Nr. 304 Zweites Blatt. Donnerstag dm 28. December 1893
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Feuilleton.
Gsspsro.
Eine romantische Weihnachtsgeschichte. (Literarisches Eigenthum
von Hugo Andres u. Co., Frankfurt a d. Oder.)
(4. Fortsetzung.)
Meine Hoffnungen schwanden täglich mehr, meine Aussichten wurden dunkler. Täglich schmolzen die wenigen Scudi mehr und mehr zusammen, welche ich mir aus der Durchreise erspart hatte. Ich hatte gedacht, eine Stellung als Commis oder als Secretär oder an einer öffentlichen Bibliothek zu erhalten. Ehe drei Wochen vergangen waren, würde ich mit Freuden ein Atelier auSgesegt haben. Endlich kam rin Tag, wo ich nichts als den Hungertod vor mir sah, mein letzter Bajocco war ausgegeben, als mein padrone (der HauS- wirth) mir die Thür vor dem Gesicht schloß und ich nicht wußte, wohin ich mich wenden sollte, um ein Mahl oder Obdach zu erhalten. Hoffnungslos wanderte ich den Nachmittag durch die Straßen. Es war am Tage vor dem heiligen Christabend- alle Kirchen waren geschmückt, Glocken ertönten, die Durchfahrten mit Menschen erfüllt. Ich ging nach der kleinen Kirche Santa Martina, man sang eine Miserere, vermuthlich nicht mit großem Geschick, aber mit einem Pathos, welcher alle Qualen meiner Verzweiflung zu öffnen schien.
Obdachlos wie ich war, schlief ich in jener Nacht unter einem dunklen Bogen in der Nähe des Theaters des Marcellus. Der Morgen dämmerte über einem herrlichen Tage und ich kroch schauernd in den Sonnenschein. Während ich gegen ein Stück Wand gekauert da lag, ertappte ich mich darauf, daß ich mir die Frage mehr als einmal vorlegte, wie lange es noch der Mühe werth sein würde, die Qualen des Hungers zu ertragen, und ob das braune Waffer des TiberS tief genug wäre, einen Menschen zu ertränken. Es schien mir hart, so jung zu sterben, meine Zukunft hätte so erfreulich, so ehrenvoll sein können. Das rauhe Leben, welches ich'vor Kurzem geführt hatte, hatte mich noch dazu körperlich und geistig gestärkt, ich war größer geworden, meine Muskeln hatten sich mehr entwickelt und ich war zweimal so behende, so energisch, so entschloffen, wie ich ein Jahr vorher gewesen war. Aber was nützte mir das alles? Es konnte nur dazu dienen, mir den Tod schwerer zu machen. O, und heute — heute ist Weihnachtstag!
Ich stand auf und wanderte in den Straßen umher, wie ich es am vorigen Tage gethan hatte. Einmal bat ich um einen Almosen und wurde abgewiesen. Mechanisch folgte ich dem Strome von Wagen und Fußgängern und befand mich bald mitten in dem Haufen, welcher während der Adventswoche bei der Peterskirche hin- und herfluthet. Betäubt und müde ging ich zur Seite in die Vorhalle der Sakristei und kauerte nieder unter dem Schutze des Thorweges. Zwei
Herren lasen ein gedrucktes Papier, welches an einen Pfeiler in der Nähe geklebt war.
„Gott im Himmel," sagte der eine zu dem anderen, „daß ein Mann es wagen sollte, für wenige PaoloS sein Leben auss Spiel zu setzen."
„Ja, und das mit dem Bewußtsein, daß von achtzig Arbeitern jedesmal sechs oder acht zerschmettert werden," fügte sein Begleiter hinzu.
„Schrecklich! DaS sind ja durchschnittlich zehn Procent." „Nicht weniger, das ist ein furchtbarer Dienst." „Aber ein schöner Anblick," sagte der erste Sprecher philosophisch und damit gingen sie fort.
Ich sprang auf meine Füße und las den Anschlag mit Begierde. Er trug die Ueberschrtft: „Illumination der St. Peterskirche" und zeigte an, daß achtzig Arbeiter für die Erleuchtung des Domes und der Kuppel gesucht würden und dreihundert für die Kranzleisten, die Pfeiler, die Colonade u. s. w., der Verwalter sei ermächtigt :c. rc. Am Schluß war bestimmt, daß jeder bei dem Dom und an der Kuppel beschäftigte Arbeiter als Vergütung ein Mittageffen und vierundzwanzig Paolos empfangen würde, während die Vergütung für das Uebrtge weniger als ein Drittel dieser Summe ausmachen würde. Ein verzweifelter Dienst, in der That- aber ich war ein verzweifelter Mann. Schließlich konnte ich ja bloß sterben und ich mochte ebensowohl nach einem guten Mittagessen, als vor Hunger sterben. Ich ging sofort zu dem Verwalter, ward in die Liste eingetragen, empfing ein paar PaoloS als Handgeld auf den Contract und ward verpflichtet, mich pünktlich um elf Uhr am folgendeu Morgen etnzustellcn. An tdcfcm 9lbenb «h ich in «iner ^trafcenbube und für ein paar Bajocchi erhielt ich die Erlaubniß, auf einem Stallboden hinter der via del Arco auf etwas Stroh zu schlafen.
Am Christsonntag, dem sechszehnten December, Morgens elf Uhr, befand ich mich demgemäß mitten in einer Schaar armer Kerle, von denen die meisten, wie ich behaupten darf, ebenso elend waren wie ich, vor der Thüre des Bureaus des Verwalters wartend. Der Platz vor der Kathedrale glich einem sich bewegenden Mosaik von Farben und Leben. Die Sonne schien, die Fontainen spielten, die Fahnen wehten über St. Angelo. Es war ein herrlicher Anblick, aber ich genoß ihn nur wenige Augenblicke. Als die Uhren die Stunde schlugen, wurden die Flügelthüren geöffnet und wir traten in einem Haufen in die Halle, wo zwei lange Tische für unsere Bespeisung gedeckt waren. Zwei Schildwachen standen vor der Thür, ein Diener stellte uns, die wir an den Tischen standen, zurecht, ein Priester las das Tischgebet.
Als er zu lesen begann, ergriff mich ein seltsames Gefühl. Ich fühlte mich angetrieben, nach dem gegenüberstehenden Tische zu sehen und dort — ja, beim Himmel, dort erblickte ich Gasparo.
Er schaute mir voll ins Gesicht, aber sein Auge fiel nieder, als es dem meinigen begegnete. Ich sah, wie er leichenblaß ward. Die Erinnerung an alles das, was ich
durch ihn hatte ertragen müssen, und der gemeine Schlag, den er am Tage unserer Flucht gegen mich geführt hatte, überwältigten in diesem Augenblicke sogar mein Erstaunen, ihn hier zu sehen. Ach, hätte ich es erleben können, ihm unter freiem Himmel zu begegnen, wo kein Priester betete und keine Wächter zugegen waren!
Das Tischgebet war zu Ende, wir setzten uns und langten zu. Nicht einmal der Aerger hatte die Macht, die Schärfe meines Appetits abzustumpfen- ich aß wie ein hungriger Wolf, ebenso wie die meisten übrigen. Wein wurde uns nicht gereicht, und die Thüren waren geschloffen, damit wir unS solchen nicht anderweitig verschaffen könnten- und das war, mit Rücksicht auf das was wir zu thun hatten, eine weise Maßregel, aber es machte uns weniger geräuschvoll. Unter gewissen Umständen berauscht eine Gefahr ähnlich wie Wein, und an diesem Christsonntag aßen, scherzten und lachten wir achtzig an der St. Peterskirche beschäftigten Arbeiter, deren jedem vor dem Abendessen das Gehirn auf den Bleidächern zerschmettert sein konnte, mit einer wilden Fröhlichkeit, die etwas Schreckliches an sich hatte.
Das Essen dauerte lange, und als anscheinend niemand mehr Lust zu essen hatte, wurden die Tische abgeräumt. Die meisten Leute warfen sich auf den Fußboden oder auf die Bänke und suchten zu schlafen, Gasparo unter ihnen. Als ich das sah, konnte ich mich nicht länger halten, ich ging hinüber und berührte ihn rauh mit meinem Fuß.
„Gasparo! kennt ihr mich?"
Er sah verdrießlich auf.
„Zum Teufel! Ich glaubte, Ihr wäret in Toulon." „<5ucr Fvhler ist eß nicht, daß ich nicht in Toulon bin! Hört, wenn Ihr und ich diese Nacht überleben, sollt Ihr mir für Euren Verrath Rechenschaft geben!"
Er starrte mich unter seinen tiefen Augenbraunen an und drehte, ohne zu antworten, fein Gesicht wieder herum, als wenn er schlafen wollte. — „Ecco un maledettof* (das ist ein verdammter Kerl) sagte einer von den andern, mit einem bezeichnenden Achselzucken, als ich wegging.
„Wißt Ihr etwas über ihn?" fragte ich eifrig.
„Coapetto! ich weiß nichts über ihn, als daß man sagt, die Einsamkeit hat ihn zu einem Wolf gemacht."
Ich konnte weiter nichts erfahren und legte mich deßhalb auf den Fußboden, so weit als möglich von meinem Feinde entfernt, und fiel dann in einen tiefen Schlaf.
Um sieben Uhr weckten die Wächter Diejenigen, welche noch schliefen, und gaben jedem einen Krug Wein. Wir wurden dann in zwei Reihen ausgestellt, um die Rückseite der Kathedrale geführt und auf einer schiefen Ebene nach dem Dach unter dem Dome geleitet. Von diesem Punkte führte uns eine lange Reihe von Treppen und gewundenen Durchgängen hinauf zwischen die doppelten Wände des Domes und an verschiedenen Standplätzen des Ausstieges wurde eine bestimmte Anzahl von uns abgesondert und für die Arbeit zurechtgestellt. (Schluß folgt.)
Spar- und Leih kaffe Gießen.
Im Monat December l. I. werden bei der unterzeichneten Kaffe außer den feststehenden Zahltagen (Mittwoch und Samstag) auch jeden Dienstag und Donnerstag Geschäftstage abgehalten. Montags und Freitags ist die Kasse geschlossen.
Die Einleger werden ersucht, sich an einem dieser Zahltage bei der Kaffe einzufinden und die Einlagebücher vorzulegen. Zinsen, welche bis zum 1. Januar 1894 nicht erhoben sind, werden ohne Weiteres dem Capital zugefchrieben und von diesem Tage an verzinst. Es brauchen hiernach alle diejenigen Einleger bei der Kaffe nicht zu erscheinen, welche nur Zinsen beischreiben lassen wollen, dies kann vielmehr ganz gelegentlich im nächsten Jahre erfolgen.
Es wird gebeten, Geschäfte, welche sich jetzt schon erledigen laffen, nicht bis zu Ende des Monats December zu verfchieben, da alsdann der Andrang ohnedies ein sehr starker fein wird und auf schnelle Beförderung daher nur zu Anfang des Monats gerechnet werden kann.
Gießen, am 30. November 1893.
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