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8.5.1894 Zweites Blatt
 
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Nr. 105

Zweites Blatt

Dienstag den 8. Mai

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(^itt Blilk hinter die Coulissen der Wein­bereitung in Frankreich.

Don Hofrath Dr. C. Schmitt-WteSbadm.

Dor mir liegt die Dummer de« Journal Officirll (französischer Neichßanzeiger) mit authrntifchem, stenographischem Bericht der am k. März 1894 in der französischen Deputtrtenkammer gepflogenen Verhandlungen.

kin gar interessante« Schriftstück! wohl werth, etwas näher betrachtet zu werden.

^Der ächte deutsche Mann mag keinen Franzmann leiden, Doch feine Weine trinkt er gern."

Dieser AuSspruch tiefer, patriotischer Lebensweisheit GötheS hat einst zweifellos seine Berechtigung gehabt. Auch heute noch hat eine solche, wenn auch nur in erheblich eingeschränktem Maße. Wenn Göthe so vom französischen Wein schlechthin spricht, so müssen wir doch, im Fortschreiten unserer Culturepoche ganz anders denken und den Begriff deS Weine« lheilen in ächte und geschmierte, sabricirte Weine. Vielleicht, so könnte man einwenden, ist das mit der künstlichen Herstellung von Wein, seit Ablauf der Tage, an welchen di« Hochzeit von Cana geleiert wurde, gar so keine schlimme ^ache mehr und lebt mehr im Munde des Volke«. Die Verhand­lung in der französischen Deputirtenkammer vom 6. März 1894 hat un« aber eines besseren belehrt und den Beweis geliefert, daß in dm weinbautrribenden Gegenden Frankreichs frisch, fromm, fröh­lich und frei geschmiert wird und daß diese Manipulationen sich unter dm Augen, fast dürfte man sagen, unter dem Schutze der Regierung adspielt.

Wenn man so ein zierliches Fläschchen, wohl ausgepuht vor sich sichen bat, mit besten Inhalt man Setle und Leib erfreuen möchte, und desten Bäuchlein auf geschmackvoller Etiquette stolze französische Namen führt, so ist es ein gütiges Geschick, welches uns in Un- keantniß hält über die Erlebnisse der Flüssigkeit, von welcher der Dichter sagt:

.Gewächs steht aus wie Wein, ist'S aber nicht,

Man kann dabei nicht singen, dabet nicht fröhlich sein."

Ich bin nicht Pharisäer genug um zu behaupten, daß bet unS so etwas, was auSsieht wie Schmiererei, euphemistischWeinverbesse- rung", gar nicht vorkommt, aber wa« bei uns die Annahme ist, datz dürste denn doch im Lande der Troubadours zur Regel ge­worden sein eine Thatsache, die seit langem dem Fachmann be» 'annt und neurrdingS in der französischen Kammeroerhandlung, von welcher wir jetzt sprechen wollen, ihre nicht mißzuverstehende Veröffentlichung gesunden hat.

Herr Surchamps, ein Weinbauer eu« Libourne, hat sich der dankenswerthen Ausgabe unterzogen, dem Publikum die Augen zu öffnen über die Art und Weise, wie sogen, ächte französische Weiß- und Rothweine gemacht und, mit einemAechiheitSzeugniß" der französischen Regierung versehen, in den Handel gebracht werden. Der Handel mit wirklichen französischen Naturweinen tritt vollständig zurück gegen den Handel mit Zucker, Extracien und Zeugnissen der Aechtheit. DieS gilt insbesondere auch für die südfranzösischen Beine, für die berühmtenGewächse" von Bordeaux.

In den 70er Jahren verheerte die ReblauS die berühmten Lagen der Gironde. In Sainte-Foy sind die Reben, welche den süßen Wein von Bergerac liefern, fast vollständig verschwunden, waS die ReblauS übrig gelassen find nur Stöcke, die auf hartem Boden stehend, nicht- Gute« tragen. Run sollte man, sagt der französische Abge­ordnete Surchamps, wohl meinen: der Handel mit den Erzeugnissen jmer Reben müffe ausgehört haben, da ja die Reben selbst seit lange licht mehr existiren. Aber dem ist nicht so der Handel mit Wein Uüht dort auch ohne Reben. Zur Zeit der Blüthe des Weinbaues wurden in jenen Dtstricten die Trauben im October gekeltert, der Nrau6 bereitete Wein, Macadam genannt, im November getrunken. 3<ht ist man schon weiter gekommen. Viel früher schon kann man solche Weine haben, im Jahre 1893 beispielsweise gab es dieselben in den großen Städten schon im Juli. Dav war natürlich nicht

haben, wenn sie sich auch in künftigen Fällen an die ordentlichen Gerichte wenden will.

Ob eS aber überhaupt in ihrem Interesse liegt dies zu thun und dadurch den Handel mit den Ursprungszeugnissen aufzuheben, muß mehr als fraglich erscheinen, da der Appetit nach indirekten Steuern, wie der Abgeordnete Surchamps sagt, gestillt werden muß.

Ader, so hieße« in der Deputirtenkammer, di« Schmiererei und künstliche Herstellung von Wein macht bei dem ge­wöhnlichen Macadam nicht Halt. E« ist auch zu verführerisch und rentabel, feine Marken herzustellen und so werden solche denn mit Hilfe von Essenzen zubereitet: selbst Chateau b?)quem wird in dieser Weise hergestellt. ES ist dann aber naturgemäß, daß an Stelle von Handelshäusern, die sich mit dem Weinzwischenhandel beschäftigen, wirkliche Weinsabriken treten. WaS dem Abgeordneten Surchamps erwidert wurde, stellt gerade keine Beruhigung für die Konsumenten dar. Das Kräftigste, was man ihm enlgegenhtelt, war eine vom Abgeordneten Jourde angebeutete Fuchsingeschichte, über welche im Gertchtssaal von L^zignan verhandelt wurde und roelter die Be­hauptung, daß in Libourne, der Heimath deS Abgeordneten Sur­champs, auch geschmiert werde. Wir denken das genügt!

Schon seit langer Zeit ist eS mir durch an Ort und Stelle selbst gemachte Beobachtungen ebenso wie allen eingeweihten Kreisen Deutschlands fein Geheimniß gewesen, welche Vorgänge sich bei der Weinbereituna in Frankreich abspielen. Wmn trotzdem bis heute Seitens der Wissenden nicht das geschah, was vielleicht Pflicht ge­wesen wäre, nämlich die Miltheilung derselben an weitere Kreise, so hielt sicher Jeden die Scheu ab, unter den obwaltenden Verhält­nissen des Chauvinismus beschuldigt zu werden. Heute liegt die Sache anders. Die französische Kammer selbst hat sich mit den Vorgängen besaßt und in Bezug auf die schändliche Weinpantscherei in Frankreich Worte producirl, welche an Deutlichkeit nichts zu wüiuchen übrig lassen. Von diesem Augenblick aber liegt für uns Deutsche kein Grund mehr vor, die geschilderten Vorgänge der Oeffenllichkeit vorzuenthalten, an welchen das schlimmste ist, daß französische Verwaltungen nicht freizusprechen sind von einer Mit­wirkung an denselben.

Nun drängt sich aber die Frage auf, in welcher Weise man den entschieden vorhandenen Bedarf an Rothweinen decken soll, wenn die im Lande selbst gebauten Sorten nicht auSreichen. Dabei fällt unser Blick auf Italien. Während früher große Mengen der italienischen Rothweine über Frankreich, als Bordeaux - Weine, nach Deutschland gekommen sind, hat ein ungemein werlhvolleS Ueberein- kommen zwischen der deutschen und italienischen Regierung italienischen Weinen den btrecten Weg nach Deutschland gebahnt. Es ist bekannt, in welch hohem Maße der Geschmack der deutschen Weintrinker sich den italienischen Weinen zugewandt hat, seit nämlich wirkich reine Naturproducte Italiens nicht zu verwechseln mit den in Deutsch­land mit kleinen Weinen oder Wasser verschnittenem Producte ihren Eingang bei uns gefunden haben. Dazu trügt aber am meisten die durch Regierungsbeamte geübte Staatscontrolle bei. In ihr liegt die Garantie für reine unverfälschte italienische Rothweine und das Publikum ist im Stande, sich von dieser Qualität der gekauften Weine zu überzeugen, wenn eS einfach darauf achtel, daß auf den Etiquetten ausdrücklich der Vermerk vorhanden ist, daß die betr. Marke die königl. italienische Staatscontrolle pasfirt bat. Hier handelt eS sich nicht um einen zum Schaden der Consumenten eingeführten Handel mit Ursprungszeugnissen, sondern um die Anwenduna der Errungenschaften auf wissenschaftlichem und verwaltungstechnischem Gebiet zu Nutz und Frommen des roetntrtnfenben Publikums.

Wer nach Bekanntgabe aller dieser Thatsachen sich noch betrügen läßt durch sogen, französische Rothweine, namentlich durch solche von niedriger Preislage, der verdient es eben nicht besser und muß sich selbst Dafür verantwortlich machen, wenn er Schaben an Gesundheit und Geldbeutel erleidet.

Allen, welche sich für Ohstbau ober Gartenbau interessiren, ist:

Der praktische Ratgeber im Oblt- und Gartenbau

der nach veralteter Methode hergestellte Wein. Der Standpunkt war überwunden, daß man reife Trauben verlangte; im Gegentheil, das Keltern der vollständig unreifen, harten Beeren gab durch einen kräftigen Zusatz von Zucker und Waffer viel mehr aus und da« Publikum trinkt besonders bei begeisternden Anlässen auch diesen Wein, um so lieber, wenn besten Geschmack mit Patriotismus gewürzt ist. Der genannte französische Abgeorbnete bewies, baß am 8. Juli 1893 von den Verkäufern ber großen Centralstellen Zwischenhänblern ber Gironbe ber Auftrag würbe, für ben 14. Juli süßen Weißwein zu liefern. Das Unbegreifliche hier ward« Ereigniß; denn schon am 10. Juli 1893 gingen die verlangten Weine mit ber Bahn ab und kamen zur rechten Zeit an die Bestimmungsorte, um das Nationalsest am 14. Juli damit zu begießen. In diesen Füllen, und deren ließen sich sehr viele auszühlen, liegt ein augenfälliger Betrug vor; nicht um Wein handelt es sich, sagt der französische Deputirte, sondern um schlechtes aeschmierteS Zeug. Das inter­essanteste und graoirendste aber ist, Daß diese Flüssigkeiten in die Welt geschickt werden mit amtlichen Zeugnissen, welche dieselben alS Naturweine bezeichnen und so wurden in einem ganz untergeorbneten kleinen Bürau ber Regierungsbehörden von Sainte-Foy la Grande vom 25. November 189l bis 5. November 1892 für 1857barriques (ä 225 Liter) Aechtheitsbescheinigungen ausgestellt, welche, wie der Abgeordnete Surchamps sagt,zur Ausführung des Betruges nöthig waren." Daß diese Dinge aber nicht nur im Kopfe des Herrn Surchamps spuken, da« bewies er durch eine Anfrage bei ver­schiedenen Bürgermeistern nach Leuten, welche als Weinbauer Weine mit Zollquittungen respcctive Aechtheitsbescheinigungen verkaufen. Ein Bürgermeister antwortete wie folgt:Wir beftütlgen, daß die folgenden Leute (folgen die Namen von 7 Personen), die auf dem Verzeichnlß der Zollverwaltung von £eoe« als Eigenthümer figurirtn, niemals in dieser Gemeinde Grundbesitz gehabt Haden." Ein fast gleichlautendes Schriftstück eines anderen Bürgermeisters wurde gleichfalls von Herrn Surchamps zur Verlesung gebracht und auS der Versammlung von dem AuSruf:t/eft scandaleux! ber weitesten Kreisen aus bet Seele spricht, begleitet. Alle ble oorgebrachten Un­geheuerlichkeiten waren in Bezug auf kleinere Districte mltgethellt, ober um nicht in den Fehler Der DetaUmalerei zu verfallen, fährt der Abgeordnete Surchamps fort:Und wenn ich den Boden der Discufsion erweitern wollte, wenn ich erzählen wollte von dem, was in der Umgegend der großen Stadt Bordeaux vorgeht, so würde ich die Masse ber an sich schon herzzerreißenden Betrügereien noch vermehren und Ihnen zeigen, wie heutzutage der gefälschte Ursprungs­nachweis eine wahre Industrie bildet."

Mit dem Brustton der Ueberzeugung theilt Herr Catupe, Generaldirektor der inbirecten Steuern mit, baß btt Regierung ben Handel mit Ursprungszeugnissen bekämpft: aber wie Die zur Be­kämpfung eingeleiteten Prozesse auszugehen pflegen, das enthüllt wieder Herr Surchamp« durch die Mittheilung folgender Geschichte.

Eir reicher Besitzer des Departement de l'Aude Hal auf mehrere Male gegen 20 000 Hectoliter mit Ursprungszeugnisfen fortgeschickl, während die Verwaltung feststellte, daß er höchsten« 600 Hectoliter produciren könne. Diese protokollarische Feststellung bewirkte die polizeiliche Festnahme deS Herrn Z., weil derselbe ohne Eriaubniß Großhandel betrieben und gegen die Verkehrsbestimmungen verstoßen habe. Die Freilassung deS Herrn Z. erfolgte aber bald auf seine Versicherung, er habe gar nichts abgeschickt und die UrspiungSzeug- nisie seien nur fingirt und nur genommen worden, um die über­zähligen Weine eines Herrn £., eines Händlers aus der Gironde zu decken, der al« Empfänger der in Rede stehenden Ursplungs- zeugnisse angegeben war. Die Verwaltung forderte die Einleitung des Strafverfahrens gegen Herrn L., wegen betrügerischer Einführung von 20 928 Hectoliter Wein in feine Magazine, welche unter Be­gleitung von 117, durch Herrn Z. vom 1. November 1891 bis 1. November 1892 erhobenen Zollquittungen, in Empfang genommen wurden. DaS Resultat war die Freisprechung des Angeklagten, unter Verurteilung der indirekten Steuern zu den Kosten deS Ver­fahrens. Die Verwaltung der indirekten Steuern muß viel Muth

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