Ausgabe 
24.5.1893 Fünftes Blatt
 
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«r. 119

Mittwoch den 24. Mai

1393

Gießener Anzeiger

Kenerak-Wnzeiger.

uitfr Anzeigcblatt für denKreis Giefzen

Alle Annoncen-Bureaux des In» und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Die Gießener Aamikienkkätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt,

Der chlehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Amtliche* Theil.

Bekanntmachung,

betreffend die Reichstagswahlen.

Nachdem der Unterzeichnete für die bevorstehenden Neichs- tagswahlen zum Wahlcommiffär des ersten Wahlkreises des Großherzogthums, bestehend aus:

1. Kreis Gießen;

2. Aus dem Kreise Alsfeld die Gemarkungen: 1. Atzen­hain, 2. Bernsfeld, 3. Ermenrod, 4. Flensungen, 5. Ilsdorf, 6. Kirschgarten, 7. Lehnheim und Merlau, 9. Nieder-Ohmen, 10. Ober-Ohmen, 11. Ruppertenrod, 12. Wettsaasen, 13. Zeilbach;

3. Aus dem Kreise Schotten die Gemarkungen: 1. Eichels­dorf, 2. Gedern, 3. Glashütten, 4. Groß-Eichen, 5. Klein- Eichen, 6. Mittel-Seemen, 7. Rieder-Seemen, 8. Ober-Lais, 9. Ober-Seemen, 10. Ober-Schmitten, 11. Steinberg, 12. Unter-Seibertenrod, 13. Volkartshain;

4. Aus dem Kreise Büdingen die Gemarkungen: 1. Bellmuth, 2. Bergheim, 3. Berstadt, 4. Bingenheim, 5. Bisses, 6. Berstädter-Markwald, 7. Bleichenbach, 8. Blo­feld, 9. Reichelsheimer Antheil an Bingenheimer Mark, 10. Bobenhausen I., 11. Borsdorf, 12. Dauernheim, 13. Dauern­heimer Hof, 14. Schleifeld, 15. Echzell, 16. Echzeller Mark- wold, 17. Eckardsborn, 18. Effolderbach, 19. Fauerbach, 20. Geis-Nidda, 21/22. Gelnhaar (Jsenb. und Doman.), 23. Gettenau, 24. Heuchelheim, 25. Hirzenhain, 26. Kohden, 27. Harbwald, 28. Leidhecken, 29. Lißberg, 30. Michelnau, 31. Nidda, 32. Ober-Widdersheim, 33. Ortenberg, 34. Ran- stadt, 35. Schwickartshausen, 36. Selters, 37. Conradsdorf, 38. Unter-Schmitten, 39. Unter-Widdersheim, 40. Grund Schwalheim, 41. Usenborn, 42. Wallernhausen, 43. Wippenbach ernannt worden ist, bringt derselbe hiermit zur öffent­lichen Kenntniß, daß

Montag den 19. Juni 1893, Vormittags 11 Uhr in dem Sitzungssaals des Regierungsgebäudes zu Gießen die Protocolle über die Wahlen in den einzelnen Wahlbezirken durchgesehen und die Resultate der Wahlen zusammengestellt werden sollen. Das Ergebniß wird sodann verkündet werden. Der Zutritt zu dem Local steht jedem Wähler frei.

Gießen, den 18. Mai 1893.

Der Wahlcommiffär:

v. Gagern.

Gießen, den 24. Mai 1893. Betr.: Die Reichstagswahlen.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

<m die «rvtzh. Bürgermeistereien de» «reise».

Mit dem morgigen Tage ist die Frist für Offenlegung der Wählerlisten und damit auch diejenige für Einsprachen gegen deren Richtigkeit und Vollständigkeit abgelaufen, beides unter der Voraussetzung, daß die Listen seit dem 18. l. M. offen gelegen haben.

Wir erinnern Sie daber wie bereits von uns unter dem 16. d. M. (Anzeiger Nr. 115) verfügt unverzüg­lich und spätestens bis Montag den 29. Mai hierher zu berichten, daß die Wählerlisten nach vorausge­gangener ortsüblicher Bekanntmachung am 15. und 16. l. M. von Donnerstag den 18. Mai bis Donnerstag den 25. Mai l. I., beide Tage einschließlich, offen gelegen haben, und daß Erinnerungen gegen die Richtigkeit und Vollständigkeit der Listen nicht erhoben, bezw. von Ihnen erledigt worden sind.

Soweit etwaige Erinnerungen gegen den Inhalt der Wählerlisten von Ihnen nicht erledigt werden konnten, sind unverzüglich spätestens bis Montag den 29. Mai die gesammten Acten mit Begleitbericht an uns einzusenden. Der Begleitbericht hat außer dem auf die Reclamation be­züglichen Inhalt den Nachweis der ordnungsmäßig erfolgten Offenlegung zu enthalten (vergl. Absatz 2).

Mit Rücksicht aus die Kürze der Fristen sehen wir uns genöthigt, denjenigen von Ihnen, welche den oben festgesetzten Termin nicht einhalten, ohne nochmalige Erinnerung die so­fortige Zusendung eines Wartboteu in Aussicht zu stellen.__________________v. Gagern._______________________

Bekanntmachung,

betr. die Maul- und Klauenseuche in Hermannstein im Kreis Biedenkopf.

Die Maul- und Klauenseuche zu Hermannstein, Kreis Biedenkopf, ist erloschen.

Gießen, den 20. Mai 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________v. Gagern.___________________

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Albach.

Nachdem seit dem Erlöschen der Maul- und Klauenseuche bis jetzt in der Gemarkung Albach Seuchenfälle nicht mehr

ausgetreten sind, haben wir der Großh. Bürgermeisterei Albach die Erlaubniß zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen für Rindvieh, Schafe, Ziegen, Schweine, die von Händlern aus­geführt werden, wieder ertheilt. Insoweit die Ausführung derartiger Thiere durch andere Personen erfolgt, bedarf es des Besitzes von Gesundheitsscheinen nicht. Die zur Zeit geltende Bestimmung, wonach für den Besuch von Viehmärkten der Zeugnißzwang besteht, wird hierdurch nicht berührt.

Gießen, den 20. Mai 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutscher Reich.

Berlin, 20. Mai. DerPost" zufolge, ernannte der Kaiser den'.Prinzen Friedrich Leopold zum Commandeur des Regiments Garde-du-Corps.

Berlin, 20. Mai. Noch befinden wir uns nicht auf dem Höhepunkt der Reichstagswahlbewegung und schon werden von verschiedenen Seiten allerhand Betrachtungen über den Zeitpunkt des Beginnes der neuen Reichstagssession, über deren muthmaßlichen Verlauf u. s. w. angestellt. Vor­läufig kann man indeffen alle diese Erörterungen wohl als verfrüht bezeichnen, zu ihnen wird es nach dem Vollzüge der Wahlen am 15. Juni noch Zeit genug sein. Auch wiffen Berliner Meldungen bestimmt zu versichern, daß von zu­ständiger Seite bislang weder über den Tag des Zusammen­tritts des neuen Parlaments, noch über die Form der ihm erneut zu unterbreitenden Militärvorlage und ebensowenig über die anderweitige Gestaltung der Deckungsfrage schon Beschlllffe gefaßt worden seien.

Als ein immerhin bedeutsamer Vorgang der Wahl­bewegung der letzten Tage erscheint der Beschluß der in Breslau versammelt gewesenen Vertrauensmänner der schlesi­schen Centrumsparrei, den Centrumscandidaten in der Mili­tärvorlage-Angelegenheit freie Hand zu lassen. Denn dieser Beschluß markirt eine offenbare Schwenkung in einem Theile des Centrums nach der Richtung einer Verständigung mit der Regierung in derMilitärfraK" hin, und allem Anscheine nach wird dieses Einlenken nicht nur auf die Centrums­wählerschaft Schlesiens beschränkt bleiben. Denn auch in anderen Theilen des Reiches gibt sich unter den Anhängern der Centrumspartei ein ähnliches Bestreben kund, welches in verschiedenen Wahlkreisen bereits dazu geführt hat, daß zwei Centrumscandidaten aufgestellt worden find, von denen der

fcttilleton,

Jovanich, der Zigeuner.

Eine Vagantenreminiscenz von Signor Saltarino.

(Schluß.)

Im Gefängnißhof wurden die Gefangenen spazieren ge­führt, paarweise und scheinbar unbeaufsichtigt, denn der Herr Secretair saß auf einer Steinbank und rauchte seine Pfeife, während die zwei Aufseher sich da hinten im Hofe zankten. Auf den Eingangsstufen zum Hauptgebäude hatte sich eine dralle Amme mit dem Kinde des Secretärs placirt, während die dicke Köchin ihren Platz vor dem Thorwege genommen hatte, da wo der Wagen mit den Holzscheiten stand. Dort schälte sie Bohnen. Die Gefangenen gingen stumm und theil- nahmslos immer im- Kreise herum, nur ab und zu traf ein verstohlener Blick die Amme mit dem Kinde, das aufjauchzend die Aermchen ausbreitete, wenn ein Holzscheit krachend auf daS Pflaster flog.

Aus den schwarzen Augen Jovanichs schossen Blitze durch daS nur von dem Holzwagen gesperrte Thor ins Freie. Dort winkte die Freiheit, die goldene, weiter hinten das Meer und dann die Puszta mit Vater Ritscho, mit dem Weibe und den Pferden. Er hörte im Geiste wieder Cymbal und Geige jauchzen und wimmern wimmern/ als müsse Jemand sterben ....

Bei allen Heiligen!" schrie plötzlich die dicke Köchin, da ist mir was vorbeigeflogen!"

Was soll es gewesen sein, Mascha," meinte die Amme, ein Scheit Holz."

Nein, es war schwarz und groß und lang wie ein Mensch und nicht wie ein Scheit Holz," beharrte die Köchin.

Du hast geträumt, Mädchen, Du hast geschlafen, denn es ist heiß heute," mischte sich der Fuhrknecht ein.

Ein Schuß rollte ins Thal und alarmirte Alles. Der Secretär warf seine Pfeife beiseite, die Mädchen flüchteten sich ins Haus, die Aufseher eilten an das Thor und die Ge­fangenen horchten gespannt auf.

Ein zweiter Schuß folgte.

Schwarze Zigeunerseele, verdammte," fluchte der Soldat, daß ich dich nicht getroffen."

Halloh, der Zigeuner ist ausgebrochen!" riefen die Auf­seher und die Jagd begann.

Jovanich hatte einige hundert Meter Vorsprung. Er war blitzschnell den Hügel hinuntergelaufen, hatte die Stadt rechts umgangen und wandte sich nun der Steppe mit ihrem Heidegestrüpp und Buschwerk zu hinter ihm sechs, acht, zehn Verfolger.

Und die waren dem armen Zigeuner im Laufen über, der mit allen Kräften arbeitete, um seinen Verfolgern aus den Augen zu kommen. Seine Brust hob und senkte sich fieberhaft, die Augen quollen aus ihren Höhlen, sein Gesicht färbte sich dunkelroth und ein furchtbarer Schmerz durch­wühlte seine Eingeweide. Und sie kamen näher und näher, die Verfolger, und in wenigen Minuten mußte Jovanich in ihrer Gewalt sein. Jetzt ging es nicht mehr er brach zusammen. Doch in dem Augenblicke, als die Stimmen der Schergen an sein Ohr drangen, raffte er sich wieder auf und weiter, weiter ging es dem Busch zu.

Doch nun war es vorbei ein einziger wilder Auf­schrei und der Zigeuner stürzte zu Boden. Weißer, mit Blut gemischter Schaum stand ihm vor dem Munde, und Arme und Beine zogen sich wie in Krämpfen zusammen. Iwan, der erste Aufseher und auch der erste unter den Verfolgern stürzte sich über den Flüchtling; doch dieser faßte den auf ihn Fallenden an der Kehle und warf ihn von sich. Ein Kampf auf Leben und Tod entspann sich bis endlich Jovanich an Händen und Füßen gefeffelt auf dem Heideboden lag eine blutige, leblose Masse.

Nach acht Tagen wurde Jovanich vor den Herrn Secretär getragen, der ihn mit einer Fluth von Schimpfworten emfing. Du Satanshund, Du Lump, Du miserabler, was soll ich mit Dir anfangen?" Und der Herr Secretär begann sich schier den Kopf zu zerbrechen über die zu verhängende Strafe, als er in dieser Beschäftigung durch eine eintretende Depu­tatton der Gefangenen gestört wurde.

Väterchen," nahm der Führer derselben das Wort,der Zigeuner hat Dich geärgert und uns geschändet. Wir haben es nicht mehr so gut wie früher und Du läßt uns nicht mehr spazieren gehen. Das ist bös, sehr bös, Väterchen! Doch der Zigeuner war ein Neuling und hat uns keine Ehre gemacht er soll nun auch dafür büßen. Ueberlasse uns den Zigeuner, damit wir ihn züchtigen, denn er hat auch gegen uns gefehlt!"

Der Herr Secretär rieb sich das glattrasirte Kinn, pustete, nahm eine Prise und lächelte man hatte ihn von einer schweren Sorge befreit.

Ja, Ihr sollt ihn haben aber macht es gnädig mit ihm!"

Dank, Väterchen, wir werden es gnädig mit ihm machen."

Wenige Minuten später drang ein gräßlicher, furchtbarer Schrei vom Hofe herauf, während sich der Secretär eine neue Pfeife stopfte. Am Abend aber verscharrte man den Zigeuner draußen auf dem Felde.

Vierzehn Tage später blätterte der Secretär zufällig in den Listen, als er plötzlich einen gurgelnden Laut von sich gab.

Akim", fragte er den Schreiber,wie lange hatte eigentlich der Zigeuner zu sitzen?"

Zwei Jahre, Herr!"

Zwei Jahre, ganz recht hier steht es auch. Die zwei Jahre waren aber schon vor vier Wochen um!"

Brr!"

Es ist gut, daß er weg ist."

Ja, das ist gut, Herr."

Und die Braven schrieben weiter.

Armer Jovanich, armer Zigeuner! Den Diebstahl der Nirwana" haft Du hart büßen müssen! Und da draußen in der Welt legen Vater Ritscho und Dein Weib noch Mist an die Kreuzwege und hängen Strohhalme und bunte Fäden an die Bäume, damit Du die Truppe findest, wenn Dir die Freiheit wieder scheint ....