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Nr. 50

Der Eichener JUtjdfttr erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS.

Die Gießener Jawitienötülter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Zweites Blatt. Sonntag den 28, Februar _________

Gießener Anzeiger

Henerat-Anzeiger.

1892

Vierteljähriger Avonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg.

Redaction, Expedition und Druckerei: Schutftratze Ar.7.

Fernsprecher 51.

Clints- und Anzeigeblatt für den Ureis Gisste«.

UKratisöeitage: ^eneT^aminenßfäffcr.

«Qe «nnoncen-Bureaux der In. und «uriander nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme »an Anzeigen ,» der Nachmittag« für den folgenden Tag erfcheinenden Nummer bi« Barm. 10 Uhr.

6 em er tun gen der Oberrechnungstammer zur Rechnung des Gas- und Wasserwerks für 1889/90 findet die Ver­sammlung nichts zu erinnern.

Der Einführung der Wasserleitung in die verlängerte Licbigstraße, an welche zunächst in Folge vorliegenden Gesuchs das katholische Schwesternhaus sowie das katholische Pfarrhaus angeschlossen werden sollen, wird zugestimmt, desgleichen der gleichzeitigen Einführung der Gasleitung in Men Straßentheil. Die hierfür aufzuwendenden Kosten von Mk. 1220 bezw. Mk. 620 werden genehmigt.

Da die unteren Klassen des Realgymnasiums und der Realschule theilweise überfüllt sind, wird aus Antrag der Direetion beschlossen, die 5. Klasse zu theilen und dafür noch eine pro». Lehrerstelle zu errichten.

Regelung der Sonntagsruhe im Handels» 3 ewerbe. Nachdem von Seiten Großh. Kreisamts Gießen an die Bürgermeisterei das Ersuchen gerichtet worden, sich über verschiedene (in der Zuschrift näher bezeichnete) Fragen betreffs der Sonntagsruhe gutächtlich zu äußern, wurde in der Sitzung vom 4. Februar beschlossen, zunächst mit der Großh. Handelskammer und dem Loealgewerbverein ins Be­nehmen zu treten und ein Ausschreiben an die Interessenten behufs Stellungnahme zu der in der Gewerbegesetznovelle vor­geschriebenen Einhaltung der Arbeitszeit an Sonn- und Fest­tagen zu erlassen. Gleichzeitig wurde die Einsetzung einer besonderen Commission beschlossen. Diese Commission hielt am 17. Februar ihre erste Sitzung und sind die Beschlüsse derselben in Nr. 42 des Gießener Anzeigers bekannt gegeben. Entsprechend der in diesem Bericht enthaltenen Anregung ist Seitens Großh. Bürgermeisterei die Erlangung von Aus­künften in Wetzlar, Marburg und Butzbach versucht worben­der Stadtverordneten-Versammlung konnte über die Antwort der Städte Wetzlar und Butzbach Mittheilung gemacht werden. In Wetzlar ist man im Allgemeinen für Beschränkung der Arbeitszeit an Sonn- und Festtagen auf die Stunden von 10 bis 3 Uhr, die Metzger, Bäcker, Cigarrenhändler re. sind für echs bis acht Stunden und zwar die Metzger besonders für bie Zeit von 7 bis 9 Uhr Vormittags und 6 bis 9 Uhr Nachmittags, die Conditoren für 4 bis 8 Uhr Nachmittags. Aus Butzbach wird mitgetheilt, daß man dort die Zeit von 7 bis 9 Uhr Vormittags oder von 12 bis 3 Uhr, event. 2 Uhr, oder ununterbrochen von 10 bis 3 Uhr oder von 9 bis 2 Uhr für geeignet zum Offenhalten der Geschäfte be­zeichnet habe. Wie Herr Oberbürgermeister Gnauth mit- theilte, wurden in einer Conferenz von Verwaltungsbeamten der Provinz Oberheffeii Mittheilungen über die in' der Pro- v>nz hervortretenden Ansichten gemacht. In Sich würde man von 10 bis 2 Uhr, in Grünberg von 9 bis 2 Uhr, in I

Hungen von 1 bis 4 Uhr, int Kreise Büdingen von 7 bis 9 Uhr und von 11 bis 2 Uhr, im Kreise Alsscld Bon 7 bis 9 Uhr und von 2 bis S Uhr event. 11 bis 1 Uhr und von 2 bis 5 Uhr als geeignetste Zeit für das Offenlassen her Geschäfte halte», während im Kreise Schotten Stimmung für Schließung nicht vor 4 Uhr im Sommer vor­handen fei. Was die Eingaben der hiesigen Inter­essenten betrifft, so wollen die Cigarrenhändler eine längere Verkaufszeit, vielleicht die zwischen 11 und 4 Uhr liegenden ftins Stunden, sich zugemeffen haben- sie begründen diese Forderung mit dem Vorhandensein des Bedürfnisses und der Coneurrenz der Wirthe. Die M e tz g e r - I n n u n g hat durch besondere Eingabe erklärt, daß sie sich betreffs der Verkaufs­zeit den übrigen Geschäften anschließen wolle, sofern alle Geschäfte zu gleicher Zeit geschloffen und keine Ausnahmen zugestanden würden. Dagegen möchte den Metzgern gestattet werden, Arbeiten im Hause, wie Ausschlachten von Kälbern u. s. »., wozu die Gehiilfen nöthig seien, außer den für den Verkauf freigegebenen Stunden vornehmen zu dürfen. Die Inhaber der Manusaetur-, Weiß- und Wollen- waarengeschäfte ersuchen in einer mit ca. 30 Unter­schriften versehenen Petition um Bewilligung einer zwischen H und 3 Uhr liegenden Verkauftszeit. Die in Nr. 45 b. Bl. mitgetheilte Petition der am 21. d. M. im Cafe Leib versammelt gewesenen Geschäftsinhaber weist ca. 200 Unter« schriften aus. Die Großh. Handelskammer hat sich gutächtlich für die von den Interessenten der Manufaetur- waarenbranche verlangte Zeit (11 bis 3 Uhr) ausgesprochen. An weiteren Eingaben sind zu verzeichnen diejenige des Kaufmännischen Vereins, welche sich auf Schließung ber Verkaufsgeschäfte um 1 Uhr unb gänzliche Befreiung beS in Fabriken usw. beschäftigten Comptoirpersonals von der Sonn­tagsarbeit richtet, und diejenige derFrauMontannsWwe., welche für jede der in ihrem Geschäfte bereinigten Branchen (Specereiwaaren und Manufacturwaaren) die besonders fest­zusetzende Verkaufszeit verlangt. Die Commission ist in ihrer Sitzung am 23. d. M. dahin schlüssig geworden, daß der Manufactnrwaarenbranche das Offenlaffen der Ge- chäfte bis 3 Uhr zu gestatten sei, daß dagegen bezüglich der übrigen Geschäfte (einschließlich der Comptoire) die Frage wegen der Verkaufs- bezw. Arbeitszeit an Sonn- und Fest­tagen erst beantwortet werden könne, wenn die den Manu- acturiften zu gewährenden Stunden festgesetzt und eine noch­malige Anhörung der Betheiligten erfolgt fei. Herr Oberbürgermeister Gnauth erklärt sich gegen einen vielleicht in Frage kommenden Compromiß derart, daß eine Branche zu-, die andere abgibt, um eine einheitliche Geschäftszeit zu erreichen- dadurch würde ein Zwang.aus einzelne ausgeübt, der

Aintlichev Theil.

Bekanntmachung.

D-.e Lahnbrücke bei Ruttershausen wird wegen Repara- Erarbeiten von Montag den 29. d. M. ab für den Verkehr bis auf Weiteres gesperrt.

Gießen, den 26. Februar 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. G a g e r n.

Sitzung der Stadtverordneten

am 25. Februar 1892.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herr Bei­geordneter Grüneberg, von Seiten der Stadtverordneten die §Cyen' J^ami, Georgi, Heyligenstaedt, Hornberger, Jnqhardt, ^bber, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schiele, Schmall, Schopbach, Simon, Dr. Thaer, Vogt und Wallenfels.

lieber die beiden ersten Punkte der Tagesordnung^ Vergebung der Lony'schcn und von Krug'schen Stlftungszinsen wird gemeinsam verhandelt und beschlossen, Ausschreiben um Bewerbungen zu erlassen. Die Zinsen Mer Stiftungen (erstere betragen jährlich 155 Mk. 15 Psg. legtere 240 Mk.) wurden bisher in Theilen von je 8 Mk^ bezw. 8 Mk. 62 Psg. vergeben. Es wird auf Antrag der Commission beschlossen, die Gaben der Zahl nach zu ver- mtndern, dem Betrage nach aber zu erhöhen, und zwar auf je 20 Mk. Die Commission hält dafür, daß der Effect der Gaben ein höherer sei, wenn sie größer als bisher verabfolgt werden. Herr Schopbach wünscht, daß in Zukunft bei Vergebung von Legaten u. s. w. mehr die seßhafte Bevölkerung, die geborenen Gießener berücksichtigt werden - so sei es kürzlich vorgekommen, daß ein erst verhältnißmäßig kurze Zeit in Gießen wohnhafter Mann in Genuß einer Stiftung gekommen {et, den Niemand in der Stadtverordnten-Versammlung kenne- es müsse etwas mehr Localpatriotismus gepflegt und ver­mieden werden, daß durch Zuwendung derartiger Unterstützungen ein Zuzug nach Gießen stattfinde, der der Stadt nur lästig »erbe. Herr Oberbürgermeister Gnauth bemerkt, daß thm davon nichts bekannt sei, Herr Schopbach möge deshalb den Betreffenden bezeichnen.

Das Gesuch des Herrn Peter Gibb um Entbindung Bon den Bestjtziungen des § 18 des Ortsbaustatuts wird befürwortet.

Gegen die Richtigkeit einiger, die Ausrüstung der sog. Cholerabaracke betreffenden Kostenrechnungen, sowie die Anträge der Finanzcommission in Betreff einiger Revisions-

Feuilleton.

Der Künstler ans der 0-Kaitr.

Wie der dämonische, sagenumwobene Paganini zum gewaltigen Geigenkünstler wurde, darüber ist schon manches erzählt worden. Eine der heurigen Generation wohl nicht mehr bekannte Variante, die nach dem Eingeständniß des Erzählers selbst seine Erfindung ist, liegt jetzt aus dem Jahre 1841 in Form eines Briefes vor.In Italien," so heißt es dort,lebte vor sechzig Jahren ein Mann, der schon als Jüngling von auffallender Häßlichkeit war. Das lange, rabenschwarze Haar hing wild und starr um sein gelblich bleiches Gesicht. Sein Antlitz glich dem ausgebrannten Krater eines Vulkans und die Züge waren regungslos, bis die Leidenschaft sie bewegte. Dann verzerrten sie sich bis zur Wildheit und das Sprühen der dunklen Augen verrieth die Gluih seines Innern, wie das Feuer des Aetna unter der Decke von Schnee lodert. Ein solches Gemüth war nicht gemacht, um der Welt zu gefallen. Die Männer haßten, die Frauen verschmähten ihn, und er war allein aanz allein in der Welt.

Wie jeder Mensch irgend eine Fähigkeit besitzt, die ihn für die Abwesenheit der übrigen entschädigt, so hatte Pietro die Gabe der Musik. In seinem Häuschen zu Ravenna wan­derte er die Nachte auf und ab und geigte schmerzliche Melodien. ^Einst öffnete er um Mitternacht die m't Oelpapier verklebten Zensier und schaute hinaus in den klaren Himmel voll Sterne, von denen, so viel ihrer waren, noch nicht einer ihm gelächelt hatte. Da hörte er ganz nahe Beifallklatschen von zarten Händen. Es war die schöne Aneella, seine Nach­barin. Dasselbe wiederholte sich in heu folgenden Nächten, unb balb entflammte Pietro in heißer Liebe für das junge, welche, schöne Mädchen, und nicht bloß seine Geige, sondern

seine melodische Stimme wurde der Dolmetscher seiner Ge­fühle. Es entwickelte sich bald ein Verhältniß zwischen beiden, aber Aneella hatte ihn nur gehört, und er zitterte vor dem Augenblicke, wo sie ihn sehen würde.

Jemand hat sehr richtig bemerkt, daß die Männer das Herz durch die Augen, die Frauen durch die Ohren verlieren. Aneella liebte ihn und hätte ihn doch geliebt, wäre er zehn« mal garstiger gewesen. Aber der Italiener konnte das nicht glauben, und mit einer stürmischen Neigung wuchs eine wüthende Leidenschaft in seinem Herzen aus. Er mißtraute allen, sicy selbst und seiner Geliebten und quälte sie m dem Maße, wie er sie vergötterte. Ihre Thränen, ihre Be­theuerungen, ihre Klagen und Vorwürfe waren ihm nur Be­weise ihrer Schuld, und wenn er ihre Untreue für erwiesen hielt, fühlte er sich so grenzenlos unglücklich, daß er sich zwang, ihren Betheuerungen zu glauben, um nicht zu ver­zweifeln. Ich weiß nicht, welcher hämische Zufall in einer unglücklichen Stunde den Schein wirklicher Untreue auf sie warf. Nur so viel ist bekannt geworden, daß Ancello von einem Stilett durchbohrt gesunden wurde und Pietro sich den Gerichten übergab, um ein Leben zu enden, das er nicht mehr ertragen konnte.

Aber so gut sollte es ihm nicht werden. Man schickte ihn auf die Galeere- da er aber zu schwach für die schweren Arbeiten war, so sperrte man ihn in einen einsamen Kerker. Die Nacht sank herab und schreckliche Gestalten senkten sich von dem Gewölbe nieder, sie drängten sich drohend um sein Strohlager, sie streckten blutige Krallen nach ihm aus- er that einen Schrei, Niemand hörte ihn. Die Gesellschaft des elendesten Verbrechers, die eines Hundes wäre Wohlthat für ihn gewesen, aber er war allein ganz allein. Doch nein! Seme Geige war ihm geblieben, er ergreift sie krampfhaft, und kaum berührt er mit dem Bogen die Saiten, so erklingen sie wunderbar lieblich, klagend, vorwurfsvoll, begütigend, ver­zeihend. Es war die Stimme Ancellas, ganz wie sie ihn so

oft beruhigt und ermahnt, wie sie ihm geschmeichelt und wie sie geweint hatte. Es war ihm klar, daß Ancellas Seele tn seine Geige gefahren war. Es schien ihm, daß ein Theil seiner Schuld schon durch sein maßloses Elend gesühnt sei, daß die Hingeschiedene, welche jetzt bei ihm war, die zu ihm sprach und die er, verkörpert in seinem Instrument, umfaßte, lhm Vergebung verheiße. Da riß eine Saite, eine zweite, eine dritte, ein Jammerton hallte von dem kalten Gewölbe nieder, es war der Todesseuszer der Gemordeten. Er­schöpft sinkt der Unglückliche auf seine Streu zurück, Be­täubung, nicht Schlaf, umfängt seine Sinne und hält ihn in Bewußtlosigkeit, dem letzten Trost des tiefsten Leides.

Am folgenden Tage fleht der Gefangene mit seltsamem Ungestüm den Schließer an, ihm drei Violinsaiten zu ver­schaffen. Sein ganzes Wohl und Wehe hängt an ihrem Be­sitz, aber er hat kein Geld, um das Mitgefühl des harten Mannes zu erkaufen, keine Worte, um ihn zu gewinnen. Trauernd betrachtet er sein liebes Instrument. Nur die 0-Saite ist ihm geblieben. Aber gerade diese zaubert ihm die tiefe Altstimme seiner Geliebten hervor. Den ganzen Tag sitzt er, regungslos vor sich hinstarrend, da, aber wenn die Nacht ihre Schatten herabsenkt, dann greift er zu der einzigen Trösterin seines Elends und geigt, von Niemand ge­hört, die wundervollsten Melodien. Damals componirte er die schauerliche Melodie des Liedes:

Das Glück, das einst mich hegte, Ist meiner Brust ein Dorn, Die Liebe, die mich pflegte, Ist meinem Schmerz ein Sporn. O, wende deinen Spiegel Ertnnrung jmer Zett, Und drücke, Nacht', dein Siegel Aus die Vergangenheit.

Die heiße Tbiäne zittert Auf meine Brust herab, Mein Leben ist verbittert, Ich wünsche mir da« Grab."