Ausgabe 
2.12.1894 Zweites Blatt
 
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Rr. 283 Zweites Blatt. Sonntag den 2. December

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Gießener Anzeiger

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1894

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das heißt Helsen, Ihm den Advent in seinem Volke zu bereiten.

Helfe jeder ernste Christ mit dazu, dann wird die Advents- feier des Jahres 1894 eine gesegnete sein?

Verbrechen aller Art würden die unausbleiblichen Folgen sein.

Noch von jeher ist eS jedem Menschen so gegangen und geht eS jedem Volke so: wer sich von der Sonne Jesu Christi abwendet, stürzt in die Nacht deS Verderbens. Was ist eS doch für ein Unsinn und für eine schier unglaubliche Kurz­sichtigkeit, zu meinen, die Verhältniffe würden bester, wenn nicht zugleich die Herzen bester werden? Nicht die elenden Verhältniffe haben die Herzen selbstsüchtig gemacht, sondern die selbstsüchtigen Herzen haben die Verhältniffe zu so schlimmen gestaltet. Ein Frühling für unser Volk kann nur erblühen, wenn eine Wiedergeburt, eine Erneuerung der Herzen statt­findet. Die Selbstsucht kann nur überwunden werden durch die überwindende Macht der Liebe- und heilige Liebe in die Herzen htueingießen kann nur der, der auS Liebe zu einer gefallenen, in den Banden der Selbstsucht geketteten Welt sein Leben in den Tod gegeben hat, um durch solche Liebe die Herzen zu gewinnen und von der Selbstsucht frei zu machen, das ist Jesus Christus! 4

Und seinen Advent sollten wir nicht fröhlich feiern? Und ihm, dem einzigen Retter unseres Volkes, nicht jauchzend huldigen?

Freilich, zweierlei wollen wir aus der Anklage der Dolksverführer lernen:

1. Es kommt nicht auf die Worte, sondern auf die Thaten an. Die Welt will Thaten der Liebe bet den Christen sehen- sie will eine wirkliche Brüdergemeinschaft bet ihnen finden. In der Christen Mitte will sie der Noth, dem Elend, der Armuth, der Arbeitslosigkeit, dem ganzen socialen Jammer mit glühendem Eifer gesteuert sehen. Darum ist das nur ein wahrer Advent, in dem die Christen Allen voran sich wieder aufmachen und mit regem Eifer der Liebe ihren armen Brüdern, ihrem ganzen Volke zu einer geistigen, fittlichen und leiblichen Neugeburt verhelfen!

2. DaS Andere aber, was wir lernen wollen, ist dies:

Wir müffen Jesu Bild und Leben noch viel mehr studtren und im Volke verbreiten, als eS jetzt geschieht. Unser Volk kennt Jesum nicht mehr, sonst könnte eS von ihm nicht abfallen. Denn wer Jesum recht kennt, der muß ihn lieb haben. Es hat noch nie ein Mensch auf dieser Erde so gelebt, wie er! Es hat noch nie Jemand so rein und glühend geliebt, als wie Jesus! Es hat noch nie Jemand so sich des Volkes angenommen, wie der Gottessohn!

Ihn mehr kennen zu lernen und seinen Ruhm immer mehr ausbreiteu, das ist auch rechte Adventsarbeit, denn

Schiff-nachrichten.

Der PostdampferWesternland" derRed Star Linie" i* Antwerpen ist laut Telegramm am 28. November wohlbehalten t» Newyork angekommen.

Der DampferPmnsylvania" derRed Star Linie" hl Antwerpen ist laut Telegramm am 27.November wohlbehalten w Philadelphia angekommen.

titerotur rs«d Arrnst.

- Gallerte schöner Aranenköpfe. Nach Gemäldm und Ortginalphotographien. Zwei Grotzfoliohrste zu je 2 Mk., in Cartou- Mappe 3 Mk., in Leinwand-Mappe 5 Mk. Verlag von J.J. Weber in Leipzig. Die zu einer Gallerte schöner Frauenköpfe vereinigte Sammlung von 24 Holzschnitten nach Originalen mannigfachster Herkunft hat so reichen Beifall gefunden, daß das vorzüglich auS- gestattete erste Heft heute bereits in sechster Auflage erscheint. Den vielen Freunden, die eS sich erworben, wird ein soeben erschienenes zweites Heft gleicher Art, das dm fchon vertretenm Meistern eine ganze Reihe anderer besten RufS hinzugesellt, nicht weniger will­kommen sein. In dm Erscheinungen, die diese beidm Hefte enthalten, wechseln stolze Hoheit mit lachender Naivetät, sinnliche Frische mit duftiger Zartheit, poetischer Schwung der Auffassung mit realistischer Wiedergabe der Natur. Die Vielseitigkeit und der künstlerische Reiz derGalerie schöner Frauenköpse" dürftm GoetbeS Wort:Wer Vieles bringt, wird Manchem etwas bringen" für sich sprechen lassen. Seine Lieblinge wird der eine Beschauer hier, der andere dort finden, keiner aber, mag ihn mehr die Kunst, oder mehr die Frau anziehen, vergeblich suchen, was ihn zu fesseln vermag.

- Juristisches ConversationS Sextton für Jedermani^ Practisches Hand- und Nachlagebuch für alle Fragen der Rechts­und GesetzeSkunde nebst den einschlägigm Strafbestimmungen in gemeinverständlicher Darstellung bearbeitet und herausgegeben von Dr. Wilhelm Eugen v. Adolfi. Ein stattlicher B<md von 324 S. Octav. Preis 3 Mk. Schwabacher'sche Verlagshandlung m Stuttgart. Der Verfaffer desJuristischen EonversationS Lexikontz , der in der Praxis seiner Rechtsprechung die Beobachtung gemacht hat, daß im Publikum eine bodenlose Unkenntniß selbst der all- gemetnstm und unentbehrlichsten Rechtsgrundsätze benscht» end- spricht mit seinem Werke einem thatsächlichm Bedurfniß. 3n bet sicheren Behandlung des vorhandenm massmhaftm StoffeS und « deffen weiser Beschränkung zeigt sich jder wohlbewanderte Jurist. Scharf umgrmzt und lichtvoll geschrieben kennzeichnet sich fast jedac Artikel als mustergültig. Viele Hunderte von Artikeln, nach geschickt gewählten Schlagwörtern alphabetisch geordnet, sind in dem Buche i Enthalten, sodaß der Suchende nicht leicht in Verlegenheit gerathen dürste.

werden!"

Soll unser Christenvolk sich durch solche Reden wirklich von Jesu, seinem König und Heiland, abwendig machen lassen und eS aufgeben, seinen Advent zu feiern?

Freilich, wenn unser Volk seine Existenz völlig unter- , graben und seinem Untergang entgegengehen will, dann kann eS nichts Besseres thun, als sich in immer größeren Haufen von Jahr zu Jahr abwenden. Gesteigerte Selbstsucht, Un- | ordnuug, Anarchie, Krieg Aller gegen Alle, Haß, Mord und *

Ad^rit!

Wenn in früheren Jahren der Advent herannahte, da ging durch die Herzen unseres Christenvolkes doch fast aus­nahmslos eine freudige Bewegung. Die Botschaft von dem König, der gekommen ist, seinem Volke Heil zu bringen, daS Evangelium von dem sanftmüthigen und demüthigen JesuS, dem Freunde der Armen, dem Erlöser der von der Angst ihres Gewissens Bedrängten, dem Heiland der Mühseligen und Beladenen, dem Tröster der Betrübten sie übten eine Zaubermacht aus auf die Herzen der Christenheit. ES ging dann ein FrühlingSzug durch dieselben- hoffnungS- froher schaute man in die Zukunft, glaubensfreudiger trug man die schweren Lasten der Gegenwart und liebe­warmer suchte man sich der von Noth und Kummer Bedrückten anzunehmen: kein Wunder, dennJesuS ist ja der leibhaftige Frühling", wie ihn einmal ein treuer GotteSmann, der sel. Professor Delitzsch in Leipzig, genannt hat- wie sollten da bet der Kunde von ihm die Herzen der Christen nicht frühlingSartig lebendig werden?!

In den letzten Jahren aber nimmt der, der sein Volk beobachtet und lieb hat, wahr, wie die heilige AdventS- begeisterung in unserem Volke allmälig nachläßt und die Freude an der Erscheinung deS Heilands von gewtffenlosen Volks- verführern unserem Volke heutzutage zu verekeln gesucht wird. WaS? so ruft man ihm zu, von dem erwartet ihr noch Heil? Auf seine Hülfe wollt ihr noch hoffen? Seht doch, wie elend eS euch gehr! In Armuth und Elend geht ihr unter alle Tage! Schon so lange Jahre, ja Jahrhunderte, hat die christliche Kirche Advent gefeiert und euer Elend, ihr Armen, ist dadurch heute um nichts bester geworden: laßt darum daS Hoffen auf diesen Helfer! Einen anderen Advent predigen wir euch: daS ist der Advent der goldenen Zukunft, der anbricht, wenn daS Volk zur Herrschaft kommt, wenn die großen socialtfttschen Ideen verwirklicht

Feuilleton.

Waldleben im Winter.

Don Ernst Moritz.

(Nachdruck verboten.)

Der kennt die Natur schlecht, der sich nur in den sonnigen Tagen deS Lenzes, auf der bluwengefchmückren Halde, wie sie der Sommer bietet, zu ihr hingezogen fühlt. Auch im Wtnter ist sie reich an Schönheiten aller Art, man muß nur Sinn dafür haben und sie aufzusuchen verstehen. Immer aber bleibt der Wald der Ort, wo die Natur ihre Gaben gewiffermaßen zusammenströmen läßt- das ist in den rauhen Tagen deS Winters nicht anders als in denjenigen der milden Jahreszeiten - die Spenden und Eindrücke, welche der Mensch sonst vereinzelt aufsuchen muß, trifft er hier im gefälligsten Beisammensein. Daher der Zauber, welchen der Wald seit jeher auf den Menschen auSgeübt hat- deßhalb haben ihn die Dichter so oft besungen und den Meistern der Töne quollen die Melodien aus einem schier unversiegbaren Born, wenn sie für die betreffende Stimmung Weisen suchten. Im Walde wohnt daS Märchen- neugierig lugt daS Kinder­auge in das geheimnißvolle Dunkel, wie es die mooS- bewucherten, ehrwürdigen Stämme, die schlanken Zweige umwebt, um die Lieblingsgestalten der jungen Phantasie zu suchen: Schneewittchen und Dornröschen, Aschenbrödel und den schmucken Königssohn, der fie heimführt. Gleichwohl müffen diese innigen Beziehungen, wie fie seit Alters her zwischen unserem Volke und dem machtvollen Naturdom be­standen, im Winter noch zunehmeu. Der Anger ist längst vom einer weißen Decke überbreitet- verschwunden ist der weiche, sastig grüne Wtesengrund, auf welchem die Jugend an den Sommerabenden ihre Reigensptele aufführte. DaS Ackerfeld liegt graubraun, struppig- von dem wogenden Aehrensegen, wie er im Strahle der Sonne goldig lachte, sind nur die Stoppeln übrig geblieben. Allein der Wald bat seine grüne Farbe bewahrt- wo sich Laubholz hinein- schiebt, mußte dieses allerdings dem Wechsel der Jahreszeit

seinen Tribut zollen - dagegen haben die Nadelhölzer und I diese bilden doch zumeist den deutschen Wald innerhalb | dec allgemeinen Farblosigkeit, wie fie dem Wtnter eigen, thr schmuckes fertgrüneS Kleid anbehalten.

Föhre und Tanne find es zumeist, welche in diesen rauhen Tagen unserer nordischen Heimath für ihre Wälder den Farbenreiz aufbewahren. Carriöre hat beide sehr fein­fühlig hinsichtlich des Eindrucks, welchen fie Hervorrufen, characterisirt:Die Fähre, die im nordischen Sand auf­sprießt und ihn mit ihren dunklen Nadeln bedeckt, steigert den Eindruck der düsteren Stimmung durch die Vegetations- losigkeit des Bodens unter thr, während die pyramidalische Tanne daS Schwermürhige durch frischere Kraft und freu­digeres Grün mildert und die symetrisch ausgebreiteten, nach oben hin fich verjüngenden Aeste in leiser Biegung herabsenkt und durch fie hindurch dem Sonnenlicht Raum gewährt, zu ihren Füßen an Quellen eine neue Vegetation zu entfalten." Mit frommem Schauder tritt Schillers Jbykus in Poseidons Fichtenhain, das geheimni volle Rauschen und Säuseln des W-ndeS in den Aeften und Nadeln weckt in seiner Brust dies Gefühl.

So find unsere Dichter und Forscher de« Nadelholz vollkommen gerecht geworden- bet allem Lobe, welche man dem Walde aus Laubholz zollte, wurde jenes darum doch keineswegs vergessen.Ein Tannenwald wirkt wie ein ftticher stählerner Morgen," sagt der verstorbene Aesthetiker ! Vischer. Das Immergrün des Nadelholzes mitten im wtnter- ! lichen Schnee bürgt, um mit Humboldt zu reden, dafür, daß jbaß innere Leben der Pflanzen gleich dem prometheischen , Feuer auf unserem Planeten nie erlischt." HeineSEin I Fichtenbaum steht einsam", ist zu bekannt, als daß es an dieser Stelle wiederholt zu werden braucht. Dafür finde das Lob, welches Gottftied Keller, der Schweizer Poet, den Nadel- hölzern fingt, hier seinen Platz:

Aber auch den Föhrenwalb Laß ich mir nicht schelten, Wenn mein Jauchzen widerhallt In dem sonnerhellten.

Schlanken Ntesenkindern gleich

Steh'n sie da im Bunde.

Jkdes erbt ein kleines Reich Auf dem grünen Grunde.

Aber oben eng verwebt, Eine Bürgerkrone Die Genossenschaft erhebt Stolz zum Sonnenthrone.

Schmach und Gram umfängt sie nie,

Nimmer Lebensreue,

Schnell und muthig wachsen sie In des Himmels Bläue.

Wenn ein Stamm im Sturme bricht,

Halten ihn die Brüder, Und er sinkt zur Erde nicht, Schwebend hängt er nieder.

Lieg ich so im Farrenkraut,

Schwindet jede Grille,

Und es wird das Herz mir laut

In der Föhrenftille.

Wllhrauchwolken ein und auS

Durch die Räume wallen, Bin ich in ein Gotteshaus Etwa eingefallen?"

Uebrigens ist unsere Wtnterflora keineswegs so dürftig, wie die Uebelredner des deutschen Nordens gemeiniglich au- nehmen. Und wo sollte sie fich deutlicher offenbaren, al- im Walde, woder Eintönigkeit der wogenden GraSflur gegenüber" das Zusawmentreten aller Pflanzenarten die Schön­heit und den Retchthum der Vegetation auf daS Vollste und Herrlichste offenbart. Selbst an Laub fehlt eS keineswegs:

Epheu, Buxbaum, Wintergrün

Trotzen allem Wetter;

Mag deS Lenzes Schmuck oerblühn,

Nichts wird euch entblättern, Ruht erstarrt das Saatgefild, Bleibt ihr treuer Hoffnung Bild." (Schluß folgt.)