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30.6.1893 Erstes Blatt
 
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Nr. 151

Erstes Blatt

Freitag deu 30 Juni

1893

Gießener Anzeiger

Keneral-Anzeiger

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] Gratisbeilage: Gießener Iamilienßtätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für dm folgenden Tag erfcheinendm Nummer bis Norm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmm Anzeigen für denGießener Anzeiger" mtgegen.

Die Gießener A««rtienStätter werden bcm Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegl.

Streu-, Futter« und Düngermittcl sowohl in Waggonladungen als in Stückgütern bei den verbündeten Regierungen zu er­wirken. Die Regierung soll ferner bei der Reichsregierung daraus hinwirken, daß von der Abhaltung von Militär­herbstübungen im Lande überhaupt, mindestens aber in den am meist gefährdeten Gegenden und allermindestens von einer Fourage« und Streulieferung, sowie von der Mannschafts­verpflegung verschont werde, sowie die Reichskriegsverwaltung zu veranlaffen, auf Stroheinkäufe im Lande zu verzichten und die Viehankäufe in ausgedehntem Maße für militärische Zwecke, insbesondere für die Conservefabriken, eintreten zu lasten. Auch auf Arbeitsvermehrungen im Bahn-, Wald- und Straßen­bau möge die Regierung hinwirken. Ferner sollen zur Aus­breitung des landwirthschaftl. Genossenschaftswesens 3000 Mk. zur Verfügung gestellt werden. Nach warmer Befürwortung dieser Anträge durch die Abgeordneten Schade, Muth^ Schröder u. A. werden dieselben einstimmig angenommen. Der Landtag wurde hterauf um 1 Uhr durch Staatsminister Finger geschlossen.

Die Erste Kammer genehmigte ebenfalls einstimmig die von der Regierung geforderte Summe und die Anträge der zweiten Kammer hierzu.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Ausgabeetat festgestellt ist, und dies wäre in diesem Falle die Militärvorlage. Man darf nun aber wohl annehmen, daß in steuer- und socialpolitischer Hinsicht die Reichs­regierung, resp. der Reichskanzler Graf Caprivi dem neuen Reichstage entgenkommen wird, um eine abermalige Ab­lehnung der Militärvorlage und eine ganz unberechenbare innere und äußere politische Krisis zu vermeiden. Die Anzeichen für eine Verständigung in der großen Streitfrage sind also günstig.

Der neue deutsche Reichstag und die Militärvorlage.

Von einem neuen Reichstage, welcher in erster Linie zu dem Zwecke gewählt worden ist, die Heeresfrage zu entscheiden, muß auch ohne Weiteres das größte Interesse diejenige Frage Hervorrufen, ob der in den nächsten Tagen in Berlin zusammentretende Reichstag eher wie sein Vorgänger die vielumstrittene Militärvorlage annehmen wird oder nicht. Im Allgemeinen neigen nun die Urtheile sowohl der Anhänger als auch der Gegner dieser großen Heeresreform dahin, daß die Annahme derselben im jetzigen Reichstage wahrscheinlich, ja so gut wie gesichert fei. Mit dieser Zuversicht möchten wir uns indessen über die Bewilligung der Vorlage durch den neu gewählten Reichstag nicht aussprechen, denn die jetzige Zusammensetzung des Reichsparlamentes bietet an sich noch keine sichere Gewähr für die Zustimmung zu der Vorlage nach dem Anträge Huene. Zweifellos für dieselbe stimmen doch wohl nur die Conservativen mit 74 Stimmen, die Freiconservativen mit 23 Stimmen und die Nationalllberalen mit 52 Stimmen, macht zusammen 149 Stimmen, also keine Mehrheit. Geneigt der Vorlage ihre Zustimmung zu ertheilen, sind nun allerdings ferner die Mitglieder der freisinnigen Vereinigung (12 Stimmen), die Antisemiten (17 Stimmen) Und die Polen (19 Stimmen), ebenso dürften 5 bis 6 Abge­ordnete des Centrums und der Wilden (Fractionslosen) bereit fein, der Vorlage zuzustimmen, und dadurch würde allerdings eine Mehrheit für die Militärvorlage entstehen. Allem Anscheine nach wollen aber die freisinnige Vereinigung und die Antisemiten nur unter Zusicherung gewisser Vorbedingungen her Vorlage ihre Zustimmung ertheilen, nämlich die ersteren, wenn die zweijährige Dienstzeit im Heere für die Fußtruppen gesetzlich festgelegt ist und keine bloße Zweckmäßigkeitsmaßregel bleibt, und die letzteren, wenn vor Annahme der Militär­vorlage von Seiten der Regierung und womöglich auch des Reichstages die Erklärung abgegeben wird, daß die Unkosten der Heeresverstärkung nicht auf die unteren und mittleren Volksklaffen gelegt werden sollen. Diesen letzteren Wunsch theilen nun allerdings die Nationalliberalen und andere Parteien auch, aber es sind doch gewisse Schwierigkeiten zu überwinden, sich über das Steuerprogramm zu verständigen, und gesetzlich kann dasselbe vor der Annahme der Militär­vorlage entschieden nicht festgelegt, sondern nur besprochen und gewissermaßen privatim vereinbart werden, denn neue Steuern können doch nur dann bewilligt werden, wenn der

Hessischer Landtag.

nn. Darmstadt, 28. Juni 1893.

Sitzung ber zweiten Kammer der Stände.

Am Regierungstische das gesammte Staatsministerium.

Die Sitzung wird um */zl Uhr eröffnet. Präsident Weber gibt dem Hause die Regierungsvorlage bekannt, wo­nach drei Millionen Mark für die Linderung der Noth der Landwirthschast gefordert werden. Adg. Haas erstattet zunächst mündlichen Bericht über die Anträge des Ausschusses und beantragt die Dringlichkeit. Die Abgeordneten Frank und Jöst sprechen gegen den Dringlichkeitsantrag, weil die Anträge des Ausschusses für sie zu wichtig seien, um in der kurzen Zeit über dieselben beschließen zu können. Der An­trag auf Dringlichkeit wird hierauf mit allen gegen 8 Stimmen angenommen. Die Vorlage der Regierung auf Verwilligung von 3 Millionen Mk. findet hierauf einstimmige Annahme. Zur Vorlage selbst hat der Finanzausschuß noch eine Reihe von Anträgen gestellt, insbesondere daß eine Stundung von Darlehen ohne Verzinsung bis zum 1. December 1894 und ' von da ab eine Ermäßigung der Verzinsung zu 2 pCt. statt- I finden soll. Ferner soll der Bezug von Waldstreu aus den Domanialwaldungen ausgedehnt werden, ebenso die Entnahme ' von Futterlaub und Rupfgras. Die Regierung soll ermäch- | tigt werden, die Kosten des Ankaufs von landwirthschaftlichen ! Bedarfsgegenständen und künstlichen Düngmijteln und die- | jenigen der Untersuchung derselben auf die Staatskasse zu , Übernehmen. Bei den Grasversteigerungen aus den Domanial- - Verwaltungen sollen nur Landesangehörige zugelassen werden ! und bei Abgabe von Waldstreu Privatbürgschaften gelten. ; Ferner wird Großh. Regierung ersucht, das Brennen von i Mais und anderen mehlhaltigen Stoffen zu genehmigen und bei Neucontingentirung das bestimmte (Kontingent nicht pro­visorisch , sondern definitiv zuzutheilen- ferner allgemeine Frachtermäßigungen für den Bezug landwirthschaftlicher !

vierteljähriger Aöonncmentspretsr 2 Mark 20 Pfg. mit Brmgerlohn.

Durch die Post btjogce 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Lxpeditis» und Druckerei:

Fernsprecher 61.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 28. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Kreisrath deS Kreises Bübingen Geh Regierungsrath Klietfch, den Amts- richter Dornsei ff aus Gießen, den Kirchenrath v. Dieffen- bad) aus Schlitz, den Decan Meyer aus Friedberg.

Berlin, 28. Juni. Ob dem am 4. Juli zusammen­tretenden Reichstage neben der Militärvorlage noch andere gesetzgeberische Materien unterbreitet werden sollen, darüber herrscht zur Stunde noch immer Ungewißheit. ES kommt eben darauf an, ob commissarischc Vorberathung der Vorlage beliebt wird ober nicht, in letzterem Falle würde die bevorstehende Session schwerlich mehr als eme Woche bean­spruchen. Nun wird aber aus Berlin gemeldet, eine Anzahl der neuen Reichstagsabgeordneten habe bereits geltend ge­macht, daß die Militärvorlage trotz der im Großen und Ganzen sestgehaltenen Form des Antrages Huene einige neue Punkte von grundsätzlicher Wichtigkeit enthalte, die ohne com- miffarische Vorberathung nicht zu erledigen seien. Sollte sich demnach letztere nicht umgehen taffen, so wäre alsdann auf eine Sessionsdauer von etwa vier Wochen zu rechnen und in

Feuilleton.

Die vorzeitige Sauregurkenzeit der Presse.

(Nachdruck verboten.)

Brennt die Sonne noch so heiß, Gurken baut man doch mit Fleiß, Und beim längsten Dauerregen, Schwindet nicht der Gurkensegen. Was Propheten sind fürs Wetter, Sind die Gurken für die Blätter.

k. Trotzdem wir erst diese Woche in den Kalender- fomtner getreten, haben wir schon vorher eine Hitze und Dürre, welche den Hundstagen nur wenig nachgibt, die Stadtväter mit gerechter Besorgniß wegen Brunnen und Wafferleitung, die Förster wegen Waldbrände, den Landmann wegen des Viehfutters und der Ernte, die Aerzte wegen Wiederkehr von Epidemien rc. erfüllt. Die vorzeitige Hitze hat uns sogar einen heißen Wahlkampf in einer sonst parlamentarisch un­gewohnten Jahreszeit bescheert, und es ist nicht ausgeschlossen, daß derselbe sich noch einmal in noch erhitzterer vermehrter Auflage diesen Sommer wiederholt. Kein Wunder, daß die sauren Gurken vor der Zeit ins Kraut schießen und jetzt schon die Spalten der Blätter in einer Weise füllen, wie solches sonst nur in und nach den Hundstagen geschah. Während das Heer der Enten und Seeschlangen seinen verfrühten Einzug in die Feuilleton- undVermischten"-Rubriken hält, tummeln die Gurkenritter ihre Rosse in der für Politik re- servirten Arena. Sie theilen sich brüderlich in dasInnere' undAeußere", und man weiß nicht, soll man mehr über die Productivität der einen oder anderen SpecieS staunen. Die Feld- und Gartengurke enthält fast nur Wasser und wenig Nahrungsstoff, die Zeitungsgurke enthält nur Lust und Unterhaltungsstoff. Sie strotzt von Neuigkeiten, aber um greifbaren. Sogar derofficiöse" Telegraph tritt mitunter in ihre Dienste, um in der windstillen Zeit durch Windmachen ein bischen Kühlung zuzufächeln. Demgemäß unterscheidet manofficielle" Gurken undPrivatgurken". Die ersteren werden von den hohen Regierungen selber der Oeffentlichkeit

übergeben, um auf falsche Spuren zu leiten oder der stets neugierigen Welt zu zeigen, daß man nicht schläft. Ferner gibtS pseudo-osficielle Gurken, diese stammen von Allerwelts­herrchen, welche das Gras wachsen hören, quecksilbernen Jnter- wiewern, geschmeidigen Anüchambre - (Korrespondenten, dem Wolff'schen Bureau, das sich nach gehabten Wahlanstrengungen auch einmal einen Jokus erlauben will- desgleichen von Bedientenausforschern, von Leuten, die coüte que coüte be« könnt werden, von vor der Quelle lauernden Neuigkeits­jägern, die unter allen Umständen etwas verdienen wollen im Sommer muß man auch leben- und ähnlichen Kategorien.

DiePrivatgurken" sind bescheidener. Diesen Gurken- salat fertigen die Redactionen auf eigene Verantwortung, um auch ihrerseits der Jahreszeit Entsprechendes zu liefern. Bis- weilen wird ein solcher Leckerbissen als Lockspeise auf die Angel gesteckt, um unbefugte Abschreiber, resp. Nachdrucker in flagranti zu erwischen und ein Exempel zu ftatuiren. EinePrivatgurke" schmackhaft zubereiten, ist nicht so leicht, als es aussieht. Das Publikum darf vor Allem keinen Ver­dacht schöpfen, höchstens derKenner", der aber nicht überall einKönner" ist. Genaue Kenntniß des zu verarbeitenden Stoffes", Uebersicht der politischen Situation, eine Dosis Erfindungsgabe, die Fähigkeit, auch das Unglaublichste in den Augen des gläubigen Leserswahrscheinlich" zu machen, rasche Auffassung und ein bischen Combinationsvermögen sind un­bedingt erforderlich, soll die Gurke nicht zu erkenntlich ge- rathen. Es gibt großeweltbekannte Blätter, welche in diesem Genre Erkleckliches leisten, das ganze Jahr hindurch, nicht blos während der sommerlichen Verlegenheitszeit. Die politischen Gurken sind in ihren Wirkungen gefährlicher als die feuilletonistisch - anekdotischen, deren Lügen oft handdick ä la Falstaff aufgetragen sind. Wenn ein Pariser Blatt in dem zweifelhaften Dahomahnegerbesieger dithyrambisch schon den künftigen Deutschlandbesieger feiert, wenn ein deutsches Blatt in den 24 beim ersten Gang gewählten Socialisten schon den Stamm einer künftigen socialistischen Reichstagsmajorität erblickt und jeremiasartig bespricht, so können Schwachköpfe

schon ein wenig beunruhigt werden durch den Genuß dieser harmlosen Sommerfrüchte. Viele Gurken werden nur deß- halb veröffentlicht, um sie nachher bementiren undFüllsel" gewinnen zu können, denn der Zeitungsraum bleibt leider auch im Sommer immer derselbe, nicht aber das Quantum des Zeitungsstoffes. Viele Gurken wandern kritiklos oder in der Eile von einem Blatt ins andere, ohne daß die Herren Redacteure aus Zeitmangel die Qualität des SommerproducteS näher untersuchen. Gar viele solcher eingeschmuggelten Gurken gelangen auf litho- oder autographirten Correspondenzen, auf welche die Zeitungen abonntrt sind, zum Versandt, denn den Herren Correspondenten gehts nicht besser, wie den viel­geplagten Redacteuren; auch sie müssen, um den vorgeschriebnen Stoff zu liefern, oft am Daumen saugen. Ein gefundenes Essen sind die Sensationsereigniffe während der stillen, schreck­lichen Zeit. Der artesische Brunnen in Schneidemühl z. B. mit seinen Erdspalten und Häuserkrachen speist schon seit Wochen die Spalten der Preffe. Daß der russische Türken- und Deutsch enfreffer General Gurko, seinem Namen ent­sprechend, für eine saure Gurke herhalten muß, finden wir nicht mehr als recht und billig. Warum heißt der Mann so! Daß auch Bismarck in seinen alten Tagen noch einmal um die Gurkenfabrikation sich verdient macht, beweist seinMecklen- borger" Speech.

Was für ein Unterschied ist, fragen wir zum Schluß, zwischen Gurken und Enten? Ein Gurke verzehrt der Leser auf Treue und Glauben, sie bleibt ihm unverdaut im Magen liegen. Eine Ente dagegen watschelt am Auge deS Lesers vorüber und wird nur flüchtiger Aufmerksamkeit gewürdigt. Daher kommt es, daß die GurkemerschtentheelS" in der hohen Politik, die Ente im Kleinkram desVermischten" ihr Unwesen treibt. Die Gurke findet sich deßhalb in den sogen, besten Familien, d. h. in denbesten" Blättern vor und gegen ihre Epidemie hilft nur Zweierlei: Guter Humor von Seiten des Lesers, wenn er die Absicht merkt und sich nicht verstimmen läßt, und die Homoeopathie von Seiten der Re- bacticn, nämlich Gurken durch Gurken vertreiben. Pro- batum Bit! ____________