Ausgabe 
10.10.1894 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

1894

9lt. 237 Zweites Blatt. Mittwoch dm 10 October

rlints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren

Hratisbeikage: chießener Kamitie«ötätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de, folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

ein Gesetz vorbereitet und durchgeführt werden, welches unter Vermeidung ungerechtfertigter Härten die empfindlichen socialen Schäden thunlichst beseitigt, welche insbesondere den gewerbthäligen Mittelstand durch die Auswüchse des Hausir- wesens treffen. Wie man vernimmt, soll denn auch die signalisirte Vorlage in diesem Sinne gehalten sein, und zwar unter Anlehnung an einen bereits 1892 im Bundesrathe eingebrachten Antrag Bayerns: Es ist hiernach eine Be­schränkung der Thätigkeit der Detailreisenden in Bezug auf den Kundenbesuch geplant, weiter sollen die an einem Orte ansässigen Hausirer innerhalb ihres Wohnbezirkes einer ge­wissen behördlichen Beaufsichtigung unterliegen und endlich soll von der Verwaltungsbehörde jedes Bezirkes festgestellt werden, ob und in welchem Umfange im Bezirke ein Bedürfnih für das Wandergewerbe vorhanden ist. Jeden­falls wäre es bei dem Interesse, welches die schwebende Frage auch für weitere Kreise besitzt, recht wünschenswerth, wenn der projectirte Entwurf über die Einschränkung des Hausirgewerbes wenigstens in seinen Grundzügen thunlichst bald bekannt gegeben werden würde. Denn gerade einer solchen Materie könnte eine Erörterung in der Oeffentlich- keit vor der parlamentarischen Behandlung des betrefienden Entwurfes durchaus nichts schaden.

Die Beschränkung des Hausirhandels.

Dem Reichstage soll in seiner kommenden Session be­kanntlich u. A. auch eine Vorlage über die Einschränkung des Haufirwesens, soweit letzteres das seßhafte Gewerbe schädigt, unterbreitet werden. Die verbündeten Regierungen würden mit einem solchen Vorgehen gewiß nicht nur die Unterstützung der großen Mehrheit des Reichstages, sondern auch die Zustimmung weiter Bevölkerungskreise finden, denn fast überall wird über die mehr und mehr hervortretenden Auswüchse des Hausirhandels geklagt. Es ist nicht im min­desten fraglich, daß dem seßhaften Kaufmann und Handwerker durch die umherziehenden Krämer eine gefährliche Concurrenz bereitet wird, da dieselben ja gewöhnlich viel billigere Preise für ihre Maaren zu stellen pflegen, als dies der solide Ge- schästsmann zu thun vermag. Freilich erfolgt diese Unter­bietung des letzteren seitens seines wandernden Concurrenten nur aflzuhäufig auf Kosten der Qualität der Maaren des Hausirhandels, so daß der Wettbewerb der Wanderkrämer vielfach zugleich eine directe Schädigung des consumirenden Publikums bedeutet, und es müßte darum auch aus diesem Grunde einer gesetzlichen Beschränkung des Hausirgewerbes das Wort geredet werden. Anderseits läßt sich aber auch nicht bestreiten, daß in vielen ländlichen Gegenden die Be­völkerung geradezu auf den Hausirer angewiesen ist, während eS außerdem zu bedenken gilt, daß zahlreiche Ex-stenzen auf dem Hausirhandel beruhen, und zweifellos würden dieselben durch ein übertrieben scharfes Gesetz gegen das Hausirwesen meistens vernichtet werden.

Die ganze Frage bietet nach verschiedenen Richtungen hin recht erhebliche Schwierigkeiten dar, welche es begreiflich erscheinen lassen, wenn man regierungsseitig bislang über Borerhebungen in dieser Angelegenheit noch nicht hmaus- gekommen ist. Dennoch thut eben eine Bekämpfung der Schäden des Hausirwesens dringend noth, es muß endlich

die siebzig besieren Opernbühnen Deutschlands durchschnittlich fünf bis acht Solistinnen. Auf jede dieser Stellen warten etwa 30 ausgebildete Sängerinnen. Unter diesen Solistinnen sind immer mehrere sogen. Novizen, d. h. sie bekommen kein Gehalt. Das Theater eines unserer Hansestädte zum Bei­spiel hat unter den neun Sängerinnen fünf Novizen. DaS Anfangsgehalt wird den Sängerinnen auf 120 Mark monatlich angegeben, jedoch mit Vorbehalt der Kündigung, wenn die Leistungen den Erwartungen nicht entsprechen. Von dieser Klausel wird in der Regel Gebrauch gemacht. Der Director oder häufiger sein Vertrauensmann erscheint in kürzester Frist bei der Sängerin, bedauert, daß fie den Erwartungen nicht entsprochen habe, stellt die Kündigung in Aussicht, ist aber so gütig, zu erklären, um das halbe Gehalt die Sängerin noch behalten zu wollen. Natürlich geht die Aermste auf Alles ein. Von den nunmehrigen 60 Mark muß sie aber mit Ausnahme von ein paar der größten Bühnen noch ihre Bühnengarderobe bestreiten. Eine routinirte Sängerin erhält mit der gleichen Verpflichtung in der Regel nicht über 300 Mark. Fast noch schlimmer steht es mit den Concertsängerinnen. Nach Beendigung ihres Studiums heißt es zunächst, ein Concert geben. Hat sie nicht großen An­hang, so kostet das mehrere hundert Mark. Im zweiten Jahre verschafft ihr dann wohl der Agent, der das erste Concert vorbereitet hatte, irgend ein auswärtiges Engagement für ein Concert. Das Gold aber, das hier aus ihrer Kehle springt, geht, nach Abzug der Kosten, selten über eine Doppel­krone hinaus. Was Wunder, daß viele der jungen Mädchen, des Hungerns überdrüssig, in den verachteten Tingel-Tangel hinuntersteigen, dessen Gehälter ja vielfach besser find. Günstiger steht es in Norddeutschland mit der Bewerthung der Männerstimmen, aber aus dem merkwürdigen Umstand, daß solche hier selten sind. Auf zwanzig gute Frauen­stimmen kommt hier durchschnittlich nur eine gute Männer­stimme.

Vierteljähriger Abonnemcatsprei«: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringedotjn.

Durch die Poft bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schutgraße Zlr.7.

Fernsprecher 51.

Dermifd?tes»

Stettin, 7. October. Bei dem in Stolp in Garnison stehenden Husaren-Regiment Fürst Blücher von Wahlstatt (Pommersches) Nr. 5 ist der seltene Fall zu verzeichnen, daß dasselbe seinen gesammten Recrutenbedars durch Dreijährig- Freiwillige gedeckt hat, es sind am 1. October 190 Mann eingestellt worden.

* Vom modernen Sängerinneu-Eleud gab in der letzten Sitzung des Berliner Mufiklehrer Vereins Herr Oscar Eich- berg einen recht betrübenden Aufschluß. Danach verwenden

Feuilleton.

Völlinghausen bei Soest.

Reisebrief.

(Ein Erholungshaus und Ferienheim für Frauen aller Stände, unter dem Proteclorat der Kaiserin Friedrich.)

Von Jahr zu Jahr mehren sich die Bestrebungen, welche auf Errichtung von Ferienheims und Erholungshäusern bedacht sind- ein Blick in die verschiedenen Frauen- und Hausfrauen­zeitungen kann uns zur Genüge davon überzeugen.

Einen ganz eigenen Character dürfte nun wohl das jetzt fünf Jahre bestehende Erholungshaus zu Völling­hausen a. d. Möhne bei Soest in Westfalen tragen und elUft schon der Mühe werth, die Existenz und Beschaffen­heit dieser Stiftung, welche bisher hauptsächlich Fachorgane wie dieLehrerin" beschäftigt hat, zur näheren Kenntniß weiterer Kreise zu bringen.MW ßfej

Das Protektorat über das Völlinghauser Heim hat Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich in der schweren, drang­vollen Zeit des Frühjahrs 1888 angetreten und trotzdem ein volles, intensives Jntereffe für das Unternehmen an den Tag gelegt, ein Interesse, das sich nicht nur mit der Zeichnung sehr bedeutender Beiträge aus der Privatschatulle begnügte, sondern liebevoll jedes Stadium der Entwicklung verfolgte und dem ganzen Bau und Einrichtungsplan größte Aufmerk­samkeit zuwandte. Dank dieser hohen Gunst und infolge der kräftigen Initiativ- des Comitss nahm das Werk einen über alles Erwarten raschen Fortgang. Der nur aus privaten Gaben und dem Ertrag von Concerten, Vorstellungen und Vorträgen gebildete Fond erreichte sehr bald eine Höhe, die es gestattete, den Bau in Angriff zu nehmen, umsomehr als ein Architect sich fand, der denselben umsonst leitete.

Das Erholungshaus erhebt sich innerhalb des aus­gedehnten Gütercomplexes des Königl. Kammerherrn und* Landraths von Bockum-Dolffs in Soest, der das Grund­stück zu diesem Zweck geschenkt hat. Er und seine Gemahlin kommen allwöchentlich einmal hinaus und erkundigen sich nach dem Stand der Dinge und dem Wohlsein der Insassen. Die aristokratische Liberalität, mit welcher die Bockum-Dolffs ihres Auffichtsamts walten, erstreckt sich bis auf Kleinigkeiten. So hat man Sorge dafür getragen, die in der Nachbarschaft liegenden Gebäude an Beamte des Landraths zu geben, auf daß in der Nähe des ErholungShauses keine unliebsamen Elemente sich ansiedeln können.

Von der Poststation führt ein eigens für die Bewohner des Ferienheims, um diesen den Umweg durchs Dorf zu ersparen, angelegter Serpentinenweg in 15 Minuten zu dem

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Der Hltßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MonlagS.

Die Gießener Pa mtkiendtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

auf einer Anhöhe gelegenen stattlichen Erholungshause, das sich in seinem, aus den benachbarten Brüchen gewonnenen, graurothen Sandstein wie ein Schloß präsentirt.

Das Dorf Völlinghausen liegt am SÜdabhange der Haar, am Möhnefluß, in einer staubfreien, nervenstärkenden Bergluft.

Dicht an das Heim stoßen ausgedehnte Eichen- und Buchenwälder. Unmittelbar vom Hause bis zur Chaussee zieht sich ein Fichtenwäldchen, das auch bei Regenwetter zu Promenaden benutzt werden kann. Der reiche Ozongehalt, sowie die hier ausgestellten Ruhebänke, ein Geschenk des Arztes des Heims, macht dasselbe zu einem beliebten Aufent­haltsort. Von den Fenstern der Front aus taucht das Auge in das grüne Dickicht des Arnsberger Waldes, dem Felder und saftige Wiesen vorgelagert sind, durch welche der Möhne- fluß lebhaft dahineilt.

Das Erholungshaus besteht aus einem Souterrcun und zwei Etagen. Eine breite, mit Topfgewächsen geschmackvoll becorirte Veranda mit Glasabschluß zieht sich an der einen Längsseite hin. Im Souterrain befinden sich, außer Küche und Speisekammer, ein comfortabel eingerichteter Speisesaal, der im Winter das Heim ist das ganze Jahr hindurch geöffnet durch zwei große Amerikaner Oesen erwärmt wird.

In der ersten Etage liegen nach vorn zu die gemein­schaftlichen Wohnräume, ausgezeichnet durch die Bilder der hohen Protectorin und des regierenden Kaiserpaars. Ein Pianino ist vorhanden, desgleichen ein Harmonium, welches für die Hausandachten dient, an denen sich zu betheiligen Jedem überlassen bleibt, und eine Bibliothek, die alljährlich durch Geschenke bereichert wird. Zeitungen liegen eben­falls auf.

Die Frontzimmer unterscheiden sich von den nach hinten gelegenen nur durch die Aussicht, der hohe, luftige Raum und die Einrichtung ist die nämliche. In jedem Zimmer befindet sich ein Sopha oder eine Chaiselongue. Zu den vielen Annehmlichkeiten gehören auch die bequemen Treppen und die breiten, luftigen Corridore.

Die Verpflegung ist eine in jeder Beziehung ausgezeichnete, und die Vorsteherin der Anstalt, verwittwete Frau Major Engels, zeigt sich bemüht, auch Einzelwünsche nach Kräften zu berückfichttgen. Täglich gibt es frisches Fleisch, Gemüft und gekochtes Obst, auch Abends wird warm gespeist. Nach dem Nachmittagskaffee steht immer noch Obst für die Zwischen­zeit bereit. _ .

Auf den benachbarten Meiereien hat der Vater des Landraths, der alte Baron Bockum-Dolffs, die Anordnung getroffen, daß den Bewohnern des Heims, die ihre Spazier­gänge dahin richten, auf ihren Wunsch ein Glas Milch und

ein Butterbrod mit westfälischem Schinken für 10 Pfg. ver­abfolgt werde. r o .

Vor einem Jahre ist die zum Erholungshaus gehörende Capelle eingeweiht worden. Redlich besorgt um das Wohl der Insassen zeigt sich auch der hier den Gottesdienst ver­richtende Pfarrer Doll.

Die Consultatton des Arztes, der einmal wöchentlich die Anstalt besucht, ist für deren Bewohnerinnen unentgeltlich.

Das Erholungshaus ist bestimmt, das ganze Jahr hin­durch Lehrerinnen, Erzieherinnen, weiblichen Angehörigen der Lehrer und überhaupt Frauen, welche infolge angestrengter Berufsarbeit in Schule oder Familie ober irgenb einem Liebeswerk erschöpft unb erholungsbebürftig sinb, Gelegenheit zu bieten, auf kürzere ober längere Zeit Ruhe und Erfrischung zu finden innerhalb einer den Familiencharacter tragenden Häuslichkeit. Der Pensionspreis ist sehr mäßig- er stellt sich auf 2 bis 2.50 Mark pro Tag. Fichtennadelbader, Soolbäder und Süßwafferbäder sind im Hause zu haben.

Die friedliche Anmuth, die über Haus und Landschaft ausgegoffen liegt, mag das Bild sich nun zeigen in oer Herrlichkeit des Frühlings, der in dieser Gegend besonders üppig und sieghaft aufzutreten pflegt, oder in der warmen, stimmungsvollen Färbung, die der Herbst verleiht, berührt Augen und Nerven gleich wohlthuend und macht dies Völling­hausen zu einem sehr gesuchten Wallfahrtsort deutscher und Mädchen. Während der Sommermonate ist der Besuch zuweilen so stark, daß im Dorf Dependancen errichtet werden ^Cgn 2 Stunden mit der Post, in 1 Stunde mit Privat- fuhrwerk, sind Arnsberg und Soest zu erreichen- letzteres ist interefiant durch seine alten, in Promenaden umgewan- belten Festungswerke, und seine, verschiedene Baustile auf» weisenden Kirchen. Architektonisch bemerkenswerth ist unter diesen besonders St. Maria zur Höhe, da sie der erste Ver­such einer Kirche mit gleich hohen Schiffen, einer, Westfalen eigenthümlichen, Hallenkirche ist, und ferner die Wiesenkirche (St Maria in palude, in pratis von dem quellenreichen Grunde), die den gothischen Stil in seiner Vollendung zeigt. Für die Wiederherstellung des herrlichen Baues haben König Friedrich Wilhelm IV. und Kaiser Wilhelm I. viel gethan. Der Reichthum des bildnerischen Schmuckes macht die Kirche doppelt sehenswerth. Die Maria an dem Südportal, um­geben vom heiligen Stefanus und dem Papst Gregor dem Großen, gilt als das schönste Skulpturwerk Westfalens. In einem der Glasgemälde am Nordportal hat sich der Maler einen barocken Gedanken geleistet: vor dem mit fernen Jüngern das Abendmahl haltenden Christus liegt statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken.

Gießener Anzeig er

Aenerak-Mrzeiger.