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1883
Der Siebener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener KamiltenörLIter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Bierteljähriger Abonnementspreis: 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn.
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Redaktion, Expedition und Druckerei:
Slbutftrahc Nr.7.
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Zlints- und Anzergeblutt für den Ureis Gieren.
folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borin. wm" | Hratisöeilage: Gießener Jamilienölätter.
Alle Annoncen-Burcaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Maul- und Klauenseuche.
Die Maul- und Klauenseuche zu Echzell, Kreis Büdingen, ist erloschen.
Gießen, den 26. Mai 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___________________v. Gagern.___________________
Bekanntmachung,
betreffend den Wasenmeisterdienst zu Lang-Göns.
Der Wasenmeister Johann Frank zu Butzbach ist zugleich zum Wasenmeister für die Gemeinde Lang-Göns bestellt und als solcher verpflichtet worden.
Gießen, den 26. Mai 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
____________________v. Gagern.___________________ Gießen, den 24. Mai 1893.
Betr.: Die Besichtigung der Fasclthiere.
DaS Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der zu den Körbczirken Gießen und Hungen-Lich gehörenden Gemeinden des Kreises.
Die Besichtigung der Gemeinde-Zuchtstiere, Zuchteber, Ziegen- und Schafböcke durch die Kör-Commissionen Gießen bezw. Hungen-Lich wird an folgenden Tagen stattfinden: Mittwoch den 31. Mai zu Nödgcn, Trohe, Großen-
Buseck, Altcn-Buseck und Wieseck;
Donnerstag den 1. Juni zu Gießen, Daubringen, Mainzlar, Staufenberg, Ruttershausen und Lollar;
Samstag den 3. Jnni zu Heuchelheim, Klein-Linden, Allendorf a. d. Lahn, Großen-Linden und Leihgestern;
Dienstag den 6. Juni zu Langsdorf, Bettenhausen, Bellersheim, Obbornhofen, Utphe, Trais-Horloff und Inheiden;
Donnerstag den 8. Juni zu Hungen, Steinheim, Rodheim, Rabertshausen und Langd;
Freitag den 9. Juni zu Lich, Birklar, Muschenbeim, Dorf-Gill, Grüningen, Holzheim, Eberstadt und Oberhörgern.
Sie wollen die Besitzer der Bullen, Eber, Ziegen- und Schafböcke anweisen, an den bezeichneten Tagen zu Hause zu bleiben und die Thiere der Kör-Commission bei deren Eintreffen vorzuführen, sich auch selbst bereit hallen, um der Commission auf Nachsuchen förderlich sein zu können, bezw. die Beigeordneten hierzu anweisen.
v. Gagern.
Gießen, den 27. Mai 1893.
Betr.: Die Nuhegehalte der Volksschullehrer im Kreis Gießen. Die
Großh. Kreis-Schulcommisfion Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Wir sehen Ihren Berichten aus denjenigen Gemeinden, in welchen sich pensionirte Volksschullehrer befinden, unfehlbar innerhalb 8 Tagen entgegen. In denselben ist nur der Name des Lehrers anzugeben.
Aus den Gemeinden, in welchen sich kein pensionirter Lehrer befindet, ist kein Bericht von Ihnen einzusenden.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 27. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute den Major v. Krane vom 1. Großh. Jnfanterie-(Leibgarde-)Regiment Nr. 115, den OberamiSrichter Siebert ans Höchst, den Steuercommissar Dieterich von Homberg a. d. O, den Beigeordneten Com- mercienrath Neinach und den Stadtverordneten Ufinger aus Mainz, eine Deputation des Mozartoereins, bestehend aus den Herren Dirigent Senff, Kaufmann Pfeil und Gymnasialdirector Nodnagel, den Hofrediger Ehrhardt, den Pfarrer Gombcl aus Reiskirchen, die Frau Pfarrer Knispel Willwe; zum Vortrag den Staatsminister Finger, den Finanzminister Weber, den Präsidenten der Oberrechnungskammer Lorbacher, den Jägermeister Muhl.
Berlin, 27. Mai. Der Jagdaufenthalt deS Kaisers in Pröckelwitz (Ostpreußen) wird gutem Vernehmen nach noch bis Ende Mai währen. Indessen scheint der hohe Herr über den Tag seines Wiedereintreffens in Berlin, resp. Potsdam, noch keine endgiltigen Bestimmungen getroffen zu haben.
— Der Kaiser hat in einem huldvollen Antwortschreiben die an ihn ergangene ehrerbietige Einladung des Bremer Senats, an der auf den 18. October d. I. festgesetzten Enthüllungsfeier des Reiterstandbildes Kaiser Wilhelm I. in Bremen theilzunehmen, angenommen. Im Hinblick hierauf wird hier und da bereits die Hoffnung ausgesprochen, auch Fürst Bismarck werde bei der Feier nicht fehlen, so daß also die in Görlitz nicht zu Stande gekommene Begegnung zwischen dem Kaiser und dem Altreichskanzler dann in Bremen stattfinden würde. Selbstverständlich muß es indeffen noch dahingestellt bleiben, ob überhaupt Unterhandlungen zu diesem Zweck angeknüpft werden, mindestens ermuthigt die bekannte Vorgeschichte der Görlitzer Denkmalsfeier schwerlich zu derartigen Bemühungen.
— Die Militärvorlage wird gegenwärtig im preußischen Kriegsministerium auf Grundlage des Antrages Huene nmgearbeiter, wie Berliner officiöle Preßstimmen melden. Neben der abgeänderten Militärvorlage soll indessen zur Zeit kein anderes Arbeitsmaterial für den neuen Reichstag in Vorbereitung begriffen fein, obwohl nicht zu bezweifeln steht, daß ihn die Militäroorlage nicht allein beschäftigen wird.
— Vom Herzog von Cumberland, dem welfischen Thronprätendenten, wird eine angebliche Kundgebung zur Militärvorlage gemeldet. Es heißt, Herzog Ernst August habe hervorragenden Mitgliedern der Weifenpartei seine Unzufriedenhcit darüber zu erkennen gegeben, daß die deutsch- hannöver'sche Partei, d. h. die Welfen, für die Reichstagswahl in Hannover einen eigenen und wenig aussichtsreichen Candi- daten aufgestellt habe, anstatt den nationalliberal-conservativen Compromiß-Candidaten, Bürgermeister Lichtenberg-Linden zu acccpiüen. Weiter hätte der Herzog dann erklärt, er fühle sich in Betreff der Militäroorlage ganz als deutscher BundeS- fürst und theile volländig den Standpunkt derselben. — Sollte sich der welfische Prätendent wirtlich m dieser oder ähnlicher
Feuilleton.
Hkiteris aus dem Schtittenfahrerteben.
(Schluß.)
Der eine Schwindler war mittlerweile bei einem der Protectoren, einem Bankier, Geheimsecretär geworden, und seine Collegen in Folge deffen Hausfreunde. Das Quartett wußte den Bankier zu überreden, es mit der Vieh- und Pferde-AuSfuhr nach Deutschland zu versuchen, weil darin, wie sie sagten, ein großes Geschäft liege. Zwei der Schwindler traten angeblich eine Ferienreise an und während dieser Zeit erhielt der Bankier aus Swinemünde von einem „Gutsbesitzer" die Anfrage, ob er vier echte Vollblutpferde und sechs Zuchtbullen liefern könne. Wenn das der Fall, so möge er die Thiere nach Hamburg an die Firma X. senden, welche alles Uebrige veranlassen werde. Da der „Gutsbesitzer" sich auf die beiden nach Deutschland gereisten „Professoren" bezog, so glaubte der Bankier den Auftrag sofort ausführen zu sollen. ES braucht eigentlich wohl nicht erwähnt zu werden, daß der „Gutsbesitzer" und die Firma X. in Hamburg mit den nach Deutschland gegangenen Schwindlern identisch waren. Diese verkauften die ganze Sendung an einen Viehhändler und schrieben nach mehr.
Inzwischen war aber in Hüll etwas vorgekommen, womit die beiden Schlittenfahrer nicht gerechnet hatten. Zunächst war dem Schwindler, der noch immer die Schule besorgte, das „Unterrichten" lästig geworden. Er verkaufte daher die ganze Schule an einen Pfandleiher und rückte mit dem Erlös aus. Als die Kinder am nächsten Morgen in gewohnter Weise zum Unterricht kamen, sanden sie alle Bänke und sonstige Möbel vor der Thür auf einen Haufen gestapelt und obenauf prangte das Schild: „German High School“, erst als der Pfandleiher das Inventar auflud, wurde den Kindern die Sache klar. Gleichzeitig war aber noch etwas vorgekommen: Amor hatte nämlich zwischen dem vierten Schieber, der als Geheimsecretär bei dem Bankier arbeitete, und der Nichte des letzteren eine Liebschaft angezettelt. Als es nun mit der Schule zu Ende war, fürchteten die Liebenden das Schlimmste und sie beschlosicn daher, die längst im Stillen vorbereitete Hochzeit auf der Stelle zu feiern. Sie fuhren nach Liverpool und von dort schrieb der Herr „Geheimsecretär"
an den Bankier: „Heute wurde ich hier in Liverpool mit Ihrer Nichte getraut und reifen wir zusammen nach Amerika. Weil Sic nun mein Onkel werden und ich Ihr einstiger Universalerbe, so will ich Ihnen einen Rath geben. Schicken Sie kein Vieh mehr nach Deutschland, Sie haben dort mit Schwindlern zu thun." Die beiden Schwindler in Hamburg kamen nur mit knapper Noch von Hamburg fort, denn der practische Bankier war, anstatt feiner Nichte und einzigen Erbin nachzufahren, schleunigst nach Hamburg gereift, um feine Bullen und Pferde zu retten. Diese waren aber bei seinem Eintreffen gerade in andere Hände übergegangen und die Schlittenfahrer nach London verduftet, wo sie wohl und munter in sicherem Hinterhalt ihren Raub verzehrten.
Ein deutscher Pleitemacher, Herr S., langte in London mit 2000 Mk. an, um in „Schlittenfahrten" zu speculikdn. Es war ein kleines verwachsenes Männchen mit einem Paar . verschmitzter Augen, von denen das rechte immer nach der entgegengesetzten Seite des linken sah, und einer ganz aus dem Verhältniß geratenen rothen Nase. Die feuerroten ' Haare streckten sich wie Borsten gen Himmel und ein Paar . krumme Beine, an die er sehr lange Stiefel zu stecken ge- nöthigt war, brachten den unteren Menschen zum Abschluß. Vierundzwanzig Stunden nach seiner Ankunft in London war er schon an eine Bande Schlittenfahrer geraten und schnell war man sich einig, eine neue „Firma" zu gründen. Bald prangte an einem fünfstöckigen Hause nahe dem Finsbury Square, in welchem die Bande ein Dachstübchen gemietet, ! ein nagelneues Mejsingschild, worauf die Namen Herbert, ; Enders u. Co. vielversprechend standen. In kurzer Zeit ließ \ sich ein deutscher Fabrikant mit 10,000 Mk. in Maaren rupfen, weil der Knirps mit der ersten Bestellung sofort 1OOO Mk. eingeschickt hatte. Als dieser große Posten an- fommen sollte, berieten die übrigen fünf „Schieber" dieser etwas langen Firma, wie sic den kleinen Kerl los werden ; könnten und sie fanden sehr schnell einen feinen Plan. An » dem Tage der Ankunft der Waarensendungen nämlich erzählten ■ sie sich untereinander mit betroffenen Gesichtern, die Deutsche Handelsschutz-Gesellschaft habe sich Tags zuvor beim Haus- ! wirth über sie erkundigen lassen und gleich darauf einen Detective vor das Haus gestellt. *
Der kleine Kerl horchte auf und fragte dann: „UnS kann wohl nichts passiren?" „Natürlich kann uns waS passiren, wenn die Polizei unS auf den Hals gehetzt wird!" erhielt er zur Antwort. Der Kleine war dadurch so beängstigt, daß er die „Schlittenfahrer" bat, schnell die Maaren zu verkaufen/ ehe ein „Unglück" geschehe. Einer der Schieber nahm nun ein Stück Maare unter den Arm und tat, als wolle er damit auf den Handel gehen. Nach wenigen Minuten stürzte er ins Zimmer zurück und rief: „Die Polizei ist int Hause und kommt schon die Treppe heraus! Rette sich ein Jeder, wie er kann, ich gehe aufs Dach!" Kaum saß er draußen auf dem Dach des fünfstöckigen Gebäudes, als sich auch sofort der Knirps, am ganzen Leibe zitternd, einfand. „Menn die Kerle uns abfassen, was steht uns bann bevor?" flüsterte er dem Schlittenschieber zu. „Pst, sprechen Sie leiser, damit man uns nicht entdeckt,- zehn Jahre Zuchthaus sind uns sonst sicher!" antwortete dieser. „Ach," rief nun der Rothnasige, „dazu bin ich hier nach London gekommen! Das hätte ich in Deutschland ja viel billiger haben können!" „St! Still, Sie Elender, oder Sie fliegen kopfüber vom Dach hinunter! Hören Sie Glicht die Polizei! Die Kerle tragen jetzt unsere schönen Maaren fort."
Mährend die übrigen Schwindler alle Maaren und sonstigen Gegenstände fortschleppten, saßen die beiden ein paar Stunden im stärksten Regen auf dem Dach/ der eine aus Angst, der andere aus Berechnung. Wie es letzterem zu ungemüthlich wurde, sagte er: „Jetzt wollen wir mal nach- sehen, ob die Luft rein ist." Sie stiegen in daS leere Dachstübchen, wo der arme Knirps feines Verlustes wegen bitterlich weinte. Der andere Schwindler sagte: „Ich will Ihnen mal was sagen, haben Sie noch etwas Geld?" Er hatte noch zwei Pfund Sterling. „Nun, dann machen Sie sich aus dem Staube. Sie haben den Brief geschrieben und sind allein strafbar, werden wir abgefaßt." Zwei Stunden später dampfte das unglückliche Männchen nach Paris ab und eS rief feinen Genossen, die ihn auf den Bahnhof begleitet, zu: „Ich komme nie wieder nach London!" Diese drückten aber ihrem Oberschieber die Hand und sagten: „Das hast Du sehr gut gemacht \“


