Ausgabe 
30.7.1893 Drittes Blatt
 
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1893

Sonntag den 30. Juli

Zlmts- und Anzeigeblutt fiiv den "Kreis Gietzen

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| Hratisöeitage: Hießener Kamikienblätter

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Chicago, 14. Juli.

1 LeiPäg 1879.

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Chr. Zimmer,

Bahnhofstraße IS. I

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für dm folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Lorm. 10 Uhr.

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Der fUtexer Anzeiger «scheint täglich, rtt Ausnahme deS Montags.

Die Vießener Mamiltend lätier »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal h «gelegt.

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Pelzhandel mit den damals not, , , ,

nähere Berührung mit der Civilisation verkommenen Roth- häuten trieb, und die biederen Chicagoer betrachte^ ihn^ als den eigentlichen Gründer ihrer Stadt.

gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, legten die

zweimal durch furchtbare Feuersbrünste eingeäschert nur, um sofort um io prächtiger wieder zu erstehen. Dieselbe Stadt, in deren Hafen am 6. Juni 1834 das erste Dampf­boot und fünf Wochen später das erste Segelschiff einlief, ist jetzt kaum mehr im Stande, genug Schiffe und Etsenbahn-

Amerikaner, nachdem sie zu diesem Zwecke sechs englische Quadratmeilen Landes von den Indianern gekauft hatten, im Jahre 1803 eine kleine Militärstation an, Fort Dearborn genannt, die aber 1812 durch die von dem ebenso intelligenten wie begabten Häuptling Tecumseh aufgewiegelten Eingeborenen vollständig zerstört und der größte Theil der Besatzung und Einwohner in einem grauenhaften Blutbade niedergemacht wurden. Nur ganz langsam siedelten sich die Weißen nach diesem traurigen Ereigniß in jener Gegend wieder an und Anfang der 20er Jahre wohnte da, wo jetzt das riesige Chicago steht, nicht viel mehr als ein Dutzend Menschen. Fort Dearborn war schon bald nach seiner Zerstörung besser und geräumiger wieder aufgebaut worden, und im Herbste 1833 versammelten sich dort ein paar Tausend Indianer der verschiedensten Stämme, die für eine Million Dollars un­gefähr 20 Millionen Acres ihres Landes an die Vereinigte Staaten-Regierung abtraten in Wirklichkeit allerdings wurde es ihnen einfach abgezwungen. Dann erhält Chicago im Jahre 1837 den Character einer Stadt es hatte da­mals genau 4170 Einwohner und damit beginnt die Ge­schichte seiner rasend schnellen Entwickelung und seines mäch­tigen Emporblühens.

Und doch wurde ein großer Theil dieser Städteriesin

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Nr. 177 Drittes Blatt

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Chicago ist bet alledem eine Stadt, die nicht Allen ge­fallen wird. Aber sie ist eine der interessantesten Städte, wenn man Gefallen an den materiellen Errungenschaften der Neuzeit, an einem riesigen Geschäftsleben und einem inter­nationalen Gesellschaftsverkehr findet. Chicago ist zugleich die typischste Stadt Nordamerikas. Schön kann man sie, wenn man Europäer ist und noch einen Funken von Geschmack besitzt, wahrhaftig nicht nennen Gott weiß, was den viel­gelesenen Hesse-Wartegg veranlaßt, Alles lobenswerth zu finden, was zu Chicago gehört wobei er übrigens alles Tadelns» werthe hübsch todtschweigt. Es scheint, daß er in eleganter Carrige nnb in eleganter Gesellschaft durch die schmutzigen, laubigen Straßen mit ihrem ausgefahrenen Holzpflaster kutschirt ist; von den wenigen Annehmlichkeiten, welche die unge große Stadt Leuten, die zu Fuß durch ihre Straßen wandern müssen, bietet, hat Hesse-Wartegg keine Ahnung. Denn wenn Chicago auch wirklich auf der einen Seite die größte Vollkommenheit zeigt, ist es auf der andern Seite doch noch sehr, sehr weit zurück, was bei unparteiischem Urtheil nicht übersehen werden darf.

Denn während ich zum Beispiel in einem Hotel wohne, das achtzehn bis zwanzig Stockwerke mit vierhundert Zimmern enthält, dabei noch einen der größten Theatersäle der Welt, einen Concertsaal und Gott weiß wieviele Geschäftsräume, ,redigt unten an einer Ecke der schönen Boulevards ein altes hysterisches Weib von der nahen Wiederkunft Jesu- und während ich im elegantesten, bequemsten Eisenbahnwagen nach dem südlichen Villenviertel fahre, lese ich in der größten Zeitung der Stadt eine umfangreiche Vertheidigung der Lynchjustiz, trotzdem bei eben jenem Lynchgerichte, das zu diesen Erörterungen Anlaß gibt, der arme Teufel, den der ruLc Pvlicl zuckst halb mbt Q-schoflen, dann mit glühenden Eisenslangen gestochen und schließlich in Stücke zerhackt har unschuldig war. Und eine blutjunge, einer der angesehensten Familien der großen Stadt angehörige Dame kutschirt mich in ihrem reizenden Break durch die reizenden Parkanlagen am See und erzählt mir dabei in den enthusiastischsten Aus­drücken von einem endlosen Theaterstücke, das eben allabendlich im Schillertheater zur Darstellung gelangt und doch ist dieses Stück nichts weiter als etwas höhere Seiltänzerkunst und ein ,gutcostümirtes, gut getanztes Ballet. Aber eben durch seine großen aus der Halbbildung der Bevölkerung hervorgehenden Widersprüche ist Chicago so ungeheuer inter- eflant: es ist eben eine blutjunge Stadt, die gerade ihrer Jugend wegen das Neueste und Beste moderner Erfindungen und Fortschritte für sich nehmen konnte, um auf der andern Seite noch die abgelegensten, an die Großvaterzeiten erinnernden Gebräuche und Einrichtungen zu haben dieses prächtige neue Chicago, wo die Straßen allerdings des sumpfigen Untergrundes wegen mit Holz gepflastert sind, wo die Gentlemens die selbstgewichsten Stiefel noch auf den Tisch legen und vorsündfluthliche Omnibuse von klapperdürren Rosinanten durch den fußhohen Schmutz geschleppt werden, so man nur alle halbe Meilen eine Straßenlaterne trifft und seines Lebens eigentlich nie sicher ist.

Und diese eigenthümliche Stadt hat in diesen Tagen em neues Wundermonstrum zu Tage gefördert: die columbische Weltausstellung, die am 12. October 1892, als am 400jährigen Gedenktage der Entdeckung Amerikas durch Columbus, formell eingeweiht und am l.Mai dieses JahreS dem Besuche geöffnet wurde.

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Dem Europäer, zumal dem Deutschen, fällt es Anfangs recht schwer, sich in den amerikanischen Verhältniffen wohl zu fühlen. Ist ihm das aber einmal gelungen, dann fängt er an, Amerika ebenso blind anzubeten, wie er es vorher miß­achtet. Die großen Wunder der neuen Welt üben ihren mächtigen Zauber bald voll und nachhaltig auf ihn aus: diese Wunder aber sind die amerikanischen Städte und ihr Treiben. Man glaubt sich zuerst in ein modernes Fabelland versetzt, wenn man diese endlose Straßen mit ihrem bunten Gewühl, diese thurmhohen Häuser mit ihren zwanzig Stockwerken, diese Eisenbahnen Über, auf und unter der Erde und dem Flufle zuerst erblickt, man fragt sich unwillkürlich, ob nicht ein Roman Jules Vernes zur Wirklichkeit geworden oder gar das Jahr 2000 Bellamys schon angebrochen ist. Die großen Städte Nordamerikas sind keine Präriestädte, unfertig mitten in die Wildniß gestellt, es sind vielmehr yäusermeere von coloflaler Ausdehnung, Straßen von un- gcheurer Länge, dabei ausgestattet mit allem Luxus und über alledem übersieht man das viele leicht zu erklärende Un- , . , , , _

fertige welches die Mauern jeder solchen Stadt in sich züge aufzubringen, um den ungeheuren Verkehr zu vermitteln, fliüeften der in ihr zusammenläuft. Am südlichsten Punkte der großen

Diejenige Stadt nun, deren Namen eben in aller Welt canadischen Seen gelegen, muß die große Masse des Welt» am meisten genannt wird und die zu gleicher Zeit alle Wunder Verkehrs über diese Stadt gehen, denn sie ist Mittelpunkt amerikanischen Schaffens und Lebens wie keine zweite ihr zwischen dem längst bebauten Osten unb bem '

einen nennt, ist Chicago. Ernst von Hefle-Wartegg hat und über sie laufen die Straßen, dte den Atlantischen mit t.?S richtige Wort gesunden, wenn er in einem vor nicht allzu dem Stillen Ozean verbinden. Chicago ist-zugleich der (^id- langer Zett in einer deutschen Zeitung erschienenen Effay punkt der Schifffahrt der großen Seen, undes wird.em Sag Chicago die größte Culturmer kwürdigkeit der kommen, wo es größer geworden ist als London, prächtiger Neuen Welt nennt. Newyork, dem man auch in Europa als Paris und mächtiger als Berlin. Chicago ist der Knoten, nach" althergebrachter Weise immer noch den ersten Platz unter punkt der Bahnen aller vier den Städten Amerikas einräumt, muß nun, wenn auch nur Bindeglied der großen östlichen und westlichen Limen. Auch widerstrebend vor Chicago zur Seite treten. Newyork ist ist es die Kornkammer der Vereinigten Staaten und der halt nach amerikanischen Begriffen eine fertige Stadt, größte Markt der Welt für Schlachtvieh, Nutzholz und Chicago dagegen erst eine werdende, obwohl es eben schon Getreide.

fast anderthalb Millionen Menschen beherbergt und einen Aber die stolze Königin der canadischen Seen lst nicht

Flächenraum von rund 180 engL Quadratmeilen bedeckt. Und nur durch ihre Geschichte, durch ihren Handel und Verkehr

doch ist es nicht viel über fünfzig Jahre, daß diese Riesenstadt ein Wunder sie ist leibst eine Wunderstadt, fo tote fte da

bloß 175 Häuser mit 550 Einwohnern zählte, ja, vor hun- ist, ein Märchen des neunzehnten Jahrhunderts, die modernste

der? Jahren war dort, wo jetzt prächtig? Parke und Quais, Stadt unserer Zeit - soweit eS M um tge @intool)ner wo luxuriöse Villenstraßen sich ausdehnen, eine undurchdring- handelt. Man begreift kaum, wie es möglich tft, MH" ben liche Wildniß voller Sümpfe und stagnirender Wafler, und letzten Jahren durchschnittlich ie sunftausend ^ba"be, also die gewiß nicht verwöhnten Indianer gaben dem dortigen dreizehn an federn einzelnen Tage, in einer einzigen Stadt Fluh den wenig schmeichelhaften Namen Checahgor, was in hingestellt werden konnten. Em alter Indianerhäuptling vom ihrer Sprache fo viel wie Stinkthier bedeutet. Ich will hier Stamme der in der Geschichte Chicagos oft und rühmlichst gleich erwähnen, daß der Chicago-River auch jetzt noch seinem genannten Pottatoatomies, die sich eben zum Besuche der Namen alle Ehre macht - ertrunken ist noch nie ein Mensch Weltausstellung hier aufhalten, hat mir von den Tagen <. nc.pr rinx xort fefjon sebr viele. I erzählt, in denen die Pferde fernes Stammes noch unter

2>ater John Kinzie war der erste Weiße, der sich an jenen Bäumen weideten, die jetzt die großen Parks Chicagos den unwirthttchen Gestaden des Chicago-Rivers anbaute und zieren und in denen Hunderte von kleinen' Wtgwum an ch ehrlichen, erst durch die derselben Stelle standen, wo jetzt himmelftürmende Paläste ~ 'V. I emporragen oder endlose breite Straßen vorübersühren. Ja, w.. -.3 er erinnert sich noch des grauen nebelkalten Herbstmorgens, Seiner Blockhütte als man im dichten Wald einen Bären erlegte gerade da, wo jetzt die größten Geschäftshäuser stehen.

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