag« für de» f«1gmben Tag erscheinenden Nummer bi« Barm. 10 Uhr.
Eine Specialität des unlauteren Wettbewerbes.
Motive.
Seitdem daS intereffante Werk von Karl Emil FranzoS Die Geschichte des Erstlingswerkes" in dem Der- läge von Adolf T'tze (Leipzig) erschienen ist, find wir auch Aber Ludwig FuldaS künstlerischen Entwicklungsgang durch ihn selbst genau unterrichtet. Sehr wahr ist, wenn crjn dieser kleinen selbstbiographischen Skizze u. A. sagt: hochgeneigtes und hochverständiges Publikum begreift unter unserem Erstlingswerk das Werk, worunter es zum ersten Male sein bestätigendes Siegel gedrückt und seine gewichtige gegenzeichnende Unterschrift gesetzt hat. Der erste Erfolg'. Für die Welt bist du nichts als die Summe deiner Erfolge. Sie find die Früchte, an denen fie dich erkennt, die Titel, welche fie dir verleiht, die Etikette, welche sie dir ausklebt. Vielleicht bist du weniger werth als deine Erfolge, vielleicht auch mehr: für fie ist das gleichgiltig. Der Erfolg ist dem Künstler gewiß unentbehrlich, aber er ist ihm auch gefahrvoll. Er heftet sich an seine Fersen wie eine Geliebte und wie eine Klette- selten gewährt er dauerndes Glück- aber ob man ihn liebt oder verwünscht, man wird ihn niemals wieder los. ES gibt Künstler, welche durch einen zufälligen Erfolg auf eine ganz andere Bahn verschlagen worden sind als diejenige, welche Ueberzeugung und freie Wahl ihnen vorschrteb- sie erniedrigen sich zu ihren eigenen Nachahmern, und was fie
Der «fcheint täglich, e* Lu«vah»e bei Wotitog«.
Dir »ießener yeeUUeirtUtt «erben brm Anzeiger ^chnttlich brci»e( brirUft
zuerst schufen, weil sie mußten, das wiederholen fie nun in immer schwächerem Aufguß, weil es gefällt. Es gibt auch Künstler, welche unverwlrrt und rüstig weiterstreben, aber sich vergeblich abmühen, den unerwarteten Erfolg irgend einer Bagatelle durch ernste Thaten zu erreichen oder gar zu verdunkeln. Deshalb darf man seinen Erfolgen niemals zu viel vertrauen, man muß diplomatisch mit ihnen verkehren, wie mit einer sogenannten befreundeten Macht- indem man sich sonnt an den Strahlen ihrer Gunst, muß man bis an die Zähne bewaffnet bleiben, stets auf der Hut, sich nicht überrumpeln, nicht unterjochen zu lassen."
Wofern Fulda sich diese goldenen Worte stets zur Richtschnur nimmt, wird ihn der Erfolg, den seine „Kameraden" an etlichen Theatern finden, doch kaum darüber täuschen, daß dieses Stück seiner Kraft nicht ganz würdig ist. Dieses Gehen mit der Durchschnittsmeinung, das Rechnen mit dem Phtltsterstandpunkt paßt eigentlich herzlich schlecht zu einem Schriftsteller, der sogar, für eine kurze Zett allerdings nur, in die Fuhstapfen eines Ibsen trat.
Wenn der bitterernste Geist des Norwegers ihm bei dem Entwurf der „Sclavtn" hier und da die Hand geführt hatte, wenn Grillparzers Märchenphantasie sich im „Talisman" geltend machte, so scheint eS ihm bet den „Kameraden" Moliöre angerhan zu haben, dem er schon vielfach als Uebersetzer nahe getreten ist. Was er ihm abgeguckt, daS ist der Sinn für Lächerlichkeiten, der Blick für kleine Thorheiten der Menschenkinder, aber Fulda ist zu wenig iattrtsch veranlagt, um in die Tiefen des Lebens zu schauen wie sein großer französischer College. Diese Frau Thekla Hildebrandt in den „Kameraden", welche durch die Lecture moderner Philosophen, die sie nicht versteht, überspannt wird und ihrem Manne davonläuft, weil dieser nicht im Stande war, das „Höhere" in ihr zu würdigen, — diese Frau kann ja wohl recht gut eine moderne Species sein, — aber über das Exemplar ist der Autor nicht hinauögekommen; das Sittenbild, das Typische, die Perspective fehlt seiner Schilderung.
In Frankfurt, wo man von Fulda Besseres zu sehen gewohnt war, fand die Comödie eine kühle Aufnahme, woran auch die Energie der Schauspieler, die sich mit Sorgfalt in I die neuen Figuren hineingelebt hatten, nichts ändern konnte.
Felix Philippi, der seinen ersten Erfolg eigentlich der großen Kunst der Clara Ziegler verdankt, dfes.Z. seine „Daniela" creirte, ist bei Weitem kein so elastisches Talent wie Ludwig Fuldo, sein „Wohlthäter der Menschheit , an dem gegenwärtig die Reihe gekommen, verspricht kewe lange Lebensdauer, aber der Autor befriedigt durch die scharfe, bestimmte Art, in der er auf gut Deutsch seine Meirmnz über Recht und Unrecht äußert. In unserer Zeit ist Ehrlichkeit und UeberzeugungStreue etwas so Seltenes, daß oer Mensch, an welchem diese Eigenschaften sich besonders stark entwickelt zeigen wie an dem Dr. MartiuS im „WoMater der Menschheit", ohne Weiteres zum Helden eines modernen Schauspiels taugt.
In der Opernliteratur, die jetzt unsere Bühnen beherrscht, nimmt sich Gluck etwas einsam aus, aber es ist die Einsamkeit der Größe, die uns aus seiner Tonsprache Mgegentritt und durch welche sich auch die „Armida" auSzeichnet, zu deren Etnstudtrung sich die Frankfurter Operuleitung neuer- dingS entschlossen hat.
Von allen Opern Glucks hat keine so wechselnde, färben» reiche Handlung, so romantische Charactere und eine so prunkvolle Ausstattung wie „Armida". Der einfache, klassische Zuschnitt der früheren Werke, der beiden Iphigenien und der Alceste weicht hier schon etwas den Principien, welche späterhin für die Pariser Effectoper maßgebend wurden.
Wäre die Partie der Heldin musikalisch so dankbar und reizvoll wie sie dramatisch reich und vielseitig ist, unsere Primadonnen würden sich um sie reißen. Um der Armida die Hauptstellung zu geben, die der Componift für sie vor- gesehen hat, bedarf es nun einer Künstlerin, die über die Mittel von Frau Ende-Andrteßen verfügt- sie, im Bunde mit Herrn v. BandrowSki, der den Kreuzfahrer „Rinaldo" mit dem Glanz mittelalterlichen RitterthumS ausstattete, lieben dem Altmeister klassischer Opernmufik volle- Recht widerfahren.
Ein Zug- und Kaffenstück wird man freilich an der „Armida" nicht haben, aber auf dem Repertoire dürftefie sich über die Saison hinaus erhalten!
Gichmer Anzeiger
Henerat-Htnzeiger.
Vermischtes.
* Wiesbaden, 12. December. Der Fabrikbesitzer H. Alberti in Biebrich hat dem „Verein für Kinderhorte" das reiche Geschenk von 20 000 Mk. zugewandt.
* Staveuhageu, 13. December. Vier Kinder fanden während der Abwesenheit der Eltern den Erstickungstod. Derselbe wurde durch Spielen mit Streichhölzchen verursacht.
* Pösneck, 14. December. Hier erschoß der Papiersaalmeister Kraus seine Tochter und sich, weil er als österreichischer Unterthan von der Meininger Regierung als mittellos ausgewiesen worden war.
♦ Mannheim, 13. December. Wegen des Treibeises im Oberneckar wurde die Neckar-Schifffahrt vorläufig Ctn9* ßanbau, 13. December. In der Petroleum-Raffinerie in Godramstein erfolgte eine Kesselexplosion. Die Fabrik brennt. Wettere Explosionen werden befürchtet. Mehrere Arbeiter sind verletzt. Der der Raffinerie gegenüberliegende Bahnhof ist gefährdet.
♦ Aus Adelzhausen (Oberbayern) wird unterm 7. d. M. gemeldet: In der hiesigen Gegend hat sich, wie auch anderwärts, z. B. in Mittelfrauken, der Brauch erhalten, daß, wenn man in einem Hause mit dem Ausdreschen des Getreides früher fertig geworden, dem säumigen Nachbar heimlich zum Spott ein Strohwisch in- Haus gebracht wird. Wird
Hälfte des WertheS dafür flieht. Es wird sehr schwer sein, 1 diese Uebelstände auf gesetzlichem Wege zu verhindern. Daß aber diese Handlungsweise eine unlautere, unmoralische tft, kann keinem Zweifel unterliegen. ES ist möglich, daß sich auch in der Gesetzgebung ein Mittel findet, dieser Art Schwindlern beizukommen, aber das Beste wäre, wenn sich überall Vereine gegen unlauteren Erwerb mit lahrltchen Beiträgen bildeten, welche dann durch aufgestellte Personen bet allen Auctionen mitbieten ließen, aber auch eine etwas schärfere Gesetzgebung sollte dabet mithelfen. Hoffentlich kommt im Reichstag etwas dieser Art zu Stande. Als ein erfreuliches Zeichen der soeialpolitischen Gesetzgebung darf es angesehen werden, daß durch die Arbeiter-Krankenoersicherung seit ein bis zwei Jahren in allen Leihhäusern die Zahl der versetzten Pfänder im Rückgang begriffen ist und der Arbeiter, wenn er kein offenkundiger Lump ist, sich bedeutend besser steht al- früher.
Wie viele freche Machinationen und betrügerische «einsüchtige Kniffe und Pfiffe aus dem wetten Gebiete unlauteren Wettbewerbes Vorkommen, lehren auch einige bet Auctionen eingeschlichene Mißbräuche. Wir wollen nun hier beute weniger von den „Maaren Auctionen auS Concurs- Ausverkäufen" reden, wodurch Käufer für Schundwaaren anaelockt und da« reelle Geschäft geschädigt wird, sondern wir wollen einmal von dem unlauteren Wettbewerbe reden, wie er sich in den meisten Städten bei Auctionen, welche die Leihhäuser von Zeit zu Zeit veranstalten, breit macht, und geradezu arme bedrängte Menschen verhindert, ihr b Schen Hab und Gur oder auch ein theures Andenken, Goldsachen und Juwelen zu angemessenem Preise wieder zuerlangen. Nach dem Urtheile eines langjährigen Leihhaus - VorsiandeS geht dies schändliche Manöver solgendermaßen vor sich: Em Eonsortium bezw. eine Bande von schlauen Händlern und Trödlern operirt bet allen in den Leihhäusern der meisten Städte stattfindenden Versteigerungen in der Art, daß nach getroffenem Ueberernkommen nur einer dieser Menschen bietet, die anderen aber stille sind. Natürlich werden fast alle zur Versteigerung gelangenden Gegenstände infolge dessen billig hergegeben, viel billiger, als wenn Concurrenten mitböten. Einzelne, welche vielleicht mitbieten wollen, erhalten von diesem Ringe 5 oder auch 10 Mk. Belohnung, wenn sie nicht erscheinen oder still sind. Nach beendigter Versteigerung «erden die verschiedenen Gegenstände unter der Bande ge- thetlt, und es bleibt selbstverständlich dabei ein großer Nutzen. Kommen etwa Leute, die bei Aucrwnen einzelne werthvolle Pfänder, Ringe, Uhren, Brillanten, erwerben möchten, so werden sie von dieser Sippschaft derart hinaufgeboten, daß sie ein zweites Mal nicht wiederkommen. Ebenso ist es bet Mobiliar-Versteigerungen. Dann werden die so unerhört billig gesteigerten Sachen zuweilen mit 100 Procenl Nutzen in den Handel gebracht. In einigen Leihhäusern wird ein etwaiger Uebererlös bet Versteigerungen Denjenigen, welche die Pfänder seiner Zett versetzt haben, zurückvergütet, wenn der Mehrerlös binnen sechs Monaten nach der Versteigerung erhoben wird. Erst nach dieser Zeit verfällt er zu Gunsten des Leihhauses. Infolge jener Manipulationen erhalten aber die Personen, welche in Noth diese Gegenstände versetzt haben, keinen UebererlöS, obgleich der Taxator kaum mehr als die
Fcnitleton.
/rankfurttr Lhesterbrief.
Sie Remeteben. — Wahlthäler bet Menschheit. — «tmiba.
(Ortginalbericht für dm „Gießener Anzeiger-.)
(Nachdruck verboten.)
Dr. M. Ludwig Fulda stehl in ben Jahren, wo ftd;’8 nm leichiesten unb fröhlichsten schafft, wo bet Phantasie noch (eine Ermüdung droht, wo ihr die Gedanken noch in Ueder- (üQe zuströmen. Nicht jede ihrer Leistungen bedeutet schon einen Fortschritt gegen die früheren, wenn sie auch Zeugniß van ungehemmter Schaffenslust ist. So stehen die „Käme- laben*, FuiboS jüngste Novität, durchaus nicht aus bet Mht des „Talisman“. Vieles in bleiern Siück erscheint »ns als ein Zurückgreisen ans ältere, stellenweise überlebte
* Die besten beutschen Baustoffe. Eine üb'r
die Einweihung bet Schleusen bes Nord-Ostsee- Canals an der Eibe bei Brunsbüttelhasen enthalt solgenbe Angaben über die bei biesem großartigen B-uwerke verwendeten Baustoffe: „AIS wir bei bet Badenausschachtung bis zur GrünbungStiese vorgedrungen waren, da sahen Wir baß der Untergrund unzuverlässig war, « 8l
Gebilde, ein noch nicht abgelagertes Gemisch^ verschiedener Bodenarten, unb in bet Tiefe lauerte em böser Gast, dte Quelle. Wie haben Wir bie Schwierigkeiten der Gründung überwunden? Alldeutschland hat unS geholfen, e« gab die Mittel zum Bau- aus dem Herzen Deutschlands, au«' SaÄ-n, haben wir den Stein geholt, Granit am Fuße der Mbr-<htS bürg gebrochen, der Rhein sandte uns ben Traß, Westfalen ben Kalk unb ans hannoverschem Lande kam der Sand. Au bemschem Material haben tausend fleiß-g- Hände bie uns ganz Deutschland gesandt, einen FelSblock geschaffen, aus welchem wir die massigen Mauern aufführen konnten. D e Mauern selbst sind erbaut au8 Ziegelsteinen, gebrannt aus Dithmarscher Erde, unb aus Granit, ben un8 Boyern am Fichtelgebirge gesanbt hat. Daß ganz Deutschland »WWtn hat am Bau, einem deutschen Werke au8 deutschem Material, baS nehmen wir als eine gute Borbedeutung dafür, daß da Bauwerk und der ganze Canal sür Deutschland sein Wi eine mächtig- Waffe, wenn eS fein «ub, im Kriege, und t Frieben ein Mittel zur Hebung von Deutschlands Handel unb Schifffahrt."
»tertWde*
? Kar! 90 Wfr Brinyrtote.
Da>ch bie P°Ü be^G» 9 Wart 50 W
Matlitn, unb Drucker«:
Kerufprecher BL
aber der Bote darüber ertappt, so wird seine Ungelchickilch keit an ben Pranger gestellt: mit geschwärztem Gesicht wird er aus einem Pferde im Dors- h-rumg-führt. Ein s bi-hn jähriger Junge hatte hier bab verhängnißvolle Spottzeiche» öem Nachbar ausgesteckt, warb aber barilbet ertappt. Sofort würbe er ohne b-sonber-8 Sträuben mit gebunbenen Hande» auf ein Pferd gehoben, mit Stricken festgebunden, das Pferd von einem anderen Burschen g-süh-t und so gmg.der Zu, unter mancherlei Lärm durch bie Dorsgaffen. ®ab sonst lammfromme Thier würbe bnrch ben Spektakel erregt, dem Führer entwischte bet Zügel, baS Pferd ging durch, der aus das Pferd Gebundene tarn ins Rutschen und Hw» Mchllch mit dem Kops nach unten zwischen ben M-» des W^eS. Er würbe geschleift unb als baS Pserb °"dlich au,gehalten werben kannte, wat bet BebauemSn-erthe zum Jammer unb


