Ausgabe 
11.11.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 265 Zweites Blatt. Sonntag den 11. November .1894

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Amtlicher Theil.

Herr Obstbautechniker Metz aus Friedberg wird im Monat November an den bezeichneten Tagen folgende Orte behufs Abhaltung von Vorträgen und practifchen Unter­weisungen abhalten. Erstere werden an Wochentagen, Abends 8 Uhr, an Sonntagen Nachmittags 3 Uhr, stattfinden. Die Locale werden von den Großherzoglichen Bürgermeistereien bestimmt. Die practifchen Unterweisungen finden Nachmittags 3 Uhr statt; Zusammenkunft an der Wohnung des Bürgermeisters. Im Jnteresie der Sache ist zahlreiche Betheiligung erwünscht.

Sonntag,

11.

November, in Burkhardsfelden,

Montag,

irr.

Albach,

Dienstag,

13.

Steinbach,

Mittwoch,

14.

Garbenteich,

Sonntag,

18.

Nieder-Bessingen,

Montag,

19.

Ober-Beffingeu,

Dienstag,

20.

Münster,

Sonntag,

25.

Lauter.

Gießen, den 5. November 1894.

Der Vorsitzende des Bezirksvereins Gießen des Oberhefi. Obstbau-Vereins: Dr. Wallau.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Abhaltung von landwicthschaftlichen Vorträgen.

Herr LandwirthschaftSlehrer L e i t h i g e r von Alsfeld wird

1) Sonntag den 18. November l. I., Nach­mittags 2 Uhr, zu Weitershain in der Wirthfchaft des Hrn. Theis über die rationelle Aufzucht des Jungviehes,

2) Sonntag den 2 December l. I., Nachmit­tags 3 Uhr zu Hungen im Solmfer Hof, über Anbau, Sortenwahl, Erndte- und Abfatzverhältniffe der Gerste,

3) Sonntag den 13. Januar 1895, Nachmit­tags 2 Uhr zu Queckboru in der Wirthfchaft des Hrn. Wtlh. Heßler über richtige Bewirthfchaftung des Bauern­gutes einen Vortrag halten.

Zu diesen Vorträgen weroen alle Mitglieder des land- wirthschaftlichen Vereins, sowie alle Freunde der Landwirth- schaft freundlichst eingeladen.

Die Herren Bürgermeister der oben genannten und be­nachbarten Gemeinden werden ergebenst ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlungen hinzuwirken.

Gießen, den 6. November 1894.

Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. Carl Jost.

KrnLwirthschafUiche Winke und Rathschläge.

A ElrrS vberhesse«, im November.

Laudwirthschaftliche Ruck-, Um- und Vorschau.

Viele Monate sind vergangen, seit wir Gelegenheit nahmen, in diesen Blättern Umschau aus landwirthschaftlichem Gebiete, spectell mit Bezug auf die Provinz Oberhessen, zu halten. Es erging unS in dem nun zu Ende gehenden Jahre ähnlich wie in 1893, nämlich: der Sommer mit seinen außergewöhnlichen Witterungs- verhältntssen stellte so unverhältnißmäßtg große Ansprüche an die Zett und die Kräfte des Berichterstatters, daß die Schreibtisch- und die Federarbeit völlig zurückgedrängt wurde. Der Herbst war fast noch schlechter als der Sommer; die Mühseligkeiten und Quälereien wurden größer als je, wer mochte sich da mit Schreibwerk befasien. Noch ist die Feldarbeit nicht zu Ende, wir wollen aber trotzdem nunmehr Umschau halten, denn des Interessanten und Wichtigen ist manches vorhanden.

Die verstrichenen zehn^ Monate des Jahres 1894 haben alle Neigung zu außergewöhnlichen Wttterungserscheinungen ge­zeigt. Letztere treten seit einer Reihe von Jahren auf und eS er­scheint fast, als wolle sich das letzte Jahrzehnt des neunzehnten Jahr­hunderts auch in meteorologischer Hinsicht dem jetzt lebenden Menschen­geschlechte ganz besonders einprägen. Wir erinnern als Beispiele nur an die beiden dürren, beißen Jahre 1892 und 1893, und diesen gegenüber an die sehr nassen Jahre 1891 und 1894, welche die dürre, beiße Zeit gleichsam einrahmen.

So sehr es zu beklagen ist, daß diese 4 Jahre recht ungünstig für die Landwtrthschaft ausgefallen sind, so haben sie doch auch manches Gute gebracht, welches den nachkommenden Geschlechtern, wenn sie die gemachten Erfahrungen zu benützen verstehen, zum Vortheil ausschlagen muß. Man muß das Gute nehmen, wo man es findet, sagt ein moderner Staatsmann. Die nasien Jahre haben z. B. manchen Bauer gezwungen, eine vortheilbaftere Methode in Bezug auf die Einbringung der Halmfrüchte, des Klee- und Wiesen­heues in Anwendung zu bringen. Schon vor Jahren wiesen wir darauf hin, es half aber nichts, der kleine Bauer geht nicht eher aus seiner alten Methode heraus, bis er durch dte Noth dazu gezwungen wird. Jetzt hat er die bessere Methode kennen gelernt und er wird sie beibehalten. Die dürre, heiße Zett lehrte eine Menge gute Futterkräuter, die fleißigere Benutzung der Zwischenculturen, den Werth des Wassers, die Be- und Entwässerung der Grundstücke kennen und schätzen und das wird seine guten Früchte tragen. Im Vogelsberge können noch großartige Verbesserungen hinsichtlich der Wasserwirthschaft vorgenommen werden, denn dort find kaum die

ersten Anfänge gemacht. DaS Jahr 1893 hat sehr deutlich gezeigt, welche großen Verluste entstehen, wenn der Wasserretchthum des Ge­birges sich selbst überlassen bleibt und keine Vorsorge für dürre Jahre getroffen wird. Diese Lehren wird man fich merken und daraus darf Gutes erwartet werden.

Der Obfireichthum der beiden Jahrgänge 1893 und 1894 zeigte uns so recht die mangelhasten Einrichtungen in Bezug a«s richtige Derwerthung deS Obstes. In diesen Jahren ging ein be­deutender Procentsatz des gewachsenen ObsteS um deswillen -» Grunde, weil die Leute immer noch nicht das richtige Verständniß für die Anwendung und den Verbrauch der Gottesgabe besitzen. SS muß in diesem Punkte noch bedeutend bester werden, als eS seither gewesen ist. Durch die Handelsverträge ist der Körnerba« in Deutschland unlohnend geworden, das muß sich der kleine Bauer sehr deutlich sagen; wahrscheinlich flnlen die Fruchtpreise noch tiefer als sie bereits sind. Ersatz kann durch vermehrten Obstbau geleistet werden, denn viele Thetle der Provinz Oberhessen eignen sich ganz vortrefflich für Obstcultur. Die Regierung geht in dieser Beziehung mit gutem Beispiele voran, waS viele Land- wirthe zur Nacheiferung veranlaßt. Es werden Eurse für Obst­baumwärter abgehalten; die Techniker halten Vorträge, bringe» junge Bäume mit und zeigen daran, wie Krone und Wurzeln der jungen Stämmchen behandelt werden müsten. Das ist alles fehr gut, reicht aber noch nicht hin, denn die natürliche Trägheit und Bequemlichkeit der meisten Leute stellt sich dem guten Neuen immer noch zu hartnäckig entgegen. Die Producenten find fich noch zu unklar über die zu bauenden Sorten, manche recht lohnende Obst­arten werden ganz auSgerottet, weil sie einige Jahre unergiebig waren. AlS Beispiel mag der Nußbaum gelten. Auf guten Aeckern und da wo andere Obstbäume besseres leisten, soll man den Nuß- baum weglassen. Es gibt aber Grundstücke, besonders solche, die an Abhängen liegen und nicht viel eintragen ober mühsam zu be­bauen sind, wo der Nußbaum sehr an seinem Platze ist.

Wie bereits angebeutet, sind unsere kleinen Landwirtbe noch in der Kenntniß der brauchbarsten am meisten begehrten Obstsorte» zurück. Auch in dieser Beziehung wird für Belehrung und Unter­richt gesorgt. Recht mangelhaft steht eS mit dem Verpacken deS ausgesuchten Tafelobstes aus. Es kommt nicht selten vor, daß schönes Obst wegen mangelhafter Verpackung in übelem Zu­stande bei dem Käufer eintrifit, der bann die Annahme verweigert, ober wenn er es annimmt, Abzüge wegen bet beschäbigten Exem­plare macht. Das ist ihm nicht übel zu nehmen, benn er leidet Schaden durch die schlechte Verpackung. Der Verkäufer leidet eben­falls Schaden, weil er die Sache nicht versteht, also werden beide Thetle geschädigt. Belehrung über Obstverpackung wäre sehr er­wünscht, denn sie ist fast noch weniger bekannt, als der Obstbau selbst. Am Brechobst aber kann mehr Geld verdient werde», be­sonders durch den kleinen Landwirth, dem Zeit bleibt, die sorg­fältige Aussortirung vorzunehmen, als am Kelterobste.

Mit den hier vorgefübrten Punkten wollen wir heute schließen. Wir werden Gelegenheit finden, noch verschiedene andere Gegenstände zu behandeln und dem kleinen Landwirthe vorzuführen, der fich wohl Einiges davon merkt.

Feuilleton.

Wochenbrirfe aus der Residenz.

(Originalbericht deSGießener Anzeiger".)

Z. Darmstadt, 9. November.

Bo« Hose. Ans dem Kuustlebeu. Sportliches. Allerlei.

Seitdem die Trauernachricht von dem Hin scheiden des russischen Kaisers hier eingetroffen, ist eS am Darmstädter Hofe recht still geworden. Das Großherzogliche Paar, daS sich mit seinem Besuche, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, in den Vorstellungen im Hoftheater, sowie in Concerten häufig zeigte, hält sich nun von allen öffentlichen Veranstaltungen zurück, bis die Hoftrauer, die noch bis zum 29. d. Mts. läuft, beendet sein wird. Zur Beisetzung des Czaren in Petersburg fährt der Großherzog zusammen mit dem Prinzen Heinrich, da aber der Termin dieser Beisetzung noch nicht endgültig feftfteht, so ist auch noch nicht bekannt, wann die Abreise der hohen Herrschaften erfolgen wird, doch hört man vielfach den 14. d. Mts. als Tag der Abreise nennen. Mit größtem Jntereffe verfolgt man natürlich in Darmstadt die Nachrichten, die aus Rußland über die Prinzessin Alix eintreffen. DaS junge Fürstenkind, das unter so traurigen Verhältntffen in ihre neue Heimath eingezogen ist, besitzt hier die Herzen von Alt und Jung in allen Kreisen der Bevölkerung und alle Wünsche gehen dahin, daß ihr als Herrscherin eines gewaltigen Reiches eine glückliche Zukunft beschieden sein möge.

Auch im K u n st l e b e n hat die Todesnachricht aus Rußland hemmend gewirkt. Am vergangenen Donnerstag sollte Humperdincks reizendes Märch^nspielHänsel und Gretel" im Hoftheater aufgeführt werden, doch mußte die Vorstellung auf Allerhöchsten Befehl abgesagt werden.

Auch dieHans Sachs-Feier" am Sonntag ist leider zu Nichte geworden; die Erkrankung des Vertreters des Walther Stolzing verhinderte die Aufführung von Wagners Meistersingern", die jedoch hoffentlich bald nachgeholt wird.

Mit einem WohlthätigkeitScoucert eröffnete der Manner­

chorHumanitas" am Montag seine Winterthätigkeit und errang damit gleich wieder einen großen Erfolg. Frau Pfeiffer-Rtßmann und deren Gatte, Capellmeister Pfeiffer, waren die Solisten des Abends und fanden reichen Beifall. Des Kaisers (SompojttionSang an Aegir" wurde dem Publikum durch dieHurnanitaS" zuerst bekannt und wurde lebhaft applaudtrt.

Am Dienstag veranstaltete der Mozartverein ein großes Concert, wo Frl. Charlotte Huhn auS Köln, vom Mufikseft her noch wohlbekannt, als Liedersängerin Triumphe feierte. Auch an diesem Abend wurde derSang an Aegir" aufgesührt.

Im Hoftheater fand am selben Abend die erste Aufführung von SudermannsHeimath" statt. Das Stück war zwar schon vor zwei Jahren im Sommertheater gegeben worden, jedoch dem größeren Theil des Publikums noch nicht bekannt. Sein Erfolg war ein entschiedener, zumal die ersten Shäfte unserer Bühne mitwirkten.

So ist dieSaison" denn in vollem Gange, ein Concert folgt dem andern. Auch Frau Matz-Langsdorfs, die früher in Gießen wohnte, hat am Mittwoch in einem geistlichen Concert ihr großes Können gezeigt. Eine künstlerische Ver­anstaltung zu wohlthätigem Zweck plant ein Damencomitv für den 5. December- es soll eine musikalisch-dramatische Aufführung stattfinden und dieser ein Bazar folgen. Endlich steht noch für diese Woche ein Concert zum Besten der Barmherzigen Schwesternfttftung und ein großes geistliches Concert des Mozartvereins zum Besten der Johanniskirche, in Aussicht.

Der Eintritt der herbstlichen Jahreszeit hat seit Kurzem wieder ein in Darmstadt eifrig gepflegtes sportliches Vergnügen neu belebt, die Parforcejagden. Alle Samstag ver­sammeln fich die flottesten Reiter der Darmstädter und der benachbarten Garnisonen aus dem Exercierplatz und von da aus beginnt der scharfe Ritt, der bald einer sogen.Schlepp­jagd", bald einerSchnitzeljagd" oder einem ähnlichen Sportsvergnügen gilt. Ziel ist meistens das hübsche Jagd- schloß Kranichstein, wo fich immer ein zahlreiches Publikum zum Halali etnfindet. Der hessische Reiterverein arrangirt

diese Rennen meistentheils, und wie beliebt sie find, beweist die zahlreiche Betheiligung der SportSfreunde.

DaS akademische Leben ist in Darmstadt nun auch wieder erwacht. Das Semester der Technischen Hochschule hat begonnen und der Zudrang zur Jmmatriculatiou war wiederum so groß, daß die Räume deS alten Gebäudes am Kapellplatz nicht außreichten und viele Vorlesungen getheilt werden mußten. Schlagender kann die Nothwendigkeit eines Neubaues für unsere einheimische Hochschule wohl nicht bewiesen werden und mit großem Stolz sieht daher jeder Darmstädter auf den schmucken Coloffalbau im Herrengarten, der schon im nächsten Frühjahre seiner Bestimmung wird übergeben werden können. DaS studentische Leben blüht immer mehr auf und auch was die Zahl der Corporationen anlangt, kann fich die Darmstädter Technische Hochschule jetzt mit mancher Universität meffen. Ist der neue Bau erst einmal seiner Bestimmung übergeben, dann wird der Auf­schwung des ehemaligenPolytechnikums" sicherlich noch zunehmen. Uebrigens scheint es noch ungewiß, welche Be­stimmung daS alte Gebäude der Technischen Hochschule erhalten soll, jedenfalls dürfte eS als Lehrgebäude bestehen bleiben.

Ein originelles Darmstädter Fest soll demnächst nach langer Pause wieder einmal gefeiert werden. Eine Zeitungs­notiz meldete kürzlich, daß das früher oft veranstaltete Judith fest wieder aufleben soll. Es ist dies ein Fest, daS ausschließlich von jüngeren Staatsbeamten arrangirt wirb und das sich in srüheren Jahren großer Beliebtheit erfreute. Einstweilen wurde nur bekannt gemacht, daß auch für dieses Jahr die Aufführung eines humoristischen Festspiels gesichert ist und daß die ganze Veranstaltung im Anfang deS Monats December stattfinden soll.

Endlich sei für heute noch mitgetheilt, daß für dcn heutigen Freitag auch wieder einmal eine große politische Versammlung angekündigt ist. Der Reichstagsabgeordnete Liebermann von Sonnenberg wird auf Veranlaffung deS hiesigen deutschen Reformvereins einen politischen Vortrag halten.