Fräulein Romanow und ihre Tante waren noch nicht eingetroffen, worüber Fridolin indessen um so weniger beunruhigt war, als er vor dem nächsten Tage die Ankunft der beiden Damen überhaupt nicht erwartet hatte. Aber doch klopfte ihm daS Herz vor ungeduldiger, süßer Sehnsucht nach dem Anblicke des herrlichen Mädchens, und trotz der An* strengungen der weiten Reise wollte in dieser Nacht kein er* quickender Schlummer auf den müden Leib sich herabsenken. Erst gegen 6 Uhr Morgens schlief er fest ein, um zu seinem Schrecken erst um 11 Uhr aus seinem bleiernen Schlafe zu erwachen.
Schleunigst kleidete er sich an und begab sich nach dem Frühstückszimmer des Hotels. Nur zwei Personen waren in dem kleinen Saale anwesend, eine äußerst stattliche, fast colosiale Dame von etwa 40 Jahren und eine jüngere, die vielleicht 25 Lenze erlebt haben mochte. Beide waren so eifrig mit Frühstücken beschäftigt, daß sie nicht einmal aufschauten, als Fridolin eintrat- dieser hatte indessen kaum die jüngere der Damen ins Auge gefaßt, als er wie zu einer Bildsäule erstarrt stehen blieb und dann unwillkürlich die Hand auf die Brust drückte, als wollte er das mit einem Male ungestüm pochende Herz in derselben zur Ruhe zwingen.
Ja, es war kein Zweifel, dort vor ihm saß Fanny Romanow, deren Bild sich tief seinem Innern eingeprägt hatte und die ihm hier in der Wirklichkeit noch unendlich weit schöner vorkam. In diesem Momente hatte er nur einen Gedanken, daß er nämlich der glücklichste aller Menschen an dem Tage sein würde, an welchem jenes herrliche Geschöpf ihm gehörte. Er hätte laut aufjauchzen mögen und doch war er nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen oder nur eine Bewegung zu machen- stumm, mit geröthetem Kopfe, blieb er unbeweglich an der Thüre stehen, [bis Fanny ihn plötzlich bemerkte.
Mit zwanglosem, freundlichem Lächeln begrüßte sie ihn, während die Tante gleichzeitig ihren Kneifer aufsetzte, um den Ankömmling in Augenschein zu nehmen, und da endlich fand Fridolin den freien Gebrauch seiner Glieder wieder. Mit verlegener Miene trat er an den Tisch der beiden Damen heran, um sich vorzustellen, worauf Fanny, die Augen verschämt zu Boden senkend, ihn mit ihrer Tante, Frau v. Heimen» thal, bekannt machte und ihn alsdann mit leiser Stimme bat, an ihrem Tische Platz zu nehmen.
Dic Verwirrung und Unsicherheit, welche diese beiden jugendlichen, für einander bestimmten Menschenkinder bei ihrem ersten Zusammentreffen empfanden, bewirkten, daß sie anfangs nur wenige verlegene Worte miteinander sprachen, dafür aber zeigte sich die Tante um so redseliger. Sie erzählte von ihrer prachtvollen Wohnung in London und der zahlreichen Dienerschaft, welche der Baron, ihr Gemahl, sich hielt. Dann kam sie auf den Reichthum ihrer Familie zu sprechen, der von einem ihrer Vorfahren in Indien erworben und der so bedeutend sei, daß Fanny allein über 60,000 Mk. Zinsen zu
verzehren hätte, gerade dieses bedeutende Vermögen Fannys aber hätte sie und ihren Gemahl dazu bestimmt, für Fanny einen Mann auszusuchen, der an bescheidene Verhältnisse gewöhnt wäre und der mit der Mitgift seiner Frau nicht verschwenderisch umgehen würde.
Fridolin hörte nur halb diese langathmigen Auseinandersetzungen. Er hatte nur Sinn für die reizende, ihm gegenübersitzende Fanny, die ihm schon mehrere Male einen verschämt zärtlichen Blick zugeworfen und deren zierliches Füßchen sich wiederholt auf die Spitze seines Stiefels verirrt hatte. Hätte sie auch keinen Pfennig Vermögen besessen, er würde dennoch die Hand dieses entzückenden WeibeS begehrt haben, er liebte sie glühend, leidenschaftlich, und er fühlte, daß seine Liebe erwidert wurde.
Nach dem Frühstück wurde ein gemeinsamer Ausflug per Wagen durch die Stadt unternommen, dann machte man eine kleine Promenade zu Fuß, wobei Fridolin daS außerordentliche Glück genoß, seine immer zutraulicher gewordene Fanny am Arme führen zu dürfen und hierauf begaben sich auf den ausdrücklichen Wunsch der Tante alle drei nach einem eleganten Restaurant.
Während hier Fanny vor einen Spiegel trat, um daS ein wenig verschobene Hütchen wieder zurechtzusetzen, flüsterte die Baronin Fridolin schelmisch lächelnd zu:
„Sie haben daS Herz meiner Nichte im Sturme erobert, Herr Schwalbe. Ich bin überzeugt, daß sie mit Freuden einwilligen wird, die Ihre für das Leben zu werden."
„Glauben Sie, daß ich Fräulein Fanny direct hierum fragen soll?" gab Fridolin erregt und in gedämpftem Tone zurück, doch beinahe verletzt erwiderte die Matrone]:
„Um des Himmels willen, auf diese Weise würden Sie es vollständig mit Fanny verderben, denn dieselbe hält streng an den bei uns üblichen Sitten. Sie müssen ihr morgen ein ihrem Stande angemessenes Präsent anbieten, und wenn sie dasselbe annimmt, so dürfen Sie sich als ihren rechtmäßigen Bräutigam betrachten. Aber jetzt stille hiervon, Fanny kommt zu uns zurück."
Der im siebenten Himmel schwebende Fridolin ließ es sich nicht nehmen, den Damen Champagner zu offeriren, waS bereitwilligst acceptirt wurde, sowie indessen die erste Flasche geleert war, erklärten Tante und Nichte einstimmig, daß sie müde und nach dem Hotel zurückzukehren entschlossen seien. Dort verabschiedete sich Fridolin von ihnen und eilte alsdann nach dem Telegraphenbureau, um seinen Bankier aufzufordern, ihm auf telegraphischem Wege sofort 3000 Mk. zu übersenden. Etwa 1000 Mk. hatte er noch in seiner Tasche und nach Empfang der weiteren 3000 Mk. war er also in der Lage, seiner Braut, wie er glückstrahlend zu sich selbst sagte, ein nobles Geschenk anzubieten.
(Schluß folgt.)
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Nr. 241 Zweites Blatt
Freitag den 13. October
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Amts- und Anzeigeblatt für den Aveis Gietzen.
Hratisöeikage: Gießener Iamilienbkätter.
«Feuilleton.
Alle Annoncen.Burraux be« In- und AuSlandd n rinnen
Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
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werben bem Anzeiger wbchenklich dreimal deigelegt.
Der Gleßenrr Anzeiger ericheint täglich, »tt Ausnahme bei Montag«.
Gießener Anzeiger
Generat-Wnzeiger.
Eine Verlobung.
Humoreske von G. Strüber.
(Nachdruck verboten.)
Herr Fridolin Schwalbe befand sich in einem Zustande unbeschreiblicher, freudiger Aufregung. Bor etwa acht Tagen hntte er eine Annonce gelesen, worin eine junge, schöne und d»bei sehr reiche Dame (Waise) einen Mann zum Bunde für d,S Leben suchte- er hatte seine Photographie nebst einem Schreiben an die anonyme Verfasserin jener Annonce abgeschickt und nun soeben die Antwort hierauf empfangen. In der einen Hand, welche merklich bebte, hielt er das Bild eines entzückend schönen Mädchens mit großen schwärmerischen Augen und in der anderen einen aus London datirten Brief, in welchem ihm in zierlichen Schriftzügen versichert wurde, daß fein Aeußeres und seine Erklärungen den besten Eindruck hervorgerufen hätten und daß die Briefschreiberin bereit sei, sr bald wie möglich persönlich mit Herrn Schwalbe zusammen- zitreffen.
„Ein glücklicher Zufall fügt eS," so hieß es in jenem Schreiben wörtlich, „daß meine Tante und ich ohnehin in den nächsten Tagen eine Reise nach Antwerpen zu machen grdachten und dort könnten wir uns also begegnen, ohne daß Sie gezwungen wären, über den Canal bis nach London zu fnhren. In Antwerpen werden wir im Grand Hotel ab- ft eigen, woselbst wir uns etwa acht Tage aufzuhallen beab- s.chtigen. Dürfen wir Sie in diesem Hotel mit Bestimmtheit erwarten, so bitte ich um telegraphische Nachricht, worauf Tante und ich innerhalb der nächsten 24 Stunden nach dem Orte unserer zukünftigen Begegnung abreisen werden."
ES folgten hierauf einige conventionelle Höflichkeits- formeln und zum Schlüsse die Unterschrift Fanny Romanow.
Nachdem der entzückte Fridolin diesen Brief wiederholt tiurchgelesen und sich dazwischen abwechselnd an dem Anblicke i tS Bildes begeistert hatte, legte er endlich.beides auf den Tisch, nm mit wohlgefälliger Genugthuung in dem großen Wandspiegel seine stattliche Gestalt, sowie seine hübschen und zatmüthigen, wenn auch keineswegs geistreichen Gesichtszüge zu betrachten.
„Ich darf mich schon vor ihr sehen lassen," sprach er schmunzelnd vor sich hin. „Ein Mann mit einem solchen Aeußeren, der erst dreißig Jahre alt und völlig unabhängig ist, sowie eine jährliche Rente von tausend Thalern hat, der ist in der That keine zu verachtende Partie selbst für eine so schöne und reiche junge Dame, wie jene reizende Fanny Romanow."
Rasch wurde hierauf ein Telegramm abgefaßt und ab- gesandt und schon am nächsten Morgen trat Herr Schwalbe, wohlversehen mit Geld, die Reise nach Antwerpen an, wo er sich direct nach dem Grand Hotel fahren ließ.
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- 1893.
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Verfleigerung d. Arainirungsarbeiten.
Die zur Drainirung und Anlage von Bewässerungseinrichtungen erforderlichen Erdarbeiten auf ca. 35 ha ftscal. Wiesen in den Gemarkungen Petersheinerhof und Betzenrod, bestehend in:
1) Ausheben und Verfüllen von ca.
2000 lfd. m DrainirungSgräben, 2) Verlegen der Drainröhren, 3) Anfertigen von 450 lfd. m offenen
Entwässerungsgräben,
4) Anlage von Bewässerungsein, richtungen,
6) Verebnungsarbeiten sollen
Montag den 16. October,
Vorm. 11 Uhr, an Ort und Stelle öffentlich in Accord gegeben werden.
Die Bedingungen liegen auf dem Geschäftszimmer der Oberförsterei, die auch weitere Auskunft ertheilt, sowie bei Großh. Förster Wenzel zu Forsthaus Petershainerhof zur Einsicht offen.
Schotten, den 6. October 1893.
Großh. Oberförsterei Feldkrücken.
Diefenbach. 8478
Ausschreibung.
Für die Menage der Unteroffiziere und Mannschaften des 1. Bataillons Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm sollen für die Zeit vom 1. November 1893 bis 31. October 1894 alle Victualien und Fleischwaaren — beides getrennt von einander — auf dem Submissionswege contractlich zur Vergebung gelangen. Bedingungen liegen auf Zimmer Nr. 147 der Kaserne I zur Einsicht offen.
Offerten sind unter der Aufschrift: „Angebote auf Fleisch- resp. Victualien- Lieferung" verschlossen an die unterzeichnete Commission bis zum 18. October d. I. einzureichen.
Gießen, 7. October 1893.
Die Menage-Commission des 1. Bat.
Jnf.-Reg. Kaiser Wilhelm. 8480
Aeikgeöotenes.
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