Ausgabe 
22.10.1893 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Sonntag dm 22. October

um

i'ir. 249 Zweites Blatt

... - -_...

A-rviprkchn M.

Amts» und Anzeigeblatt für den Urei» Gietzen.

Hratisöeitage: Hießener Kamitienölätter.

Lllk Innonctn-Bureau; bt8 In« und luiluM ne^ew Lnzrigea für drn ^Gießener 8n|tiger* mtgtgee.

R*flchon. tjTtMtw und Drucker«:

lnOnt een An,eigen zu der Nachmittag» für den frigmlcw tag erschein enden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Wierleljahriger PramrJnrtUi 2 Mark 90 Pfg.* Bringrrlohn. Durch die Post degW» 2 Mark 50 BH-

^utangs^.

S

Die Gießener

»erden dem Inzeiger

Wöchentlich dreimal

b*r(tgt.

Der tMan Mitte« .richeinl täglich, wtt Ausnahme des Montags.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

' Abends lWW. ' ^kage.

' rtnb ungeladen.

l

1°?°» Mark 8.- $ b,t ^miitd Dorrte

L8't= *,® fc*, ««l«ä unb Mtnbi j ** 6ier;i werten genommen.

V Feuerwcl

UkNdS sy, W;

NLKbMMlM i Böhm.

__Der

n Giejtt,

. Abends 8 Uhr:

mngsfestt

fe leib".

jutn Ball). - Vitt iw SW.

______Der Tontet.

?hans. 55

«MMUft,

T. Wer.

Ctober, eröffnen wir die iodigten Curse im kaufe.

Gell. Anmeldungen uehr.< > , M, von 6-8 Uhr Akt 2 entgegen. (Hrn. W. B I

L° ' MarktpL (

aüfborstrasse U

ing

Neuheiten

8671

Qualität611

Ur ,d

'»dnsfilanxlacke aden-G^:»»'

Bor der Reichstagseröffnung.

Nachdem der Reichskanzler vunmehr ebenfalls vom Ur- 1aub zurückgekehrt ist und alle leitenden Persönlichkeiten wieder in Berlin anwesend sind, ist der endgültige Beschluß über den Tag der Einberufung des Reichstags binnen kurzem zu er- hmten. ES steht, wie dieBerliner Neuesten Nachrichten" tvlfien wollen, bereits fest, daß der Kaiser die neue, schon tue gen der geplanten Reichsfinanzreform bedeutungsvolle Tag- ung persönlich eröffnen wird. W>e man weiter erfährt, sind die Steuervorlagen bereits soweit gefördert, daß deren Ein» driwgung in den BundeSrath noch im Laufe dieses Monats gen 16 ist. Die Finanzminister der deutschen Bundesstaaten dürsiten sich vollzählig zu den Berathungen deS BundeSraths über die Steuervorlagen einfinden, sie werden auch bei der ersten Lesung derselben im Reichstage und bei den späteren Verhandlungen dieser Körperschaft anwesend sein. Die Ver- tretsrng derselben vor dem Reichstage werden zwar in erster kicke der ReichSschatz-Secretär und der preußische Finanz- rnirifter übernehmen. Doch erwartet man, daß die Fickänz- miv-ister der größeren Bundesstaaten sich an den Erörterungen in ähnlicher Weiie betheiligen werden, wie dies seitens der -riegsminister Bayerns, Sachsens und Württembergs bei den Lelathungen Uber die Militärvorlage geschehen ist. ES läßt sich bereits jetzt voraussehen, daß sich der Hauptkampf um tic Tabakfabrikatsteuer drehen wird, deren große socalpolt- Ische Bedeutung gerade dieser Vorlage eine ganz besondere Tragweite verleiht. Von officiöser Seite ist bisher der größte Nachdruck aus den Umstand gelegt worden, daß die deutsche Tabaksteuer bisher gegen diejenige in andern großen Ländern erheblich zurückgeblieben sei. Demgegenüber ist von anderen ©eiten immer nur im allgemeinen betont worden, daß auch 'ist Deutschland weit mehr Arbeiter als irgend sonstwo in -Europa von der Tabakfabrikation leben. Es ist aber von Änrth, in dieser Hinsicht bestimmte Zahlen beizubringen. Nach ter letzten, von den bekannten Nationalökonomen Professor iCicalek und Karl von Scherzer aufgestelltrn Fabrik- und Ar- teiferstatistik giebt es gegenwärtig in Spanien 8 Tabak- sibciken mit rund 8000 Arbeitern, in Frankreich 19 Fabriken mit 18 000 Arbeitern, in England 430 Fabriken mit 13 000 Lrb-eitern, in Oesterreich Ungarn 38 Fabriken mit 36 700 Arbeitern, im Deutschen Reiche dagegen 15 000 Fabriken, bie 136000 Arbeiter beschäftigen. Es handelt sich also für un6 um eine so blühende Industrie, wie sie kein-anderer europäischer Culturstaat auf demselben Gebiete

gegenwärtig besitzt. Da wird denn allerdings die vor- I aussichtliche Wirkung einer erhöhten Steuer in gänzlich ver- I änderter Form nicht sorgfältig genug geprüft werden können.

Vermiete».

Trier, 14. October. Folgende heitere Geschichte erzählt dieT. Landesztg." : Ein Bauersmann kam kürzlich Morgens auf den Viehmarkt, um sich ein Faß zu ersteigern. Er trug einen Schirm bei sich und wollte mit diesem die Tiefe des Fasses ergründen. Er steckte den Schirm durch das Spundloch, bis er den Boden berührte. Leider hatte er den Schirm nicht gehörig verschlossen, und so ging dieser in dem Fasse auf. Der Bauersmann that alles Mögliche, um den Schirm in dem Fasse wieder zu schließen. Vergebens. Es gelang ihm nicht, den Schirm aus dem Fasse herauSzuziehen. Unter­dessen kam das Faß zur Versteigerung, und um seines Regenschirmes nicht verlustig zu gehen, trieb er den Preis bis 40 Mk. in die Höhe, so daß eS ihm zugeschlagen wurde.

Daslebendige Heu". Der Landmann Michael Lebersam aus Brunn hatte Herrn Georg Sattler in Wien zwei Fuhren Heu verkauft. Als diese an der neuen Wiener Ver­zehrungssteuergrenze abgewogen wurden, bemerkte Sattler, der sein Heu in Augenschein nahm, daß es sich darin regle. Sattler wollte an die Untersuchung des Heues gehen, wurde aber vom Lebersam am Arme genommen, der ihn zu einem Glas Bier ins Gasthaus einlud. Hierdurch erst recht miß­trauisch geworden, stach Sattler mit einem Stocke in die Heuladung, woraus ein ganz vernehmlichesAu weh!" ertönte. Es ergab sich nun, daß in dem Heu ein menfch- liches Wesen, nämlich ein draller Bauernbursche steckte, der mit sehr verlegener M-ene dem Heu entstieg. Es ließ sich dann nichr länger verbergen, daß auch in der zweiten Heu- ladung sich ein menschliches Wesen verborgen hatte, und zwar die Ehegattin des Michael Lebersam, eine überaus wohlbeleibte Dame! Die Frau und der Bauernbursche wurden nun sofort abgewogen und ergaben zusammen das beträchtliche Gewicht von 95 Kilo. Lebersam wurde wegen Betrugsversuch dem Bezirksgerichte Hietzing angezeigt, seine Frau und der Bursche wegen Mitschuld an dem versuchten Betrüge.

Einenwahrhaft königlichen Gedanken" nennt eine amerikanische Zeitung den Plan, welchen der Architect Burnham bezüglich der Beantwortung der Frage veröffentlicht hat:

Was wird nach Schluß der Ausstellung von Chicago ou8 den Gebäuden derselben?" Er will nichts Geringeres, als die von ihrem Inhalt geräumten Paläste an einem und demselben Tage durch Feuer vernichten, die ganze Marmorstadt" niederbrennen, ein gewaltiges Autodafö voll­ziehen. Ihm mögen die Ruffen vorschweben, welche Moskau Derbrannten. Was die Amerikaner an dem Plane reizt, daS ist das Neue, Eigenartige, noch nicht Dagewesene desselben. Und dann das imposante Feuerwerk, das ihnen dageboten werden soll. Auf fte findet daS Sprüchwort:Gebranntes Kind scheut das Feuer" keine Anwendung. Abgeschossene Hände und Beine und niedergebrannte Häuser sind für sie die unerläßlichsten Begleiter jeden Freudenfestes. Natürlich hängen sie ihrer Zustimmung em poetisches Mäntelchen um: Wie die Ausstellung über Nacht auS dem Nichts hervorging, das größte und schönste Wunder der Welt, leuchtend wie der strahlende Sonnenball, so verschwinde sie auch in einem einzigen großen, letzten, hinreißenden Aufleuchten. Nur ein solches Ende ist eines solchen Lebens und Entstehens würdig." Wie hübsch das klingt. Und wie furchtbar gedankenlos und leichtsinnig es in einer Stadt ist, die schon einmal vollständig unb ein anderes Mal nahezu durch Feuer zerstört wurde, welche fast Tag für Tag sich mitdem Feuerdämon" herum­zuschlagen hat unb welche nicht allein weiß, baß in Chicago die bort fast stänbigen heftigen Winde bie geborenen Bundes­genossen der Feuersbrünste sind, sondern, daß mächtig auf­lodernde Flammenmeere crfahrungsmäßig die Heftigkeit der Stürme noch steigern. Aber Alles das wird kaum etwa« nützen. Ein Feuerwerk, zu dessen Speisung eine Stadt von Marmorpalästen verwendet wird, das läßt sich der schau­lustige Chicagoer so leicht nicht entgehen. Und so wird der wahrhaft königliche Gedanke denn wahrscheinlich zur Aus­führung kommen.

* Der größte Hund der Erde.Lord Bule", dies der Name des interessanten Vierfüßlers, macht Anspruch darauf, der größte Hund der Welt zu sein und ist auch auf der letzten Londoner Hunde - Ausstellung als solcher anerkannt worden. Bernhardiner von Rasse, hat Lord Bute eine Höhe von 1,10 Meter und wiegt 247 Pfund; auf 26 Aus­stellungen hat dieserElephant unter den Hunden" erste Preise unb zahlreiche Medaillen davongetragen. Vor Kurzem ging das prächtige Thier um den Preis von 19,000 Dollars (circa 76,000 Mark) in den Besitz eines reichen Ameri- kaners über.

Humoristischer.

Das Mufikcorps der Gardedragoner auf der Bahnhofsbrücke bei Rixdorf.

Humoreske nach Adolf Schröder von Christoph Wild.

(Nachdruck verboten.)

Im deutschen WirthShause von Barta, dem Aufenthalte her Berliner und zuweilen auch der alten Rixdorfer böhmischen LrSdergemelnde, zwischen Kriegerdenkmal unb Rosenstraße iDUtbe bei Gelegenheit des kaiserlichen Geburtstages die schwierige Frage 'aufgestellt, warum die Garbedragoner nie« ml 8 aus der Eisenbahnbrücke zwischen Rixdorf und Britz lilafen.

Mancherlei Antworten wurden meist schüchtern vorgebracht. Hin alter Feldwebel, der vom Kriegerverein zu Schmiegel tk vielerlei Kenntniß mitgebracht hatte, meinte, das Factum hbßrfe überhaupt erst der sachlichen Beobachtung unb Fest- ftiCung, eine Mißachtung ber Rixdorfer Einwohner in ber Me des berühmten Galgens sei jedenfalls nicht anzunehmen, M die Thatsache richtig sei. Vielleicht käme es daher, weil lie Musiker Britz nicht als selbstständigen Vorort mit hrem Einzugsmarsch begrüßen wollten. Der Amtmann von iw Hasenhaide behauptete, auf dcm Platze um das Jahn- imkmal herum dürfe nach einer alten Verordnung auch nie Masen werden, unb ein Dritter behauptete, man solle ein» mal nach dem curiosen Grunde bie alten Ortssachverständigen Anfragen; etwas Unpassenbes könne man nicht darin finden, 6) Jemand einen Marsch dem Galgen blase oder auf den Diutn Bahnhof pfeife.

Endlich entschied ber Wirth.

Die Musikanten blasen überhaupt nicht auf ber Bahn­brücke, die blasen ja auf der Trorrpete."

Au! Au! Ein Schriftsteller, der auch unter der ka- lamtrnben Gesellschaft war, machte sich eine Notiz und sandte wirklich eine Notiz an das neue Rixdorser Tageblatt, dessen tacteur beschloß, gelegentlich einmal bei dem Herrn Obersten mznifragen.

So kam die bescheidene Anfrage sammt dem Galgen . wieder einmal ins Blatt. Der Oberst war sehr ärgerlich, ! als er in der Zeitung las: Anfrage! Kann Jemand Auf­schluß darüber geben, warum das Musikcorps der Garde» bragoner auf ber Rixdorfer Bahnhofsbrücke niemals zu blasen pflegt? Antwort folgt in nächster Nummer.

Der Oberst ftanb auf unb schellte. Jan kam herein.

Sofort Stabstrompeter holen. Kehrt! Marsch."

Zu Befehl, Herr Oberst." Jan verschwanb.

Der Oberst stieg in bie Stiefel unb zog sich rasch an. In einer halben Stunbe war ber Stabstrompeter ba vorschriftsmäßig in Helm unb Säbel. Der Oberst war er­regt, ber Trompeter betreffen.

Lesen Sie hier mal! Unangenehme Geschichte! Habe nicht gern mit Käseblatt Streit! Also, warum blasen wir nie auf ber Rixborfer Brücke?"

Ist mir noch nicht ausgefallen zu Befehl!"

Was? fällt boch schon im Publikum auf! Erklärung wünsche ich ober bas Donnerwetter soll ihn srikassiren!"

Zzu Befehl! Wahrscheinlich können meine Leute bort nicht blasen, weil die Brücke zu eng ist!" stammelte ber Trompeter.

So, so! Gut, werbe in bie Zeitung setzen lassen."

Der Oberst schellte.

Jan gehe einmal nach Rixborf! Da wohnt so'n Rebacteur, Schroff heißt er! Herr, Schroff möge so freunblid) fein, mich mit seinem Besuch beehren!"

Noch am selben Nachmittage trat Herr Schroff an.

Jan melbete:Herr Oberst, ber Minsche ist haußen, der Sie besuchen sollte."

Herein lassen" befahl der Oberst. Schroff er­schien.

Habe ich die Ehre, den Herrn Oberst von Soundso zu sprechen?"

Mein Name ist von Soundso."

Mein Name ist Schroff, Redacteur."

Angenehm," sagte der Oberst.Bitte, setzen Sie sich'." Schroff blieb stehen.

Ich habe da in Ihrem werthgeschätzten Blatte eine Anfrage gelesen, welche mich interefftrt, da sie mein Regiment betrifft. Bitte, setzen Sie sich!"

Schroff verneigt sich lächelnd.

Der Oberst fuhr fort:Verehrter Herr Schroff! Es handelt sich um Ihre Anfrage, warum meine Trompeter auf Ihrer Brücke niemals blasen. Bitte, setzen Sie sich."

Schroff schwieg.--

Da habe ich meinen Stabstrompeter vernommen, ber Grund ist einfach auf Ihrer Brücke ist eS absolut unmöglich zu blasen- sie ist nämlich zu eng."

Der Rebacteur vermochte nicht mehr an sich zu halten unb platzte los:

Verzeihen Sie, Herr Oberst, reingefallen auch rein­gefallen !"

Verblüfft fuhr ber Oberst fort:Wie? reingefallen?" Ja, ist ja nur ein ganz gewöhnlicher Kalauer!" Kalauer?" fragte von Sounbso.

Ja, Herr Oberst. Die Antwort steht morgen in meinem Käseblatte:Die Trompeter blasen nicht auf ber Rixdorfer Brücke, sondern auf der Trompete."

Der Oberst schnappte nach Luft.So," sagte er,dann hätten wir wohl nichts weiter zu besprechen."

Schroff verstand diesen Zaunpsahlwink und verduftete mit einem gemüthlichen:Hab die Ehr'."

n Morgen!" rief ihm der Oberst nach.

Aus einmal wurde am Glockenzug gerissen:

Jan, Jan, sofort Stabstrompeter rufen, sonst"

Jan lief Trab, Trab zum Stabstrompeter.

Nach einer halben Viertelstunde erschien das Opfer beim Herrn Oberst. ,

Kerl! Himmelschockichwerenoth das ist arg. Er will mit seinem Oberst Kalauer treiben! Sofort zum Arrest gemeldet! Drei Tage Mittelarrest!"

Zu Befehl'."

's Maul halten! Kehrt! Marsch'. Verfluchte Bagage!"