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Hx. 168

Freitag den 22 Juli

1892

Der tuiwx **it*ett erscheint täglich, artt Ausnahme bei Montags.

Die Gießener MOMßttenßlättsr »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal bngelegt.

MchemrInzeiger

Henerat-Wnzeiger.

kirrrel Ihriger AVoanementsprelO» 2 Mark 20 Pfg. mtt Bringerlobn.

Durch bu Post dezog« 2 Mark 50 Pfg.

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Zch»tstraßeUr.1.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.

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hHgmbrn Tag erscheinenden Nummer bis Vor». 10 Uhr. | | Anzeigen für den ^Gießener «>,ei,e^ entgeg«.

Amtlicher Theil.

Gießen, den 19. Juli 1892. Setr.: Vergebung der Lieferung von Feuerlöfchgeräthen. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien de- Kreise».

Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben im Kreisblatt )ir. 169 vom vorigen Jahre, sowie auf die an die einzelnen Gemeinden ergangenen einschlägigen. Verfügungen setzen wir 5ie in Kenntniß, daß wir die Lieferung der sämmtlichen für rieses Jahr zur Anschaffung vorgesehenen Ausrüstungsstücke rnd Geräthe, mit Ausschluß der Leitern, in Bestellung ge­ieben haben.

Die durch die stattgehabte Submission erzielten Preise »erechnen sich, abgesehen von Porto-Ersparnissen, durchschnitt- ich 10 °/0 niedriger als die Buchpreise der betreffenden Fabriken. Bei den Bestellungen wurden nur solche Firmen »erücksichtigt, welche als die solidesten bekannt sind.

Bezüglich der Abnahme der für Ihre Gemeinden be- timmten Gegenstände wird demnächst besondere Verfügung rgehen.

v. Gagern.

Deutscher Reich.

Berlin, 20. Juli. Von der Nordlandsfahrt des kaisers, welcher in dieser Woche von Tromsoe nach ^rcndjem in See gegangen war, liegen neuere Meldungen och nicht vor. Die letzten Berichte bezeichneten das Befinden 5r. Majestät als ausgezeichnet.

Die innere Politik zeigt gegenwärtig ollständig den Character der sommerlichen iuhe. Der Vice-Präsident des preußischen Staatsministeriums, ötaatsminister v. Boetticher, wird in der nächsten Woche inen mehrwöchigen Urlaub antreten und sich, wie es heißt, ach Karlsbad begeben. Der Staatssecrelär im Auswärtigen lmte, Freiherr von Marschall, wird Anfang nächsten Monats ie Geschäfte des Auswärtigen Amtes wieder übernehmen, xr weilt seit dem 4. Juli bei seiner Familie im Östseebad Heringsdorf. Bereits kurz vor dem Antritt seines Urlaubes oar er, durch eine ernste Erkrankung seines Kindes nach )eringsdorf gerufen, eine Reihe von Tagen von Berlin ab­wesend.

In Alexandrien ist am Dienstag von dem deutschen üeneralconsul und dem egyptischen Minister der Auswärtigen lngelegenheiten eine Handelsconvention zwischen Deutschland und Egypten unterzeichnet worden, welche em deutschen Handel nach Egypten eine Reihe von Vortheilen inräumt.

Fürst Bismarck hat die Einladung einer Deputation einiger hervorragender Jenenser Zürger angenommen und wird auf der Rückreise von üssingen am 25. Juli in Jena eintreffen. Der Fürst steigt mSchwarzen Bären" ab, während der Festcommers im )otel zumEngel" stattfindet, lieber die Veranstaltung eines sückelzuges ist noch keine Bestimmung getroffen. Aus den Zergen wurden Feuer entzündet.

Wolffs telegraphisches Corrispondenz-Bureau.

Berlin, 20. Juli. Der Kaiser verlieh für Leistungen us der Berliner Kunstausstellung die große goldene Nedaille für Kunst: dem Bildhauer Schilling-Dresden, en Malern Pradilla-Rom, Falat-Berlin- die kleine goldene Nedaille für Kunst: den Bildhauern Jänisch-Berlin, Nagnussen-Berlin, den Malern Block-München, Fechner jun.- 3crün, Koch Berlin, Thoma Frankfurt a. M.; die kleine .oldene Medaille sürWissenschaft an Meidenbauer.

Hamburg, 20. Juli.' Das Aussteigen der Zwischen­ecksauswanderer aus den hiesigen Bahnhöfen wurde ur Verhütung der Einschleppung der Epidemien polizeilich erboten. Die Auswanderer werden direct in die Rahe der luswandererschiffe gefahren und bleiben bis zur Einschiffung i eigens eingerichteten Baracken am amerikanischen Quai.

Lüttich, 20. Juli. Anarchistenproceß gegen None au und Genossen. Der Präsident des Gerichtshofs mrde heute, als er nach der Nachmittagspause in den Sitzungs- ral zurückkehrte, von einem Unwohlsein befallen und dadurch cnöthigt, den Vorsitz einem Beisitzer zu übertragen. Die Verhandlung dürfte aus eine spätere Session vertagt werden, rlls das Unwohlsein des Präsidenten andauert.

Petersburg, 20. Juli. Am 18. d. M. kamen vor: In

Astrachan 195 Choleraerkrankungen und 132 Todes­fälle, in Ssaratow 106, in Zarizyn 77 Erkrankungen, in Ssamara 75 Erkrankungen und 36 Todesfälle, in Simbirsk vom 14. bis 17. d. M. 16 Erkrankungen und 6 Todesfälle, am 18. Juli in Kasan 6 Erkrankungen, 2 Todesfälle, in Woronesch 2 Erkrankungen, aus Stationen der Woronesch- ! Rostowbahn 2 Erkrankungen- am 17. Juli: in Rostow 64 Erkrankungen und 14 Todesfälle. In Baku ist die Cholera - im Abnehmen begriffen; es erkrankten dort am 18. d. M. 22 und starben 13 Personen.

Moskau, 20. Juli. Eine Untersuchung hat ergeben, daß das Gerücht von dem Ausbruch der Cholera in Moskau von einem Börsenbesucher herrührte. Derselbe ist ermittelt j und sofort ausgewiesen worden.

Washington, 20. Juli. Der Finanzausschuß legte dem ! Senat einen Theil des Berichtes des Unterausschusses in Betreff ; der allgemeinen Wirkungen des Mac Kinleytarifs ; vor. Danach ist eine leichte Abnahme der Lebensmittelpreise I in den Vereinigten Staaten constatirt, während dieselben in England um l^g pCt. gestiegen seien. Der Engrospreis der landwirthschaftlichen Producte weise in den Unionsstaaten eine Erhöhung um 1867/100 pCt. aus, die Löhne seien in den Ver­einigten Staaten um 77pCt. höher als in England. Als Gesandter der Vereinigten Staaten in Peters­burg an Stelle des zurückgetretenen Smith wird Andrew White genannt.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 21. Juli. Bereits seit längerer Zeit finden Vorarbeiten zu einer gründlichen Revision des Jnvs- liditäts- und Altersversicherungsgesetzes statt, indessen werden dieselben für die nächste Session des Reichs­tags nicht beendigt sein.

Berlin, 21. Juli. In unterrichteten Kreisen gilt die Einbringung einer in Vorbereitung begriffenen großen Militärvorlage noch in dieser Reichstagssession für sicher, ebenfo werden noch in dieser Herbstsession der bisher unerledigt gebliebene Gesetzentwurf, der Entwurf über den Verrath militärischer Geheimnisse, sowie die Vorlage über den Schutz der Militär-Briestauben zur Berathung gelangen.

Schwerin, 21. Juli. In den Mecklenburger Waldungen tritt die Nonnenraupe in großen Mengen aus, der Schaden ist namentlich in der Crivitzer Gegend sehr beträchtlich.

München, 20. Juli. Die bekannte Cholera-Autorität, Geheimer Rath Pettenkoser, bekundet bezüglich einer Choleragefahr optimistische Anschauungen und hält eine besondere Vorsicht Deutschlands, wie Absperrmaßregeln, für unnöthig.

Budapest, 20. Juli. Die morgige Nummer desReichs­blattes" publicirt einen Erlaß der ungarischen Regierung, wo­mit an der unteren Donau und an der rumänischen Grenze die minutiösesten Vorkehrungen gegen die Ein­schleppung der Cholera verfügt werden. Ein Observation wurde auch auf den rumänischen Donauhäfen angeordnet.

London, 20. Juli. Es droht ein allgemeiner Aus­stand der Arbeiter in den Schiffswerften und Marine­werkstätten von Sunderland auszubrechen. Die Schiffswerften kündigten 5- bis ll^procentige Lohnkürzungen an, die Ar­beiter lehnten kategorisch ab und forderten ihrerseits Be­willigung des Achtstundentages.

Rom, 20. Juli. Polesella liegt vollständig in Trümmern. Die ganzen Straßen sind in Ruinen ver­wandelt- das Stadthaus ist vollständig zerstört. Alle Bauern­höfe und Weinberge auf 1 Kilometer im Umkreis wurden verwüstet. Kaum ein Haus ist unberührt geblieben, die meisten noch stehenden Häuser drohen einzustürzen. Die Be­völkerung campirt im Freien.

Paris, 20. Juli. Die Cholera nostras ist im Departe­ment Nord in Saint Martin ausgetreten.

Sofia, 21. Juli. Die Ernte ist im Allgemeinen gut. Die Weizenernte ergibt ungesähr 10 Millionen Meter- Centner.

Charkow, 21. Juli. In dem hiesigen, sowie dem Bezirk Sumla richten Millionen von fliegenden Heuschrecken ungeheuren Schaden an.

totales und provinzielles.

Gießen, 21. Juli 1892.

L. G. Der erste Tag des 100jährigen Stiftungsfestes des Gießener Concert-Vereins liegt hinter uns. Die in der Stadt­kirche stattgefundene Paulus - Aufführung , über welche zu referiren wir uns anschicken, war von einem zahlreichen Publikum besucht, welches andächtig den Schönheiten des

Werkes folgte. Als geschichtliche Erinnerung wollen wir vorausschicken, daß MendelssohnsPaulus" in Gießen zum ersten Male unter W. Micklers Leitung am 7. Juni 1864 ; aufgeführt und darnach viermal wiederholt wurde: am

13. Januar 1866, am 1. Juli 1872, bruchstückweise am ! 12. Januar 1879 und am gestrigen Tage. Der von dem ; Componisten streng nach dem Bibelworte zusammengetragene f Text^ behandelt Pauli Wirksamkeit vor und nach seiner Be­kehrung bis zur letzten Jerusalem-Reise, vor der er rührenden i Abschied nimmt von den Aeltesten der Ephesus-Gemeinde und nach dersie (die Epheser) sein Angesicht nicht mehr sahen". Der Höhepunkt ist naturgemäß die Bekehrung des Saulus, ; der, vorher ein fanatischer Feind des Christenthums, ein aus- 1 erwähltes Rüstzeug Christi wird. Die musikalische Characteri- - sirnng des Textes ist großartig. Zwar macht man dem [ Werke zum Vorwurf, daß es die Aufmerksamkeit der Hörer ; nicht bis zum Schluß zu fesseln vermöge, weil schon inner- ! halb des ersten Theiles der oben gekennzeichnete Höhepunkt erreicht sei (ähnlich wie in Schumanns weltlichem Oratorium Paradies und Peri"), wer aber wollte leugnen, daß Mendels­sohn auch im zweiten Theile Situationen zu malen, packende Steigerungen und mitfortreißende Wirkungen hervorzubringen versteht, die einzig in ihrer Artsind. Man braucht gerade fein besonderer Freund der MerWssohn'schen Sentimentalität zu fein, um doch anerkennen zu müssen, daß in diesem Paulus etwas steckt, was an die steinernen Riesen gleichenden Musik- colosse der Alten erinnert. Was die Ausführung des Ora­toriums anbetrifft, so können wir mit Vergnügen conftatiren, daß Herr Musidirector Felchner es verstanden hat, sich seiner schwierigen Ausgabe mit Geschick zu entledigen. Die Chöre waren vom ersten bis zum letzten gut geschult und die Sänger und Sängerinnen, von lebhaftem Eifer beseelt, leisteten ihr Bestes. Der Gesammtklang des Chores war gut, Chorton und Chorwort ließen selten an Einheitlichkeit und Abgerundetheit zu wünschen übrig. Es hieße überhaupt pedantische Mäl^lei treiben, wollten wir über geringfügige Kleinigkeiten, wie befangenen, zaghaften Einsatz, weniger gut ausgeführte dynamische Wanderungen nur ein Wort verlieren. Eine der schönsten Leistungen war die Nummer 11, der Trostgesang. In das Hauptthema, von den Celli zuerst ge­bracht und von den Violinen mit einem durchgehenden Be­gleitungsmotiv in Sechszehnteln umwoben, flicht klagend die Flöte ein drittes Motiv. Der Chor nimmt im Baß das Hauptthema auf, spinnt es bis zum Mittelsatz fort und kehrt dann wieder darauf zurück. Gemüth- und empfindungsreicher kann diese Composition unseres Erachtens nicht wiedergegeben werden. Würdig reihten sich hieran: der durch seine brutale Rhytmik und anfänglich düstere Harmonisirung gewaltig wirkende Steinigungs-Chor (Nr. 8), sowie die Chöre:O, welcv eine Tiefe des Reichthums" (Nr. 22),Wie lieblich sind die Boten" (Nr. 26) und der freundlich-milde Heiden­chor:Seid uns gnädig, hohe Götter" (Nr. 35). Derselbe frische Geist, der die Chormitglieder beseelte, schien auch den vier Hauptsolisten innezuwohnen. Ihr Verdienst bezeichnen wir am besten, wenn wir aussagen, daß sie aus der Höhe ihres Talentes und Könnens standen und daß namentlich die Leistungen der beiden äußeren Stimmen unübertrefflich waren. Frau Hildach verfügt über eine kräftige, leicht ansprechende Mezzosopran-Stimme. In der Arie:Jerusalem" (Nr. 7), (mit dem nacheinander von Flöte, Horn, Violinen und Clari- nette klagend dazwischen gerufenen Warnungsmotiv), sowie in dem Arioso:Laßt uns singen" (Nr. 27), sand sie Töne, die zum Herzen sprechen. Fräulein Hilß sang mit ernster, tiefer Empfindung und schönem, wohllautendem Organ das Arioso:Doch der Herr vergißt der Seinen nicht" (Nr. 13). Von den Soli des Herrn Zarneckow gefielen uns am besten die Stelle des Recitativs Nr. 9, wo nach dem vom Fagott wirkungsvoll ausgehaltenenc des Quartsextaccordes von c-moll das Gebet des Stephanus beginnt und die Sabatine Sei getreu bis in den Tod", bei der allerdings das Orchester und der begleitende Cellist exacter hätten folgen dürfen. Herr Hildach wirkte mit dem ganzen Zauber seines weichen, dunklen Bariton und seiner Vortrags-Meisterschaft auf die Hörer. Die verschiedenen Baß - Arien, sowie dasIhr Männer, was macht ihr da?" (Nr. 36), mit dem vom Com­ponisten tresflich angedeuteten und vom Orchester ausgezeichnet wiedergegebenen Zerreißen der Kleider (die in den Violinen aufsteigenden Sechszehntel-Läufe mit abschließendem Viertel) hinterließen einen tiefen Eindruck. Das Orchester hielt sich recht wacker. Herr Görlach an der Orgel that im vollsten Maße feine Schuldigkeit und vervollständigte durch seine Mitwirkung das schöne Ensemble deö Ganzen. So schloß der erste Aufführungstag des Gießener Concert-VereinS mit entschieden gutem Erfolg und stellt für den zweiten daS günstigste Prognostikon.