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Die Gießener yeeititeirattet wrten dem Anzeiger »öchmtlich bteimel
Drittes Blatt. Sonntag den 1. October 1893
Gießener Anzeiger
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Loeuler und prsvinzieller.
6iefcen, den 30. September 1893.
*♦ In Amerika verstorbene Hessen. Brooklyn, N.A.: 3acob Römer, 70 Jahre alt, aus Dalheim- Ottilie Weber, geb. Weil, 52 Jahre alt, aus Oppershofen. Canal Winchester bei Springfield, O.: John Alsbach, 104 Jahre alt, fiuft Hessen - Darmstadt. Dayton, O.: Andreas Wenz, 70 Jahre alt, aus Gernsheim. Iowa County, Iowa: Jacob Schafbuch, 78 Jahre alt, aus Harxheim. Starb auf seiner Farm südlich von Marengo. Kendallville, Jud.: Friedrich Appel, 84 Jahre alt, aus Ulrichstein. Milwaukee, WtS.: Lehrer Heinrich Dörr, 51 Jahre alt, aus Hatten- rot. Philadelph i a, Pa.: Catharina Schäfer, geb. Spiegel, 56 Jahre alt, aus Schöllenbach.
** Der Getreidemarkt. Der Getreidemarkt wies in der abgelaufenen BerichtSwoche eine nicht unerhebliche Schwankung auf. Zunächst verstaute der Verkehr auf den misten Plätzen nach Umsatz und Preistendenz noch mehr als bislang, speziell in Roggen wichen die Preise theilweise sogar um 4 Mark zurück. Im weiteren Verlaufe der Woche ging indessen der Getreidemarkt aus dieser ziemlich intensiven Berti auung wieder zu einer günstigeren Geschäftsentwickelung übct,, trotz der unvortheilhasien Berichte aus Amerika. Es machte sich an den maßgebenden Plätzen ersichtlich erneutes DcckungSbcdürfniß für Weizen wie Roggen geltend und beisnten sich in beiden Artikeln die Preise im Allgemeinen inn 1,50 bis 2 Mark. Hafer wich wiederholt, um dann Hitler anzuziehen, schließlich blieb indessen nur eine sehr geringe Besierung übrig. Ein merkbarer Preisdruck machte üd) <iud) im Spiritusgeschäft geltend, eine Folge der durch- Himtlich recht günstigen Berichte über die Kartoffelernte in Deutschland wie im Au-lande, sowie des Umstandes, daß hie ilhb da schon Zufuhren aus der neuen Campagne an den Harkt gekommen sind. Preisnotirungen an der Berliner Vttreidebörse: Weizen per 1000 Kilogramm von 142 bis 156 Mk.,Roggen von 125—132 Mk.,Hafer von 150—187Mk., -erste von 125—185 Mark.
□ Bon der Ohm, 29. September. Unsere Jäger sind Vit den jetzt erzielten Jagdergebnissen nicht so zufrieden, »ic man es nach den vor Eröffnung der Jago in den Blättern erschienenen sehr günstigen Jagdaussichtsberichten erwarten kennte. Namentlich wird der Hase im Felde nicht häufig erblickt und die Hasenjagd von den Jägern bis hierher als sehr schlecht bezeichnet. Allerdings wird die Feldjagd in Hcst m Herbste sehr erschwert durch die massenhafte Andauung
von Futtersämereien, deren dichter Stand dem Niederwild schützende Deckung bietet. Die Feldhühnerketten sind wohl zahlreich und gliederstark anzutreffen, allein ihre Entwickelung ist heuer auch so frllhzeittg, daß die Hühner vor Jäger und Jagdhund nicht mehr recht Stand halten und davon schwirren, ehe der Jäger die Flinte an die Backe gebracht. Trotz diesem relativ nicht günstigen Jagdresultat ist der Preis für Hasen und Hühner ein recht mäßiger. Für erstere bezahlt man nur 2,50 Mk., für letztere 70—80 Pfg. per Stück. Die billigen Fleifchpreife lassen ein Steigen der Wildpretse auch voraussichtlich nicht erhoffen.
C Gruuberg, 29. September. Das neue Triebwerk der vielversprochenen Wasserleitung unserer Stadt ist nun fertig gestellt und in Betrieb gesetzt worden. Vortheilhaft zeichnet sich der Gang des neuen Werkes gegen den des alten durch seine viel größere Regelmäßigkeit aus. Die vorgenommene Messung ergab eine Förderung von 57 Liter Wasser in der Minute, mithin eine Waffermenge von 82 Kubikmeter Pro Tag. Das frühere Pumpwerk hob nur 44 Liter in der Minute, also ist jetzt ein Mehr von 13 Liter pro Minute erzielt worden. Die Firma Döring hat jedoch eine Leistungsfähigkeit von 70 Liter pro Minute garantirt. Dieses Maß ist auch wohl nach einiger Zeit durch befferes Funktionieren des neuen Getriebes nach Beseitigung der jetzt noch größeren Reibung in den resp. Lagern zu erreichen. Auch könnte die Triebkraft des Rades noch verstärkt werden durch Legung einer dritten Wafferrinne.
N. Vom westlichen Fuße des Vogelsberges, 27. September. Während der Manöverzeit sind auch drollige Dinge vorgekommen. Wurde da in einem stattlichen Orte bekannt gemacht : Morgen Nachmittag kommen 4 Compagnien Infanterie, der Ort wird dicht belegt- der bekommt 30, der 28, der 22, der 20 Mann u. s. w. u. s. w. Da hieß es: sich tüchtig vorbereiten, denn trotz der Magazinsverpflegung sollten die wackeren Soldaten nicht blos voll und ganz, sondern auch reichlich und gut verpflegt werden. Nun wurde gekocht und gebacken, geschlachtet und gebraten, was das Zeug hielt. Berge von Zwetschen- und anderen Kuchen, meterlange Wurste und Fleischparthien schaffte man herbei, daß es nur so eine Lust war zu sehen, wie Jedermann bestrebt war, der bekannten Gastfreundlichkeit des Ortes in jeder Beziehung Ehre zu machen. Der Abend kam heran, aber das Militär erschien nicht- gegen 11 Uhr, als man schon die Hoffnung ausgeben wollte, kamen die Krieger, aber nur eine Compagnie. Was ist das unter so viele, sagten die Leute enttäuscht. Wo sind denn die drei anderen Compagnien? fragte die gast
freundliche Bevölkerung, vier sind doch angemeldet. — Vier! sprach der Compagniechef- das ist ein Jrrthum- vier sollten es nicht sein, die vierte, aber keine vier. Da stellte eö sich nun heraus, daß hinter der Ziffer 4 der Punkt vergeffen worden war und dieser vergessene Punkt war der Hexenmeister, welcher die Berge von Zwetschenkuchen, Würsten und anderen EffenSspeisen hervorgezaubert hatte. Natürlich löste sich doch alles in Wohlgefallen auf - die Quartiergeber zogen mir dem vierten Thetle ihrer Gäste zu den häuslichen Penaten und bewirtheten die prächtigen Jungen so gründlich, daß manchem die Magenwände straff angespannt waren, wie eS sonst nicht allgemein zu geschehen pflegt. Das waren Prachtquartiere und es ist nur schade, daß wir schon wieder weg müssen! hieß es am anderen Tage. Aber die Masten von Zwetschen- und anderen Kuchen, Fleischportionen und Würsten, was geschah damit? fragten manche Neugierigen. Nun! Die wurden auch nicht in die Apotheke geschickt, antworteten Viele. Daß ein vergessener Punkt so viele Hände in Bewegung setzen und so viele leibliche Genüsse hervorzaubern kann, kommt vor — wenn auch nicht alle Tage und darum haben wir es als ein nicht zu häufiges Ereigniß allhier zu Papier gebracht.
Aus dem Kreise Friedberg, 27. September. Der Winterroggen steht schon grün. Er geht, trotzdem der Boden trocken ist, sehr schön und kräftig auf. — Der Handel in landwirthschaftlichen Producten ist immer noch recht flau. Der Preis für Aepfel sinkt stetig - das Malter (100 Kilogramm) gebrochener Aepfel ist eben für 3 Mark erhältlich. — Die Kartoffelernte fällt vielfach bester aus, als man erwartete. Das Unkraut hat in der letzten Zeit aus Kartoffeläckern sehr überhand genommen. ES ist deshalb von großem Nutzen, daß dasselbe jetzt, ehe der Same reift, mit den Kartoffeln ausgehauen wird. D. Ztg.
A Mainz, 20. September. Die hiesige Handelskammer hat sich in ihrer letzten Plenarsitzung eingehend mit der in Aussicht stehenden Vorlage eines Gesetzentwurfs Über die Einführung einer Reichsweinsteuer beschäftigt. Entsprechend ihrer ganzen bisherigen Haltung hat sich die Handelskammer mit aller Entschiedenheit gegen jede Art der Besteuerung des Weines ausgesprochen und beschlossen, der Großh. Regierung gegenüber diesen Standpunkt jetzt schon unter Betonung der Ungerechtigkeit und Unbilligkeit, die eine solche Steuer unter allen Umständen für weinbautreibende Gegenden mit sich bringen müsse, aus das Bestimmteste zu erkennen zu geben. — Der Steuermann des Personenschiffes „Loreley",
Humoristischer
Ein biederer „Damschtedder" macht seinem durch allerlei lachbarlichen Tagskandals erzeugten Unmuth Lust durch fol- padeS im „Tgl. Anz." kürzlich veröffentlichte „Eingesandt" : lad) noch e Fleet! No, deß is zu arg! Do reiche aach Serie wie Batzestrick net mehr aus — un stärkere giebt's glaaro’ ich, iwerhaupt net. Denke Se sich ehmol oh: gejen- ®tr links dägltch 3 bis 4 Stunn Jhwunge uffem Pianino abwechselnd mit Volkslieder als: „Liewa Vogel flieg Weida", ßd) weiß nicht, was soll es" u. s. w. — gejeniwer rechts, t glaab es is e Jnschdiduht, de ganze Dag von rnorjens H? owends „Zaar un Zimmermann" wie von von eme Zimmermann uffem Clavier gehackt, un wie oft danewe ge- pckr: „DeS freit uns umsomehr", „Einst spielt ich mit Zepter" — o heft de nur noch soviel mit Scepter zu spiele, tafc de koah Zeit zum Clavierspiele heft? — Und des alles Kim offene Fenster! Gejeniwer grodaus c lieb Hundelche ilfjem Fensterbrett: „Wauwauwau! beffbeff!" so oft Jemand krbeigeht, un jedesmol fegt dann aus jedem Nochbadohr ccch so e lieb Hundelche eraus zum liebliche Hundeconcert. - Ich bin iwerzeigt, wann ich emol uff de Gass' ober uffem imsterbrett blos fünf Minute so ganze wollt, wie die Ehfer de ganze Dog duhn, so hett mich glei' e Schutzmann am krippS. Un ich bezahl doch mehr Steier, als wie all die HannSviehcher zusamme genomme. — Von de Hunnsbesitzer all. ich gor net rede; daß die net aus Ohstands- und Mit- ßtäehl for ihr Newe- und Gejeniwermensche ihrm Liebling eU emol ordentlich uff die Schnauz haage, um em des verflicht Gegauz vbzugewehne, des beweist, daß se entwedder laah Ohrn Howe ober koah Herz — ober funft wos! — Jktzt schellt be Eiswoge — ober vielmehr be Eismann, un li'onnerS ber mit Familje- un Fruchteis Hot e merklich oh- zrnehm und ausdauernd Geklingel! Vun unne eruff kimmt r Keih schwere Stahnwoge- die Beitsche knalle! Des is e Vcklatsch, e Gcrabbel und e Geknatter, un „Jüüh! MH!"
geht's in de Reih. „Jüüh! MH! wauwauwau! beffbeff! klatschklatsch! klingelingeling! ich weiß nicht, was soll es! didelum, didelum, didelum, es ist schon lange her!" — E Reih schwere Stahnwoge vun owwe erunner, mit helzernen Bremskletz, die mer schun e Verdelstund vorher un ewesolang aach noch noochher brumme un quiekse heert, bringt e er- winscht Obwechslung in die Simsonieh, die vor e oarm, krenklich Person, wie ich, die net enaus in Wald kann un am offene Fenster e bisje Lust schnabbe un for ihr Kobbweh e bisje Erleichterung sinne mecht bei bene haaße Stuwwe, grob wie gemocht is. Unb jetzt aach noch e Fleet! Seit ber ei’gejoge is, is aach Owends koah Ruh mehr, awer mer kann bei dem Gefleet doch wenigstens feine Gedanke nooch- henge, un wann er als bleest: „Guda Mond, du ge—e—chst fo fti—il—le", do denk ich als: „'s is merklich e guda Mond, baß er so still geht. Dhet ber aach noch Specbokel mache — benkt Eich blos, er dhet ganze! — do hett mer jo aach Nochts sei Ruh net, un, wos des schlimmste wär, selbst die Bollizei kennt nix degeje mache!"
* Eine harmlose Börse ber Kleinen — fo erzählen die „Dresdener Neuesten Nachrichten" — versammelt sich jetzt täglich in ben Spätnachmittagsstunben unter dem Schutze ber Germania auf dem Dresbener Altmarkt — einer Börse der Pfirsichkernhändler. Wie in Nvrddeutschland, insbesondere in Berlin, die Kinder der Straße mit jenen „Murmeln" genannten Thonkügelchen auf den Bürgersteigen spielen, so in der Pfirsichzeit die Dresdener Knaben mit den Pfirfichkernen. Manch einer dieser kleinen Pfirfichkernsportsmen hat überhaupt niemals Pfirsiche gegeffen, denn Pfirsiche find eben theurer als die Kerne, die schon auf der Pfirfichkernbörse in ganzen Massen für — eine noch beinahe unversehrte leere Cigarrenkiste zu haben sind. Wohl sechzig bis hundert Kinder find Nachmittags auf dem Altmarkr geschäftlich thätig- auch das weibliche Geschlecht ist recht zahlreich vertreten, ja, eine kleine Börsenbesucherin wurde dieser Tage sehr umworben, — Mariechen, die Tochter eines Portiers aus dem englischen Viertel. Schon war große Hauffe entstanden, die vorhan
denen Producte konnten die Nachfrage kaum zur Hälfte decken, ein Dutzend Pfirsichkerne wurden mit einer Papierwindmühle bezahlt, da stellte sich das erwähnte Mariechen ein mit einer großen alten Cigarrenkiste, die bis oben gefüllt war mit den herrlichsten, größten Pfirsichkernen. Die Dame aus dem ersten Stock in Mariechens Hause hatte Gesellschaft gegeben unb da Mariechen mit der Köchin in einem freundschaftlichen Verhältnisse stand — sie befördert zuweilen wichttge Briefe für die Küchenfee nach ber Kaserne — so war nun biefe reiche Ausbeute ber Gesellschaft in bie Cigarrenkiste ber Kleinen geflossen. Sofort nach Mariechens Ankunft auf bem Altmarkt war bie Stimmung belebter, bie bisher abwartend und flau gewesen. Die „Maare" aus dem englischen Viertel, wo nur Pfirsiche das Stück zu zehn Pfennigen gegessen zu werden pflegen, ist beliebt und die Preise hielten sich trotz des größeren Angebots in der angegebenen Höhe, da ein Händler aus der Friedrichsstadt, der sich im glücklichen Besitze einer noch wie neu aussehenden Cigarrenkiste und sechs papierner Windmühlen befand, Mariechens Vorrath fast ganz allein auskaufte. Die Haltung der Börse war also fortgesetzt fest und sie wäre bei steigender Tendenz geschlossen worden, wenn sie nicht einen vorzeitigen Schluß dadurch erhalten hätte, daß plötzlich zwei der hervorragendsten Käufer mit dem Rufe: „Du, Vater kommt!" die Flucht ergriffen hätten. Nach diesem Zwischenfall war die Haltung lustlos.
* Aus ben „Fliegenben Blattern":
Immer Jurist. Landgerichtsrath (zur Kellnerin): „Erheben Sie die rechte Hand. Sagen Sie die reine, volle Wahrheit und verschweigen Sie nichts! Was haben Sie heute alles zu essen?"
Noble Erziehung. Frau (ihre Töchter lobend): „ . . . Ja, Frau Nachbarin, meine Töchter haben eine Erziehung genossen, das ist großartig! . . Don denen kann jede zehn Dienstboten beschäftigen!"
Ausnutzung. „Wohin reifen beim Sie?" — „Nach Norwegen!" — „Oho! Warum benn gerade dahin?" —


