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4.2.1894 Erstes Blatt
 
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Nr« 29. Erstes Blatt. Sonntag den 4. Februar

1894

Der HieHener -«jtiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

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Amtlicher Tbeil.

Nr, 4 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 30. v. M., enthält:

(Nr. 2142.) Erklärung, betreffend die Verlängerung deS bestehenden Handelsprootsoriums zwischen dem Reich und Spanien (Reichs-Gesetzblatt S. 109) auf die Zeit bis ein­schließlich zum 31. März 1894. Vom 22. Januar 1894.

(Nr. 2143.) Bekanntmachung, betreffend den Marken­schutz in Bulgarien. Vom 27. Januar 1894.

Gießen, 3. Februar 1894.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Gefunden: 1 Trauring, 1 Brosche, 1 Uhrgehäng, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Handtasche und 1 Schulbuch.

Gießen, den 3. Februar 1894.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Februar. Das preußische Abgeord­netenhaus erledigte am Donnerstag in Fortsetzung der zweiten EtatSlesung zunächst den umfangreichen Spezialetat der landwirthschaftlichen Verwaltung unter Genehmigung sämmtlicher Positionen deffelben. In der Discussion hierüber kamen zahlreiche Wünsche der Vertreter der landwirthschaft­lichen Interessen zum Ausdruck, daneben gelangten besonders die Viehseuchen und der Futtermangel zur eingehenden Be­handlung. Außer dem genannten Etat wurden noch eine ganze Reihe kleinerer Etats der Domänenverwaltung und des ItrtegSministeriumS genehmigt. In der auf den 6. Februar anberaumten nächsten Sitzung beginnt die erste Lesung der Vorlage über die Landwirthschaftskammern.

Ausland.

Der Prager Omladma Prozeß hat in seinem Fort­gänge erneut ein bezeichnendes Streiflicht auf die Ver­

wickelung der jungczechischen Partei in das Treiben der Omladinisten geworfen. In der Donnerstags-Verhand­lung wurde einer der verhörten Zeugen, der 22jährige Korb­flechter Schmid, wegen falschen ZeugniffeS in Haft genommen. Nach seiner Inhaftnahme widerrief Schmid die von ihm ge­machten falschen Angab cn und bestätigte, daß die Haupt- angeklagten, Dr. Rassin und Sokel, bei einer Versammlung der Jungczechen aufrührerische Reden gehalten haben. Dann gestand Schmid, daß er zur Abgabe seines falschen Zeugnisses zu Gunsten Dr. Rasfins und Sokels durch den als Vertrauens- mann anwesenden Candidaten der Medicin, Großmann, ver­leitet worden sei. Hierauf folgte ein bis spät in die Nacht hinein dauerndes Verhör des Polizeileiters der Vorunter­suchung, Polizeicommiffars Olic.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.

Budapest, 2. Februar. Der JustizauSschuß des Abge­ordnetenhauses verhandelte über einige unerledigt gebliebene Paragraphen deS Ehrechtsgesetzentwurfes. Das von Polnyt beantragte Mißtrauensvotum gegen den Justizmtnister Szilagyi wurde mit allen gegen die Stimme Polonyis ab­gelehnt.

Petersburg, 2. Februar. Das Befinden des Czaren hat sich soweit gebessert, daß er das Bett für einige Zeit verlassen konnte. Die Ausgabe von Bulletins ist nunmehr eingestellt.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 2. Februar. Die Budget-Commission des Reichstags hat die allgemeine Debatte über die Verhält­nisse in den deutschen Schutzgebieten beendet und tritt am nächsten Donnerstag in die Specialberathung des Colonial- etatS ein. Zu dem am 5. Februar bei Caprivi statt­findenden Diner find Einladungen ergangen an die Spitzen der Reichsverwaltung, an die Inhaber der höchsten preußi­schen Staatsämter, an die Vorstände des Reichstages und beiden Häuser des Landtages und an mehrere Abgeordnete

verschiedener Fractionen. Die Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich wegen Abgrenzung der Kameruncolonie macht wenig Fortschritte, weil die Fran­zosen stets neue Forderungen stellen. Besonderes Gewicht scheint man in Paris auf die Verträge zu legen, welche Maistre zwischen Schari und Banne abgeschlossen hat. Die Verhandlungen über die Feststellung deS Textes zu den einzelnen Tarifpositionen deS deutsch-russischen Han­delsvertrags sind in der letzten Zeit so gefördert worden, daß der Abschluß unmittelbar bevorsteht. Sobald der Ver­trag unterschrieben ist, geht er unverzüglich dem Bundesrathe zu und wird gleichzeitig imReichsanzeiger" veröffentlicht werden, was voraussichtlich schon in der nächsten Woche er­folgt. Der Bundesrath wird den Vertrag schnellstens erle­digen und dann baldigst dem Reichstage zugehen lassen.

Berlin, 2. Februar. Von besonderer Seite wird unS eine interessante Aeußerung des Kaisers mit* getheilt, welche derselbe auf dem letzten Hofballe einem hohen Reichsbeamten gegenüber gethan hat. Der Kaiser unterhielt sich mit demselben angelegentlichst über englische und ameri­kanische Verhältnisse und gab den lebhaften Wunsch zu er­kennen, Amerika aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Die Unterhaltung des Kaisers schloß mit der Bemerkung, er sei der Ansicht, daß die Nationen germanischer Rasse auf der Erde zusammenhalten müßten.

Berlin, 2. Februar. In der letzten Zeit hat sich zwischen dem Kaiser und dem Professor Begas ein lebhafter Ver­kehr entspannen. Wie es heißt, werden nach den jetzt ge­troffenen Dispositionen die Gestalten Bismarcks und MoltkeS wirkungsvoll am Kaiser - Wilhelm-Denkmal zur Erscheinung kommen.

Mannheim, 2. Februar. Der Staatsanwalt lehnte es ab, Wilhelm MaaS gegen die angebotene hohe Caution auf freien Fuß zu setzen.

Brüssel, 2. Februar. Der Chef des CongostaateS Romel ist bei einem Ausstande in Kwilu von Eingeborenen ermordet worden.

London, 2. Februar. In parlamentarischen Kreisen hat die Antwort, welche Gladstone auf die Meldung derPall

Feuilleton.

Maoni Kovalski".

Es giebt viele sogenannteWunderkinder", welche durch frühzeitig erlernte Technik in Staunen setzen; doch nicht zum zweiten Male begegnet man wohl in unserem Jahrhundert einer Erscheinung, wie der des kleinen Claviervirtuosen und Componisten KoezalSki! Man steht hier vor einem fast unlösbaren Rathsei, denn nichts ist gemacht, nichts eingedrillt an diesem kräftigen, munteren Knaben! Kein schablonenhaft einstudierteS Bravourstückchen wird den Zuhörern geboten, nein, ein selbstdenkender, selbstempfindender Künstler giebt seinem GenluS auf dem großen Coneert-Flügel Schwingen.

Raoul KoezalSki wurde am 5. Januar 1885 in War­schau geboren. Sein Vater ist Rechtsgelehrter, seine Mutter eine ausgezeichnete Pianistin, einstige Schülerin des War­schauer Conservatoriums. Im Hause des Dr. von KoezalSki trieb man von jeher viel Musik. Als Raoul noch ein kleines Tragekindchen war, dem daS Durchbrechen der Zähnchen Schmerzen verursachte, vermochte man ihn nicht leichter zu beruhigen, als durch Clavlerspiel. Seine ersten Lausversuche strebten dem Flügel zu, und oft verkroch er sich unter den­selben, wenn seine Mama darauf spielte. Als zweijähriges Baby fing er schon an, mit dem Zeigefingerchen auf den Taften herum zu tippen. Im nächsten Jahre nahmen die Eltern den Dreijährigen zum ersten Mal in die Oper mit. Sie waren sehr gespannt, wie Raoul diesen musikalischen Genuß wohl aufnehmen würde? Es wurdeFaust" von Gounod aufgeführt- das kleine Kind lauschte still. Als es bann aus der Oper wieder daheim anlangte, lief es sofort an's Clavier und suchte sich mit erstaunlicher Sicherheit, aber natürlich in einfach-kindlicher Art, die Töne zu dem Marsch und der Walzerarie zusammen. Don nun ab ertheilte ihm die Mutter regelrechten Unterricht im Clavierspiel. Er machte unfaßbare Fortschritte. Mit 3*/2 Jahren nahm ihn Professor Julius GadomSki, vom Warschauer Conservatorium, als seinen Schüler auf. Unter seiner Leitung machte das eminent veranlagte Kind Czerny, Bertini und Cramer durch, soweit eS die Spannkraft der kleinen Händchen zuließ. Pro­fessor Gadomski war voll Staunen. Er unterrichtete Raoul acht Monate lang täglich eine Stunde - das Kind wollte auch noch außerdem, am liebsten den ganzen Tag am Clavier sein.

Als er kaum 4 Jahre alt war, sand in Warschau eine große Musikausstellung statt. Auch der kleine Raoul wurde hingeführt, und ließ alsbald seine prüfenden Blicke über die aufgestellten Flügel schweifen. Mit dem, ihm am Schönsten dünkenden, schloß er sofort nähere Bekanntschaft. Er stellte sich davor hin und fing an zu spielen. Sein hübsches Köpf­chen überragte kaum die Claviatur - da hob ein Vertreter der Clavierfirma ihn auf einen verstellbaren Stuhl, richtete das Pedal zurecht, und das Kerlchen ist zufrieden und phantasiert los. Die Vorübergehenden bleiben verwundert vor ihm stehen- auch aus den anderen Sälen kommen die Ausstellungsbesucher herbei, schließlich ist er von einer Menge umgeben. Das Kind fühlt sich nicht im Mindesten belästigt. Es ist unermüdlich im Spielen und sein Publikum befindet sich in Hellem Entzücken! Rauschender Applaus um ihn herum. Am folgenden Tage las man in allen War­schauer Zeitungen von dem unerhörten Talent des kleinen Wunderkindes Raoul Koczalski'S, das sich so ungeniert im AusstellungSsaal hören ließ! Kurze Zeit darauf drang man so lange in den Vater, bis dieser ihm erlaubte, in einem Concert zur Wohlthätigkeit mitzuwirken. Abermals erzielte der vierjährige Pianist einen geradezu sensationellen Erfolg. Nicht lange darnach befindet sich Raoul mit den Seinen auf einer Conzertreise durch Rußland! Das klingt Alles fast unglaublich, aber man darf versichern, daß diese Aufzeichnungen durchaus wahrheitsgetreu sind. Seine ersten Concerte gab er in Petersburg, wo er auch Peter Tschai­kowski und Anton Rubinstein entzückte. Von Petersburg aus reifte Raoul nach Moskau. Dann ging es weiter durch das ganze Reich, bis nach Perm und Jekaterynburg. Auch am Kaukasus war er, in Tisflis und Baku am kaspischen Meer.

Nach dieser ersten Concertreise nahm die Familie Koc- zalSki in Lemberg ihren Wohnsitz. Dort erhielt der kleine Künstler den bekannten Musiker und Componisten Ludwig Marek zum Lehrer.

Im Alter von 5 Jahren componirie Koczalski sein erstes Stück, denRaoul-Dalse". In demselben Alter machte er auch die Bekanntschaft des Schahs von Persien. Aber nicht im Orient, sondern in dem Badeorte Spaa in Belgien. Dort weilte der kleine Virtuose zu seiner Erholung, als ihn der ebenfalls dort anwesende Schah zu sich einlud. Raoul spielte ihm in Begleitung seiner Eltern mehrmals vor. Er begeisterte den Beherrscher Persiens derartig, daß dieser ihn zumHospianisten" ernannte. Außerdem verlieh er ihm das

Ritterkreuz des Sonnen- und Löwen-Ordens, und setzte ihm eine lebenslängliche Rente von 3000 FrcS. fest.

Zur Weltausstellung begab sich der geniale Shmbe nach Paris. Er erntete in Frankreich außerordentlichen Beifall. Auch in Rumänien war der kleine Mufikheld, und wurde dort ebenfalls zu Hofe befohlen. Die kunstsinnige, könig­liche DichterinCarmen Sylva" war entzückt von dem präch­tigen Hellen Blondkopf mit den ausdrucksvollen, braunen Augen! Ebenfalls erhielt Raoul von dem Sultan einen türkischen Orden, wofür er diesem eine seiner Compofitionen widmete. Bis zu seinem achten Jahre verfaßte Koczalski nicht weniger als 51 Compositionen, von denen bis jetzt etwa 15 im Handel erschienen. Da er einige davon auch in seinen Concerten ein flicht, kann man sich überzeugen, weich' großes Talent zum Componiren in diesem rätselhaften kleinen Men- schenkinde wohnt. Weich' tiefes Gemüth, weich' feines Mufik- verständniß hat seinen Sitz in diesem blonden Knabenköpfchen! Hegt Jemand Zweifel, ob er die Sachen ohne Hilfe com- ponirt habe, so höre er den kleinen Raoul phantasiren. DaS thut er nämlich noch viel lieber als Stücke spielen! Ebenso bereitwillig und unbefangen spielt er aber auch eine ihm absolut unbekannte Piece vom Blatte ab, worin ihn schon mancher Kunstkritiker prüfte.

Als der junge Pianist im Sommer 1892 in Gmunden am See weilte, wurde er von dem König von Dänemark ausgezeichnet. Die königlich dänische Familie hatte dort zur Erholung Wohnsitz genommen. Der kleine Koczalski erhielt eine Einladung, in dem Prioatzirkel der Majestäten zu spielen. Nach den Borträgen fragte König Christian feinen kleinen Gast, was er sich wohl am allermeisten wünsche? Raoul erwiderte in seiner frischen, aufrichtigen Art, daß er sich Noten" am meisten wünsche und zwar die Werke von Händel! Man denke sich: ein 7^ - jähriges Stinb, und Handel"! Der König von Dänemark schenkte demMusiker Koczalski" denn auch 50 Bücher. Aus Dankbarkeit widmete Raoul der Königin Louise seine reizende Gavotte Op. 43, und der Herzogin Thyra von Cumberland seine Mazurka, Op. 44.

Im Winter 1891 concertirte der hochbegabte kleine Künftlerknabe in Oesterreich. Er feierte in Wien Siege, wie sie eigentlich nur den Ersten und Großen zukommen. Die Professoren Hanslick und Hirschfeld zollten dem seelen- vollev, und dabei energischen Spiel des Siebenjährigen größtes Staunen und Anerkennung.Was bedeuten die Clavier-