Ausgabe 
2.5.1894 Zweites Blatt
 
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1894

Mittwoch den 2. Mai

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(Fortsetzung.)

Ernst stand wie geblendet, und in Wahrheit, daS glück­liche Bräutchen sah in dem neuen Kleide entzückend aus. Hut und Schirm und Handschuhe von braungelber Seide bildeten mit dem Resedagrün ein charmantes Farben-Ensemble und der Chic der Fa-on machte ihrer Confectioneuse alle Ehre. Mama gab den üblichen Kuß heute mit doppeltem Entzücken und man durfte es der würdigen Matrone kaum Übel nehmen, wenn sie den Kuß verdoppelte. Ernst legte den Ärm der Geliebten in den seinen, und wer beschreibt sein Entzücken, als nun beim Treppensteigen unter dem fein- plissierten Kletdsaume die Lackspttzen von zwei winzig kleinen Stiefeletten sichtbar wurden, welche diesemhimmlischen Co- stüme" die würdigste Vervollständigung gaben. Ja, er em­pfand eS in diesem Augenblick geradezu mit innerster Zer- knirschung, daß er den hübschen Füßchen seiner Braut nicht immer die gebührende Aufmerksamkeit gezollt habe.

Und nun auf der Straße dieses Schauen und Staunen und Beneiden! Wer war glücklicher als unser Ernst! Und auch bei AgneS schien auS dem bald in Gluthröthe ge­tauchten Gesicht ein Tag der Freude und des Triumphes sich abzuspiegeln.

Wollen wir jetzt nicht die Promenade zur Fontaine hinauf verfolgen?" fragte Ernst, als sie die Stadt verließen.

Agnes blieb stehen und blickte auf die menschengefüllte, mit frischem KieS aufgeschüttete Baumallee, die Ernst als eine förmliche via triumphalis entgegenleuchtete.

Nein, Ernst," sagte sie kurzab,ich will zur Sonnen­uhr hinaufgeführt sein." .

Zur Sonnenuhr? Aber goldener Schatz, dort ist ja keine Menschenseele."

Agnes blickte einen Augenblick zur Fontaine, dann aber faltete sich ihre Stirn- sie entschied:Zur Sonnenuhr!"

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Kopfschüttelnd gab Ernst nach.

Wer hat Dir den häßlichen ShliPS aufgehängt? fragte sie nach einer Weile und blieb stehen.Rosin- färben" fuhr sie achselzuckend fort, indem sich ihr Mund ganz eigenthümlich zusammenzog,daS trug man vor zehn Jahren."

Aber ich meinte doch

Ach, laß doch daS dumme Thema! Wir wollen unS etwas setzen. Ich fühle ein unendliches Bedürfniß danach, auSzuruhen."

Aber wir sind ja kaum zehn Minuten unterwegs!" Du bist sehr galant heute."

Und schon saß sie, aber zu ErnstenS Bedauern die hübschen Füßchen tief unter der Promenadenbank verbergend. AlS er daun zu ihr aufschaute, fiel ihm ein freilich sofort wieder verschwindender, aber ganz sichtlich mit Mühe und besonderer Willenskraft unterdrückter scharfer Zug auf, der seine tiefen Furchen um daS sonst so hübsche Kinngrübchen zog. Ernst mußte unwillkürlich an die physiognomischen Prophe- zeihungen seines OheimS denken.

Du bist ja sehr unterhaltend," fiel sie plötzlich auffallend schroff heraus.

Selbstredend hätte diese Interpellation dem Bräutigam zu irgend einer geistreichen Erwiderung inspirirt, allein zu seinem Unglück erschien jetzt in diesem Augenblicke die reizende Fußspitze, die indeß zur Verwunderung des entzückten Zu- schauers einen energischen Schlag mit dem Sonnenschirm er­hielt, offenbar als Strafe für seine allzu kecke Vordringlich­keit, doch schien es dann um so seltsamer, daß auch das andere Füßchen dieselbe Strafe erhielt und Agnes dies Ge- richt abwechselnd eine Weile fortsetzte, als ob sie eine Freude daran empfinde, sich selbst zu züchtigen. Plötzlich sprang sie auf mit einem eigenthümlichen Laut des Schmerzes.

Fehlt Dir etwas?" forschte er besorgt.

Nein," gab sie unendlich kalt und gedehnt zurück.WaS sollte mir fehlen?"

Es kam mir vor, als seufztest Du."

Du träumst! Doch komm, wir wollen weiter." ^Hast Du Dich schon auSgeruht? So bald?"

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Institute aus dem abgelaufenen; Rechnungsjahr 1. April 1893/94 sind, soweit »dies noch nicht ge­schehen, alsbald bei den betteffenden JnstitutS-Directoren einzureichen.

Gießen, den 25. April 1894. Grobherzogliches Univ. Rentamt.

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»Ich weiß nicht, waS Du heute alles an mir auSzusetzen und zu tadeln findest! Rein, Deinen Arm will ich nicht mehr! ES geht sich so bester."

WaS willst Du denn dort? Da geht ja die Treppe hinab zur Grotte, wo eS immer so feucht und kalt ist."

Eben dorthin will ich. Ich scheue die Steinstufen nicht!" Und kaum hatte sie daS Wort ausgesprochen, so lieferte sie durch die That dafür einen so energischen Beweis, daß Ernst fürchtete, sie möge bei solchem kräftigen Niedertritt beider Füße eines ihrer allerliebsten Absätzchen einbüßen.

Vergebens suchte er ein Gesprächsthema, in dem er mit Agnes sich fast immer ganz einig wußte. Heute schlug alle» sehl und wie es schien wurde die Stimmung der kleinen Dame in dem resedafarbenen Sommercostüm von Minute zu Minute immer gereizter. Endlich, da sie wiederum der Stadt sich näherten, explodirte dieselbe sogar. Ernst hatte gebeten, Agnes möge mit ihm durch die Praterstraße gehen.

Ach!" rief sie und blieb stehen,Du willst mich vor Deinen Zechgenosten bei Martiny vorüberführen, daS ist stark!" ,

Mißgönnst Du mir diesen Triumph?

Welche Rolle ich bei demselben spiele, das bedenkst Du nicht! Ich gehe nicht durch die Praterstraße."

Nun, dann zum Dom hinauf."

Sehr galant! Weil dort die ganze Straße aufgepflastert wird? Ich danke!"

Aber Agnes, ich"

Wenn eS Dir zu anstrengend erscheint, nut mir gleichen Schritt zu halten", - sie eilte feit einiger Zeit geradezu bedenklich schnell -so laß mich doch allein gehen! Deinen Launen und den Forderungen Deiner Eitelkeit fuge ich mich nie nie!"

Eitelkeit, Launen, das sind Ausdrücke, die man gegen Niemand braucht, den man achtet."

Deine Forderungen muthet man aber auch .'ciemano zu, den man achtet."

(Schluß folgt.)

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Gießen, den 17. April 1894.

Grohh. Ortsgericht Gießen.

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