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24.9.1893 Zweites Blatt
 
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ft». 225 Zweites Blatt. Sonntag dm 24. September

Gießener Anzeiger

Keneral-Unzeiger.

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Hratisbeikage: chießener Aamikienöküller.

Lage unserer landwirthschastlichen und gewerbetreibenden Be­völkerung hinzuwirken, die Klassengegensätze durch Fürsorge sür die Minderbemittelten zu mildern, Handel und Verkehr durch bessere Ausrüstung bestehender, wie durch Schaffung neuer Eisenbahnen und Straßen zu heben und die den Ge­meinden obliegenden Lasten durch Uebernahme einer Reihe von Leistungen auf die Staatskasse, d. h. auf die Gesammt- heit, zu erleichtern.

In dieser Beziehung ergeben sich schon aus dem Haupt» Voranschlag sür 1891/94 eine Anzahl erheblicher Ver­besserungen. Wir erwähnen beiipielSweise, daß für Land« wirthschaft und Beförderung der Boden Melio­ration schon der Budgetentwurs der Großh. Regierung 36 600 Mk jährlich mehr als in der vorausgegangcnen Periode angesordert hatte und daß diesem Betrage auf An» regung der Zweiten Kammer für Unterstützung des land- wirthschaftlichen Genossenschafts- und Unterrichtswesens, sür Förderung des Obst- und Gemüsebaues, sowie der Molkerei im Ganzen weitere 16 000 W. jährlich zugesetzt worden sind. Ebenso war für das Gewer bew ese n, insbesondere dem gewerblichen Unterricht ein um 20000 Mk. ver- mehrter Betrag eingestellt wo, den, der auf Anregung von narionalltberalen Kammermitgliedern um 15 000 Mk. erhöht worden ist, um die überaus wohlthätig wirkenden Handwerker» und Fachschulen noch leistungsfähiger auszustatten. W i t t w e n - und Waisen»Versorgungs-Anstalten nebst der Landeswaisen anstalt sind zusammen um etwa 40000 Mk. höher dotirt worden.

Auf dem Gebiete deS Unterrichtswesens erfordern die Beiträge zur Besoldung und Pension der Volks sch ul» lehrer und zu den Kosten der V olksschulh äuser jährlich 890 000 Mk., was gegen das vorige Budget einen Mehr­aufwand von 228 000 Mk. ausmacht, wobei im außerordent­lichen Budget noch eine Summe von 60000 Mk. für die Finanzperiode zu besonderen Unterstützungen an Gemeinden bet SchulhauSbauten vorgesehen ist.

An Beiträgen zur Erbauung von Kreisstraßen sind im ordentlichen und außerordentlichen Budget für die Finanz­periode zusammen 360000 Mk., darunter 120000 Mk.

Ein Rückblick auf die Thätigkeit des bei fischen Landtages in den letzten drei

Jahren.

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Gegenüber den sich mehrenden Verdächtigungen, welche gegen die Thät gkeit der Zweiten Kammer in die Oeffcnt» littett gebracht werden, ist gewiß veranlaßt, wenn auch gut in den Hauptzügen, darzulegen, in welcher Weise auch r,e vörige Kammer bezw. deren Mehrheit, ihrer Ausgabe gerecht zu werben bestrebt war, denn es ist leider Thatsache, bafe in weiteren Kreisen deS Landes hierüber gar häufig die rerkehrtesten Anschauungen verbreitet sind, die natürlich von len Gegnern der Regierung nach Kräften genährt und für ihre Sonderzwecke, nutzbar gemacht werden.

Wir erwähnen hier zunächst die Ende Juni d. I. statt- getjabte kurze Tagung beider Kammern, welche auS formellen Gründen einen eigenen, den 28. Landtag bildete und nur einen einzigen, dafür aber hochwichtigen Gegenstand, die sog. NvthftandSv orlage behandelte. Es ist noch in Er­innerung, daß zur Abhilfe des infolge anhaltender Trockenheit tuißti re lenen Mangels an Futter» und Streumitteln von der Hroßh. Regierung die Summe von 3 Millionen Mark ver­lang! und einstimmig verwilligt worden ist. An diese Der- villigung sind auf Antrag des mit der Vorberathung betraut gewesenen Sonderausschusses eine Reihe von Beschlüssen ge- Inilpft worden, welche sämmilich den Zweck verfolgten, einer« leiti die staatliche Hilfe möglichst rasch, ausgiebig und wirksam tintrelen zu lasten und andererseits die Bedingungen, unter rot!*en die Rothleidenden Unterstützung durch Ueberlassung son Bedarfsgegenständen u. dgl. gewährt wird, so viel als möglich zu erleichtern.

Hat die Zweite Kammer bei diesem außerordentlichen llnlaste Alles gethan, was nach Lage der Verhältnisse geboten unb angängig war, so hat sie auch während der ^/zjährigen Dauer deS vorauSgegangenen 2 7. Landtags eine um» süßende Thätigkeit entfaltet, bei welcher neben der Fürsorge lür die laufenden Bedürfnisse der Landesverwaltung vor Ment daS Bestreben maßgebend war, auf Verbesterung der

Alle »nnoncm-BureauF de» In» und «u»(anbe» nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den otgmden Tag erscheinenden Nummer bi» Börm. 10 Ubt.

lediglich zu dem Zwecke eingestellt, ärmere Gemeinden in den ihnen hieraus obliegenden Lasten zu erleichtern.

Trotz aller dieser erwähnten Mehrausgaben, die nur einen kleinen Theil der Gesammtziffer darstellen, ist eS, wie bekannt, dennoch möglich gewesen, mit den seitherigen Steuer» sätzen auszureichen, obwohl die Nichterhebung einer Trank­steuer von Wein das Einnahmebudget um 295000 Mk. ge- schmälert hat. ____________ -

Vermischtes.

Barmen, 20. September. Auf tragische Weise kam dieser Tage eine Frau aus Hamm zu Tode, welche zum Besuch ihres Schwager- hier anwesend war. Auf der Fahrt hierher hatte sie sich im Eisenbahnabtheil an der Hutnadel einer Reisegefährtin geritzt und sich an der Nase eine unscheinbare Verletzung zugezogen. Nach kurzer Zett schwoll die Nase erheblich an, sie zog deßhalb bet ihrer Ankunft Hierselbst einen Arzt zu Rathe, welcher die Verwundung aber für un- gefährlich hielt- die Schmerzen wurden jedoch immer heftiger und am andern Tage starb sie bereits an den Folgen einer Blutvergiftung.

Verkehr, <a«Ö» «ns volk-wirthfchaft.

Di- «chafzucht der Welt. Während Im Jahre 1861, Europa ca. 224 Millionen Schafe gegen 71,5 Millionen Schafe der übrigen Länder zählte, sind im Jahre 1890 nur noch rund 180 Millionen Schafe in Europa vorhandm gewefen, dagegen zählten lo90»raentwien Nordamerika, Capland und Australien zusammen ca. 265 Millionen Schafe: diese außereuropäischen (Zentren der Wollproduction hatten also in der 30jährigen Zwischenzeit ihren Schasbestand mehr als verdreifacht, während derjenige Europas im gleichen Zeiträume um beinahe 50 Millionen abnahm. Die wichtigste Ursache dieser auf­fallenden Erscheinung ist wohl darin zu suchen, daß fich die Be« völkerung Europas von 286 Millionen Bewohnern im Jahre 1861 auf 400 Millionen im Jahre 1890 hob und daß dementsprechend sich die früheren Weideländereien zu Gunsten des Ackerbaulande« verminderten. Der Mangel an ielbstproductrter Wolle zwang dann Europa mehr und mehr zum Import aus anderen Welttheilen, wodurch natürlich die Schafzucht in den außereuropäischen Ländern ungemein begünstigt wurde. Da indessen auch außerhalb Europas immer mehr Weideländereien in Ackerland verwandelt werden, besonders in Nordamerika und in Südafrika, so dürfte auch in den außereuropäischen Ländern die Zahl der Schafe allmältch wieder finken.

Feuilleton.

Wochendriefe aus der Residenz.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 23. September 1893.

Agetniß des Turnfestes. Trambahnprojett. Ein neuer Verein. Allerlei.

Daß unser großes Turnfest von der Witterung leider itdit wenig begünstigt worden ist, wissen die Leser Ihres $|atte8 bereits. Die ungnädige Gesinnung, die Jupiter Iluvius uns und unseren Festgästen bewies, hatte ja aller- dsgS die eigentliche Festfreude nur in verhältnißmäßig ge» lingem Umfange zu beeinträchtigen vermocht, dagegen hegte nan ziemlich allgemein die Befürchtung, das finanzielle Er- grlniß der ganzen Veranstaltung würde sich infolge der ft echten Witterungs - Verhältnisse recht ungünstig stellen. Mcklicher Weise ist nun gerade das Gegentheil eingetroffen, finanzielle Ergebniß ist ein geradezu glänzendes, alle Wartungen übertreffende« zu nennen. Nach der in dieser Aoche veröffentlichten Rechnungsablage des Finanzausschusses Wurden vereinnahmt: 23,000 Mark für Festkarten, die zum Ersuche aller Veranstaltungen während der ganzen Festdauer berechtigten, 14,500 Mark sür Tageskarten, Einnahmen des PvhnungSauSschuffes 3620 Mark, für Platzvermiethen u. s. w. 4250 Mark, dazu kommen noch aus dem Garantiefonds 1880 Mark, so daß die Gesammt»Einnahmen sich auf 7,250 Mk. stellen, während die Ausgaben nur 58,000 Mk. ttragen. Wir haben also einen Baar - Ueberichuß von OOO Mark zu verzeichnen, unter den erwähnten Verhältnissen rwiß eine respectable Summe, die nunmehr an die drei s-gebenden Vereine vertheilt werden soll. Uebrigens wird Dom Turnfest immer noch viel gesprochen, die Darmstädter fnb mit Recht stolz auf den glänzenden Verlauf und freuen fut; vor Allem über die ungeteilte Anerkennung, das freund­liche Lob, das ihrer Stadt als Festort in der gesammten Hrrffe gespendet wurde. Die Festhalle auf dem Exerzierplatz ift, wie schon früher erwähnt, noch immer zu sehen, sie soll trkanntlich noch in künftigen Jahren ihre Bestimmung als Versammlungsort für die Theilnehmer an Gesangsfesten u. s. w. -ksüüen. Nach dem Ausspruch eines Fachmannes soll das stattliche Gebäude eventuell noch 25 Jahre benutzbar bleiben können.

Auf eine für das Gedeihen unserer Residenz außer­ordentlich wichtige Angelegenheit, von der an dieser Stelle gleichfalls schon öfters die Rede war, machte Anfangs dieser Woche eine Notiz in unseren Tagesblättern aufmerksam. Wir meinen den Plan der Errichtung einer electrischen Straßenbahn. Ja man spricht sogar schon von zwei Haupt­linien, die zunächst in Angriff genommen und dem Betrieb möglichst bald übergeben werden sollen. Die eine hätte die Stadt von Westen nach Osten zu durchziehen und von den Bahnhöfen beginnend durch die Rheinstraße, Elisabethen- straße, Ludwigsplatz, Schulstraße rc. bis zum Herdweg zu laufen, die zweite müßte von Süden nach Norden, vom Orangeriegarten, Karlsstraße, Marktplatz bis zur Dieburger­straße gehen. Die Zeitungen, die das Project durchweg freudigst begrüßen, wußten sogar schon zu melden, daß die Stadtverwaltung gegenwärtig in den Kreisen der Handel- und Gewerbetreibenden Erkundigungen einziehen ließe, ob eventuell noch ausgedehnteren Wünschen Rechnung getragen werden solle. Zu hoffen ist nur dringend, daß die Vor­arbeiten zu dem geplanten Unternehmen jetzt recht rasch von statten gehen mögen, Darmstadt besitzt etwas mehr als 60,000 Einwohner- die vorhandenen Dampfstraßenbahnen genügen nicht zur Vermittelung des Verkehrs in der Innen­stadt, auS der sie überhaupt verbannt werden sollt n, die Errichtung einer practischen Trambahn ist also dringendes Bedürfniß. Gerade eine electrische Bahn würde nicht viel Betriebscapital erfordern, da, wie mitgetheilr wurde, das städtische Electricitätswerk noch im Stande ist, die nöthige motorische Kraft zu liefern.

Nachträglich hätte ich Ihren Lesern heute noch von einer neuen Dereinsgründnng zu berichten, die sich vor Kurzem bier in aller Stille vollzogen hat. Die Jünger des bekannten Apostels der Wafferheilkunde, des Pfarrers Kne'pp, haben sich nämlich zu einemKneippverein" zusamrnengethan und beabsichtigen nun, für die angeblichneue" Heilmethode Propaganda zu machen. Herr Pfarrer Kneipp soll noch im Laufe deS nächsten Monats in unsere Stadt kommen, um seine Theorieen vorzutragen. Ob der Verein wirklich großen Erfolg bei uns erzielen wird, bleibt abzuwarten, umsomehr, als erst vor kurzer Zeit ein anerkannter medicinischer Fach­mann, der in unserer Stadt lebt, Herr Prof. Ludwig Büchner, in einem größeren Artikel, der in einer vielgelesenen Zeit­schrift erschien, über das ganze sogenannteNaturhetlversahren nicht'sehr glimpflich geurtheilt hat.

Mein Bericht über die verschiedenen künstlerischen und geselligen Veranstaltungen in dieser Woche kann nicht sehr reichhaltig werden, in den Concertsälen ist es noch recht still, nicht einmal die beliebten populären Concerte im Saalbau, Rummelbräu u. s. w. können stattfinden, denn die Militär- Capellen weilten bis Ende der Woche noch in ben Manövern und kehren aus denselben erst jetzt zurück. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst freilich gab's in dieser Woche eine erfreuliche Abwechselung. Der rührige Kunstverein hat in seiner schönen Ausstellungshalle am Rheinthor eine große Anzahl neuer Bilder ausgestellt, unter denen sich viele ganz vortreffliche Werke befinden. Uebrigens ist neuerdings auch sür. die Großherzogliche Gemäldegallerie ein neuer Ankauf gemacht worden, ein Werk des Gallerie-Jnspeetors Herrn Hoffmann-ZeitS. Mit einem Bericht über die unerquicklichen Erörterungen in der Presse, die sich mit dieser Angelegenheit befaßten, will ich Ihre Leser nicht behelligten. Sonst ist aus dieser Woche nichts von besonderer Wichtigkeit zu erwähnen. Im Hoftheater gab's keine Premtöre, man behalf sich mit beliebten älteren Repertoirestücken, dafür soll uns aber schon die allernächste Zeit mehrere mit großer Spannung erwartete Neuheiten bringen. So wird die erste AuMhrung von Berlioz'Benvenuto",Cellini." und diejenige von FuldasTalisman" mit vielem Interesse erwartet. In den aus Dilettanten bestehenden Musik- und Gesangvereinen herrscht nach den Notizen in der Presse bereit« rege Thätigkeit, es wird eifrig für die in der Wintersaison aufzuführenden Eoneerte geprobt, und sicherlich dürfen wir auf diesem Gebiete manch schönen künstlerischen Genuß er­warten. 2.

Nachtrag. Die Mittheilungen über da« finanzielle Ergebniß des Turnfestes in Darmstadt im heutigen Residenz­briese bedürfen insofern einer Ergänzung, als bemerkt werden muß, daß die veröffentlichte Rechnungsablage noch nicht als definitive und officielle anzusehen ist, sondern nur auf wahrscheinlich privaten, kombinatorischen Zusammen» stellungen beruht. Dte obigen Zahlenangaben wurden schon vor mehreren Tagen in der Darmstädter Presse, sowie in auswärtigen Blättern veröffentlicht, erst jetzt, d. h. mehrere Tage nach deren Erscheinen, wurde die Berichtigung von dem FinanzauSschuffe bekannt gemacht, von der wir auf Wunsch unseres Referenten hier Notiz nehmen. Hoffentlich wird durch die noch ausstehende definitive Rechnungsabloge an dem'günstigen Resultate nicht viel geändert. D. Red.