Ausgabe 
23.9.1893 Zweites Blatt
 
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Sitzung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Aerzte Herr Hofrath Exner-Wien. Er erwähnt, daß schon die alten Griechen und Aegypter Brieftauben gehalten. Zweifellos sei das Heimweh, welches die Taube in ihren Schlag zurück- führe, allein wodurch das Thier die wunderbare Fähigkeit, denselben wiederzufinden, erlange, sei zur Zeit völlig unbe­kannt. Während der Belagerung von Paris wurden in einem Luftballon mitgenommene Tauben in Brüssel ausgelassen, von dort auf sehr umständlichem Wege nach Tours gebracht, um ihre Post zu bestellen, aber sie flogen unvorzüglich von Tour» nach Paris zurück. Neuerdings sollen Brieftauben sogar von London nach Amerika gebracht und von dort zurückgeflogen sein. Unter den Annahmen, die man zur Erklärung dieser Fähigkeit aufgestellt, erwähnte der Redner eine, die er selbst getheilt habe, daß der mit den sogenannten Otolithen versehene Bogengang-Apparat des innern OhreS daS OrientirungS« organ der Brieftauben sei. Zur Prüfung dieser Annahme stellte er die Versuche an, über die er jetzt berichtete. Die Tauben wurden im Eisenbahnwagen während der Fahrt zu ihrem Ziele in einen künstlichen Schwindel versetzt, indem man sie unzählige Male um ihre Axe drehte und durch die Luft schwang. Diese Bewegungen mußten auf den Gehör­apparat wirken und, wenn jene Annahme zutraf, die Orientirung der Thiere beeinträchtigen, allem sie sanden von Neulengbach, welches 45 Kilometer von Wien entfernt und von der Haupt­stadt durch einen GebirgSzug getrennt ist, fast ebenso leicht ihren Weg zurück nach Wien, wie die Eontroltauben, mit denen keine solche Bewegungen vorgenommen worden. DaS- selbe war mit Tauben der Fall, welche durch den galvanischen Strom schwindlich gemacht waren. Ja, selbst Tauben, welche während der Fahrt zum Ziele narkonsirt worden waren,

fanden sich, von der Betäubung erholt, ungefähr mit der- selben Geschwindigkeit nach Hause, wie nicht nakotisirre Tauben. Die Versuche hatten also ein negattveS Ergebnis und lehrten, daß jene Annahme nicht richtig sei. An den Vortrag knüpfte sich eine interessante Erörterung, in welcher von verschiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht wurde, daß eS der Gesichtssinn fei, der die Thiere leite. Hofrach Emer gab zu, daß Manches für diese Annahme spreche, allein eS seien Thatsachen vorhanden, welche sich damit nicht in Einklang bringen ließen. Er sühne folgendes an: Sin Hund, den die Kaiserin von Oesterreich in Regensburg von ihrer Schwester zum Geschenk erhalten und im Eisenbahnwagen mit nach Wien genommen hatte, verschwand don. Er wurde einige Tage später tobt in Regensburg vor dem Palast seiner früheren Herrin gesunden. Ein Esel, der in einem spanischen Hafen in ein Schiss gebracht worden, wurde, als das Schiss in Gefahr kam, ins Meer geworfen, er schwamm anS Land und gelangte in feine einige Tagereisen entfernte Heimath. Professor Exner meinte, man müsse gegenüber diesen That« fachen an ein Etwas denken, das unS noch nicht bekannt sei. Professor Rosenthal-Erlangen behauptete dagegen, solche» möge man nur möglichst lange aufschieben- vieles spreche dafür, daß die Thiere ihre sämmtlichen Sinne anstrengten und so lange umherirrten, bis sie ihre Heimath wiederfinden. DankenSwerth sei immerhin, daß Professor Exner nachgewiesen, daß die Erinnerung an die Reise bei der Orientirung der Thiere nur eine untergeordnete Rolle spiele, besonders da ja auch das Gedächlniß der Thiere weit hinter dem des Menschen zurückstehe. Referent Möchte sich dazu die Bemerkung erlauben, daß die sämmtlichen Sinne deS Menschen allein bei Weitem nicht auSreichen, um Leistungen zu vollbringen, ähnlich den

obengenannten der Thiere. Ein Beweis hierfür lieferte der junge Mensch (Kaspar Hauser), der am 26. Mai 1828 zu Nürnberg auf der Straße stand und sich nicht zurückfinden konnte. Sin Hund ober eine Taube hätten sich zweifellos zurecht- gefunden.

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