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Sonntag den 17. September
893
Nr. 219 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger
Aults- und Anzeigsblatt fiir den Rreis Gietzen
1851
Gratisbeilage: Hießener Aamitienblätter
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Feuilleton
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Gießener Anzeiger erscheint täglich, »al Ausnahme deS Montags.
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der Ersatz für die durch Tod oder Jnvalidisirung in Wegfall gekommenen Mannschaften fortan nicht mehr wie seither, nach und nach je nach Bedürfniß, sondern sogleich von Anbeginn mit den übrigen Rekruten ausgehoben werden.
In Böhmen haben die fortgesetzten Hetzereien der Czechen gegen die Deutschen nunmehr endlich zu einem energischen Schritte der Regierung geführt. Es sind nämlich für Prag und Umgegend die Artikel 10 und 12 des Staatsgrundgesetzes zeitweilig aufgehoben und damit ist kurzer Hand die Versammlungs-, Preß- und Vereinsfreiheit der Czechen beseitigt. Die Regierung ist fest entschloffen, diesen Ausnahmezustand auch in anderen Städten einzuführen, wenn die czechischen Wühlereien nicht Nachlassen.
In welchen Grad von Verzückung die Ansage deS russischen Besuches ganz Frankreich versetzt hat, ist unseren Lesern bereits aus unseren Mittheilungen bekannt geworden. Jndesien sind der französischen Begeisterung bereits einige kalte Strahlen applicirt worden. Zunächst muß gerade unter den obwaltenden Umständen die Ankündigung eines Besuches der englischen Flotte in italienischen Häsen ernüchternd wirken. Zudem erörtert ein den maßgebenden Kreisen in England sehr nahe stehendes Organ ganz offen die Frage eines Beitrittes Englands zum Dreibund. Es erklärt, daß zwar die Verfassung den Abschluß ein's förmlichen Bündniffes verhindere, daß aber England im Nothfalle zweifellos auf Seiten des Dreibundes stehen und sicherlich ein Vordringen Rußlands im Mittelmeere nicht ruhig mitansehen werde.
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Wochenbriese aus brr Residenz.
(Orlginalbertcht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 15. September 1893.
Eine Blumenausstelluug. — Die neue Zohauuiskirche. — Vom Hoftheater. — Verschiedenes.
In den Räumen des Hotels zum „Darmstädter Hof" batte die Bereinigung der Handelsgärtner aus Darmstadt und der Umgegend in den letzten Tagen der vergangenen und den ersten Tagen dieser Woche eine reizvolle kleine Blumenaus- tzlellung arrangirt. Es gab da alle Arten von Zierpflanzen zu bewundern und meistens waren dieselben in wahren Prachtexemplaren vertreten. Ganz besonders gelungen muß die GartenauSstellung genannt werden. Der einförmige Hotelhof war wirklich nicht wiederzuerkennen, er hatte sich in einen üppigen südländischen Prunkgarten verwandelt. Ueberall standen die prachtvollsten Palmengruppen, Lorbeerbäume, Seltene Farrenkräuter usw. in äußerst geschmackvollem Arrangement vereinigt. Doch auch die Obstausstellung ließ an Quantität und Qualität nichts zu wünschen übrig, auch hier konnte der „Kenner" prächtige Exemplare der kostbarsten Sorten bewundern und, wie nicht anders zu erwarten, wurde denn auch dieser Abtheilung der Ausstellung, namentlich Seitens der jugendlichen Besucher die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Äuf eine ausführliche Besprechung des ganzen Unternehmens kann hier naturgemäß nicht eingegangen werden, es sei daher nur der volle und wahlberechtigte Erfolg in jeder Beziehung conftatirt. Die veranstaltende Handelsgärtnervereinigung hat eine fehr beachtenswerthe Probe ihrer Leistungsfähigkeit geliefert und wird sich durch den Beifall, den ihre Ausstellung land, hoffentlich veranlaßt sehen, öfters mit derartigen Der- cnstaltungen hervorzutreten.
In früheren Briefen habe ich Ihren Lesern schon manchmal »on dem Neubau der „Johanniskirche" im nordwestlichen
Stadttheil gesprochen. Nunmehr ist dieser stattliche Bawschon soweit gediehen, daß sich seine architectonische Bedeutung bereits recht gut erkennen läßt. Die neue Kirche wird jedenfalls eine Zierde unserer an Monumentalbauten nicht allzu reichen Residenz werden, der Erbauer, Herr Baumeister Schwarze, bescheert der jungen Johannisgemeinde wirklich ein ganz prachtvolles Gotteshaus. Ueber die Einzelheiten des Baues wußte kürzlich ein intereffanter Aussatz im „Darmstädter Tageblatt" zu berichten, dem wir hier ein paar Angaben entnehmen wollen. Der Thurm der in rein gothischem Stile gehaltenen Kirche wird 60,50 Meter hoch werden. Für die Gemeinde sind fünf Eingänge bestimmt, je zwei an den beiden Seitenflügeln und der Haupteingang durch den Thurm an der Südseite. Dieser letztere wird ganz besonders reich mit bildnerischem Schmucke versehen werden, schon jetzt ist mit der Ausführung der einzelnen Modelle von geschickten Steinmetzen bereits begonnen worden. Mit Herstellung der Sauarbeiten im Innern ist man eifrig beschäftigt, sodaß wohl schon mit Beginn des nächsten Frühjahrs an die Ausführung der Verputzarbeiten gegangen werden kann. Die Ausschmückung des Jnnenraumes ist bis jetzt allerdings noch ein Gegenstand der Sorge für die auf eine würdige Ausstattung ihrer Kirche bedachten Gemeindemitglieder. Es ist zwar von Privaten schon manch hochherziges Opfer gebracht worden, dennoch wird noch viel zu thun übrig bleiben. Nicht weniger als sieben große Glasgemälde für die Chorfenster sind bereits zugesagt, doch noch acht weitere fehlen und im Jnteteffe der baldigen Vollendung der inneren Ausschmückung ist dringend zu hoffen, daß auch diese von hochherzigen Gemeindemitgliedern gespendet werden mögen. Zum Schluß noch ein Wort über den Standplatz der Kirche. Dieser kann kaum schöner und paffender gedacht werden- er liegt aus dem prächtigen Wilhelmsplatze, inmitten der dort seit langen Jahren sorgsam gepflegten Anlagen, umgeben von stattlichen und schmucken Privalhäusern. Der nordwestliche Stadttheil soll übrigens auch bald noch durch einen anderen Kirchenbau verschönt werde«, die katholische
Gemeinde hat sich diese Gegend gleichfalls zur Errichtung eines Gotteshauses auserwählt, doch läßt sich vorerst über die Einzelheiten dieses Planes noch nichts Näheres berichten.
Einige vergnügte Stunden brachte am vergangenen Dienstag eine luftige Novität dem Publikum unseres Hof- theaters. Man gab Schönthans und Kadelburgs neuestes Lustspiel „Zwei glückliche Tage". Ein eigentlicher Kunstwerth kommt dem Stückchen freilich nicht zu, aber dafür unterhält es ausgezeichnet, bringt eine Menge sehr komischer Scenen und vermag daher die Zuschauer bis zum Schluffe zu fesseln. Behandelt sind die Leiden eines Villenbesitzers, der sich in der Nähe von Berlin ein eigenes Heim erworben hat, um recht ungestört und ruhig leben zu können, der aber nun so viel Besuch erhält, durch sein neues Besitzthum in so viele Unannehmlichkeiten verwickelt wird, daß er zum Schluffe froh ist, die Villa wieder verkaufen zu können. Die Novität wurde von unserem Schauspielensemble vorzüglich dargestellt und wird wohl noch oft auf dem Spielplane erscheinen. Sonst ist an künstlerischen Darbietungen in dieser Woche nicht viel zu verzeichnen, die Concertsaison hat noch nicht begonnen, doch sind uns gerade hierfür besondere Kunstgenüffe in Aussicht gesteht. So bereitet der Musikoerein gleich für fein Eröffnungsconcert die Aufführung von einzelnen Scene« aus „Parsioal" von Richard Wagner vor, der Männergesangverein „Humanitas" plant ein großes Soncert zum Besten des Alicehospitalsonds, bei dem hervorragende künstlerische Kräfte mitwirken sollen, endlich werden im nächsten Monat auch die vielgerühmten Sinfonieconcerte unserer vortrefflichen Hosmusik beginnen. DaS osficielle Programm dafür ist noch nicht bekannt gemacht, doch wird es dem vom vorigen Jahre wohl sicherlich nicht nachstehen. So sehen wir denn den Ueberraschungen, die uns die diesjährige „Saison" bringen soll, voll Interesse entgegen, Ihren Lesern werde ich seiner Zeit über alles Bemerkens- werthe getreulich Bericht erstatten. 2
Die „Fabrik" besteht aus Stube und Kammer, Comptoir und Packraum, und das ist Alles. Der Herr Fabrikant ramscht bei irgend einem Hause ganz ordinäre Cocosseifen und Parfüms und diese Staaten werden vermittelst eleganter Aufmachungen in „Feinste Blumen Extraits", Lilienmilch-, Rosen- creme», Veilchen-, Lanolin-Seifen :c. verwendet. Jetzt werden Reifende engagirt, und da dieselben principiell nur aus anderen Branchen entnommen werden, so erhalten sie vom „Chef" Unterricht im Betrüge, bis sie den „Rummel" weghaben. Die Jnstruct'vn lautet: Der Reisende hat nur solche Kunden anfzusuchen, welche in Seifen und Parfümerien noch nicht gearbeitet haben, also Modistinnen, Eisen-, Kurzwaarenhändler rc. Auch hat sich der Reisende davor zu hüten, solche Kunden aufzusuchen, an welche die Firma bereits einmal geliefert hat. Den Reisenden ist es gestattet, den Kunden allerlei Versprechungen zu machen, da die berüchtigte Schlußnota am Fuß die die von den Kunden fast nie gelesene Bemerkung enthält: „Alle mündlichen Versprechungen meines Reisenden sind ungültig." Der berüchtigte Schlußschein, den der Kunde nach gemachter Bestellung unterschreiben muß, enthält die Worte: „Bestelle hierdurch . . . Dutzend Toiletteseise, das Stück zu . . . Mk." Das Wort „Stück" ist ganz klein gedruckt und nur für Den lesbar, der gute Augen hat, so daß der Kunde oberflächlich liest: „Bestelle hierdurch . . . Dutzend Toilette- feife zu . . . Mk." Der Besteller glaubt für 1 Mk. 1 Dutzend Seife zu erhalten und thatsächlich erhielt er für 1 Mk. ein Stück Seife. Sobald die Unterschrift auf dem Schluß- schein gegeben, soll — so lautet die Instruction — der Reisende augenblicklich sich empfehlen! Der Käufer meint, für 60 bis 70 Mk. Maaren bestellt zu haben, und erhält für 300 bis 400 Mk. — laut Schlußschein — unbrauchbares Zeug, durch welches er das bei ihm sonst kaufende Publikum verscheucht, nach einigen Tagen weiß das Städtchen — nur die Provinz wird hineingelegt — daß Herr 3c. ein Betrüger ist, der Mann ist ruinirt! — Gegen die Schwinde! - Firma, die ihn hineingelegt, klagen, ist ganz zwecklos, der Fabrikant legt den Schlußschein vor, und daS Gericht verurtheilt darauf hin den Empfänger der Maaren. Etwa 300 derartige Prozesse rühmt sich eine hiesige „Fabrik" im vorigen Jahre in der Provinz gewonnen zu haben Ist der Reisende drei Tage hindurch in den Schwindel eingeweiht, daun wird die Lehrzeit durch ein Examen geschlossen. „Der Chef," so sagte ein Reisender später aus, „setzte sich in den Lehnstuhl und sagte: „So, jetzt bin ich der „Dumme" aus der Provinz, nun seifen Sie mich ein!"
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politische Wochenschau
tzieße«, den 16. September 1893.
Die Steuerco nf erenzen tagen noch immer in Berlin, ohne daß bisher verlautet hätte, daß bezüglich deS einen ober deS anderen der Steuerprojecte eine völlige lieber- rinftimmung erz>elt und ein Abschluß der betreffenden Be- r athungen herbeigeführt worden sei. Die Meldung, die kürzlich durch die. Zeitungen ging und auch von uns berücksichtigt worben ist, daß das Project einer Brausteuer wieder aufgenommen worden fei, hat sich erfreulicherweise nicht bestätigt, dagegen ist neuerdings wieder einmal die Rede davon gewesen, Finanzminister Miquel beabsichtige, durch die Herbei- stihrung höherer Tarife aus den VerkehrSanstalten des Reichs lReichspost und Reichseifenbahnen) größere Einnahmen als seither ju ziehen. Indessen scheint eine solche Absicht in Wahrheit nicht zu bestehen. Es kann nach wie vor als sicher gelten, laß die Tabakfabrikatsteuer gewissermassen das Rückgrat der geplanten Neuorganisation der Reichsfinanzen bilden soll.
, s lllerdingS richtet sich gerade gegen dieses Projekt die energischste Opposition nicht nur der Interessentenkreise, die unermüdlich b-eftrebt sind, das Material zur allseitigen Klärung der Wir- Lingen einer Tabakfabrikatssteuer auf die ganze Industrie zu beschaffen, sondern auch der politischen Parteien auf der Linken. — Wichtiger für die allernächste Zukunft, als diese Steuerangelegenheit, ist die Ausführung der neuen Heeres,Vorlage, die nach Abschluß der Manöver iw October int Wirksamkeit zu treten beginnt. Da hierbei Interessen weiter Greife ins Spiel kommen, so heben wir die Hauptpunkte noch i k inmal hervor. Zunächst kommt in Betracht, daß die zwei- j'ährige Dienstzeit in diesem Herbste noch nicht Platz greift. 68 werden also von benjenigen Mannschaften, welche jetzt ihr zweites Jahr vollenden, nut so viele als Disposinonsur- I auber zur Entlassung kommen, wie auch seither schon. Es bleiben also ganz wie bisher etwa 57,000 Mann vom dritten Dienstjahre unter der Fahne. Dagegen wird schon jetzt die stärkere Aushebung, die in dem neuen Militärgesetz emgeführt roorden ist, vorgenommen werden. Herbst 1894 wird es dann möglich fein, den ganzen dritten Jahrgang zu entlassen, ohne wo« der neu festgesetzten Friedenspräsenzstärke abgehen zu muffen. Ein weiterer Unterschied von der früheren Ordnung her Dinge beruht darin, daß die sogenannte Rekrutenvacanz verkürzt ist, d. h. die Zeit zwischen der Entlassung des dritten jetzt zweiten Jahrganges und der Neueinstellung der Rekruten. Seither erfolgte diese Einstellung in der Zeit vom 3. bis 9. November, während sie von nun an schon am 14. Oktober (bei der Garde am 13.) eintreten soll. Endlich soll künftig
Dank.
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Dermifd?tes»
* lieber einen großen Schwindel in der Seifenbranche, durch welchen viele kleine ©eroerbtfetbenbe arg geschädigt wurden oder deren Existenz völlig ruinirt ist, macht die Fach- Zeitschrift „Der Seifen-Fabrikant" folgende Enthüllungen: „Jeder Fachmann," so schreibt bas Blatt, „weiß, mit welchen Schwierigkeiten unb Vorurtheilen bet beutsche Parfümerie- Fabrikant zu kämpfen hat, um seine Erzeugnisse an ben Mann zu bringen. Währenb auch bie vorzüglichsten Fabrikate deutscher Häuser vorn großen Publikum mit einem gcwissen Mißtrauen betrachtet werben, wirb Alles, was unter französischer ober englischer Flagge segelt, ohne Bedenken zu enormen Preisen gekauft. Und dazu tritt noch die unreelle Concurrenz, welche seit einigen Jahren vermittelst eines eigenthümlichen Schwindel- Verfahrens das deutsche Publikum in unerhörter Weise brandschatzt. Und das geschieht so: In irgend einer entlegenen Straße Berlins etablirt z. B. ein Industrieller eine Parfümerie- Fabrik unter dem hochtönenden Titel „Parfümerie Borussia".
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