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Nr 141. Drittes Blatt. Sonntag den 18. Juni
1893
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Meßmer Anzeiger
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Hrattsöeikage: Hießener Kamitienökätter.
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Locales und provinzielles.
Sieben. 17. Juni 1893.
** Bon der Universität. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 10. Juni den außerordentlichen Professor bei der philosophischen Fakultät an der Landes-Universität Dr. Peter von Bradke zum ordentlichen Profeffor in dieser Fakultät zu ernennen; an demselben Tage den außerordentlichen Profeffor bei der philosophischen Fakultät der Landes-Universität Dr. Eugen Lellmann zum ordentlichen Professor in dieser Fakultät, zu ernennen.
Bon bet Hochschule. Im vergangenen Semester hat sich hier ein Ereigniß vollzogen, das in der Geschichte der Gießener Studentenschaft seinen Platz behaupten wird. Die seitherige schwarze Verbindung „Darmstadtia" bewerkstelligte ihre Umwandlung in eine Landsmannschaft unter Beibehaltung ihres Namens und ihrer alten Farben violett- weiß-roth. Einen festen Anschluß suchte und sand die Landsmannschaft int Verband des Coburger L. 0., dem sie seit 28. Mai angehört. Zur Feier ihrer Aufnahme hielt sie am 10. d. M. im Caf6 Ebel einen feierlichen Commers ab, der einen glänzenden Verlauf nahm. Außer einer großen Anzahl „Alter Herren" nahmen die Vertreter von vierzehn auswärtigen Landsmannschaften und viele Freunde der Landsmannschaft, im Ganzen 70 bis 80 alte und junge L. O.- Studenten an der Feier Theil. Zu ganz besonderer Ehre gereichte der „Darmstadtia" das Erscheinen Sr. Magnificenz des Rectors Herrn Prof. Dr. Jörs, der in herzlichen Worten der jungen Landsmannschaft seine Glückwünsche darbrachte. Auch von auswärts liefen Glückwünsche auf telegraphischem Wege ein. Nach dem vom Präsidium commandirten Salamander auf Seine Majestät den Kaiser und Seine Kvnigl. Hoheit den Großherzog wurde in wechselnder Rede der Darmstadtia, des Coburger L. 0., der Ludoviciana und ihres derzeitigen RectorS, der Gäste und der „Alten Herren" der Landsmannschaft gedacht. Im Namen der Gäste sprach Herr Gymnasiallehrer Dr. Schaumann, Teutoniae - Würzburg. Noch lange hielt die Fidelität die Theilnehmer zusammen, deren letzte sich erst mit Sonnenaufgang trennten. Die Reihe der Festlichkeiten setzte sich durch einen officiellen Couleurbummel nach dem Schiffenberg am Sonntag und durch eine
I Wagenfahrt nach Kloster AmSburg am Montag fort. Den Beschluß machte am Mittwoch Nachmittag ein Ausflug mit Damen, dessen Ziel wiederum der Schiffenberg bildete. Auch dieser Theil des Programms verlief zur allgemeinen Befriedigung, so daß die Damen gewiß eine angenehme Erinnerung an das erste gesellschaftliche Auftreten der Landsmannschaft Darmstadtia bewahren werden. Wir aber wünschen der Darmstadtia auch in ihrer neuen Gestalt ein ferneres Gedeihen!
** Jugend- und Volksspiele. In Frankfurt a. M. findet vom 27. August bis 2. September ein Kursus für Lehrer statt, durch welchen dieselben zu Leitern der Jugend- und Volksspiele ausgebildet werden. Der Unterricht wird theoretisch und practisch ertheilt, und bezweckt, die Theilnehmer zu befähigen,die Jugendspiele in ihrem HeimathS- orte einzurichten. Die Landes - Unterrichtsverwaltungen, Provinzial-Schnlcollegien und Regierungen sind seitens des Centralausschusses zur Förderung der Jugend- und Volksspiele in Deutschland von der Einrichtung des Kursus benachrichtigt und gebeten, den sich meldenden Lehrern Urlaub zu gewähren. Es steht zu erwarten, daß die Gemeinden, welche geeignete Persönlichkeiten zurTheilnahmeentsenden,diesen entsprechende Beihilfen bewilligen, wie dies auch in Norddeutschland schon seit einigen Jahren geschieht. Der Kursus selbst ist kostenfrei. Die Anmeldungen zur Theilnahme an dem Kursus nimmt der städtische Turn inspector zu Frankfurt a. M. bis zum 6. August entgegen. Da die Theil- nehmerzahl auf ca. 36 festgesetzt worden ist, und jetzt schon Anmeldungen aus der Provinz sowohl als auch aus Bayern, Baden und Heffen einlaufen, so ist den Lehrern, welche sich an dem Kursus betheiligen wollen, anzurathen, ihre Anmeldung möglichst bald zu bewirken.
** Der Getreibemarkt. Aus allen Theilen Deutschlands laufen Meldungen über die stattgefundene Erholung der Saat- selber in Folge mehr oder weniger ausgiebiger Regengüsse ein. Allerdings läßt sich selbst durch die stattgehabten Niederschläge der in Folge der langen vorangegangenen Trockenperiode angerichtete Schaden an den Getreidefeldern in manchen Gegenden nicht mehr völlig ausgleichen, im Allgemeinen haben aber die Ernteaussichten doch eine erhebliche Besserung erfahren. Dies wirkte begreiflicherweise auch auf die Stimmung des Getreidemarktes ein, denn an den allermeisten Inlands-
Plätzen machte sich in der letzten Woche eine rückgängige Bewegung geltend, sämmtliche Hauptgetreidearten gaben im Preise etwas nach, bei durchschnittlich mäßigen Umsätzen. Gerste war fast überall verkehrslos. Die auswärtigen Getreideberichte lauteten vorwiegend matt. Notirungen an der Berliner Getreidebörse: Weizen per 1000 Kilogramm von 150—163 Mk., Roggen von 141—146 Mk., Hafer von 157—173 Mk., Gerste von 123—170 Mk.
Schiffsnachrichten.
(Mitgethcilt durch den Agenten deS Norddeutschen LloydeS, Herrn Carl Loos in Gießen.)
Bremen, 15. Joni. [Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampser America, Capt.J. Jantzen, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 1. Juni von Bremen abgegangen war, ist gestern 6 Uhr Nachmittags wohlbehalten in Baltimore angekommen.
Bremen, 15. Juni. Der Schnelldampfer Spree, Capitän W. Willigerod, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 6. Juni von Bremen und am 7. Juni von Southampton abgegangen war, ist gestern 9 Uhr Nachmittags wohlbehalten in Newyork angekommen.
Unterhaltungen zu Bad-Nauheim
von Sonntag den 18. Juni bis Freitag den 23. Juni.
Sonntag den 18. Juni, Nachmittags von 4 bis 6 Uhr: Concert der Kurcapelle auf der Teriasse. Abends 8 Uhr im Saale: Tanz. Abends 8 Uhr aus der Terrasse (nur bei gutem Welter): Pension Schöller. Montag den 19. Juni, Nachmittags von 4 bis 6 und von 7 bis 8 Uhr: Concert der Kuicapelle aus der Terrasse. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung. Familie Löffelmaon. Verlobung bet Laternenichein. Dienstag den 20. Juni, Nachmittags von 4 bis 6 und von 6‘/i bis 9 Uhr auf der.Tenasse: Concert deS Süddeutsch,n Männer-Doppel-Quartetts Billtng, der Grohh. Hofoper in Karlsruhe, abwechfelnd mit der Kurcapelle. Eintritt 50 Pfg. gegen Karte. Gelbe Kur- und Tageskarten frei. Abends 8 Uhr im Saale: Zauberoorstellung detz Professors Herrn Oscar Alberti aus Berlin. Mittwoch den 21. Juni, Nachmittags von 4 bis 6 und von 7 bis 8 Uhr: Concert der Kurcapelle auf der Terrasse. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung. Cyprienne. Donnerstag den 22. Juni, Nachmittags von 4 bis 6 und von 7 bis 8 Uhr: Concert der Kurcapelle auf der Terraffe. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung. Dorf und Stadt. Freitag den 23. Juni, Nachmittags von 4 bis 5 und von 6 bis 8 Uhr': Concert der Kurcapelle auf der Terrasse, im zweiten Theile Solisten. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung. Die Grille.
Pfarrer, Lehrer, Beamte rc. empf. allerorten den vorzügl. Holl. Tabak bei B. Becker in Teeserr'a. Harz 10 Pfd. lose L Beutel. 8 jl fr. [3648
Feuilleton.
Da» Hünengrab.
Erzählung von Cethegus.
(1. Fortsetzung.)
Der alte Bürgermeister war durch diese Nachricht völlig niedergeschmettert. In der That besaß das Städtchen wirklich nicht viel Sehenswürdigkeiten, die dem hohen Herrn besonders Wohlgefallen und einen kleinen Orden für den Regenten des Ortes hervorzaubern konnten. Nur mit dem alterthümlichen RathhauS und der noch alterthümlicheren Schützengilde ließ sich etwas Staat machen. Unglücklicherweise hatte aber der Bürgermeister einen Höchsten Besuch erst zum Herbst erwartet und daraufhin diese beiden Kleinodien des Ortes in Reparatur gegeben: am Rathhause wurde gebaut, man sah es Überhaupt vor Gerüsten gar nicht mehr, und die Schützengilde, für welche eine neue Ausrüstung in Aussicht genommen war, hatte sich ihrer bisherigen leider schon größtentheilS entäußert und übte vorläufig in Eivil.
Aber gerade auf die Verlegenheit des alten Bürgermeisters hatte der schlaue Herr Sandmeyer seinen Plan gebaut. Man wußte, daß der Erbprinz eine patriotische und wiffenschaftliche Vorliebe für alle altdeutschen und noch älteren Kulturreste in seinem künftigen Reich hegte. Im Vertrauen hierauf erbot sich Herr Sandmeyer, das HanptstÜck zum Festprogramm durch eine feierliche Eröffnung feines bisher noch nie untersuchten Hünengrabes zu liefern. Er garantirte so zu sagen für reiche Fundstücke und war bereit, den in Folge deffen etwa auf ihn zielenden Strahl des Ordensregens großmüthig auf den Bürgermeister abzulenken. Zum Danke dafür erbot er sich in vorsichtigen, aber nicht «ißzuverstehenden Andeutungen die väterliche Befürwortung seiner demnächstigen Bewerbung um die Hand Gretchens.
In bestem Einvernehmen waren die beiden Männer ge- Ichieden. In Trauer und Kummer schieden die beiden Liebenden fcon einander.
Mit der geheimen Meldung deS Gutsbesitzers hatte eS Keine Richtigkeit. Wenige Tage darauf traf die offizielle Ansage von dem bevorstehenden höchsten Besuche ein und folglich entwickelte sich in dem sonst so stillen Haidestädtchen eine
fieberhafte Aufregung: weißgekleidete Jungfrauen wurden gemustert und gedrillt, Fremdenzimmer gehöhnt und mit den besten Möbeln ausftaffiirt, Fräcke gereinigt, Reden eingeübt, Triumphbogen entworfen u. s. w., u. s. w. Alle weiblichen und männlichen Einwohner des Städtchens wurden davon in Mitleidenschaft gezogen. Auch Dr. Liebrecht und Gretchen hatten in Schule und Haus so viel zu schaffen, daß ihnen kaum noch Zeit zu einem flüchtigen Stelldichein blieb.
Einige Tage vor dem großen Ereignisse hatte sich Heinrich gegen Abend aufgemacht, um durch einen tüchtigen Spaziergang Schulstaub und Sorgen ein wenig zu bekämpfen. Unfern des Hünengrabes wurde er durch Hufschlag aus seinem Sinnen aufgeweckt: ein schmucker Reiter in halbmilitärischer Kleidung trabte ihm entgegen und parierte vor dem vorsichtig zur Seite tretenden Schulmanne.
„Sie verzeihen, mein Herr, können Sie mir vielleicht sagen, wie weit ich noch bis zu der Stadt habe?" fragte der Reiter, welcher das Gesicht Heinrichs der blendenden Abendsonne wegen wohl kaum deutlich erkennen konnte.
„Das kann ich Dir ganz genau sagen, Karl!" antwortete der Doctor lächelnd nach einem kurzen Schweigen.
Der Reiter stutzte einen Augenblick.
M „Alle Wetter," rief er bann lachend, „wenn das nicht mein alter Leibbursch und Cyrpsbruder Heinrich Liebrecht, genannt Pharao, ist —"
„Derselbe," antwortete Heinrich lächelnd, „aber was führt Herrn Carl von Zelten hierher in die Stadt der Mumien?"
Der Reiter sprang leichtfüßig ab, die Freunde begrüßten sich herzlich. Während sie nun der Stadt zuschritten, wobei Carl das Pferd am Zügel führte, erzählte zuerst Heinrich seine äußeren Erlebnisse von den gemeinsamen Universitätssemestern an. ES waren die bekannten Stationen eines jungen Philologen: langes Studium, schweres Examen, lange com- missarische Thätigkeit, karge erste Anstellung, Anwartschaft auf Besseres. Denn „der Mensch hofft immer Verbesserung".
„Na," bemerkte Carl schließlich, indem er sich eine Cigarre anbrannte, „und so bist Du denn in diesem Patmos auf der Haide gelandet. O, friedlicher Pharao, welch ein beschauliches Leben mußt Du hier führen! Mich aber werfen die Stürme umher in jenem Glas Wasser, welches man hier
zulande den Hof nennt. Du haft wohl seiner Zeit mit Grausen gehört, daß ich, Dein einst so friedlichen Zielen zustrebender Leibfuchs Carl von Zeltner, während meines Jahres bei den Husaren zum Entschlüsse kam, den bunten Rock der juristischen Toga vorzuziehen. Als blutjunger Lieutenant hatte ich dann das Glück, wie einst Dir so jetzt dem Erbprinzen zu gefallen. Hoheit geruhten, nicht zu ruhen, bis ich Ihr attachirt wurde, und so siehst Du mich denn jetzt hier als Adjutanten und Hofmenschen auf vertraulicher Mission, um in Eurem Neste noch einmal nach dem Quartier zu sehen und allzu großen Klimbim zu verhüten. — Aber, Mann, Dir scheint unser Besuch wenig Freude zu machen?!"
„Er bringt mir auch großes Leid, alter Junge," erwiderte Heinrich seufzend.
„Oho," bemerkte der Lieutenant, „wer so seufzt, der ist verliebt. Na, beichte mal, Bruder, wo fehlts denn, — blond von Haaren oder braun? Habt Ihr denn überhaupt Mädels in Eurem Bierdorf?"
Heinrich erzählte nun sein ganzes Liebesleid, verschwieg auch nicht die Ordenssehnsucht des Bürgermeisters und dessen Abmachung mit Herrn Kaspar Sandmeyer.
„Die Sache ist richtig," bemerkte Karl, „meine Hoheit interessirt sich wirklich für so alte Erdwurften, obwohl ich nicht denke, daß sie viel mehr davon versteht als ich. Aber Du, Du bist doch Specialist für Mumien- und Hünengräber, — Du mußt da irgend einen Querzug machen — ja, gucke mich nicht so verblüfft an wie Ramses der Dritte ein Repe- tirgewehr, — wir zwei wollen die Sache jetzt mal in die Hand nehmen."
„Aber, Carl, was haft Du denn für einen Plan?"
„Plan, Bruder? Pläne macht ein Husar überhaupt nicht und Carl von Zelten am wenigsten. Gut recognoScirt und bann frisch vor zur Attacke! Na, wollen uns den Fall mal ansehen, und paß auf, wir deichseln den Salat schon. Aber nun schaff uns beide, Zemir und mich, zunächst mal in Euere stylvollste Karavanserei und dann wollen wir einen feuchten Kriegsrath halten."
(Fortsetzung folgt.)


