Rr. 188 Zweites Blatt. Dienstag den 14. August
1894
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Vermischte»
* De» Regenschirm wird man künftig bei Nichtgebrauch in der Tasche tragen. So will es wenigstens der Erfinder des stocklosen Regenschirmes, Karl Dürrigl in Wien. Sein Regenschirm besteht aus einem kreisrunden, wasserdichten Stoffstück, in dessen Rand 8, 12, 16, dem betreffenden Kreis» bogen gemäß gekrümmte Reifenstücke so eingenäht find, daß ihr erstes und letztes Drittel frei ist. Soll der Schirm gebraucht werden, so klappt man das zusammengelegte Stoffstück auseinander und verbindet die einzelnen Reifenstücke durch Schieber zu einem steifen Ganzen. In diesem Zustand stülpt man den Schirm über den Kopf und befestigt ihn',unter dem Kinn durch ein Gummiband, das an zwei im Durch- meffer einander gegenüberliegenden Punkten des Schirms angenäht ist. Daß hierin außer der Ersparniß des Stockes ein Fortschritt zu erkennen wäre, ist nicht einzusehen. Die Befestigung des Schirmes am Kopf ist ebenso unschön, wie unpractisch. Die Sache hat daher bestensalls den Werth einer originellen Idee. Das Auf- und Zuklappen des Schirmes ist zweifellos viel umständlicher als die jetzige Form, und ob der neue Schirm bequemer zu tragen ist, als ein mit Stock versehener, ist doch auch fraglich. Da man ihn naß kaum einziehen kann, würde man gezwungen sein, den Schirm so lange über dem Kopf zu tragen, bis er getrocknet, auch wenn der Regen schon längst aufgehört hat. Die Möglichkeit, einen Andern oder eine Andere mit unter den eigenen Schirm zu nehmen, würde auch ausgeschlossen sein.
* Von Lord Rosse erzählt „The World" eine köstliche Anekdote: Lord Rosse, schreibt das Blatt, ist bekanntlich einer unserer trefflichsten Maschinen-Jngenieure. Jüngst geht er bei einem Spaziergange an einer Fabrik vorbei, in deren Hofranm eine Dampfmaschine arbeitet. Er stellt sich hin und sieht mit gelassener Aufmerksamkeit zu. Plötzlich schüttelt er mit dem Kopse, zieht seine Uhr hervor und blickt nun abwechselnd bald auf die Uhr, bald auf die Maschine. Der Werkmeister kann sich das Benehmen des wildfremden Menschen nicht erklären. „Nun, was gibts denn," fährt er ihn an, „was ist Ihnen denn nicht recht?" — „O," sagt Lord Roffe, „mir ist alles recht. Ich warte nur, bis die Maschine in die Luft fliegt". — „In die Lust, find Sie verrückt, Mensch?" — „Nein, aber wenn noch zehn Minuten mit der gelockerten Schraube gearbeitet wird, fliegt sie gewiß in die Luft." — Der Werkmeister sieht hin, erbleicht und läßt die Maschine stoppen. „Aber zum Teufel," sagt er daun, „warum haben
Sie beim nidt siüher Ihren Mund ausgethan?" — „Well,“ entgegnete der Lord, „warum sollte ich? Ich habe ja noch nie eine Maschine in die Luft fliegen sehen."
♦ Die größte Vari6t6bühne Englands, das Londoner Alhambratheater, schloß seine diesjährige Saison mit einem Deficit von 120,000 Mark. Dabei war das Theater stets überfüllt. Das Deficit ist dem Gastspiele der Aoette Guilbcrt zuzuschreiben, deren Honorar so colossal war, daß die Direction nicht auf die Kosten kommen konnte.
♦ Die größte Uhr der Welt. In Philadelphia ist mit großem Pomp die neue Uhr des Stadthauses enthüllt worden. Sie ist die größte Uhr der Welt. Ihr Zifferblatt hat 10 Meter Durchmesser. Dieses wird die ganze Nacht hindurch electrisch beleuchtet und ist von allen Theilen der Stadt aus sichtbar. Der Minutenzeiger ist 4, der Stundenzeiger 2V2 Meter lang. Die Uhr wiegt 25 Tonnen und wird jeden Tag durch eine Dampfmaschine im Thurme aufgezogen.
* Verplappert. Professor (fragt seine Schüler nach ihrem künftigen Berufe und kommt dabei zum letzten, dem schlechtesten in der Klaffe): „Nun, Maier, was wollen Sie studiren?" — Maier: „Philologie, Herr Profeffor!" — Profeffor: „Was? Philologie? Glauben Sie denn, das PhtlologieExamen sei immer noch so kinderleicht wie zu meiner Zeit?"
• Im Examen. Profeffor: „Was ist das Auge?" — Student: „Das Auge ist — wenn man zu tief hinetnschaut, ist es gefährlich."
Km-wirthschastliche Winke und Rathschlage.
△ Aus Oberhefsen, Mitte August.
vettrLge über «ründüngu«g ««d Zwischenfrrrchtba«.
Im Frühjahre l. I. veröffentlichte der Geh. Ober-Regierungs- Rath Thiel in Berlin eine Schrift, worin nachgewiesen wird, daß Deutschland in der Lage ist, seine »rodfrüchte selber,« erzeugen.
Drei Jahre vorher, also anno 1891, wurde dieser Gedanke bereits im „Gießener Anzeiger" vertreten. Noch deutlicher wird in Nr. 91, drittes Blatt, vom 17. April 1892 gesagt: „durch diese Thatsachen (intensivere Cultur, richtigere Düngung) ist aber auch der Beweis geliefert, datz Deutschland sei« Brodgetreide selbst erzeugen kann (worauf wir im Jahre 1891 wiederholt hindeuteten) sobald nur unsere Landwirthe die Fortschritte der Wissenschaft nicht in träger Ruhe mißachten wollen.^
„In Bezug aus «ründüngung wird bemerkt, daß der kleine Bauer keinen Sack voll Geld nölhig hat, um der Wohlthaten und Vorthelle theilhaflig zu werden. Mit Hülfe seines Creditvereins
kann er das wenige Geld für Wicken, Lupinen, Seradella u. s. w beschaffen und mit Hülfe seines Consumveretnö wild er die Quelle wo das beste Saatgut zu finden ist, schnell entdecken."
An jene Winke und Nathschläge, die wir den Heinen Landwtrthen vor 2«/b Jahren ertheilten, wollen wir beute anknüpfen; wer sie damals befolgte, wird die Vorthetle unterdessen deutlich empfunden haben. Gegenwärtig, d. h. zu Mitte August, ist die Zeit gekommen, al»- bald mit der Einsaat der «rüudüngungspstanzeu zu beginnen. Sobald Korn, Gerste und Wetzen gebunden find, müffm die Stoppeläcker flacl sumgebrochen und die Einsaaten gemacht werden. Einsender hatte dieses Jahr wiederholt die Freude zu sehen, daß dieS unverzüglich befolgt wurde. Daher giebt es Aecker, auf denen die Erbsen bereits aufgegangen und zwei Zoll hoch geworden sind. Die jetzt herrschende feuchtwarme Witterung ist leider für die einzubringende Halmfruchternte recht ungünstig, für die auszustellenden Gruu- düngungspflanzen, für Wiesen und Halmfrüchte aber recht gut (die Kartoffeln könnten warm und trocken brauchen.) Der Bauer mutz daher, wie der Soldat in einem Feldzuge: aus der Noth eine Tugend machen, indem er da, wo es äußerst geht, ackert und säet, er darf dem Boden feine Ruhe lassen.
Man hat nun in Oberhessen eine besondere Steigung für Erbsen als Zwtschencultur und GründüngungSpflanze. Dies erklärt sich dadurch, daß die Erbse schon seit längeren Jahren angebaut wird und bekannt ist. Dagegen läßt sich nichts sagen. Es giebt aber noch andere Pflanzen, welche ebenso gut gedeihen, die gleich Futtermaffen liefern, in Betreff der Düngung dasselbe leisten, aber die Erbsen in Bezug auf Milchergtebigkeit noch um ein Erkleckliches übertreffen. Dies ist der gelbe Senfr sinapis alba. Er ist umgemein schnellwüchsig, das Vieh frißt ihn sehr gerne, die Milchsekretion wird dadurch gefördert und die Butter nimmt davon eine sehr hübsche gelbe Farbe an.
In einem vor mehreren Jahren, ebenfalls im „Gießener Sta» zeiger" veröffentlichten Aufsatze wiesen wir darauf hin, daß es sich sehr empfehle, Mischsaaten zu machen, weil diese dem Ungeziefer und der Ungunst der Witterung viel besser widerstünden als Reinsaaten. Wir können dies heute entschieden befürworten und den Erfolg von Neuem bestätigen. Man hat Da und dort vereinzelte Versuche mit gelbem Senf gemacht, die nicht glänzend ausfielen. Man fäe gelbe Lupine« dazwischen und wird mit dem Erfolge sehr zufrieden sein. Daneben bemerken wir, daß die Lupine sehr gerne von Schafen aufgenommen wird. Wir haben in verschiedenen Gegenden unserer Provinz nicht unbedeutende Schasheerden. denen dieses Futtermittel jedenfalls trefflich zu statten fomnten wird.
In leichteren, sandigen Böden emfiehlt sich die Einsaat von Wicken, denen etwas Hafer beigemischt wird, wenn die Pflanzen als Futterstoffe die hauptsächlichste Verwendung finden sollen.
Die Futterstoffe sind diese« Jahr reichlich gediehen und versprechen noch bessere Erträge. Trotzdem empfehlen wir Vorsicht. Mit Vielem hält man Haus, mit Wenigem kommt man aus", sagt ein Sprichwort. Wenn wir im August, wie es den Anschein hat, nasses Wetter behalten, giebt es schlechte theuere Spätkartoffeln und Dadurch einen starken Futterausfall. Die nächsten 14 Tage müssen dies ausweisen. Warten wir also ab, wie es sich macht und richten wir un« darnach mit dem Futter.
(Schluß folgt.)
Feuilleton.
Die Erdbeben in dem griechischen Meer.
Von Heinrich Becker, Frankfurt a. M.
I. In alter Zeit.
II. In neuer Zeit.
(Nachdruck untersagt.)
I.
Die Wiffenschaft hat die Ursachen der Erdbeben noch nicht ergründet. Man behilft sich deßhalb mit der Erklärung einzelner Vorgänge. Einige Erdbeben glaubt man durch den Einsturz großer Höhlen zu erklären, die besonders in dem Kalkstein, Dolomit und Gyps entstehen. Das Mittelmeer ist rings von Kalkstein umlagert, der als Korallenoder Muschelbau an den vulcanischen Granit- und Porphyrfelsen emporwuchs. Das Meer hatte schon den Korallenwald durchströmt und die Höhlen vorgebildet. Als die Felsen an die Luft traten, trof der Regen in die Klüfte, spaltete sie; die Kohlensäure im Master zehrte den Kalk auf und half an der steten Aushöhlung der Berge.
Andere Bedungen findet man im Zusammenhang mit Vulcanen. Von diesen weiß man, daß die meisten im Meere oder an der Küste liegen (von 400, welche man auf der Erde kennt, find 96 pCt. an der Küste, nur 4 pCt. bis zu 10 Meilen davon entfernt). Die heute im Mittelmeer noch thätigen — Sant Orini, Stromboli, Vesuv und Aetna — liegen in oder an dem Meer, d. h. sie strecken ihren Fuß bis weit in daS Meer hinab. Wo die bekannten Vulcane nicht die nächste Ursache boten, fand man solche Vorgänge, wie sie nur bet Vulcan-Ausbrüchen sich zeigen: es waren unbekannte vulcanische Kräfte thätig.
Wo man die Vulcane nicht sah, griff man zu anderer Erklärung. Einige Naturforscher wollen die Ursache in dem Feuer ball finden, aus dem die innere Erde bestünde. Man spricht vom Erkalten der Erdrinde, bet dem die Erde unter Zucken und Beben deS Erdkörpers einschruwpfe. Wieder andere wollen aus der Umwandlung und Aufquellung ein
zelner Gesteine einen mächtigen Druck erklären, welcher die Oberfläche „verwerfe", Riffe und Spalten hervorbringe und den Boden weithin erzittern mache. Bevor wir indeß eine Entscheidung geben, wollen wir die Thatsachen reden lasten und zu diesem Zwecke die Erdbeben und vulcanischen Ausbrüche an dem griechischen Meer, von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, vorüberztehen lasten.*)
Die ganze Ostküste des syrischen Meeres ist von Jurakalk und Kreidefelsen bekränzt, die an den Granitstock deS Sinai und Libanon sich lagerten. Das Gebirg von Juda ist von Hunderten und Tausenden von Höhlen durchzogen. Der Berg Quarantana (in dem Jesus sich 40 Tage lang aufgehalten haben soll) zählt allein ein paar hundert,- der Berg Karmel (zu dem Elias öfter flüchtete) mehrere tausend solcher Höhlen. Biele find so groß, daß sie den Menschen zu Grabstätten dienten - andere vermögen ganze Familien sammt ihrem Vieh zu herbergen- wieder andere — wie die Höhle zu Rinnom, in welche die verfolgten Jamini, und die zu Adullam, in welcher David mit 400 Mann Monde lang sich. vor seinen Verfolgern sichern konnte — find domhoch und weit ausgedehnt- sie mesten mehrere tausend Schritt in der Länge.
Hier können, wenn fie in der Windrichtung liegen, schon die Stürme einen Einsturz bewirken. Moses erzählte von der Bebung des Sinai, als das Gewitter vom rothen Meere heraufzog (der Samun) und den Berg erschütterte. Elias erzählt das Gleiche vom Horeb. In neuer Zeit (1833) hat Alphonse de Lamartina gesehen, wie bei einem siebentägigen Wettersturm Felstrümmer und ganze Felsen von dem Libanon herabflogen.
Von Jerusalem wird am Todestage von Jesus ein Erdbeben gemeldet. Es zerriß die Wand, welche das Heilige und Allerheiligste trennte, sammt dem Vorhang, der das Heiligthum verhüllte. Auch von der Tempelweihe des Salomo wird erzählt, das Haus füllte sich plötzlich mit einer Wolke.
*) Wir nennen „griechisches Meer" das ganze Ostbecken
von dem Miiteimeer, weil es von Alexander dem Großen bis zu den Scleukiden und Ptolemäern von Griechen beherrscht war — im Gegensatz zu dem Westbecken, das tmBesitze der Römer war.
Spätere Untersuchung fand eine Höhle unter der Tempelstätte. Hesekiel spricht sogar von einer Quelle, die unter dem Tempel hervorquoll. Im Jahre 1868 fand dann Lieutenant Cameron wirklich einen Höhlengang- er führte vom Tempelberg bis hinunter zum Sprudel Gihon, in dem Salomo vor seiner Krönung gebadet wurde.*)
Könnte man in ähnlicher Weise den Höhlen nachgehen, dann würde man den Grund der Aushöhlung, das Master, und die Ursache der Bebung, die Explosion von Master- dämpfen, wie den Einsturz von Gewölben sehr bald heraus- finden. So können wir nur von bekannten auf unbekannte Thatsachen schließen.
Das Land im Norden vom Libanon ward von den Griechen Koily-Syria (Coele-Syria) genannt. Man nannte speziell die Gegend zwischen Libanon und Antilibanon so, die Ebene von Heliopolis (Balbek) und das Thal des Orontes. Der Geograph Ptolemäus zählt aber Damaskus und Palmyra, wie ganz Palästina bis nach Aegypten und dem Meerbusen von Akaba dazu. Denn das Wort heißt „die hohlen Erdklüfte".**)
An der Mündung des Orontes lag die Stadt Epidaphne (am Lorbeer-Haine), später von den Seleukiden Antior hia genannt. Zur Römerzeit eine halbe Million Menschen zählend, nach Christus von den Persern, dann von Sarazenen verwüstet. Mehr als von rohen Horden, wurde sie aber von Erdbeben zerstört, denn diese verscheuchten die Menschen. Im vorigen Jahrhundert ein unbedeutendes Städtchen, heute kaum 17—18,000 Einwohner.
*) Der Teich Bethenda ward zu Jesus Zeit täglich einige Mal von dem „Engel des Herrn" bewegt. Heutige Untersuchung sand, daß die Quelle im Frühjahr (nach Dem Winterregen) täglich viermal, im Sommer (nach Der Dürre) nur 1—2mal täglich anwuchs.
**) Vom gritch. „koiloa“ — „hohl" — und „syrinx* — die „Erdkluft".
(Fortsetzung folge.)


