Ausgabe 
31.3.1893 Erstes Blatt
 
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Großh. Fachschule für Elfenbeinschnitzerei und verwandte Gewerbe zu Erbach i. O.

Beginn de8 Sommer Semesters. Montag den 10. April 1893.

Unterrichtsfächer: Freihandzeichnen und Malen nach ornamentalen Motiven, hauptsächlich Modellen.

Entwerfen und Zeichnen von kunstgewerblichen Gegen­ständen. Figurenzeichnen.

Geometrisches Zeichnen.

Mvdelliren nach ornamentalen und figürlichen Modellen.

Vorträge über Kunstgeschichte, Styllehre und plastische Anatomie.

Deutsch, Schönschreiben, Rundschrift, Rechnen, CorreSpondenz, Buchführung und Wechsellehre.

Das Schulgeld beträgt pro Semester 10 JL

Anmeldungen sind an den Hauptlehrer, Herrn Görig iri Erbach i. O. zu richten, welcher auch zu jeder weiteren Auskunft gerne bereit ist.

Die mitteleuropäische Einheitszeit in Bezug auf Gießen.

Am Samstag den 1. April d. I. wird eine in fast alle unsere täglichen Lcbensgewohnheiten eingreifende neue Zeit­ordnung in Kraft treten, die den Beweis von dem jetzt viel­gebrauchten Wort wahrhaft drastisch erbringt, daß unsere Zeit im Zeichen des Verkehrs stehe. Die mannigfachen Verkehrs. Verbindungen haben die früher zeitlich begrenzte Oertlichkeit | nahezu aufgehoben- durch die Eisenbahnen ist das Festland sc» eng und so unmittelbar überallhin verbunden, daß unser Vaterland, um mit einem Vergleich zu reden fast zu einer eiinzigen großen Stadt geworden ist, welche man beinahe vom Morgen bis zum Abend von einer bis zur andern Grenze durchreisen kann. Wenn man aber selbst in einer unserer bedeutendsten Großstädte vom Morgen bis zum Abend wandert, dann bleibt unsere Uhr mit allen in der Skadt richtig gehenden anderen Uhren in Uebereinstimmung- nicht so ist es tndeß, wenn wir uns der schnell verbindenden Eisenbahn von einer Stadt in die andere bedienen. Fahre ich z. B. des Mittags l Uhr 5 Min. ab Gießen nach Berlin, so bin ich nach meiner hier in Gießen richtiggehenden Uhr schon um eine Minute nach halb elf dort, wohingegen die in Berlin richtig gehende Uhr mich überzeugt, daß es nicht mehr eine Minute nach halb elf, sondern bereits zehn Minuten vor elf Uhr Abends ist. Stelle ich jetzt meine Uhr nach der Berliner und fahre weiter nach BreSlau, so zeigt sich, hier angekommen, daß meine Uhr wieder andere Zeit als die in Berlin richtig gehende angibt; meine in Berlin richtig gestellte Uhr hat auf der kaum -P/e Stunden dauernden Reise von Berlin nach BreSlau wiederum 14 Minuten verloren. Fahre ich nun von BreSlau nach Lemberg, wo ich nach weiteren 16 Stunden ankomme, so hat meine Uhr gegen die Gießener schon eine ganze Stunde und eine Minute verloren. Wie nach Osten i meine Uhr fortwährend verliert, so gewinnt sie, wenn ich | nach Westen eine Reise mache. Aus einer Reise nach Köln, ; Aachen, Metz re. hat man seine Uhr fortwährend der anders w erdenden Ortszeit entsprechend zurückzustellen. Dieser Zustand soll für die Alles beherrschenden Verkehrsverhältnisie hinfort unerträglich sein. Die für die Eisenbahnen nöthigen Um­rechnungen nach der Ortszeit will man nun wie mit einem Schlage auö der Welt schaffen, indem man am 1. April alle Ortszeiten aufhcbt und dafür eine in ganz Europa geltende E isenbahnzeit einsetzt. Diese Neuerung ist ein so gewaltiger Eingriff in die altgewohnten Lebensverhältniffe, daß sie in ih.rer Bedeutung vielleicht nur mit dem 1873 cingeführten Münz-, Maß- und GewichtSsystem aus der Dekade zu ver­gleichen ist. Man wird deshalb am 1. April d. I. vorerst

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fh. 77 frrfteg Blatt

Freitag den 31. März

1893

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Die leirRmfi peetfUemttt« ipfrbfn 6rm Anzeiger »tchenN'ch brn mal bnfclqjt.

Gießener Anzeiger

Kemrai'-Anzeiger.

vlerteljähriger >len*fm#efs»rdei 2 Mark 20 Pfg.

Brmgerlodn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

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Mr.».

Fernfprecher 61.

Anrts- und Anzeigeblatt für den Ttreis Grefzen.

^;5SXr:SK~| chratiskeisage: Hießener Kamiri-nblätt-r.

Alle Annoncrn-Vureaux be» In- unb fiuÄfanbe« nehm« Anzeigen für benGießener Anzeiger" entgegen.

Anrtlichev Theil.

Bekanntmachung.

betr. die Regelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe.

Nachdem durch das am 26. d. Mts. erlassene neue Ortsstatut der Stadt Gießen die allgemeine Verkaufszeit für das Handelsgewerbe an Sonn- und Feiertagen auf eine weitere Rachmittagsstunde (bis 3 Uhr, Ortszeit) ausgedehnt worden ist, haben wir die durch unsere Bekanntmachung vom 2. Januar d. Js. für den Handel mit Tabak, Cigarren und zugehörigen Rauch-Utensilien zugelassene Vergünstigung des Verkaufs bis 7 Uhr Abends wieder zurückgenommen.

Gießen, den 29. März 1893.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

alle dem Publikum sichtbaren Bahnhofsuhren auf eine Eisen­bahn-Einheitszeit stellen und die Folge wird sein, daß man für die Eisenbahnen auf eine und dieselbe Minute sowohl in Berlin wie in Petersburg oder Paris 12 Uhr Mittags hat. Um nun aber eine heillose Verwirrung nicht eintreten zu lasten, die dadurch entsteht, wenn die Bahnhofsuhren ganz andere Zeiten zeigen als die Stadtuhren, so ist bekanntlich durch kaiserliche Verordnung ein Gesetz erlassen, wonach die gesetzliche Zeit für ganz Deutschland die mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades östlich von Greenwich fortan sein soll. Dieser fünfzehnte Längengrad durchschneidet Europa von der Südspitze Siciliens bis zu den Lofoten und kommt auf seiner Bahn durch Südost-Jtalien, Oesterreich, Schlesien, Pommern, Dänemark, Schweden und Norwegen. Wenn auf diesem Strich die Sonne durch die Mittagslinie geht, soll in ganz Deutschland 12 Uhr Mittag sein. Fast alle Städte Deutschlands haben durch dies Gesetz ihre Uhren zu verstellen, nur zwei bis drei Städte, welche von dem fünfzehnten Meridian durchschnitten werden, so besonders Stargard in Pommern und Görlitz in Schlesien, brauchen ihre Uhren nicht zu ver­stellen. Hier ist nach der Sonnen- und nach der Eisenbahn­zeit zugleich Mittag. Berlin muß seine Uhr 6 Minuten, Köln 32, Coblenz 30, Hamburg-Altona 20 und München 14 Minuten vorstellen, BreSlau 8 und Königsberg 22 Minuten zurückstellen. Unser Gießen hat wie Frankfurt a. M., Darm­stadt, Heidelberg, Marburg, Bremen und Paderborn seine Uhr genau 25 Minuten vorzustellen. Wir werden also vom 1. April ab nach unserer jetzigen Zeitrechnung schon fünf Minuten nach halb zwölf 12 Uhr Mittags haben. Gießen wird also künftig gegen die altgewohnte Sonnenzeit immer volle fünfundzwanzig Minuten vorauseilen- es wird demnach auch in der neuen Einheitszeit fortschrittlich bleiben.

Der Uebergang von der alten in die neue Zeitbestimmung wird nun nicht ohne eine Menge von Unbequemlichkeiten für die Erfüllung unserer täglichen Pflichten möglich werden- man darf indeß hoffen, daß, nachdem man sich an die neue Ordnung gewöhnt haben wird, man sehr bald die nicht un­wesentlichen Vortheile dieser Neuerung erkennen dürfte. Die Unbequemlichkeiten werden zum Theil darin zu Tage treten, daß wir uns in unseren eigenen auch anderen Einrichtungen anzuschließen haben. Vor Allem müssen wir uns der Eisen­bahn anschließen und diese ändert ihren jetzigen Winter Fahr­plan nicht. Um so tritt die bevorstehende Neuordnung in Kraft und sie ist fast die einzige Einrichtung, durch welche die allermeisten Schwierigkeiten sich einstellen werden, denn die Eisenbahn gibt ihren schon jetzt gültigen Fahrplan dem Publikum mit der einzigen, aber gewaltigen Verschiebung, daß jeder jetzt fahrende Zug künftig nach der neuen mittel­europäischen Uhr 25 Minuten später von Gießen abgelassen resp. ankommen wird. Wollen nun die Geschäftsleute ihre Arbeitszeit unverändert nach der neuen Zeitbestimmung halten, dann gehen ihnen für ihre Geschäftsschlußzeit jedesmal 25 Mi­nuten verloren, die wohl oft nicht dadurch ausgeglichen werden, daß ja auch 25 Minuten früher zu arbeiten angefangen werden muß. Wenn z. B. der Kaufmann jetzt bis 8 Uhr Abends für einen bestimmten Postschluß seine Postsachen aufliefern kann, so wird er nach dem 1. April noch 25 Minuten länger Zeit dafiir haben. Liegt dem Kaufmann an dieser Zeit, so wird er für feine Arbeitszeit alle Tageszeiten umrechnen und immer 25 Minuten später anfangen resp. aufhören lasten. Wo diese Hindernisse nicht vorhanden sind, wird man wohl die gewohnten Zeiten für seine Thätigkeit in der neuen Zeit- bestimmung beibehalten, d. h. man wird nach dem Glocken­schlag der neuen Uhr ebenso wie jetzt nach der alten arbeiten. Besonders die Schulen werden stwhl schon gleich zum 1. April ihre Uhren nach den Bahnhofsuhren stellen und nach wie vor auf den neuen Glockenschlag 8 resp. 9 Uhr anfangen. Wird im Hause die Uhr ebenfalls nach der Bahnhofsuhr gestellt, dann wird man freilich einfach um 25 Minuten früher geweckt, was vielleicht zuerst gar nicht sehr angenehm ankommen mag, aber man kann dann doch noch ohne besondere Unbequemlich­keit zur rechten Zeit zur Schule oder wohin man sonst zur bestimmten Zeit zu gehen hat, kommen.

Weitere Unzuträglichkeiten werden innerhalb der Familie erst dann entstehen, wenn die einzelnen Familienglieder theils nach der neuen, theils nach der alten Zeitbestimmung ihre Pflichten zu erfüllen haben. In Familien, wo jetzt um 12 Uhr zu Mittag gespeist wird, würde 5. B. der Vater wenn er nach der alten Zeitbestimmung künftig zu arbeiten hätte erst gegen halbem zu Tisch gehen können, wohingegen seine Kinder nach der neuen Zeitrechnung schon um 12 zu Tisch entlasten würden, und natürlich um ebensoviel früher wieder zur Schule gehen müßten. In allen solchen Fällen, und sie werden sich mehr einstellen, als sich jetzt schon übersehen läßt wird man vorerst noch einmal recht unbequem die neue

Zeitordnung empfinden- doch die Ungleichheiten bei den ver­schiedenen Berusspflichten sind ja ohnehin so groß, daß man auch in dieser Neuordnung sich leicht zurechifinden wird, um sich den dadurch nothwendig werdenden anderen Verhälmisten bestens anzupassen. Man har sich ja in den letzten Jahrzehnten in so mancher gewaltigen Umwälzung in den bescheidenen Verkehrsverhältnissen unserer sogn. guten alten Zeit zurecht­gefunden : Wie lieb ist uns beispielsweise unsere neue Münz-, Maß- und GewichtSordnung geworden, und sich an sie zu gewöhnen, war doch für die älteren Leute ungleich schwerer als eS für die neue Zeitbestimmung erforderlich sein wird. Die Kinder, die jetzt in der Schule die Decimalrechnung lernen, können kaum noch begreifen, daß ihre Eltern fast so viel andere Rechnungssysteme lernen mußten, als es Staaten giebt.

Was die mitteleuropäische Zeitbestimmung betrifft, so ist sie eigentlich ein Antagonismus wider das bessere Misten, denn ich kann mich überzeugen, daß, sobald die Sonne durch den Zenith geht, Mittag sein muß, wohingegen ich künftig zu bestimmen haben werde, daß dann schon 25 Minuten nach Mittag in Gießen sind. DaS ist freilich eine Illusion für die rechte Erkenntniß, aber für die wissenschaftliche Erkenntniß ist es ja ebenfalls eine Illusion, wenn man sieht, daß die Sonne im Osten aufgeht, wohingegen sie doch in Wirklichkeit stillsteht. Wie die Annehmlichkeiten für die neue Zeitbestimmung für die VerkehrSverhältniste über jedem Zweifel erhaben find, so wird auch für unsere eigenen Gebräuche manches uns dabet sehr anheimeln. So werden künftig die auf einen bestimmten Glockenschlag stattfindenden Feste, welche in der Verwandt­schaft u. s. w. östlich oder westlich von uns entfernt gefeiert werden, genau in derselben Minute abgehalten, als bei uns die Uhr zeigt. Soll eine Hochzeit um 3 Uhr stattfinden, so ist es in demselben Augenblick sowohl in Memil wie in Metz oder in Gießen 3 Uhr. Man braucht also künftig nicht mehr zu berechnen, wieviel Uhr hier fein wird, wenn in Memel ober Metz 3 Uhr Nachm. ist, obwohl jetzt die Zeitdifferenz zwischen diesen beiden Städten genau eine Stunde beträgt. Wenn früher jeder östlich ober westlich von uns liegende Ort zu einer anderen Zeit den Eintritt des Jahreswechsels feierte, so wird in diesem Jahr wohl zum erste« Mal, wenn bei uns in Gießen am 31. Decembcr die Thurmglocke 12 Uhr Mitter­nacht verkündet, Alldeutschland in demselben Augenblick seinen Festgruß zum neuen Jahr in die Welt rufen. Diese Gemein­samkeit in der Feststimmung hat für warmfiihlende Patrioten auch etwas Gewinnendes.

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Deutscher Reich.

Berlin, 29. März. Der preußische Gesandte in München, Graf Eulenb-urg, ist am Dienstag vom Kaiser in be­sonderer Audienz empfangen worden. Dem Vorgänge wird von mancher Seite in Hinblick auf die Thatsache, daß Graf Eulenburg zu den intimsten Rathgebern des Kaisers gehört, eine spezielle Bedeutung beigelegt. Man erinnert hierbei daran, daß der preußische Vertreter in München als der­jenige Staatsmann gilt, auf besten Rath die Zurückziehung des Zedlitz'schen Volksschulgesetzes von allerhöchster Seite er­folgte. Es wird darum weiter angedeutet, daß Graf Eulen­burg vielleicht in Sachen der Militärfrage zum Kaiser berufen worden sei, um dem Monarchen auch in dieser kritischen An­gelegenheit seine Ansichten auseinanderzusetzen. Jedenfalls ist eS bemerkenswerth, daß der Kaiser kurz vor Empfang des Grafen Eulenburg einen längeren Vortrag des Reichskanzlers Grafen Caprivi entgegengenommen hatte.

Die in den parlamentarischen Arbeiten eingetretene österliche Ruhepause begünstigt augenscheinlich die öffentliche Erörterung der schwebenden Krisis, welche durch die Mili­tärfrage hervorgerufen worden ist. In den Blättern aller Parteirichtungen kann man schier tagtäglich mehr ober weniger langen Betrachtungen über den muthmaßlichen Ausgang ber Militärfrage begegnen, währenb zugleich bie Gerüchte über biefe ober jene angebliche Wenbung in der Krisis einander förmlich jagen. Anscheinend hat sich in den Berliner Regie­rungskreisen ein Wechsel in der bisherigen optimistischen Stimmung vollzogen, mit welcher daselbst den Folgen einer etwaigen Reichstagsauflösung bis jetzt entgegengesehen worden ist. Wenigstens kann aus gewissen offiziösen Auslastungen der jüngsten Zeit der Schluß gezogen werden, daß man an maßgebender Stelle in Berlin die Möglichkeit endlich in Be­tracht nimmt, es könnten die eventuellen Neuwahlen zum Reichstage gegen die Regierung ausfallen, und daher erklärt es sich wohl auch, wenn jetzt in verschiedenen Regierungs­organen dringender der Ruf nach einer Verständigung über die Militärvorlage erschallt. Nun, die große Mehrzahl des Reichstages ist gewiß auch jetzt noch zum möglichsten Ent­gegenkommen gegenüber der Regierung bereit, weitere Ver-