Ausgabe 
14.11.1894 Zweites Blatt
 
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1894

Mittwoch den 14. November

Nr. 267 Zweites Blatt

Gießener Anzeig er

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Feuilleton.

MoliLres Vorbericht über denLartüffe*.

(Schluß.)

Dies ist eS auch, worauf man fett einiger Zeit schrecklich erpicht ist; und noch niemals ist man wider die Schaubühne so heftig losgezogen. Ich kann nicht leugnen, daß einige Kirchenväter gewesen find, welche die Lustspiele verworfen haben; aber man kann mir auch nicht leugnen, daß es Zeiten gegeben hat, in welchen man ein wenig gelinder mit ihnen verfahren ist. Folglich wird die Autorität, auf welche man den Tadel zu gründen suchet, durch diese Thetlung gestürzt - und die ganze Folgerung, so man aus dieser Verschiedenheit der Meinungen solcher Männer, die eine gleiche Erleuchtung hatten, ziehen kann, ist allein diese, daß fie die Lustspiele der« schiedentlich angenommen haben: daß etliche sie in ihrer Reinig« keil, andere hingegen in ihrerjVerderbniß, betrachtet, und sie mit allen denen häßlichen Schauspielen, die man mit Recht Schauspiele der Gräuel benennt hat, vermenget haben.

Und weil man doch in der That von Sachen und nicht von Worten reden soll, ja weil die meisten widersprechenden Meinungen daher rühren, daß man einander nicht versteht und ganz entgegengesetzte Dinge in einerlei Wörter ein­hüllet, so darf man nur die Decke der Zweideutigkeit weg- nehmen und betrachten, waS das Lustspiel an sich selbst ist, damit man sehe, ob eS zu verwerfen ist. Man wird ohne allen Zweifel gewahr werden, daß, weil es nichts anders ist, als ein sinnreiches Gedicht, welches durch angenehme Lehren die Fehler der Menschen bessert, man dasselbe nicht ohne Un­gerechtigkeit tadeln könne. Und wenn wir hiervon das Zeugniß deS AlterthumS hören wollen, so wird eS und sagen, daß die berühmtesten Weltweisen dem Lustspiele Lob beigelegt haben: sie, die von einer so strengen Weisheit Profession machten und unaufhörlich wider die Laster ihrer Zetten schrien. ES wird uns zeigen, daß Aristoteles der Schaubühne seinen Fleiß gewidmet und sich die Mühe gegeben, die Kunst, Lustspiele zu machen, in Regeln zu bringen. ES wird uns lehren, daß seine größten Männer und Personen von den höchsten Würden sich für rühmlich geschätzt, selbst Lustspiele zu schreiben- daß es etliche gegeben hat, welche eS sich nicht für unanständig gehalten, Lustspiele, die sie gemacht hatten, selbst vorzutragen- daß ferner Griechenland durch rühmliche Preise und prächtige Schaubühnen, mit welchen es diese Kunst beehrt hat, seine Hochachtung gegen dieselbe zu erkennen gegeben- und daß endlich zu Rom dieselbe Kunst außerordentliche Ehrenbezeug­ungen genossen hat: ich rede nicht von dem schwelgerischen

Rom, unter den Ausschweifungen der Kaiser, sondern von dem wohlgesitteten Rom, unter der Weisheit der Eonsuln und zur Zeit, als die römische Tugend im größten Flore war.

Ich gestehe, daß eS Zeiten gegeben hat, in denen das Lustspiel verderbt worden ist. Allein, waS verderbt man nicht täglich in der Welt? Keine Sache ist.so unschuldig, welche die Menschen nicht strafbar machen könnten- keine Kunst ist so heilsam, deren Absichten zu vernichten fie nicht vermögend wären - nichts ist so gut an sich selbst, waS sie nicht zu einem unrechten Gebrauch anwenden könnten. Die Arznei-Wissen- schäft ist eine nutzbare Kunst und Jedermann verehrt dieselbe als eines der vortrefflichsten Dinge in der Welt, und dennoch hat es Zeiten gegeben, wo sie verhaßt geworden- ja, oftmals hat man aus selbiger die Kunst, Menschen zu vergiften, ge­macht. Die Philosophie ist ein Geschenk des Himmels. Sie ist uns gegeben worden, unsere Seelen durch die Betrachtung der Wunder der Natur zu der Erkenntniß eines Gottes zu führen- dennoch ist genugsam bekannt, daß man fie oftmals von ihrem Amte abgewendet und sie öffentlich die Gottlosig­keit hat unterstützen laffen. Selbst die heiligsten Dinge sind vor der Berderbung der Menschen nicht sicher, und wir sehen Ruchlose, welche täglich die Frömmigkeit mißbrauchen und sie boshafter Weise den größer Bosheiten zu Statten kommen laffen. Dem allen ungeachtet weiß man den gehörigen Unter­schied zu machen. Man vermischt nicht durch falsche Folge­rungen die Güte der Dinge, die man verderbt, mit der Bos­heit der Verderber. Man unterscheidet allzeit den Mißbrauch der Kunst von ihrem Endzwecke. Und gleichwie man sich nicht in den Sinn kommen läßt, die Arzneikunst zu verbieten, weil fie ehedem aus Rom verbannt worden ist, oder auch die Philosophie, weil sie in Athen öffentlich verdammt worden ist: also darf man auch nicht die Schauspielkunst verbieten wollen, weil fie zu gewiffen Zeiten getadelt worden ist. Dieser Tadel hat seine Ursache gehabt, welche itzo nicht mehr stattfinden. Er hat sich in demjenigen, was er gesehen, eingeschränkt, und wir dürfen ihn nicht die Grenzen, welche er sich selbst gesetzt, überschreiten laffen, oder ihn weiter ausdehnen, als billig ist, und den Unschuldigen mit dem Schuldigen leiden lassen. Das Lustspiel, so dieser Tadel angegriffen, ist nicht dasjenige, welches wir vertheidigen wollen. Man muß sich aufs Beste hüten, sie miteinander zu vermengen. Es sind zwei Per- sonen, deren Sitten einander gänzlich zuwider sind. Sie haben kein anderes Verhältniß unter sich, als die Aehnlichkeit des Namens- und es wäre eine entsetzliche Ungerechtigkeit, die Olympia, welche eine rechtschaffene Frau ist, zu ver­dammen, weil eine Olympia gelebt hat, welche ein unzüch­tiges Weib gewesen. Dergleichen Urtheile würden in Wahr­

heit eine große Unordnung in der Welt anrichten. Auf solche Weise wäre alles zu verwerfen. Und weil man gegen so viele Dinge, die ftäglich gemißbraucht werden, nicht mit solcher Strenge verfährt, so sollte man allerdings der Schauspiel­kunst eine gleiche Gnade widerfahren laffen und solche Lust­spiele billigen, in welchen Unterricht und Ehrbarkeit herrschen.

Ich weiß wohl, daß es Personen gibt, deren zarter Geschmack kein Lustspiel vertragen kann - welche vorgeben, daß die ehrbarsten die allergefährlichsten sind- daß die darinne» abgeschilderten Leidenschaften um so viel rührender find, je tugendhafter sie find, und daß durch solche Vorstellungen die Seelen zärtlich bewegt werden. Ich sehe nicht, welches große Verbrechen es sei, beim Anblick einer ehrbaren Leidenschaft, zärtlich bewegt zu werden. Diese völlige Unempfindlichkeit, zu welcher sie unsere Seelen emporheben wollen, ist eine sehr hohe Staffel der Tugend. Ich zweifle, ob eine so große Unempfindlichkeit in den Kräften der menschlichen Natur stehe - und ich weiß nicht, ob eS nicht bester wäre, sich zu bestreben, die menschlichen Leidenschaften'zu verbeffern und zu vermin­dern, als daß man dieselben gänzlich ausrotteu will. Ich gestehe es, daß es Oerter gibt, welche man mit befferem Nutzen, als die Schaubühne, besuchet- und wofern man alle- dasjenige tadeln will, was nicht unmittelbar Gott und die Seligkeit angeht, so ist es gewiß, daß die Schauspiele dar­unter begriffen sind, und ich holte es nicht für übel gethan, wenn man dieselben mit andern verwirft. Gesetzt aber, wie eS in der That wahr ist, daß die Uebungen der Frömmigkeit gewifie Zwischenzeiten zulasten und daß die Menschen einiger Ergötzung nöthig haben- so behaupte ich, daß kein einziges zu finden ist, welches unschuldiger als die Schauspiele wäre. Jedoch, ich habe mich allzu weitläufig eingelasten. Zum Be­schluß laste man uns den Ausspruch eines großen Prinzen über das Lustspiel,Der Tartüffe", anführen.

Acht Tage hernach, als dasielbe verboten war, spielte man für den Hof ein Lustspiel, betitelt: Scaramusche, als ein Einsiedler. Als der König herauSgtng, so sagte er zu dem großen Prinzen, von dem ich rede: Ich möchte wohl wissen, warum diejenigen, die sich so sehr an MoliörenS Lust­spiele ärgern, nicht ein Wort wider den Scaramusche erinnern. Dieser Prinz antwortete ihm: Die Ursache davon ist, weil das Lustspiel, Scaramusche, den Himmel und die Religion verspottet, um welche sich diese Herren nicht bekümmern. Aber des MoliöreS seines verspottet sie selbst: und diese- können sie unmöglich dulden.

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