Nr. 241 Zweites Blatt. Sonntag den 14. October
1894
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Vermischter.
* Treffort, 9. October. Hier wohnt eine Frau, die vom Unglück in fast abergläubisch machender Weise verfolgt wird. Zwei Töchter wurden ihr seinerzeit vom Blitz erschlagen. Zwei Söhne gingen in die Fremde und waren bisher verschollen. Ein Enkel ertrank in der Werra. Dieser Tage kehrte der eine Sohn zurück, zeigte aber Spuren von Irrsinn. In einem Anfalle nahm der Unglückliche eine eiserne Hacke und schlug seinen Vater damit nieder, dann ging er hin und erhängte sich auf dem Hausboden. Der armen Frau ist nichts geblieben als ihr schwerverletzter Gatte.
* Bromberg, 12. October. Das Schwurgericht der» urtheilte die Frau Kuniszwackow aus Lerbischin, welche ihren Stiefsohn lebendig begraben hatte, zu zehn Jahren Zuchthaus.
• Paris, 9. October. Der Selbstmord einer verzweifelten Mutter mit deren fünf Kindern versetzt heute Paris in Aufregung. In einer ärmlichen Wohnung des linken Seine-Ufers, in der Gegend des Orleans-BahnhofS, wohnte seit etwa einem Jahre die aus sieben Köpfen bestehende Familie des Pflasterers Henri Hauffmann, der bis vor vierzehn Tagen wenig, aber immerhin noch genug verdiente, um seinen Kindern Brod zu kaufen. Seitdem er aber keine Arbeit hatte, nahm das Elend unausgesetzt zu. Gestern war die Miethe zu entrichten, und die Hausmeisterin drohte Frau Hauffmann mit der gerichtlichen Aussetzung, falls sie nicht die rückständige Miethe bezahle. In der That erschien bald darauf der Gerichtsvollzieher mit einem Zahlungsaufträge, unb darob war Frau Hauffmann so bestürzt, daß sie zu der Hausmeisterin eilte, sie flehentlich um eine Fristverlängerung bat, dann aber, als dies nichts wirkte, gefährliche Drohungen ausstieß und schließlich einen heftigen Weinkrampf hatte. Als dieser vorüber war, kaufte sie für ihren letzten Sous Holzkohlen, verstopfte alle Fugen ihrer Wohnung, bettete ihre Kinder auf der einzigen Matratze zu Boden, zündete die Kohlen an und wartete den Tod ab, der sie denn auch wirklich ereilte. Als Hauffmann müde und hungrig nach Hause kam, fand er nur sechs Leichen vor.
Der Schmerz des armen Mannes kannte keine Grenzen und die Nachbarn hatten alle Mühe, ihn davon abzuhalten, daß er sich neben den Leichen der Seintgen das Leben nahm.
* Die deutsche BolkSbangesellschaft, welche den Zweck hat, der WohnungSnoth und den aus ihr entspringenden moralischen und physischen Schäden zu steuern, hat seit ihrer Conftituirung bis Frühjahr 1894 mehr als 320 Bauten hergestellt. Von den Erwerbern, welche Kaufverträge abgeschloffen haben, sind in beiden Geschäftsjahren 1892 und 1893 zusammen: 20 pCt. Arbeiter und Handwerker, 3 pCt. Eisenbahnbeamte, 2,5 pCt. Postbeamte, 33,5 pCt. Beamte anderer Categorien, 18,5 pCt. Kaufleute, 7,5 pCt. Lehrer, 15 pCt. Personen anderer Stände. Nach dem Kaufpreise der einzelnen Anwesen berechnet, sind Heimstätten vertragsmäßig erworben worden in beiden Geschäftsjahren: 17 im Werthe bis zu 4500 Mk., 12 im Werthe von 4501 bis 6000 Mk., 24 im Werthe von 6001 bis 8000 Mk., 53 im Werthe von 8001 bis 10,000 Mk., 42 im Werthe von 10,001 bis 12,000 Mk., 34 im Werthe von 12,001 bis 15,000 Mk., 44 im Werthe von über 15,000 Mk.
* Von Fritz Knirschen als Zeugen erzählt das „Platt- dütsch-Sünndags-Bladd" (Bielefeld, A. Helmichs Verlag) folgende Geschichte: „Sie sollen also, wie Sie wissen, als ' Zeuge vernommen werden," seggt bet Amtsrichter tau Fritz Knirschen. „Wie ist Ihr Vorname?" Friedrich, Herr Amtsrichter." "Vatersname?" „Knirsch." Alter?" „Jn't drei- unföftigst." „Consession?" „Je, Herr Amtsrichter, mit dei Conseschon, dat'S so'n Sak- von Rechts wegen bün ick jo 93uer; äwerst ick heww' mi dat nu tau Jehanni entseggt un heww' mt up min Ollendeihl fett un heww' mm Gewäs' minen Sähn äwergeben und . . ." „Ach, Sie verwechseln da Consesston mit Profession - ich meine, was Sie glauben?" „Je, Herr Amtsrichter, ick glöw', de Sak' ward woll gähn. Seihn S', min Sähn is jo 'n düchtigen Kierl, und sei, wat sin' Fru nu is, hett jo uck ’n poor Schilling Geld mit- bröcht un is jo uck ’n reputierlich FrugenSmmsch . . ." „Aber, l Knirsch, das kümmert uns hier alles nicht. Ich meine . . ." Un dorbi kraugt' hei sich in dei Hoor' un kek sinen Schriewer an, dat dei em tau Hülp' kamen süll. Dei set äwerst uck doa un makt' 'n Gesicht, as wenn det
Rott' dunnern hört. Endlichdföt dei Amtsrichter von Frischen nah: „Ich meine, welcher Kirche gehören Sie an?" „Ick hür nah Sietow." Dei Amtsrichter sprüng up un lep 'n poor Mal achter den'n grännen Disch hen un her, as n Löw' in'n Käfig. Tauletzt bögt hei sich öwer den'n Disch räwer, kek den'n Buern in dei Ogen un brüllt: „Glauben Sie an Gott?" „Huching!" säd Fritz Knirsch un versiert sich ganz möglich- „Herr Amtsrichter, so'n Knäp verbidd' ick mi! Wo fönen Sei ’n ollen Minschen woll so verfiern! — Ob ick an'n leiwen Gott glöwen dauh? Hollen Sei mt viellicht för^n Socialdemokraten?" „Glauben Sie an Christus?" „Dat versteiht sich!" „Kennen Sie Dr. Martin Luther?" „Ne, Herr Amtsrichter, den'n kenn ick nich. Wenn wt eis krank sünd, denn gähn wi ümmer nach Doctor Meiern."
* Das Heilserum im Liede. AuS Berlin wird der „Franks. Kl. Pr." geschrieben: Das Behring'sche Heilserum gegen Diphtherie ist auch bereits im Liede verherrlicht worden und zwar in der jüngst stattgehabten Festsitzung eines hiesigen medicinischen Clubs, in dem das bekannte Studentenlied von der „alten Burschenherrlichkeit" durch folgende Strophen erweitert worden war:
„Und der flickt ihr morsches HauS" — Höhnt man die Mediciner- Doch weisen sie sich täglich aus Als treue Menschheits.Diener.
Ein Thor ists, der die Heilkunft schimpft, Selbst DiphtheritiS wird — geimpft. O Serum, Serum, Serum, 0 quae rautatio rerum!
Doch leider ist der Andrang stark, Der Vorrath klein dagegen, Die Impfung kostet sechzehn Mark, DaS ist ein theurer Segen. Drum Menschenfreunde, kommt zu Häuf Und bringt die nöth'gen Mittel auf! O Serum, Serum, Serum, Noch fehlts am nervua rerum!
Lerrilletoir.
Wochcnbricfe aus der Residenz.
(Originalbericht für den „©iefcener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 12. October.
Das Stiftungsfest der „Melomaueu". — Besuch des Kaisers. Aus dem Kuustlebeu. — Allerlei.
Seit nunmehr 50 Jahren wirkt in Darmstadt neben den großen musikalischen Vereinigungen „Mufikverein" und „Mozartverein" unter der Leitung tüchtiger Dirigenten der Mannergesangverein „Melomanen". Im Kunstleben Darmstadts find die Melomanen mit Concertveranstal- tungen verschiedener Art schon öfters erfolgreich hervorgetreten, aber wirklich populär ist der Verein doch erst durch die köstlichen „Datterich"-Aufführungen geworden, die nun schon^ost- mals im Saalbau gegeben worden find. Die Darmstädter Bürgerkreise, aus denen sich der Verein rekrutirt, stellten an den Vorstellungen des klassischen Dialectstückes unseres Localpoeten Niebergall ein so ausgezeichnetes Dilettantenensemble, daß die einzelnen Aufführungen in ihrer Art wirklich vorzüglich ausfielen. Kein Wunder, wenn man daher auch die 50jährige Jubelfeier des Vereins nicht besser einleiten zu können glaubte, als durch den prächtigen „Datterick". So hatte sich denn im Saalbau am Samstag Abend eine große Zuschauerschoar von Ehrengästen, Mitgliedern und Freunden des Vereins eingefunden. Ein von Herrn Lehrer Schaffnit, der durch mehrere hübsche Dialectdichtungen bekannt geworden ist, bearbeiteter Prolog schilderte in hübscher Weise „Datterichs Ankunft im Olymp". Dann folgte die Vorstellung der Poffe selbst und die ganz ausgezeichnete Wiedergabe des luftigen Stückes erweckte wahre Beifallsstürme. So verlief die Vorfeier lustig und ausgelaffen. Am Sonntag schloß sich ein würdiger Festact an. Im Saalbau versammelten sich Vormittags die Mitglieder deS Vereins und ihre Gäste. Nach einem feierlichen Eröffnungschor bestieg Herr Prof. Friedrich das Podium und hielt den schönen Festvortrag. Er begrüßte die Gäste, die durch ihr Erscheinen bekundeten, welches Jn- tereffe man in allen Kreisen der Stadt dem Feste des Vereins eutgegenbringe. Dann folgte eine anschauliche und in ihrem Entwickelungsgange sehr interessante Geschichte des Vereins, die Herr Prof. Friedrich in scharfen Zügen zeichnete. Von
1847 an waren die hessischen Großherzöge die gnädigen Beschützer und Protectoren des Vereins, dem auch unser regierender Landesherr stets Beweise seiner huldvollen Gesinnung gegeben hat. Nach Beendigung des Festvortrages sprach Se. Excellenz Herr Staatsminister Finger dem Verein den Glückwunsch Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs aus und überreichte die silberne Medaille für Kunst und Wissenschaft, die an der Vereinsfahne ober vom jeweiligen Prüft« beuten getragen werben soll. Daran schloß sich bie Uebergabe der von den Damen bes Vereins gestifteten neuen Vereins- sahne. Herrn Lehrer Orth, dem rührigen Dirigenten beß Vereins, würbe ein prächtiger Tactstock überreicht. Herr Beigeordneter Köhler sprach bann im Namen ber Stabt den „Melomanen" die Glückwünsche Darmstadts aus, bann folgten noch zahllose Beglückwünschungen unb bie Uebergabe einer Menge von Geschenken hiesiger unb auswärtiger Gesangvereine. Nachbem bann noch bie Ernennung einer Anzahl von Ehrenmitgliebern mitgetheilt worben war, trennte sich bie Versammlung. Mittags fanb ein großes Festconcert unter Mitwirkung auswärtiger Solisten statt, bas der Leistungsfähigkeit des Vereins ein schönes Zeugniß ausstellte. Ein Festball am Abend fehlte auch nicht und endlich fand man sich auch noch am Montag auf dem „Heiligen Kreuzberg" zu einer frohen Nachfeier zusammen. So verlief das fünfzigjährige Stiftungsfest ber „Melomanen" glänzend unb bürste jebem Teilnehmer auf lange Jahre hinaus im Gebächtniß bleiben. Die Darmstäbter Preffe verfolgte bas Fest mit größter Aufmerksamkeit unb widmete den einzelnen Veranstaltungen besondere Berichte. Wir haben hier natürlich nur das auch für auswärtige Leser Interessante angeführt.
Das wichtigste Ereigniß, das Darmstadt in der nächsten Zeit bevorfteht, ist die für Montag angesagte Ankunft Kaiser Wilhelms. Ein ganz genaues Programm für den nur eintägigen Besuch ist noch nicht veröffentlicht. Jedenfalls ist Mittags große Galatafel und am Abend soll im Hoftheater eine Festvorstellung stattfinden. Man hat dazu den neu infeenirten ersten Act von Wagners „Lohengrin" und Sardous „Madame Sans-Gene" gewählt. Beide Vorstellungen geben den besten Kräften unserer Hofbühne Gelegenheit, ihr Können zu zeigen. Ueber den Besuch deS Kaisers soll unser nächster Brief eingehender berichten.
Im Kunstleben steht uns am Samstag die Eröffnung unserer Instrumental- Coucertsaison durch das berühmte
Orchester des Scalatheaters in Mailand bevor. Der Capelle geht ein ganz ausgezeichneter Ruf voraus und das Programm ist sehr gut zusammengestellt, unter Anderem werden die italienischen Künstler auch Wagners Tannhäuser-Ouvertüre spielen. Die Hofmusikconcrrte sind nun auch angekiindigt, sie finden wiederum im Hoftheater statt, voraussichtlich unter demselben enormen Zudrang, wie in den beiden letzten Jahren. Als Solisten sind Kräfte allerersten Ranges verpflichtet worden. Der Mozartverein beginnt seine Thätigkeit am 3. November. In seinem ersten Winterconcerte wirkt Frl. Charlotte Huhn von Köln mit, bie beim Musikfest solch riesige Triumphe feiern burfte. Im Hoftheater hat es neuerdings auch wieder einige Neuengagements gegeben. Als Baß-Buffo ist Herr Großer vom Hamburger Stadttheater vom nächsten Jahre an verpflichtet worden und in den letzten Tagen meldeten die Zeitungen, daß Herr Gerharts von Brünn nach seinem erfolgreichen Gastspiel als zweiter Heldentenor engagirt worden ist. Demnächst kommt Frau Sigried Arnoldsen, um an drei Abenden zu gaftiren.
Die Residenz des Großherzoglichen Paares ist seit Dienstag wieder hierher verlegt worden. Der Großherzog und seine junge Gemahlin fahren häufig durch die Straßen der Stadt unb erscheinen Abends öfters in ihrer Loge im Hoftheater.
Die Vereinsjubiläum ssetern nehmen in unserer Stadt kein Ende mehr. Schon verbreitet sich die Nachricht, daß im künftigen Frühjahre die Section „Darmstadt" des Deutsch-österreichischen Alpenvereins ihr 25jähriges Stiftungsfest mit besonderem Glanze begehen will. Sogar ein Programm soll schon entworfen sein und verschiedene Ausschüsse werden für besten prompte Innehaltung unb Erledigung sorgen, Die Festlichkeiten sollen sich auf zwei Tage erstrecken.
Zur großen Freube ber Bewohner bes sogen, „neuen StabtviertelS" geht nun auch bie Johanniskirche auf bem Wilhelmsplatz rasch ihrer Bollenbung entgegen unb die ursprünglich für daS Gustav-Adolf Fest anberaumte feierliche Einweihung kann nun bald begangen werden. Die neue Kirche ist entschieden eines ber schönsten Gebäube unserer Stabt unb bas architektonisch schönste Gotteshaus, bas in Darmftabt steht.


