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13.7.1893 Zweites Blatt
 
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1893

Nr. 162. Zweites Blatt. Donnerstag den 13. Juli

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verstehen wir auch und freudig erfüllen wir sie. Wenn immer unser neues Vaterland seine Söhne zu den Waffen rief gegen inneren oder äußeren Feind, so eilte der deutsch­geborene Bürger unter den Ersten zur Fahne, um Blut und Leben auf dem Schlachtfeld der gemeinen Sache zu weihen, und unter den Helden und Märtyrern der Republik hat es nie gefehlt an Namen von deutschem Klang. In allen Werkstätten des Gedankens und auf allen Feldern der Arbeit haben der deutsche Geist und die deutsche Hand fruchtbringend geschafft, und wohl dürfen wir sagen, daß die Erde Amerikas reichlich gedüngt ist mit deutschem Blut und deutschem Schweiß. Und wenn immer es galt, durch die Ausübung politischer Rechte, die uns das neue Vaterland mit freigebiger Groß­herzigkeit verlieh, der Sache der Freiheit, der Gerechtigkeit und der ehrlichen Regierung zu dienen, so dürfen wir uns wohl rühmen, daß, obgleich nicht von zeitweiligen Jrrthümecn frei, die Masse der deutschgeborenen Bürger doch stets ihren Weg gefunden hat zu denen, bei welchen die Ehre und die Wohlfahrt des Landes am sichersten waren. Es gibt Ver­irrungen, zu denen selbst die verlockende Stimme des Partei- geistes die deutsch-amerikanischen Bürger nie hat verführen können. Fragt den politiichen Schwindler und er wird be­kennen müssen, daß ihm dasdeutsche Volum" immer Angst und Sorge macht. Fragt den treuen Patrioten, und er wird Euch sagen, daß er mit Zuversicht auf den gesunden, red­lichen Sinn und die patriotische Eingebung der deutsch-ameri­kanischen Bürger baut. . . .

Aber der ist nicht fähig, die junge Braut treu zu lieben, der nicht die alte Mutter in theurem Andenken hält. Wer das alte Vaterland nicht ehrt, der ist des neuen nicht werth. (Anhaltender Beifall.) So senden wir denn aus der Fülle des deutschen Herzens unseren Gruß über das Meer. Stolz wie wir sind, aus freier Wahl der amerikanischen Republik anzugehören, so sind wir stolz darauf, der großen Nation entsprossen zu sein, die ein Jahrtausend hindurch auf un­zählige Schlachtfelder der Waffen, des Gedankens und der Arbeit ihre Siegesmale gepflanzt hat', der Nation, die ein mächtiges Cnlturvolk war, lange ehe Columbus die Küsten Amerikas sah. Sagen wir heute laut, wie sehr wir das Land lieben, in dem unsere Wiege stand, mit wehmüthiger Brust denken wir an die grünen Wasser des heimathlichen Rheins, in denen sich die altersgrauen, sagenumwobenen Burgen spiegeln, wo die edle Traube glüht- wo der Mensch

Rede Marl Schurs«,

gehalten am 15. Zuui amdeutschen Tage" in Chicago.

froh ist, auch ohne zu wissen, warum- wo daS deutsche Lied doppelt poetisch klingt- wo vom Niederwald das Bild der sieghaften Germania so trotzig über die Grenze blickt an das schöne, liebe Land, von dem jeder Fuß uns theuer ist, von den dunklen Forsten des Schwarzwaldes und dem baye­rischen Hochgebirge bis zu den Dünen der Nordsee, von den tausendjährigen Eichen auf der rothen Erde Westfalens bis zu den schlesischen Bergen und den Buchenwäldern am baltischen Meere.

Wir, die wir zu dem älteren Geschlecht gehören, wie haben wir einst die Erniedrigung des deutschen Namens em­pfunden, als das alte Vaterland nur ein geographischer Be­griff war- als der patriotische Geist seine Kraft in zerfahrenen Versuchen versplttterte, als das Volk der Denker nach all seiner glorreichen Vergangenheit nur noch als ein Volk thaten- loser Träumer, und die Zukunft des Vaterlandes als eine trostlose Oede erschien. Wer das erlebt, nur der kann eS fassen, wie hoch und hehr das Herz schlug, als die große Kunde über den Ozean kam, der böse Zauber sei gebrochen, der Rothbart im Kyffhäuser sei erwacht und die alten Raben umkreisten den Berg nicht mehr. Das war ein Schauspiel, wie der einst so verspottete deutsche Michel plötzlich aus dem Schlafe erwachte, wie er die gewaltigen Glieder reckte, wie er seinen Schild schüttelte, daß er klang wie alle Donner deS Firmaments, wie das Stampfen seines Fußes den Boden Europas erzittern machte - wie er mit mächtigem Schwert­schlag den übermüthigen Feind vor sich in den Sand warf- wie er mit Posaunenstimme auSrief:Das ganze Deutsch­land soll es sein", und wie die Menschheit staunend aufblickte an der riesigen Heldengestalt.

Viele Jahre sind seitdem vergangen und nun sehen wir wieder die Germania im Siegeskranz, diesmal nicht der blutige Lorbeer, auf feinen Schlachtfeldern gewonnen, sondern jetzt hier auf unserem eigenen Boden, unter unseren eigenen Augen, die Germania geschmückt mit der Bürgerkrone, die sie sich erobert hat im friedlichen Völkerwettkampse der Er­findung, der Kunst, der schaffenden Arbeit, des fruchtbringenden Strebens der Civilisation. Hier steht sie, n'cht mit dem großen Haufen vermischt, hinter keinem zurück und weit voraus den Meisten- sie hat es gehört und gelesen. Was Deutschland im Frieden kann, das sieht sie jetzt.

(Schluß folgt.)

Die Feier desdeutschen Tages" am 15. Ium ist in überaus glänzender Weise verlausen. Das Deutsche Reich nahm durch seinen Botschafter in Washington daran Theil. Der künstlerische Aufzug der gewaltigen Parade stellte alles in den Schatten, was dort je gesehen. Zweihunderttausend Deutsche, denen sich die Deutsch Oesterreicher und Schweizer angeschlossen, versetzten die Amerikaner durch den Umfang, die Ausgestaltung und den von der leisesten Störung freien Verlauf des Festes in Erstaunen. Den Dank der Deutsch- Amerikaner für die großartige Betheiligung Deutschlands an der Weltausstellung auszuiprechen, hatte Karl Schurz über­nommen. DieNat.-Ztg." giebt die wesentlichsten Theile seiner Rede, welche oft von jubelndem Beifall unterbrochen wurde, folgendermaßen wieder:

Dies ist der deutsche Ehrentag in dem friedlichen Wett­kampfe der Völker auf dem gastlichen Boden der amerikanischen Republik. Von nah und fern kamen wir her, um unsere Huldigungen zu zollen dem Genius der deutschen Nation. Als mir die hohe Ehre des Rufes wurde, dieser Huldigung im Namen meiner Landsleute Ausdruck zu geben, fand ich manche Hindernisse in meinem Wege. Aber das deutsche Blut in meinen Adern ließ mich nicht ruhen, und hier bin ich denn, um meine Stimme mit der Eurigen zu vereinigen, in dem freudigen Gruß an das alte Vaterland. Wie wenig kennen uns doch unsere Stammesgenoffen drüben, die da glauben, das Herz des deutschgeborenen Amerikaners sei in selbst­süchtiger Dollarjagd erkaltet und fühlte nicht mehr für die alte Heimath! Heule vernehmen sie die Sprache dieses Herzens. (Beifall.)

Es ist ja wahr, wir sind treue Bürger der großen amerikanischen Republik treu wie die Treuesten. Und stolz sind wir auf unser Bürgerthum, stolz auf das freie Gemeinwesen, deffen Selbstregierung unsere Regierung, dessen Wachsthum unser Wachsthum, dessen Schicksal unser Schicksal ist- stolz auf das mächtige und edle Volk, mit dem wir uns eins fühlen- stolz auf das ruhmvolle Sternenbanner, das Symbol hart erkämpfter Nationaleinheir, das Wahrzeichen einer großen Vergangenheit und einer größeren Zukunft siolz darauf sind wir, wie die Stolzesten. Unsere Pflichten

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Gießen, 8. Juli 1893.

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