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1891

Dienstag den 27. October

Nr. 250

>* * *1*6« nsfthemt täglich, Mit UuSnahm« deS MontagS.

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Gießener Anzeiger

Keneral-Unzeiger.

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Alle Annoncen-Äurcaux M In- und Auslandes ach»« Anzeigen für denGießener Anzeiger^ entgehn.

Lnaahme lee Anzeigen zu der Nachmittags für den ttfffabtB Lag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Aintlicher Theil.

Gießen, am 23. October 1891.

Betreffend: Herbst-Controlversammlungen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grstzh. Bürgermeistereien deS Kreises.

Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen lasten.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Bei den diesjährigen Herbst-Controlversammlungen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Hauptmelde- amt Gießen gehörigen: ,

1) Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamten der Reserve.

2) Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden Entlaffenen.

3) Diejenigen der Landwehr I. Aufgebots angehörigen Mannschaften, welchen ein besonderer Gestellungsbefehl zum Erscheinen bei der Herbst-Controlversammlung zu­gegangen ist.

Die Ersatz - Reservisten haben bei der Herbst - Control- Versammlung nicht zu erscheinen.

Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zett die Controlpflichtigen anzutreten haben:

A. Zu Gießen

am 2. November 1891 im Oswald'schen Garten für die Be­wohner von Annerod, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffen- berg und Herrnwald, Heuchelheim, Kleinlinden, Oppenrod.

1 Appell Vormittags 8 Uhr: Reservisten der Infanterie.

2. Appell Vormittags 9 Uhr 30 Min.: Offiziere, Sanitäts­offiziere und Beamte der Reserve, Reservisten der Garde, Jäger, Cavallerie, Artillerie, Pioniere, Eisenbahn- und Luftschiffertruppen, des Trains (einschließlich Krankenträger), Sanitäts- und Ve­terinärpersonals, Büchsenmachergehülfen, Oeconomie- Handwerker, sowie sämmtliche zur Disposition der Truppentheile und der Ersatz-Behörden entlassenen Mannschaften aller Waffen.

Diejenigen Wehrleute I. Aufgebots, denen ein besonderer Gestellungsbefehl zugegangen ist.

3. Appell Nachmittags 2 Uhr: für die Bewohner von Allen- dorf a. d. Lahn, Großen-Linden, Lang-Göns, Leih­gestern, Watzenborn und Steinberg, Hausen.

B. Zu Lollar

am 3. November 1891, Vormittags 9 Uhr, neben dem neuen Bahnhofsgebäude für die Bewohner von Allendorf a. d. Lda., Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Climbach, Dau- bringen mit Heibertshausen, Großen-Buseck, Lollar, Mainzlar, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedel- Hausen, Treis a. d. Lda., Trohe, Wieseck.

C. Zu Grünberg

am 3. November 1891, Nachmittags 12 Uhr 30 Minuten, am Bahnhof für die Bewohner von: Allertshausen, Belters­hain, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickels- mühle, Neumühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolben­mühle und Sommermühle, Keffelbach mit der Rabenau'schen Papiermühle, Lauter mit der Arztmühle, Bingmühle, Georgen- hammer, Strelles-Mühle und Walk-Mühle, Lindenstruth, Lon­dorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmidtmühle, Reitzenmühle und Ziegelhütte, Lumda (Groß- und Klein-), Odenhausen mit Appenbörnerhof, Queckborn, Reinhardsham, Reiskirchen, Rüddingshausen, Saasen mit Bollnbach, Veitsberg und Wirberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain, Weitershain mit dem Hainerhof, Winnerod.

D. Zu Hungen

am 4. November 1891, Vormittags 9 Uhr 30 Minuten, am Friedhof für die Bewohner von: Bellersheim, Betten­hausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langsdorf, Muschenheim mit Hof-Güll, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen nut Ringelshausen, Rodheim mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Villingen.

E. Zu Sich

am 4. November 1891, Nachmittags 3 Uhr, am Bahnhof für die Bewohner von: Albach, Birklar, Dorf-Güll, Eberstadt mit Arnsburg, Ettingshausen, Garbenteich, Grüningen, Holz­heim, Lich mit Albacher-Hof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, NiederMessingen, Ober-Bessingen, Ober-Hörgern, Steinbach.

Befreiungsgesuche sind bis längstens 8 Tage vorm Appell aus dem Dienstwege durch das Hauptmeldeamt einzu­reichen und müssen durch die Bürgermeisterei beglaubigt sein werden aber nur im dringendsten Nothsalle genehmigt.

Die Leute treten in bürgerlicher Kleidung an: Stöcke, Schirme, Pfeifen und Cigarren sind vorher abzulegen.

Die Militärpapiere (Paß und Führungszeugniß) muffen zur Stelle sein.

Sämmtliche Mannschaften stehen im Laufe des ganzen

Controltages bis einschließlich Mitternacht unter dem Militärgesetz.

Gießen, den 20. October 1891.

Caspary,

Oberstlieutenant z. D. und Bezirks-Commandeur.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 24. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. die Professoren Behagel und Behrens von der Landesuniversität Gießen, sowie den Gymnasiallehrer Dr. Baur von Büdingen.

Berlin, 24. October. Der Colonialrath berieth in seiner heutigen Plenarsitzung die Zollordnung für Deutsch- Ostafrika und nahm eine Resolution über die den Colonial­erzeugnissen seitens dem Mutterlande zu gewährenden Zoll­vergünstigungen an, auch wurden die Anträge der Commission über die den Missionsgesellschaften einzuräumenden Bevor­zugungen angenommen. Der für die Wahl des zweiten Bürgermeisters niedergesetzte Stadtverordneten-Ausschuß hat einstimmig die Wahl des Stadtsyndicus Zelle vorgeschlagew

Berlin, 24. October. DieKreuzzeitung" erfährt über die Reise disposition en desCzaren und der Cz ar in von zuverlässiger Seite, der Czar und die Czarin würden begleitet von dem König und der Königin von Dänemarck, sowie dem Prinzen von Wales am 29. oder 30. October bei Neufahrwasser landen und sodann in einem russischen Hof­zuge über Wirballen nach Moskau reisen. Offizielle Em­pfangsmaßnahmen würden mit ausgesuchtester Courtoisie getroffen.

Berlin, 24. October. DiePost" meldet aus Posen, daß sämmtliche russische Grenzzoll-Kammern Kartoffel- Transporte anstandslos durchlaffen.

Berlin, 24. October. DerKreuzzeitung" zufolge gilt die Einberufung der G e n e r a l s y n o d e für den 10. November als feststehend.

Berlin, 25. October. Die Einberufung des Reichstages soll nunmehr doch auf den 17. November festgesetzt sein, nachdem es bereits geheißen hatte, er würde erst gegen Ende November zusammentreten. Bis zu ge­nanntem Zeitpunkt wird der Reichsetat sicherlich fertiggestellt sein und dasselbe kann auch von mehreren kleineren Vorlagen gelten, welche zur Zeit der Vorberathung im Bundesrathe unterliegen. Da außerdem aus voriger Session noch die Gesetzentwürfe, betreffend die Novelle zum Krankenkaffengesetz und betreffend das Reichstelegraphen-Gefetz, zu erledigen sind, so findet das Reichsparlament bei seinem Wiederzusammentritt genügenden Berathungsstoff vor. Ferner sollen ihm noch im

Fcrrilleton

Eine ameriksnische Mufier-Univerfilst.

Wie in den sechziger Jahren die medicinische Universität Philadelphia aussah, die schon seit einer Reihe von Jahren die neue Welt mit diplomgekrönten Aerzten beglückte, schil­dert ein Kenner folgendermaßen: Das Universitätsgebäude bestand aus einem müßig großen Hause von dreißig Fuß c^'ont und drei Stockwerken. Der erste Stock enthielt drer oder vier Zimmerchen, in denen nur altes Gerümpel als Moblirung sich befand- bie armseligen Tische und Stuhle, die dort herumstanden, waren mit einer so liefen Kruste von Staubund Schmutz bedeckt, daß eine tüchtige Hausfrau Wochen dazu gebraucht hätte, um sie zu entsernei,. Nach bintm tu befand sich ein kleines anatomisches Museum, das u einer wunderbaren Sammlung nutzloser Scheußlichkeiten bestand Ein ganz kleines Kind befand sich darunter, in einer Spiritusflasche, das teuflisch verzerrte Gesichtszüge belaß. Unter verschiedenen Gypsfigureu befand sichEva^, Venus ' undMars"; dazu einige Wachsmodelle und durstige, schlechtvernietete Seelette die ganze Stube roch nach Un­bildung und Gemeinheit und erinnerte stark an die^ammer- licken Museen, mit denen Panoramabesitzer von Lüadt zu Stadt ziehen. Herr Professor Buchanan hatte sem Sprech­zimmer in demselben Stock- er war breitschulterig und unter­setzt und hatte einen scheuen Blick. Wie em heisch erhelle im Sonntagsstaat trat er auf; mit seiner schmutzigen Wasche, ungekämmten Haar und den wohl lange nicht ge- reinigten Fingernägeln paßte er vortrefflich zu dem Moble- men? Er war aber nicht der einzige Repräsentant der Universität; auf der Liste standen noch viele Namen mit Titeln und Würden. Alle waren, wie der Prospect besagte,

hervorragende Aerzte und Lehrer. In Wirklichkeit existirten viele von ihnen gar nicht, die übrigen waren Barbiere, Heil­gehilfen und Drogisten, die sich gegenseitig den Doctor- und Professors-Titel beigelegt hatten. Die Lage der Universität, hieß es ferner in der Anpreisung, ist unübertrefflich, das Gebäude kann dreihundert Studenten fassen. Es war halb zwölf Uhr Vormittags, als ich diese Perle amerikanischer Universitäten besuchte, aber kein Student war zu sehen. Die Gegend war öde, die umliegenden Häuser schienen ver­fallen zu fein. Ich zweifle gar nicht, daß Herr Professor Buchanan ein Dutzend Studenten, auch etliche Professoren zu­sammengetrommelt hätte, wäre mein Besuch ihm vorher ge­meldet worden. Ich zweifle seit dieser Besichtigung über­haupt nicht mehr an irgend etwas, das von dieserUni­versität" verübt werden könnte. Zweisellos e^istiren wirklich einige Studenten, aber sie werden sich nicht die Mühe geben, ein solches Institut zu besuchen; sie verlebten wahrscheinlich ein paar Jahre herrlich und in Freuden in Philadelphia. Und nach Ablauf der Studienzeit kehrten sie mit einem glän­zenden Diplom zur Freude ihrer Eltern heim und beginnen dann den gesetzlich autorisirten, oft langsamen, aber sicheren Mord ihrer Nebenmenschen. Zwar wurde diese Universität später, da der Scandal zu groß wurde, aufgehoben; aber mehrere von denProfessoren", den Buchanans und Bowls- bys, gingen nach Kanada mit einem Stoß bedruckterDiplome und setzten von dort aus das Geschäft fort. Einer ging nach Neufundland und verkaufte Doctortitel weiter, einer nach Jersey oder Guernsey. Und wie viele andereColleges gibt es, die Aehnliches in Amerika leisteten und noch heute leisten. Auch in der Newyorker medicinischen Universität sind sonderbare Zustände vorherrschend. Die Studienzeit ist aus vier Semester, zwei Jahre, bemessen! In zwei Jahren wird Jeder zum practischen Arzte gestempelt, der nicht gerade abschreckend dumm ist. Ich schrieb einmal einem jungen

Manne, der gern Doctor werden wollte, eine lateinische Ab­handlung, de sputis, um zu sehen, wie weit die Nachlässig­keit und die Unblldung der Herren Professoren ging. Der Aufsatz war geradezu unsinnig, denn ich wußte nichtsde sputis, aber ich wählte sehr krauses Latein und erreichte dadurch meinen Zweck. Die Professoren verstanden das nicht und der fragliche junge Mann promovirte auf Grund dieser Abhandlung mit Lob.

* Die Thatsache, daß eine Frau von 102 Jahren noch erwerbsfähig sei, wird so leicht Niemand glauben wollen, und doch ist sie ganz sicher verbürgt. Im ostpreußischen Kreise Johannisburg lebt, wie dieStaatsb. Ztg." erzählt, im Orte Kosten eine Frau Marie G., welche am 23. Januar 1789 geboren ist. Dieselbe soll trotz der Altersrente, die sie be­zieht, noch anderweitig ihrem Erwerbe nachgehen. Da diese Sache doch zu unglaublich erschien, ist höheren Ortes An­frage gehalten worden, worauf ein Bericht einlief, nach dem die.Thatsache bestätigt und bekräftigt wird. In diesem Be­richte wird als Curiosum erwähnt, daß diese Frau vor fünf Jahren, also im Alter von 97 Jahren, noch aus hohe Bäume geklettert sei, um junge Krähen, die sie sich als Speise zu­bereitete, aus ihren Nestern zu nehmen. Die Thatsache sei dem betreffenden Berichterstatter von vielen Augenzeugen be­stätigt worden. Bis vor etwa vier Jahren soll eine Abnahme der Kräfte überhaupt nicht zu bemerken gewesen sein, und sie wie jede andere Frauensperson Feldarbeit geleistet haben. Des Ferneren wird erwähnt, daß diese Frau bereits von sechszehn Jahren an geboren habe; danach wäre ihre Tochter

1805 geboren, und wenn diese gleichfalls nach sechszehn Jahren, also im Jahre 1821, das Loos der Mutter getheilt

hätte, so würde ein Fall vorliegen, daß Mutter, Tochter und Enkelin zu gleicher Zeit Altersrentnerinnen seien.