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Donnerstag den 25. August
1892
Der bießener Anzeiger cridieint t ä g 1 i d>, mit Ausnahme des Montags.
Tic Gießener pimitlenblälter verbm dem Anzeiger eöchentlich dreimal dcigelegt.
Gießener A nzeiger
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Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche zu Ettingshausen.
Nachdem in einem Gehöft zu Ettingshausen die aul- und Klauenseuche amtlich festgestellt worden ist, haben : die Sperre des betreffenden Gehöftes verfügt. Die AuS- irung von Rindvieh, Schafen, Ziegen und Schweinen aus Gemarkung Ettingshausen ist hiernach bis auf Weiteres c auf Grund thierärztlicher Gesundheitsscheine zulässig.
Gießen, den 23. August 1892.
GroßherzoglicheL Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
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Berlin, 24. August. Die so lange ventilirte Frage der isührung der zweijährigen Dienstzeit ist in Hinblick i die jüngst gefallene Aeußerung des Kaisers hier- :r vorläufig wieder gegenstandslos geworden. Denn nach- n der allerhöchste Kriegsherr erklärt hat, daß bis auf nteres keine Veränderungen in der bestehenden activen enstzeit stattfinden sollten — der Wortlaut der bezüglichen ußerungen steht allerdings noch nicht fest — erscheinen e ferneren Erörterungen über dieses Thema als zwecklos, e könnten höchstens dann noch eine gewisse Berechtigung sweisen, wenn das in Berliner Blättern colportirte Gerücht hr wäre, wonach die Stellung des Reichskanzlers rasen Caprivi infolge der unerwarteten Wendung in
Militärsrage angeblich erschüttert worden sein sollte, er man hat es hierbei offenbar mit einer ganz haltlosen mbination zu thun, was schon daraus erhellt, daß Gras privi nichts weniger als ein begeisterter Anhänger der eijährigen Dienstzeit ist, wie ja die „Nordd. Allg. Ztg. verschiedenen seiner früheren Reichstagsreden nachgewiesen . Wie alsdann der jetzige Reichskanzler durch die einst- ilige Ablehnung der zweijährigen Dienstzeit Seitens des isers compromittirt sein soll, ist schwer erfindlich. Außerdem c Graf Caprivi gerade in den letzten Wochen mancherlei rnstbezeugungen von seinem erhabenen Souverain empfangen, >zu u. A. die Einladung zur Theilnahme an den Kaiser- mövern in Lothringen gehört.
— H e rr v. Giers, der noch immer beurlaubte russische Minister des Auswärtigen, wird dieser Tage auf der Durchreise nach Italien in Berlin erwartet. Es heißt indessen, die bevorstehende Anwesenheit des Herrn v. Giers in der deutschen Reichshauptstadt würde keinerlei politische Bedeutung haben, während es bis jetzt hieß, er würde gelegentlich seines Berliner Aufenthaltes Besprechungen mit den leitenden politischen Persönlichkeiten in Sachen des geplanten deutschrussischen Handelsabkommens pflegen. Da Herr v. Giers in der That noch sehr leidend sein soll und sich lediglich zu seiner Erholung nach Italien begibt, so ist es allerdings nicht wahrscheinlich, daß er in Berlin politischen Geschäften nachgehen sollte.
— Schon wiederholt ist in den letzten Wochen das Gerücht von auch in Deutschland ausgetretenen Fällen asiatischer Cholera gegangen, ohne daß es sich jedoch bewahrheitet hätte — glücklicher Weise! Jetzt will nun eine Karlsruher Meldung wissen, daß in Pforzheim ein Cholerasall vorgekommen sei, worüber strengste Geheimhaltung angeordnet wäre. Ein solches BertuschungSsystem würde indessen völlig verkehrt sein, falls sich die Meldung von einem Cholerasall in genannter badischer Stadt wirklich bestätigen sollte. Vorerst wird man jedoch hoffen dürsen, daß sich der Pforzheimer Fall nur als Cholera nostras herauöstellt, wie dies bei den in Hamburg vorgekommenen choleraartigen Erkrankungen festgestellt worden ist. Jedenfalls begünstigt die schon so lange herrschende große Hitze das Auftreten von Cholera nostras ungemein. Auch aus Belgien wird der angebliche Ausbruch der Cholera gemeldet und zwar sollen in Jnmet bei Charleroi zwölf derartige Fülle, worunter fünf mit tödtlichem Ausgange, constatirt worden sein. Es heißt, eine französische Arbeiterfamilie hätte die Seuche eingeschleppt. Meldungen vom Auftreten der Cholera kommen ferner aus Finnland, Norwegen und Irland.
Ausland.
— Wieder einmal tagt ein europäischer Friedens- Con g r e ß, diesmal in Bern. Er zählt 308 Theilnehmer und wurde am Montag durch den eidgenössischen Bundesrath Ruchonnet mit einer warmen Bewillkommnungsansprache eröffnet. So löblich indessen an sich auch die Bestrebungen der Friedens- congresse sind, so steht doch von ihnen so lange kein practischer Erfolg zu erwarten, als sich die Regierungen den Einflüssen
solcher Vereinigungen zu entziehen wissen. An die Erringung eines derartigen Einflusses ist aber vorerst nicht zu denken und so wird denn auch der Berner nach so manchen schönen Reden wieder auseinandergehen, ohne dem Ideale der Völkerverbrüderung näher gekommen zu sein.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 23. August. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Anläßlich des Vorkommens einer größeren Zahl choleraverdächtiger Erkrankungen in Hamburg begeben sich Namens des Kaiserlichen Gesundheitsamts die Doctoren Koch und Rahts dorthin, um sich über die Natur der Krankheit und über etwaige Bekämpfungsmaßregeln mit den dortigen Behörden zu benehmen.
Fulda, 23. August. Die BischosSconserenz wurde heute mit einer Andacht im Dome eröffnet. Anwesend sind die Erzbischöfe von Köln und Posen, die Bischöfe von Erm- land, Culm, Hildesheim, Paderborn, Münster, Trier, Limburg und Fulda, der Armeebischos aus Berlin und der päpstliche Delegat Prälat Nagel aus Rom. Wegen seiner preußischen Diözesanantheile nimmt auch der Bischof von Mainz Theil, während der Erzbischof von Freiburg diesmal nicht kommt. Erwartet werden noch der Fürstbischof von Breslau und der Bischof von Osnabrück. Den Vorsitz führt der Erzbischof von Köln. Die Dauer der Conferenz wird zwei biS drei Tage sein.
Hamburg, 23. August. Dem „Hamb. Corr." zufolge sind gestern 126 choleraähnlichc Erkrankungen vorgekommen, wovon viele tödtlich Verliesen. Bei mehreren Erkrankten sei die cholera asiatica constatirt. Die Medicinal- behörde und die Polizei haben Maßregeln getroffen behufs Localisirung der Krankheit aus die am stärksten betroffenen Theile der Altstadt. Auch heute ist die Zahl der neuen Erkrankungen erheblich. Die Hitze dauert an.
j Hamburg, 23. August. Die Cholerafälle nehmen ' zu, besonders in dem Hasengebiet. Seit Sonntag werden ! 132 Fälle gemeldet, der Procentsatz der Sterblichkeit ist sehr erheblich, es heißt gegen sechzig. Von der niedrig gelegenen dicht bevölkerten Straße Lembckentwiete wird ein Cholerasall gemeldet. Die Sanitätscolonne ist in ununterbrochener Thätig- feit und hat Verstärkungen herangezogen. Asiatische Cholera ist bisher nicht constatirt worden.
Feuilleton.
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„Nr. 81691".
Novellette von B. Corony.
(Schluß.)
„Aber sie ist glänzend gelungen! Wenn ich den Kirch- arm auf der Promenade spazieren gehen sähe, so würde ch das weniger in Verwunderung setzen als die so uner» irtete Großmuth."
„Wir ziehen es vor, zu handeln, anstatt viele Worte machen," bemerkte Ludovika würdevoll und fügte zu dem tth gewendet hinzu: „Sind Sie damit einverstanden, so sen wir jetzt die Kinder allein. Katharina hat jedenfalls on den Theetisch gedeckt und wartet aus uns."
Von dem Dank der Ueberglücklichen begleitet, entfernten sich.
„Es kam doch schauderhaft theuer, lieber Welker," seufzte 'äulein Koch eine halbe Stunde später, einen Löffel Rum seine Tasse gießend.
„Weiß der Himmel! Aber da uns das Geld gewiffer- aßrn zum Fenster herein regnete, — — a propos, wie äre es? Die Frist, welche Sie aus allzugroßem Zart- sühl festsetzten, ist verstrichen."
„Und ich will Ihre Geduld nun nicht länger aus die robe stellen."
Ludovika stand aus, entnahm dem Schreibtisch das Loos, ingelte der alten zuverlässigen Dienerin, händigte es ihr n und sagte: „Katharina, gehe abermals zu dem Bankier reitag und ersuche ihn, Dir sofort den Gewinn auszuzahlen."
Mit begreiflicher Ungeduld wurde ihre Rückkehr erwartet, ie Schnelligkeit gehörte leider nicht zu den Tugenden der 'ackeren. Endlich erschien sie aber doch.
„Hast Du alles?" ries ihr das Fräulein entgegen.
„Qo." Sie legte ein Vierrel-Freiloos auf den Tisch >d begann auszuzählen: „50, 60, 70, 80 und hier noch Hs einzelne, macht 86."
„Wie dumm! Die Pfennige zuerst vorzunehmen!" murrte Welker.
„Nun?" fragte Ludovika, als die Dienerin innehielt.
„Sie befehlen?"
„Weiter! Weiter!"
„Was denn weiter?"
„Das Geld! Wo hast Du es denn?"
„Da liegt es ja: 50, 60, 70 —"
„Wer spricht denn von den sechsundachtzig Pfennigen? Du mußtest doch weit über dreitausend Mark bringen?"
' „Ueber dreitausend — ?"
„Ja, natürlich? Hast Du das Geld etwa gar unterwegs verloren ?"
„Nicht die Spur!"
„Nun, dann gieb es doch her!"
„Ich habe ja keines."
„Was ist das für ein entsetzlicher Wirrwarr?" rief der Steuerrath. „Ste müssen doch eine schriftliche Abrechnung erhalten haben."
„Freilich."
„Also her damit!"
„Da ist sie."
Er begann laut vorzulesen: „Nr. 81691 — ^-Gewinn ä 155 Mark beträgt 38 Mark 75 Pfennig, davon ab die planmäßigen Abzüge von 15 4/5 Procent, 6 Mark 12 Pfennige, verbleiben 32 Mark 63 Pfennige, und nach Abzug des planmäßigen Betrages für ein Viertel-Freiloos Nr. 140560 vierter Klasse 31 Mark 77 Pfennige, zur Baarzahlung 86 Pfennige."
Wohl fünf Minuten herrschte unheimliches Schweigen, dann sagte Fräulein Koch, bis in die Lippen erblaßt: „DaS muß entweder ein Jrrthum sein oder ein Betrug. Man glaubt, ich spiele allein und speculirt auf meine Unerfahrenheit in Geschäftsangelegenheiten. Wir lasen doch beide: Fünfzehntausend Mark."
„Ich habe eö recht deutlich gesehen, aber ich verließ mich natürlich auf Sie," erwiderte Welker mit einem Blick, aus dem verheerende Ungewitter drohten.
„Und icv kann dafür einstehen, daß ich mich nicht irrte. Uebrigens besitze ich daS Zeitungsblatt noch."
„Nun, dann wollen wir selbst zu Freitag gehen und um Aufklärung ersuchen."
„Ja! Mit diesem Bescheid gebe ich mich keineswegs zufrieden! 86 Pfennige! 43 ä Person! — Das könnte mir paffen nach derartigen Auslagen!"
Ludovika setzte den Hut auf, ergriff den Regenschirm mit ' so kriegerischen Mienen, als sollte er ihr nötigenfalls als Waffe dienen, und sagte mit kurzem, befehlendem Tone: „Ihren Arm, Herr Rath!"
Bei dem Bankier angekommen, begann Welker: „Herr Freitag, diese Dame behauptet —"
Er wurde aber sofort von Fräulein Koch unterbrochen mit den Worten: „Ich kann schon selbst Vorbringen, was ich behaupte. Im Bromberger Anzeiger — ich brachte das Blatt mit, hier ist es — steht, daß in der ersten Ziehung, also Vormittags, das Loos 81691 mit einem Gewinn von fünfzehntausend Mark gezogen wurde."
„Bedauere sehr. Belieben Sie einen Blick in die offizielle Ziehungsliste zu werfen. Der genannte Betrag fiel auf Nr. 81694."
„Aber hier steht doch —"
Freitag nahm das Blatt. „Ein Jrrthum, der durch den undeutlichen und blaffen Druck veranlaßt wurde," sagte er achselzuckend. „Der dünne Settenstrich fehlt, man muß wenigstens sehr scharf Hinsehen, wenn man eine schwache Spur von ihm entdecken will. Hätten Sie übrigens weitergelesen, so würden Sie unter den Nachmittags gezogenen Nummern die Ihrige gefunden haben. . . . Hier ist sie. Bitte sich zu überzeugen. Hoffentlich bringt Ihnen das neue Loos mehr Glück."
Es war keine angenehme Unterhaltung, die zwischen den beiden so bitter Enttäuschten ans dem Heimwege gepflogen wurde.
Hermann und Grethchen erfuhren nie, welchem Zufall sie die Erfüllung ihrer Wünsche zu danken hatten, sanden jedoch neuerdings Ursache, zu staunen, denn der Steuerrath that etwas, was rr noch nie gethan, so lange sie zurückzudenken vermochten: Er ließ volle acht Wochen verstreichen, ehe er wieder seinen Thee bei Tante Ludovika trank.


