Ausgabe 
16.11.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 269 Zweites Blatt. Freitag den 16. November

1894

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Vermittlet.

Mehr al8 hundert Liebesbriefe lagerten kürzlich als corpora delicti auf dem Gerichtstische einer Abtheilung deS Berliner Schöffengerichts. Der Verfasser derselben war nicht etwa ein poetisch angehauchter Mitarbeiter irgend eines Briefstellers für Liebende", sondern der Schlächtergeselle Heinrich Habermann, welcher mit jenen Herzensergüssen ein vertrauensseliges Mädchen bethört und deren Sparbüchse bis auf den Grund geleert hat. Die bet seinem Meister angestellte Mamsell hatte mehrere hundert Mark Ersparnisse. Er bewarb sich um ihre Gunst und schrieb zu ihrem Geburts­tage :Meine herzltebste Johanna! Meinen schönsten Glück­wunsch vor allen Dingen! Schenken kann ich Dich an diesem schönen Tage leider nicht-, aber ich schenke Dich heute mein ganzes for Dir in Liebe entflammtes Herz. Wenn Du mir treu bleibst, dann wird uns keine Macht der Erde mehr trennen, denn Du bist der Quell meines Lebens und ich werd eist glücklich werden, wenn ich Dir geheirathet habe. Mit 100,000 Küsten. Dein getreuer Heinrich." Die Mamsell war selig. Sie dankte ihrem Heinrich für diesen formellen HeirathSantrag und versprach ihm Liebe und Treue für jetzt und alle Ewigkeit. Kurze Zeit darauf wurde der Angeklagte zum Militär nach Rathenow auSgehoben, und nun über­schwemmte er seineliebe Braut" mit den duftigsten Liebes­briefen, die das überglückliche Mädchen packweise mit rosen- rothen Bändchen zusammenschloß und als werthvollen Schatz in ihrem Schrein verwahrte. Nach einem Jahre wurden die Briefe immer zärtlicher, aber auch immer kostbarer, denn keiner derselben schloß, ohne daß dergetreue Heinrich" sein Zuckerplätzchen" um ein klingendes Zeichen ihrer Liebe bat. Bald hatte er das Unglück gehabt, seinen Carabtner zu zer- brechen, und der böse Wachtmeister fordert den Ersatz dasür in Höhe von 30 Mk., bald brauchte er 40 Mk. für Medicin, da, wie er elegisch meldete, sein Gesundheitszustand ein höchst unbefriedigender sei- dann hatte er wieder mit Ctvilisten Schlägerei gehabt und sollte 5 Tage Arrest abmachen, wenn er nicht 30 Mk. zahlen könnte rc. Das Mädchen vertraute dem Heirathsversprechen des lieben Heinrich und schickte ihm, ohne zu seufzen und zu klagen, Geld, Geld, und nochmals

Geld. Nach den sorgsam von ihr ausbewahrten Postscheinen hat sie ihm im Laufe der Zeit über 1000 Mark zu- geschickt. Aber während die gläubige Braut die Tage zählte, bis der Herzallerliebste erscheinen und sie zum Traualtar geleiten würde, lag der Treulose schon längst in den Armen einer andern, und als er erfuhr, daß die letzten Spar­groschen der guten Johanna von ihm verzehrt waren, da schrieb er einen Brief, der nicht mehr mitDein getreuer", sondern nur mit Heinrich unterzeichnet war und wie folgt lautete:Liebe Johanna! Hierdurch theile ich Dich mit, daß wir leider scheiden mllsten. Ich habe mir meinen Eltern entdeckt, die widersetzen sich aber unserer Heirath, weil eS noch viel zu früh ist und drohen, mir zu verstoßen, wenn ich ihnen nicht folge. DaS kann ich doch nicht verantworten. Lebe also recht wohl und denke an mir, wie ich an Dir. Es ist grausam, daß unsere Hoffnungen so geknickt werden. Habe Dank für Alles, waS Du for mir gethan hast. Ich werde Dir nie vergeffen. Heinrich." Jetzt siel es dem Mädchen wie Schuppen von den Augen, und da sie erfahren, daß der Angeklagte sie schmählich hinter daS Licht geführt, rief sie die Hilfe deS StaatSanwalts an. Dieser hielt die Handlungsweise für so gemein, daß er trotz der bisherigen Unbescholtenheit deS Angeklagten ein Jahr Gesängniß beantragte. Der Gerichtshof entsprach auch diesem Anträge, sprach über den Angeklagten auch einen 5jährigen Ehrverlust auS und verfügte seine sofortige Verhaftung.

* Eine Hundertjährige. Am vorletzten Sonntag feierte die Wittwe Johanna Simpel, Hasenhaide 5/6 wohnhaft, die Vollendung ihres hundertsten Lebensjahres. Frau Simpel ist die älteste Berlinerin, sie ist am 4. November 1794 Hierselbst in der Breitenstraße geboren worden und ist Zeit­lebens in der Reichshauptstadt ansässig gewesen. Im Jahre 1824 verheirathete sich die damals 30jährige mit dem in der Prenz­lauerstraße wohnhaften Gürtler Simpel und der 18 Jahre währenden Ehe entsproffen 4 Kinder, die noch sämmtlich am Leben sind. Frau S. wohnt bei ihrer ältesten Tochter, der 70jährigen Wittwe Scholz, und ist verhältnißmäßig noch recht frisch. Sie ist zwar etwas schwerhörig, spricht jedoch noch ohne sonderliche Anstrengungen und kann ohne Brille lesen. Dem Geburtstagskinde wurden mancherlei erfreuende

Ueberraschungen bereitet. U. a. überbrachte ein höherer Beamter des Polizeipräsidiums im Auftrage deS Kaisers den Betrag von 100 Mark- der Magistrat der Stadt Berlin übersandte der Jubtliarin ebenfalls 100 Mark durch eine Deputation deS Bezirkes und auch Brauereibesitzer Happoldt machte seiner greisen Nachbarin ein auS 50 Mark bestehendes Geldgeschenk. Vom Lette Verein waren mehrere Damen er- schienen, welche Blumengrüße spendeten. Viele Bewohner der Umgebung hatten eS sich nicht nehmen lasten, der Greisin zu gratuliren, und Geschenke der verschiedensten Art bewiesen, daß die Hundertjährige allgemeine Verehrung in der Gegend genießt. Am Nachmittag vereinigten sich etwa 18 Nach­kommen, Kinder, Enkel und Urenkel, zu einem Familienseste.

* Ein Trompetenfolo vor Gericht. Der bekannte Piston- Virtuose Finsterbusch fungirte dieser Tage vor dem Köntgl. Amtsgericht in Berlin in einer Streitsache als Sachverständiger. Der Instrumentenmacher Sch. hatte einem galvanischen Institut eine Trompete zur Versilberung übergeben und behauptete, daß die Trompete nach der Versilberung einen schlechteren Ton angenommen hätte, also minderwerthig geworden wäre. Herr Finsterbusch erklärte dem Richter, daß er dieses Factum nur bestimmen könnte, wenn es ihm gestattet wäre, die Trompete zu probtren. Der Richter gab seine Zustimmung und plötzlich hörte man daS von Ftnsterbusch mit bekannter Meisterschaft geblasene Lied erschallen:Wenn die Schwalben heimwärts ziehn!" Sofort sammelte sich in den Eorridoren nach den ersten Tönen ein zahlreiches Auditorium von'RechtS- anwälten, Referendaren, Gerichtsbeamten, die erstaunt dem Virtuosen lauschten. Als Herr Finsterbusch dann den Richter fragte, ob er noch ein Stück blasen dürfe, wurde auch dieses von dem gestrengen Herrn gestattet und eS erschollen die Töne derWalküre" von Wagner. Leider gelang eS aber Herrn Finsterbusch nicht, bei den streitenden Parteien einen Einklang" herbeizuführen.

Gerechte Entrüstung. Herr Meyer (zum Bekannten): Wirft mir so'n Mensch vor, ich sei nicht rein . . . dabei schulde ich der Waschfrau siebzehn Mark!

Unangenehmer Titel. Müller: Guten Tag, Herr Re- ferendarjus. Ref. Huber: Nennen Sie mich doch einfach Re­ferendar, mit dem jus will ich nichts mehr zu thun haben.

Ferrilleton.

Eine Reise im ruropsi^chen Men-

(Schluß.)

Langsam wälzte der gewaltige Strom seine braunen Wogen dahin, auf denen sich damals noch (Anfang November) Dampfschiffe und andere Fahrzeuge in Menge tummelten. Als ich aber zwei Monate später auf der Rückreise wieder an seinen Ufern stand, war der Hafen eingefroren- gewaltige Eisblöcke staken gleich riesigen Zuckerftücken in dem kaffee­braunen Naß, und nur zwei kleine Dampfer, die den Local­verkehr vermittelten, bahnten sich durch das Treibeis einen Weg. Der Strom macht wegen seiner Größe, seiner lang­samen Strömung und der düsteren Färbung seiner Waffer einen majestätischen Eindruck. Er ist bei Kiew wohl drei- biö viermal so breit als die Donau bei Pest. Von der Mitte des Stromes und seinem linken (flachen) Ufer auS gewährt die auf dem steilen (rechten) Ufer thronende Lawra mit ihren vielen Thürmen einen imposanten Anblick, besonders wenn die Sonne ihre goldenen Kuppeln bescheint.

Nach sechzehnstündtger Fahrt von Kiew ostwärts verließ ich den Bahnzug, um den Rest meiner Reise (etwa 60 Werst) zu Wagen zurückzulegen. Diele Strecke war nicht der um interessanteste Theil der Reise. Konnte ich doch jetzt russische Dörfer von der Nähe kennen lernen. Die Bauernwohnungen sind elende Hütten, meist würfelförmig mit aufgesetzter vier­seitiger Pyramide als Dach. Die Wände sind entweder aus übereinander gelegten Baumstämmen oder mit Erde innen und außen verstrichenen Weidengeflecht hergeftellt. Häufig kommt hierzu noch eine Strohverschalung, um die Kälte wirk­samer abzuhalten. Em einziges Fensterchen spendet Licht. Der innere Raum ist Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Hühnerstall zugleich. DieStraßen" in und außer den Dörfern find nicht- als eine Summe von Wagengeleisen und Fußspuren von Pferden und Rindern und ziehen sich in breiten Streifen kreuz und quer,' über das schwarze, steinlose Gefilde. Bei Regen oder Thauwetter find mehrere Pferde nöthig, um eine oder zwei Personen zu befördern, und oft mußte mein Roffelenker wegen der Grundlosigkeit derStraße" in die Saatfelder einbiegen. Keine Baumrethe kennzeichnet die Richtung deS Weges, kein Wegzeiger schafft Rath an

Kreuzungen. Aber die russischen Kutscher zeigen ein wunder- bares Pfadfindertalent und bringen bei Tag oder Nacht den Reisenden sicher anS Ziel unter einer einzigen Bedingung jedoch: sie dürfen nicht vorher dem Wuttki allzu stark zu- gesprochen haben. Bet dem völligen Mangel an Gasthäusern auf dem flachen Lande thut der Fremde gut, wenigstens Ge­tränke selbst im Wagen mitzuführen. In größeren Dörfern befindet sich eine Postajale, ein Einkehrhaus, wo man die Pferde füttern, sich auch wohl ein einfaches Mahl bereiten laffen und nothdürftig übernachten kann.Fremdenzimmer" ist uur eins vorhanden, und wenn etwa zufällig einmal mehrere Reisende zusammen kommen, müffen sie sich drein theilen. Im Winter ist die Luft in solchen Häusern wie in den Übrigen Bauernwohnungen kaum zum Athmen, weil von October bis Mai die doppelten Fenster der Kälte wegen verklebt sind und nie geöffnet werden. Man tritt durch eine Art Corridor ins Haus, aber schon beim ersten Schritt möchte man wieder zurück. Je weiter man vordringt, desto schlimmer wird eS, und im Innern ist die Lust geradezu entsetzlich. Es herrscht hier ein Gerüchlein, von dem man wegen seiner Unvergleichltchkeit glauben möchte, eS komme von einem bis jetzt noch unentdeckten Element, aber im nächsten Augenblick hält man es für daS complicirteste Ding von der Welt, weil man alle Elemente unseres Plan ten zweimal daraus zu riechen vermeint. Wenn man bedenkt, daß der ungebildete Ruffe alle möglichen Verrichtungen innerhalb des HauseS vor­nimmt, daß er im Winter oft monatelang die Kleider nicht wechselt, auch sehr viel Tabak raucht und dabei, wie er­wähnt, der Außenluft jeglichen Zutritt verwehrt, so ist daS erklärt. DaS gebildete Element ist auf dem Lande nur spär­lich vertreten, hebt sich aber sehr vortheilhaft von der großen Maffe ab. Man trifft hier, besonders bei Damen, eine sehr weitgehende, hauptsächlich musikalische und sprachliche Bildung. Wer einmal von berufenem Munde kleinrusfische Volkslieder mit ihren eigenartigen schwermüthigen Weisen hat singen hören, für den wird eS immer eine köstliche Erinnerung sein. Diese Lieder spiegeln ebenso den düsteren, einförmigen Character der Landschaft wieder, wie die früheren schweren Zeiten der Leib- eigenschaft. Verhall ener Schmerz ist der Grundton und nur selten bricht in ihnen die Gluth deS Herzens hervor, aber immer gefeffelt von der klagenden Mollmclodie. Wohlthuend berührt die ohne Grenzen gegen Fremde wie Elnheimtsche geübte Gastfreundschaft. Für die geselligen Genüffe der Städte

sucht sich der Landbewohner zu entschädigen durch jene Freuden, die aus gefüllten Speisekammern und Kellern erblühen. Häufige Besuchsfahrten zu Nachbarn, auch Ausflüge in die Kreis- oder Gouvernementsstadt unterbrechen das etwas eintönige, tm Ganzen aber recht behagliche Leben der Wintermonate. Reisen tm Winter sind in Rußland nichts Unerhörtes: die Wege find gut'(Schlittenbahn), die Luft staubfrei und gegen die grimmige Kälte schützt reichliches Pelzwerk. Abwechselnd werden auch Abendgesellschaften veranstaltet, die oft bis zum Morgen dauern. Wutki ist bei den Mahlzeiten fast unerläßlich, auch in vor­nehmen Häusern. Den Tanz liebt der Ruffe außerordentlich. Ganz im Gegensatz zu seinem sonstigen Naturell tanzt er sehr rasch- der russische Nationaltanz, Kaffatschok, erfordert gute Lunqen und starke Muskeln. Der Bauer hat ein bitteres LooS. Sein Leben gleicht mehr Vegetiren als einem menschen- würdigen Dasein. Man hat die Knute abgeschafft, aber in Folge ihrer langen Herrschaft kann sich der russische Bauer im Ganzen auch heute noch nicht von der Ueberzeugung los- machen, daß ihm der liebe Gott seine Haut nur deßhalb habe wachsen laffen, damit sie von gestrengen Herren zerbläut würde- wenn einmal ein solches Ereigniß eintritt, nimmt er es geduldig hin und stumm wie ein Lamm und küßt die Hand, die ihn geschlagen, nur damit ihm ein MonatSlohn von 8 bis 10 Mk. erhalten bleibe. Man hat die Leibeigenschaft aus- gehoben, aber man that nichts, daß der Bauer daS Gut der Freiheit zu seinem und des Staates Wohl ausnützen könnte, man that nichts zur Hebung seines moralischen Niveaus, nichts zur Erweiterung seines geistigen Gesichtskreises! Natürlich! Das hätte Folgen, die man nicht will. Der Bauer ist heute noch Sclave und zwar in viel schlimmerem Sinne als ehe­mals, weil die über ihm stehende Autorität fehlt, die sonst sein Thun und Laffen regulirte, und bei ihm die nöthigen Voraussetzungen nicht vorhanden find, sich selbst Normen zu schaffen. In guten Erntejahren lebt er in SauS und Braus (d. h. er vertilgt ungeheure Quantitäten Branntwein) und läßt das übrige Getreide verfaulen, in Mißjahren nagt er am Hungertuch. Sorge für die Zukunft, Hinarbeiten auf ein Lebensziel kennt er nicht. Nach der Vergangenheit des russischen Bauernthums kann man daS auch nicht von ihm verlangen, und es wird wohl noch manches Wäfferletn die Wolga hmabfließen, ehe in dieser Beziehung eine Besserung eintritt.