1893
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Amts- und Anzeigeblatt fär den "Kreis «Kietzen.
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Mittwoch den 4. Januar
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BiertelfLhriger ASo>«emeats,ret»> 2 Mark 20 Pfg. o* Bringerlohn.
Durch die Poft bejegw 2 Mark 50 Pfg.
«edactton, tpebtthe anb Druckerei:
gerusprecher 61.
ikseales und Provinzielle».
Gießen, 3. Januar 1892.
_ Limesblatt Auf Beschluß der Reichs-Limes-Commission gibt der archäologische Dirigent derselben, Prof. Hettner in Trier, jetzt ein eigenes „Limesblatt" heraus, welches in fünf bis sechs Nummern jährlich die vorläufigen Mittheilungen der Strecken-Commissare während der Herbst- und Frühjahrs- Campagne bringen soll. Die soeben erschienene erste Nummer, welche ein Beiblatt zum Correspondenzblatt der „Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst" bilden soll, enthält die Berichte von L. Jacobi in Homburg über die Strecke im Taunus, von Kofler in Darmstadt über die hessische Strecke vom Grauen Berge bis Butzbach, und von Wolf in Frankfurt a. M. über die Ausgrabungen am Limes-Castell Marköbel im Regierungsbezirk Kaffel. Die Professoren Mommsen in Berlin und Zangenmeister in Heidelberg haben werthvolle Ergänzungen beigesteuert.
— Das Verbot der Ein- und Durchfuhr von lebendem Vieh und frischem Fleisch aus Oesterreich tritt mit dem 1. Februar k. I. außer Kraft.
— Einkommensteuer-Capital in Großherzogthum Hesteu. Nach offiziellen Mittheilungen beträgt das im ganzen Lande zur Versteuerung herangezogene Ein kommen st euere apital 28,501,215 Mark, speciell in Starkenburg 11,092,995 Mk., in Oberhessen 5,314,470 Mark, inMeinhessen 12,093,750 Mk. Der zweiten Steuerklasse (Eink. 500—2600 Mark) gehören 199,199, der ersten (Eink. 2600 bis 3,287,000 Mark) 18,007 Steuerpflichtige an. Einkommen über 40,000 Mark giebt es in Starkenburg 80, Oberhessen 27, Rheinhessen 92.
— Die Post und die Sonntagsruhe. Die Postverwaltung soll beabsichtigen, behufs weiterer Ausführung des Gesetzes über die Sonntagsruhe eine Aenderung der Dienststunden der Postanstalten an den Sonn- und Feiertagen einzuführen. Demnach sollen die Schalterfenster für den Verkehr mit dem Publikum geöffnet sein im Sommer von 7—9 Uhr Vormittags, im Winter von 8—9 Uhr Vormittags und stets von 11—1 Uhr Mittags, während in den Abendstunden die Schalter vollständig geschlossen bleiben sollen.
Ueberall läßt die Postbehörde eben Erhebungen hierüber anstellen. Es handelt sich hauptsächlich um den Telegraphendienst, welcher hierdurch eine Beeinträchtigung erleiden könnte. Gelingt es, diese Bedenken dadurch zu beseitigen, daß es den Postämtern möglich ist, durch ohnehin im innern Dienst beschäftigte Beamte Telegramme zu jeder Zeit anzunehmen und zu befördern, so dürfte die Verlegung des Postdienstes an Sonntagen wohl erfolgen.
— Wanderlager Statistik in Hessen im Rechnungsjahre 1891/92. Die Zahl der Betriebsfälle betrug zusammen 105 (im Kreise Groß-Gerau 11, in den Kreisen Darmstadt, Mainz, Offenbach und Erbach je 10, im Kreise Alzey 9 rc.)- die Dauer der einzelnen Betriebe belief sich zumeist auf sechs bis sieben Tage- für die Besteuerung kamen in Ansatz zusammen 107 Wochen, und der Betrag der Gewerbesteuer bezifferte sich insgesammt auf 2610 Mark.
— Gegen das Gefrieren der Schaufenster. Für Ladeninhaber ist es bekanntlich im Winter sehr unangenehm, wann die Schaufenster gefrieren und undurchsichtig werden. Da nun auch die meisten Läden nicht so geheizt werden können, daß die gefrorenen Schaufenster sofort aufthauen, so sei ein neues Mittel erwähnt, um dem Gefrieren der Schaufenster vorzubeugen. Man mischt 50 Gramm Glycerin mit einem Liter Spiritus zusammen und schüttelt die Mischung tüchtig durch. Hat sich die Flüssigkeit vollständig geklärt, so reibt man mit einem großen Schwamme, den man mit der Glycerin-Spiritusmischung gehörig tränkt, die innere Fläche des Schaufensters ab. Auf diese einfache Weise wird nicht nur das Gefrieren, sondern auch das Schwitzen und Beschlagen der Fenster vermieden.
— Aus Oberhefsen, 1. Januar. Eisenbahn Lauterbach— Gedern. Kürzlich wurde betreffs der genannten Strecke u. A. auch in diesem Blatte von Befürchtungen und von einer „menschenleeren Gegend" berichtet. Beides entbehrt völlig der Begründung. Ist denn die Straße von Ilbeshausen nach Lanzenhain, schon seit Jahren im Neubau zu einer Kreisstraße in Aussicht genommen, wo dann die Gemeinden Lanzenhain, Eichelhain, Engelrod bis Ulrichstein in Verkehr gebracht werden, eine menschenleere Gegend zu
Der «scheint täglich, •M Ausnahme bet Montag».
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Meßmer Anzeiger
Generat-Wnzeiger.
nennen? Wttd doch erst recht durch diese Bahnlinie der Vogelsberg sich aufschließen! Werden doch die alten verfallenen Eisenhämmer mit den Eisensteingruben neu aufleben! Wird nicht erst recht, wenn die Bahn geht, der große Tounsten- und Fremdenverkehr sich noch mehr auf den Vogelsberger Höhen steigern? Wird nicht erst recht das koloffale Urholz im Oberwald in großen Massen verschickt werden können? Man bedenke die vielen Arbeiter aus Tyrol und Süddeutschland, welche das ganze Jahr hindurch im Oberwald die vielen Eisenbahnschwellen anfertigen, die seither an eine weite Endstation der Bahn verbracht wurden — nach Schotten, Gedern, Mücke, Lauterbach —, alles das wird besser werden, wenn die Bahn in die Nähe von Ilbeshausen kommt, und es wird gerade hier ein dauernder Erlös aus der Bahn gesichert. Den Arbeitern in einer Gemeinde in der Nähe des Oberwaldes wurde in der Zett von kaum zwei Monaten ein verdienter Lohn von weit über 1700 Mk. auf Weihnachten ausbezahlt. Das sind Dinge, welche der Bahnbauten erwähnt werden müssen. Daß das erste Proper über Altenschlirf gehen soll, ist nicht richtig- dasselbe geht auch über Ilbeshausen, und erst durch eine Petition wurde der Versuch gemacht, es über Altenschlirf zu rlchttn. Die ungünstigen Terrainverhältnisse ergaben, daß die Bahn viel schwieriger und kostspieliger herzustellen sein würde, handelt es sich doch um Durchgrabung zweier Berge, sowie umi Cr- bauung einer großen Brücke. Ist denn wirklich eine Bahn dringend nöthig für fünf Webstühle?
Alsfeld, 29. December. Herr Hermann Berck, Inhaber der Leinen-Firma H. L. Berck dahier, wurde dieser Tage in Folge kürzlich gehabter verschiedener Lieferungen an den Hof, hauptsächlich von altdeutschem Gewebe, zum Hoflieferanten Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs ernannt.
Schiffsnachrichten.
Der Postdampser' „Rhynland" der „Red Star Line" in Antwerpen ist laut Telegramm am 30. Dccember wohlbehalten in Newyork °"^^Der Pofidampfer „Switzerland" der „Red Star Line" in Ant- werven ist laut Telegramm am 30. December wohlbehalten in Philadelphia angekommen.
Feuilleton.
Irrwege.
Novelle von F. von Pückler.
(2. Fortsetzung.)
„O, Alice, Alice, ist es denn möglich, daß Sie sobald sterben müssen," murmelte er traurig.
„Der Tod ist meine Erlösung, Herr von Waldstein," schluchzte die Kranke. „Beschützen Sie mein Kind!"
„Gotr Helse mir, daß ich den Schwur halte!" rief er feierlich und richtete sich in die Höhe. „Leben Sie wohl, Alice. Ich habe nie dies Glück zu hoffen gewagt, von Ihnen Abschied nehmen zu dürfen. Gott sei mit Ihnen!"
Feuchten Auges neigte er sich über die Sterbende und küßte ihre bleiche Stirn, dann schritt er hinaus, begab sich hinunter in sein Gastzimmer und schob den Riegel vor- er mußte allein sein mit sich und seinen schmerzlichen Empfindungen, er öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus in den dunklen, feuchtwarmen Octoberabend.
„Alice, Alice," flüsterte er traurig, „nun wirst auch Du gelöscht aus dem Buche dieses Lebens- mit düsteren Farben hat das Schicksal Deine Laufbahn gemalt! O, welch ein herber Contrast zwischen einst und jetzt! Damals das schöne, verwöhnte, übermüthige Fräulein, deren romantisches Herz dem stattlichen Kunstreiter zuflog. Und als sie, fern vom Elternhause, ohne Elternsegen dessen Weib wurde, da schimmerte die reine Liebe des edlen Gemüthes aus ihren verklärten Blicken. Sie hatte alles verlassen, um dem Manne ihrer Wahl zu folgen. Und heute! Allmächtiger Gott, was haben kurze sieben Jahre in dem schönen Mädchenantlitz für Verheerungen angerichtet! Als ich heute Mittag bei meiner Ankunft im Fremdenbuche las: „Kunstretter Volkert und Familie" hätte ich nimmecmehr geglaubt, in Alicen eine solche bejammernswerthe Kreuzträgerin zu finden. — Nur ihr Kind ist rosig, frisch und fröhlich. Es lacht neben der blaffen, sterbenden Murter! Ja, es soll mir gehören von nun an, sie soll das Licht und der Sonnenstrahl eines einsamen Mannes werden. Isa, Alicens Kind, ist ihr Vermächtniß!"
Der starke Mann wischte sich eine Thräne von der Wange, dann setzte er sich an den Schreibtisch, nahm Papier und Feder und begann seiner Schwester zu schreiben, ihr zu erzählen, daß sie ein Pflegetöchterchen haben sollte, ein süßes Kind mit rosigem Mündchen und dunklen, großen Augen.
Währenddem war es oben im Dachstübchen still geworden- Isa hatte sich zu Bett gelegt, leise und vorsichtig, damit Mama, die mit geschlossenen Augen ganz still dalag, nicht aufwache. Nur ehe Isa in die Kiffen schlüpfte, glitt sie noch zu der Kranken, richtete sich auf den Zehen in die Höhe und preßte ihren Mund auf deren Wange.
„Gute Nacht, Mama, schlafe wohl!" ries das Kind.
„Mein Liebling, mein Herzblatt," murmelte Alice und wieder übermannte sie das ganze Weh der Trennung - schluchzend preßte sie das Kind an sich, welches erstaunt zu ihr aufsah und endlich, das Gesicht weinerlich verziehend, ganz schüchtern srug: „Bist Du böse, Mütterchen?"
„Nein, nein, Liebling.^ Aber Mama ist krank, Mama wird bald in den Himmel zum lieben Gott gehen — und dann bleibst Du bei — Onkel Alfred. Nicht wahr, Isa? Er will Dich sehr lieb haben."
„Ja, Mama, und ich werde auch ganz artig sein, damit Du mich lieb behältst, wenn Du wiederkommst aus dem Himmel. Aber, weine doch nicht mehr, ich will auch hier bei Dir mein Nachtgebet sagen."
Und das Kind kniete nieder, faltete die Händchen und betete laut und innig: „Vater unser —"
Da brach mit einem Male durch die Thränen der unglücklichen Mutter ein Lächeln und ein Strahl des Friedens verklärte ihr blaffes, mageres Gesicht- Alicens bebende Lippen murmelten die Worte des heiligen Gottesgebetes nach, sie fühlte sich wunderbar beruhigt, denn der Herr, zu dem einzugehen sie fest glaubte, würde auch ihr Kind nicht verlassen, denn „Sein war die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit."
Und dann lag Isa in ihrem ärmlichen Bettchen und bald darauf verkündeten regelmäßige, friedliche Athemzüge, daß die Kleine schlief. Auch die Mutter weinte nicht mehr, still und ruhig wartete sie auf den Tod, den Erlöser von all ihren Leiden- sie hatte abgeschloffen mit diesem Erdenleben, wie ein Traum lag es hinter ihr und als jetzt von draußen her ungestüme Männerschritte sich näherten-, wandte sie kaum den Kopf.
Jetzt flog die Thür auf, ein schlanker, schöner Mann, etwa Mitte der Dreißiger, mit schwarzem Schnurrbart und hohem Cylinder stürzte voll unverkennbarer Angst an das Krankenlager und stammelte athemlos: „Alice, mein liebes Weib, wie geht es Dir? Dem Himmel sei Dank, daß ich wieder hier bin, die Angst um Dich ließ mir keine Ruhe!"
Sie lächelte schmerzlich und sagte leise: „Es geht zu Ende mit mir, Constantin, der Arzt, welcher vor zwei Stunden hier war, schüttelte sehr bedenklich den Kopf und ich selbst fühle, wie schlimm es mit mir steht. Aber ich freue mich, daß ich auch von Dir noch Abschied nehmen kann."
„Halt ein, Alice!" schrie der Kunstreiter da auf und fuhr empor wie ein zu Tode getroffener Eber, „nein, es ist unmöglich, es kann und darf nicht sein, Du darfst noch nicht sterben."
Doch sie wehrte müde seinen ungestümen Klagen und Liebkosungen und zeigte auf das Glas mit Limonade vor ihr- ein brennender Durst überkam sie, kalter Schweiß trat auf ihre Stirn.
„Sei standhaft, Constantin, ertrage, was das Schicksal Dir sendet," sagte die Kranke dann leise, „und denke daran, daß ich gern sterbe! Ich — bin so müde dieses Lebens, — bin Dir nur noch eine Last — o, wie wonnig wird es sich im Grabe ruhen!"
„Aber, Alice, wie magst Du so sprechen," unterbrach der leidenschaftlich erregte Mann die leisen Worte der Sterbenden, „Du hast mich einst namenlos glücklich gemacht und ich ertrüge das Leben nicht ohne Dich."
Unwillkürlich glirt ein Schatten über Alicens schönes, mageres Gesicht, denn sie empfand furchtbar in dieser Stunde den schrecklichen Contrast zwischen einem schönen Wahne und der rauhen Wirklichkeit.
„Ich hatte vorhin noch einen lieben Besuch," sagte sie dann matt. „Alfred von Waldstein ist hier, und da er unseren Namen im Fremdenbuche fand, erkundigte er sich, wo wir wohnten. Ich habe von ihm Abschied genommen."
„Und Dich dabei wieder sehr aufgeregt," rief er un- muthig. „Was fällt übrigens dem Herrn von Waldstein ein, sich noch um uns zu kümmern?"
„Er kommt, so lange ich lebe, nicht mehr," erwiderte die Sterbende bitter, „aber, Constantin, nun höre eine ernste Bitte von mir an, deren Erfüllung mich schon hienieden be« glücken würde."
„Sprich, meine liebe Alice! Ich kann Dir nichts abschlagen."
„So laß Isa zu Waldstein. Sie werden das Kind erziehen, wie es ihr zukommt, werden sie hegen und pflegen — um meinetwillen."
/Fortsetzung folgt.)


