1894
Nr. 239 Zweites Blatt. Dienstag den 2. October
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Gießen, den 22. September 1894.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Roth.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. September. Die Krisen gerächte, welche infolge der letzten Katserreden aufgetaucht sind, müssen offenbar mit aller Reserve ausgenommen werden. Daß die Stellung des Reichskanzlers Grafen Caprivi durch die Vorgänge der jüngsten Zeit irgendwie erschüttert worden sein sollte, ist nicht im Entferntesten anzunehmen, eher dürfte das Gegentheil der Fall sein. Ebensowenig aber sind Anzeichen vorhanden, welche auf eine Erschütterung der Stellung des preußischen Ministerpräsidenten Grasen Eulenburg oder des FinanzministerS Dr. Miquel hindeuten könnten- was man in dieser Hinsicht hie und da vielleicht zu hören bekommt, daS ist offenbar nur das Product der Phantasie eingefleischter Conjecturalpolitiker.
— Die nationalliberale Partei hat an diesem Sonntag und Montaq eine allgemeine Delegirten-Versamm- lung in Frankfurt a. M. behufs Verständigung über verschiedene Partei-Angelegenheiten und sonstige Fragen abgehalten. Zur selben Zeit war in München der Parteitag der focialdemokratischen Partei Bayerns versammelt, bei welchem eS sich hauptsächlich darum handelte, den bayerischen Socialistenführern im Voraus eine günstige Stellung auf dem allgemeinen socialdemokratischen Partei- congreß in Frankfurt gegenüber etwaigen Angriffen zu verschaffen, denen sie daselbst wegen ihrer „Rechtsschwenkung" im bayerischen Landtage vielleicht ausgesetzt sein könnten.
— Der Papst hat in den wieder anhebenden kirchenpolitischen Fragen in Ungarn bereits seine Stellung «arktren laffen. In der in Pest abgehaltenen vertraulichen Btschofsfitzung wurde vom Fürstprimas Cardinal VaSzary eine Zuschrift deS Papstes verlesen, in welcher sich Leo XIII. im Allgemeinen für eine Duldung der kirchenpolitischen Reformen des Cabinets Wekerle erklärt und lediglich eine Aen- derung deS Gesetzes über die Religion der Kinder als wün- schenSwerth bezeichnet. Offenbar möchte der Papst einen Culturkampf in Ungarn, zu welchem der niedere ungarische Clerus große Luft zeigt, vermieden sehen und in diesem Sinne sind denn auch die Beschlüsse der Pester Bischofscon- ferenz vorwiegend gehalten.
— Der deutsche Naturforschertag in Wterrist am Freitag durch ein großes Festbankett, bei welchem es zu enthusiastischen Kundgebungen für die Kaiser Wilhelm und Franz Josef und das Bündniß ihrer Reiche kam, geschloffen worden.
Anstand.
Paris, 29. September. Die hiesige Ausgabe des „Newyork Herald" veröffentlicht folgendes Telegramm aus Shanghai vom 28. September: In der chinesischen Armee, welche den in Damen vordrtngenden Japanern Widerstand leisten sollte, ist ein Aufstand ausgebrochen. Die Soldaten haben alle Waffen zerstört. Es herrscht eine schreckliche Panik in Peking. Die Lage Chinas ist als eine verzweifelte anzusehen.
Paris, 29. September. Der ehemalige in Glatz wegen Spionage internirte, nachher vom Kaiser begnadigte Offizier Degony wird demnächst wieder als Attache beim Generalstab eingestellt.
Marseille, 29. September. Auf dem Hügel Notre Dame ! wurden zwei Deutsche bei photographischen Aufnahmen be- 1 troffen, verhaftet. Wie nachträglich verlautet, handelt eS sich um Aufnahmen, die Niemanden verwehrt sind.
Loudoo, 29. September. Die „Times" meldet aus I Vokohama, daß die Ordre für die zweite japanische! Armee (30 000 Mann stark) noch geheim gehalten wird. Die ! japanische Armee in Korea marschirt in Eilmärschen nach Norden. Man erwartet Seitens der koreanischen Bevölkerung keinen Widerstand. Alle Gerüchte über einen Waffenstillstand find unbegründet. — Aus Shanghai meldet die „Times", das Gerücht trete auf, der Vicekönig Li Hung-Tschang werde die KriegSoperationen persönlich leiten. Die japanischen Truppen befänden fich 30 Meilen vom Aalufluffe.
Loudon, 29. September. 3208 schottische Bergleute beschloffen gestern Abend in Airdric, entgegen dem Beschluß der Arbeiterföderation, die Wiederaufnahme der Arbeit.
Petersburg, 29. September. Professor Lehden aus Berlin, der zum Czaren berufen war, erklärte die Krankheit des Kaisers als nicht besorgnißerregend. Nach einer Mit- theiluug deS „Regierungsboten" ist der Czar seit Januar, wo er schwer an Influenza erkrankt war, nicht wieder völlig gesund geworden. Im Sommer sei dann eine Nierenkrankheit und Nephritis eingetreten.
Yokohama, 29. September. Die öffentliche Meinung verlangt energisch die Fortsetzung des Krieges gegen China, ferner daß die japanische Armee unmittelbar auf Peking marschire. Das Parlament will einstimmig alle Kriegsauslagen bewilligen. Beständig gehen bedeutende Truppenabtheilungen nach unbekannten Bestimmungsorten ab.
Vermischtes.
* Frankfurt a. M., 27. September. Die großen Unterschlagungen zum Nachtheil der Stadtkasie, die zu Anfang dieser Woche bekannt wurden, veranlaßten heute eine außerordentliche Sitzung der Stadtverordneten, um dem Oberbürgermeister Gelegenheit zu näheren Mittheilungen über den „unerhörten Treubruch" des Stadtkassirers Gottfried Fischer zu geben. Nach diesen Mittheilungen belaufen sich die Veruntreuungen auf 850,000 Mk. Fischer hat diese Summe auf fünf ordnungsmäßig ausgestellte Checks im August und September 1890 von der Frankfurter Bank erhoben, aber nicht au die Stadtkasse abgeführt, sondern für sich verwandt. Die Unterschlagung blieb vier Jahre lang unentdeckt, weil man dem Fischer, der feit 1864 bei der Stadtkaffe angestellt und seit 1876 erster Kasfirer war, volles Vertrauen schenkte. Eine Controle der ihm zur Einkasfirung übergebenen Checks fand nicht statt, das mit der Frankfurter Bank geführte Gegenbuch blieb in seinen Händen und gelangte niemals zur Vorlage- überdies hatte er die 850,000 Mk. auf ein besonderes Darlehensconto buchen laffen und die von der Bank dem Rechneiamte hierüber gemachten Mittheilungen fing er auf- die Zinsen aber zahlte er aus seiner eigenen Tasche. Die Entdeckung erfolgte am 20. September durch eine zufällige Bemerkung des Bankdirectors gegenüber dem Stadtrath Horkhetmer über das noch immer unbeglichene Darlehensconto. Der Stadtrath ersuchte, ohne den geringsten Verdacht zu schöpfen, den Kasfirer um Aufklärung, dieser aber ging hin und erschoß fich. Am Tage darauf theilten die Hinterbliebenen der Behörde mit, daß Selbstmord vorliege und übergaben ein im Nachlaß gefundenes Schriftstück, worin Fischer angibt, daß er durch verfehlte Speculationen veranlaßt worden fei, die Stadtkaffe leihweise in Anspruch zu nehmen, aber der Stadt seine sämmtlichen Grubenfelder, die er auf eine Million schätzt, und seine hiesigen Liegenschaften verpfände. Hiernach erscheint die Stadt vollständig gedeckt, denn wenn auch die Schätzung der Grubenfelder zu hoch gegriffen ist, so kommt doch der Werth der Liegenschaften in der Stadt im Betrage von 250» bis 350,000 Mk. noch dazu. An die Mittheilungen des Oberbürgermeisters knüpfte fich eine längere Besprechung, die nichts Neues brachte. Man wünschte allseitig für die Zukunft eine bessere Beaufsichtigung des Kasfirers, aber man mußte einräumen, daß auch die beste Aussicht solche Fälle nicht unmöglich mache- find doch selbst bei der hiesigen Reichsbank solche Unterschlagungen vorgekommen. Man einigte sich schließlich dahin, den Magistrat um Einsetzung eines gemischten AuSschuffes zur Prüfung des Falles zu ersuchen. Der Magistrat erklärte sich mit diesem Vorschlag einverstanden und damit wa. der unerfreuliche Vorfall für heute erledigt. Die Sache hat deßhalb so viel Staub aufgewirbelt, weil binnen Kurzem verschiedene andere allerdings unbedeutendere Unterschlagungen seitens städtischer Beamten vorgekommen find. Emer von diesen, der Buchhalter des Tiefbauamts, Fritz Leber, war deßhalb nach Amerika geflüchtet, wurde jedoch In Newyork festgenommen und fitzt gegenwärtig, seiner Aburtheilung harrend, im Frankfurter Untersuchungsgefängniß. Nicht mit Unrecht bezeichnete Oberbürgermeister Adickes es als nothwendig, den bisher in Frankfurt befolgten Grundsatz des Vertrauens gegenüber den Kaffenbeamten durch den sonst in Preußen üblichen Grundsatz des Mißtrauens zu ersetzen.
* Frankfurt a. M., 28. September. Die „Kl. Pr." theilt mit, daß fich der ungetreue Stadtkassirer Fischer seinerzeit sehr lebhaft für den Fall des Rothschild-KasfirerS Jäger interessirte. Er wohnte auch der Gerichtsverhandlung gegen Jäger und deffen Genoffen als aufmerksamer Criminal- student bei. Jetzt erklärt sich dieses Jntereffe, denn er selber hatte damals die 850,000 Mk. bereits auS dem Stadtsäckel
unterschlagen und sein Gewissen mag ihm gesagt haben, daß er ebenso gut wie Jäger auf die Anklagebank gehöre.
* Trier, 28. September. Die Stadtverordneten-Ver- fawmlung hat in ihrer gestrigen Sitzung die Errichtung einer städtischen ArbeitS-Vermittelungsstelle beschlossen. Ein von der Stadt angestellter und besoldeter Beamter soll das Institut leiten.
* CöSfeld, 27. September. Durch Erstickung kam der Director des hiesigen Gaswerks, Herr MooSbach, zu Tode, indem ihm bei der Untersuchung eines LeitungSrohreS das Gas ins Gesicht schlug. Sofort angestellte Wiederbelebungsversuche blieben ohne Erfolg.
* Meiningen, 28. September. Der Brudermörder Gerhardt, dessen Hinrichtung kürzlich im letzten Augenblick durch den Herzog telegraphisch inhibirt wurde, ist jetzt im Zuchthaus gestorben.
* Hamburg, 28. September. Der Kasstrer der Hamburger Volksbank, Eckermann, ist mit 30,000 Mark entflohen. Weitere Uuterschlagungen werden vermuihet.
* Eine hundertjährige AuSWaudreriu. Mit dem Postdampfer „Re Umberto", welcher vor einigen Tagen seine Fahrt nach Rio de Janeiro und Santos angetreten, verließ eine 99jährige Greisin, Namens Maddalena Pelizzane ihre italienische Heimath, um in Begleitung von vierundzwanzig Familienmitgliedern, alles Kinder und Enkel der Greisin, nach dem fernen Welttheil auSzuwandern. Die Nachricht verbreitete sich mit Blitzesschnelle unter den Passagieren und die alte Frau ward zum Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Sie erwies fich als überaus gesprächig und aufgeräumt und fieht, wie sie unaufgefordert versichert, der Zukunft in dem fernen Lande mit freudigen Erwartungen entgegen.
Eingesandt.
H. C. Gießen, 28. September. Gießener Omnibus • Gesellschaft.
Unsere Stadt, in der wir nun nahezu ein halbes Jahrhundert verlebt haben, hat sich in der That so großartig entwickelt, wie kaum eine andere Stadt unseres Landes, denn Gießen zählt jetzt 22 000 Einwohner, und wissen wir unS noch ganz genau an die Zeit zu erinnern, in der die Einwohnerzahl nur 7000 betrug. Der diesige Magistrat hat aber auch, was nicht geleugnet werden darf, keine Mühe und keine Opfer gescheut, wenn es galt, die Stadt zu vergrößern und zu verschönern; er hat namentlich in den letzten Jahren unserer werthen Altstadt seine volle Aufmerksamkeit geschenkt, hat in dieselbe Licht und Luft zu bringen gesucht, und in derselben äußerst zweckmäßige Derkehrsstraßen bewerkstelligen laffen. Der Verkehr ist hier im Vergleich mit früheren Zeiten in Wirklichkeit riefig gewachsen, und es war hoch an der Zeit, wenn unsere Stadt vor anderen selbst kleineren Städten nicht zurückbleiben wollte, daß einsichtsvolle, unternehmende Männer, um dem Publikum den Verkehr zu erleichtern und Zeitersparniß zu bewirken, regelmäßige Omntbussahrten ins Leben riefen. Das Omnibusinstitut, das sicherlich ein dringendes Bedürfniß für unsere Stadt war, ist daher mit Freuden zu begrüßen, und verdient gewiß von allen Seiten reichlich unterstützt zu werden. Wir haben bis jetzt etwa sieben Fahrten auf beiden Linien mitgemacht und dabei die angenehme Wahrnehmung gemacht, daß — um es kurz zu sagen — alles in schönster Ordnung und mit der größten Pünktlichkeit, was auch von anderen Seiten Bestätigung findet, ausgeführt wurde. Ganz besonders jedoch hat uns bei dieser Sache in einem hohen Grade erfreut, daß die Herren von der Omnibus- Gesellschaft ihre wohlgenährten, kräftigen Pferde nur mit ganz mäßigen Aussatzzügeln und ohne Scheuklappen sicher und munter einhertraben lassen, denn die übermäßig stramm gefpannten Aufsatzzügel halten den so edel gebauten Kopf unseres nützlichsten Thieres dauernd höchst quälerisch hoch; sie verursachen dem armen Pferde in den Halsmuskeln und im Maule gräßliche Schmerzen; sie sind demnach für dieselben wahre Marter-Instrumente, die auch die Gesundheit derselben untergraben, und dadurch eine recht frühe Abnutzung der auf diese Weise gequälten Pferde herbetsühren.
Auch die Scheuklappen, ohne die ja sogar die Berliner Feuerwehr trotz ihrer mutbigm, jungen Thiere recht gut auskommt, sind ganz überflüssig; sie sind für das Pferd, das gewohnt ist, sich nach allen Seiten umzusehen, höchst lästige und auch schädliche Augensolter, denn sie gleichen ja förmlichen Fängen, die dem Auge, namentlich bei stürmischem Wetter Staub, Sand, Schnee u- f. w. massenhaft, dtrect zuführen, wodurch dieses edelste aller Organe unaufhörlich geschädigt wird, und das Pferd ist in Folge deffen den allerschlimmsten Augenkrankheiten ausgesetzt. Die Scheuleder sollen den Pferden das Scheuen benehmen, aber es ist Thatsache, daß sie dieselben ängstlich machen, und dadurch vermehren sie das Nebel, das sie verhüten sollten.
Möchten doch alle Pferdebefitzer für ihre Pferde sich ein Beispiel nehmen an der Kopfbeschirrung der Omnibus-Pferde, und höchst erfreulich wäre es, wenn dieselben sich veranlaßt fühlten, „Aufsatzzügel und Scheuklappen' als recht schlimme Marterinstrumente zu betrachten und deshalb ganz bei Seite zu werfen.
— Eingesandt. Allen Pfetsenrauchern wird der berühmte Holländer Tabak von B. Beoker io Seesen am Harz empfohlen. Derselbe versendet nämlich eine von ihm hergestellte Mischung, die völlig frei ist von deutschem Gewächs, wenig Nikotin enthält und nur aus besseren ausländischen Tabakssorten besteht. 10 Pfund dieses Tabaks kosten lose in einem Beutel franco per Post nur 8 Mk Herr Becker fabricirt diese Spectalität seit über 14 Jahren und hat sich den Besitz zahlreicher lobender Anerkennungen aus den besten Gesellschaftskreisen rotariell bescheinigen laffen.


