Nr. 146. Samstag den 27. Juni 1891
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Bekanntmachung,
die Unterhaltung der Kreisstraßen betreffend.
Wir bringen hierdurch den Fuhrwerksbesitzern zur Kennt- rnß, daß sich auf der Kreisstraße Riiddingshausen— Deckenbach von Dienstag den 30. Juni ab eine Dampfstraßenwalze in Thätigkeit befindet.
Gießen, am 25. Juni 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung,
Maul- und Klauenseuche zu Langsdorf betreffend.
Nachdem die in einem Gehöft zu Langsdorf ausgebrochen gewesene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, werden die ungeordneten Sperrmaßregeln wieder ausgehoben.
Gießen, den 24. Juni 1891.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Juni. In die innere Politik zieht mehr und mehr die sommerliche Stille ein, die sich diesmal in Anbetracht der nun beendigten langen und außerordentlich arbeitsreichen parlamentarischen WrRtersession tm Reiche unb ^Preußen vermutlich besonders scharf ausprägen dürfte. Das parlamentarische Leben wird gewissermaßen nur noch durch den Bundesrath repräsentirt, welchem die Ausführung verschiedener Reichstagsbeschlüsse obliegt, worauf sich auch der .Bundesrath seine sommerliche Ruhe gönnen wird. Auch die lange erörterte Frage nach dem Nachfolger des preußischen -Eisenbahnministers v. Maybach ist jetzt durch die amtlich bekannt gegebene Ernennung des Eisenbahndirections-Präsi- denten Thielen in Hannover zum Leiter des Ressorts der öffentlichen Arbeiten und der Eisenbahnverwaltung zur Entscheidung gelangt. Allgemein gespannt ist man, wie sich der neue Minister zu der Frage der Eisenbahntarif-Resorm stellen wird- bis jetzt liegen indessen noch keinerlei Kundgebungen des Herrn Thielen hierüber vor. Was die von Seiten der Freisinnigen und Socialdemokraten zu Gunsten der Aushebung der Getreidezölle eingeleitete Agitation mittelst entsprechender Beschlüsse von Volksversammlungen und Gemeindevertretungen anbelangt, so nimmt dieselbe zwar ihren Fortgang, ohne indessen den erwünschten Eindruck auf größere Bevölkerungskreise zu machen. Selbstverständlich wird auch an den bekannten Entschließungen der preußischen Regierung in Sachen der Getreidezölle durch diese von den genannten Parteien hervorgerufene Bewegung nicht das Geringste geändert.
Nerreste Nachrichten
WolffS telegraphisches Torrespondenz-Bureau.
Berlin, 25. Juni. Die „Nationalzeitung" hört, im gestrigen Kronrath sei die Besetzung der vacanten Oberpräsidien (Pommern ausgenommen) noch nicht endgiltig entschieden worden. Der Kronrath habe sich mit der ge- sammten politischen Lage und wichtigen schwebenden Einzelsragen befaßt.
Berlin, 25. Juni. Contreadmiral Köster ist aus dem Bundesrathe ausgeschieden,- an seiner Stelle wurde Contreadmiral Hollen, der Director des Marinedepartements des Reichsmarineamts, zum Bundesrathsmitgliede ernannt.
Paderborn, 25. Juni. Professor Simar in Bonn wurde zum Bischof gewählt
Kiel, 25. Juni. Der Kaiser begab sich gegen 10Mr an Bord des „Hohenzollern" und dann auf die Segelyacht „Meteor", um eine Fahrt aus der See zu machen.
Wien, 25. Juni. In der heutigen Plenarsitzung des Weltpost-Congresses beantragte der französische Generaldirector Deselves die Wahl Washingtons als des nächsten Congreßortes. Der Vorschlag wurde unter lebhaftem Beifall einstimmig angenommen. Der nordamerikanische Delegirte Patten erklärte auf Anfrage des Sectionschefs Obentraut, er sei ermächtigt, den Congreß nach Washington einzuladen und danke für die einstimmige Annahme. Der materielle Berathungsstoff des Congresses ist nun erschöpft,- es erübrigen nur noch redactionelle Arbeiten und die Abfassung des Schluß- pLotQLollL. nach- dellen vornuLsichtlich in den ersten Julitagen erfolgender Unterzeichnung der Wiener Congreß formell geschlossen werden wird.
Wien, 25. Juni. Das „Fremdenblatt" widmet dem Kaiser besuche auf der britischen Flotte einen Artikel, worin ausgesührt wird, welche Herzlichkeit in der Freundschaft der beiden Reiche obwalte. Im Orient, wo die Interessensphären beiderseits sich am nächsten berühren, seien beide Reiche bemüht um die Aufrechterhaltung friedlicher Verhältnisse und heilsamer Verträge, um die Förderung der selbständigen Entwickelung der einzelnen Staaten und die Verhütung jeder Explosion. In diesen Zielen, in der Aufrechthaltung des Orientfriedens und des Weltfriedens, begegne sich England naturgemäß auch mit der Tripelallianz, deren Macht nur diesen Friedensbestrebungen geweiht sei.
Pest, 25. Juni. Das Abgeordnetenhaus genehmigte in dritter Lesung die Vorlagen betreffend die Verstaatlichung der ungarischen Linien der Staatsbahn, sowie den Vertrag mit dem „Lloyd" und der „Adria".
Paris, 25. Juni. Der Municipalrath von Paris ,hat 5000 Francs für die Mönchen st einer Opfer votirt.
Paris, 25. Juni. Die Bäckergesellen hielten Nachmittags eine weitere sehr tumultuarische Versammlung ab, worin sie sich nicht darüber einigen konnten, ob der Strike
heute oder morgen beginnen solle. Es wurde eine Commission ernannt mit dem Austrage, die Mittel zur Ueberwachung der Bäckereien zu finden, in denen die Arbeit fortgesetzt wird, und die Arbeit in dieser Nacht noch zu verhindern.
Paris, 25. Juni. Die Delegirten von 21 Alimeutations- Corporationen beschlossen heute Nachmittags, eine Geldunterstützung für die strikenden Bäcker zu bewilligen.— Die Bäckermeister erbaten behördlichen Schutz, da die Bäckergehilsen gedroht haben, die Arbeitsaufnahme um jeden Preis zu verhindern, wenn nöthig auch gewaltsam das Gas in den Bäckereien auszulöschen.
Cherbourg, 25. Juni. Gestern Nachmittag e x p l o d i r t e ein Torpedo unter einem Torpedoboot. Drei Personen wurden verletzt, darunter eine schwer.
Brüssel, 25. Juni. Meldungen aus Niel zufolge sind daselbst seit zwei Tagen die Arbeiter der Cementfabrik anläßlich von Lohnreductionen in großer Erregung. Die Gensdarmerie stieß mehrfach mit den Strikenden zusammen und gebrachte die Waffe. Auch wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Jetzt scheint die Ruhe wieder hergestellt zu sein.
London, 25. Juni. Der „St. James Gazette" zufolge ist der Gesundheitszustand Gladstones infolge rückfälliger Influenza geradezu besorgnißerregend. Der Arzt besteht daraus, daß Gladstone von der Arbeit sich vollständig zurückhalte.
London, 25.Juni. Im Unterhause theilte Hamilton mit, daß der deutsche Kaiser wahrscheinlich am 12. Juli die Marine-Ausstellung besuchen werde und zwar nur privatim.
London, 25. Juni. Der Herzog von Cambridge befahl, eine Truppenrevue in Gegenwart des deutschen Kaisers am 11. Juli in Wimbledon abzuhalten, woran 20 000 Mann und ein großer Theil der Freiwilligen Londons theilnehmen. Die Königin wird vom Prinzen von Wales und den übrigen Mitgliedern der Königlichen Familie begleitet. Die City- Presse bemerkt, wahrscheinlich würden sämmtliche Mitglieder der Königlichen Familie den Kaiser nach Guildhall begleiten. Malet und Oberst Ruffel, Militärattache in Berlin, sind ausersehen, den Kaiser zu begleiten und das auswärtige Amt während des Aufenthalts des Kaisers zu vertreten.
Sofia, 25. Juni. Nach einer Meldung der „Agence Balcanique" sind der Doctor Tsatschew und der frühere Oberst Kiselow, als an der Ermordung Beltschews betheiligt, verhaftet. — Die Behörden besitzen gegenwärtig positive Daten über das Complott. Der Prozeß dürfte binnen etwa einem Monat beginnen. Die seiner Zeit verhafteten Advokaten Kazabow und Vultschew sind in Provinzialstädten internirt.
Konstantinopel, 25. Juni. Die „Agence de Constantinople" meldet: Bei Odunluk, eine Stunde von Bruffa, wurden zwei Notabeln aus Bruffa von Räubern weggeführt.
Feuilleton.
Afrika.
Eine allgemeine Uebersicht.
Mit dem fortschreitenden Erscheinen des unter dem Titel Afrika von Professor Dr. Wilhelm Sievers von dem Verlage des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien herausgegebenen Buches wächst auch das Interesse an diesem deutsch-nationalen Werke. Sievers, der bekannte Reisende und Geograph, versteht es meisterhaft, das gesammte Wissen der Gegenwart über Afrika in einer reizvollen, gemeinverständlichen Darstellung zu bieten, die, mit künstlerischen Beigaben an Abbildungen, Karten, Porträten und Plänen reich geschmückt, eine starke Anziehungskraft nicht nur auf das in die engere Interessensphäre für Afrika einbezogene Publikum, sondern auch auf den großen Kreis Derjenigen aus- üben wird, die nur irgendwie den Drang nach Wissen über den jetzt im Vordergrund jedweden öffentlichen Interesses stehenden „dunklen Erdtheil" in sich spüren. — Mit Genehmigung der Verlagshandlung veröffentlichen wir den nachfolgenden Auszug aus dem hochbedeutsamen Werke. Dieses selbst erscheint vorerst in 10 Lieferungen zu je 1 Mk. Nach Fertigstellung von Sievers Afrika wird die deutsche Literatur um ein Nationalwerk bereichert sein, mit welchem Deutschland -allen übrigen Colonialmächten vorausgeeilt ist.
Afrika ist einer der drei südlichen (Kontinente der Erde. Seine nördlichen und südlichen Küsten sind fast gleich weit vom Aequator entfernt, denn der nördlichste Punkt, das Kap
Blanco in Tunis, liegt in 37 0 20' nördlicher Breite, während die südlichste Spitze, das Kap Agulhas oder Nadelkap, 34° 51' südlicher Breite erreicht. Das Kap der Guten Hoffnung ist nicht die Südspitze Afrikas, sondern liegt unter 34° 22'. Diese äußersten Punkte des Festlandes im Norden und im Süden sind nicht unter demselben Meridian gelegen, sondern 100 voneinander entfernt, da das Kap Blanco unter 10°, das Kap Agulhas unter 20° östlicher Länge sich befinden. Dennoch erscheint diese Entfernung gering im Ver- hältniß zu der über fast 70 Längengrade sich erstreckenden westöstlichen Ausdehnung des Continents, so daß auf Karten kleineren Maßstabes die nördliche und südliche Spitze einander fast gegenüber zu liegen scheinen. Dasselbe ist der Fall mit dem westlichsten und dem östlichsten Punkte Afrikas, da das Kap Verde und das Kap Guardafui fast dieselbe Breite, ersteres 15 °, letzteres 12 o nördl. Breite, haben. Die Längen dieser Punkte betragen für Kap Verde 17° 30' westlich, für Kap Guardafui 511/4 o östlich, so daß die Ausdehnung Afrikas von Westen nach Osten 683/4 Längengrade, diejenige von Norden nach Süden 72^ Breitengrade beträgt. Die Entfernung des Kap Blanco von dem Kap Agulhas ist auf etwa 8000 Km., diejenige zwischen Kap Verde und Kap Guardafui auf 7500 Km. zu schätzen.
In Folge dieser fast gleichmäßigen Ausdehnung von Westen nach Osten und von Norden nach Süden erhält Afrika den Character des Geschlossenen und Massigen, Abgerundeten, zumal da die Küstenentwickelung, wie wir sehen werden, sehr gering ist.
Afrika erstreckt sich im Westen und Süden, sowie dem größten Theile des Ostens in das Atlantische und Indische
Meer hinaus. Nur der Nordosten ist der arabischen Halbinsel und der Norden dem europäischen Gestade nahegcrückt. Arabien bildet sowohl in Bezug auf die Sobengefta'.ung, als auch auf das Klima eine Fortsetzung von Afrika und ist nur durch das zwischen beiden Ländern eingebrochene Rothe Meer von Afrika geschieden. Bis zu dem Jahre 1869 hing die arabisch<syrische Halbinsel durch den Isthmus von Suez mit Afrika zusammen, welcher selbst aber eine junge Bildung ist und, aus lockeren Sanden bestehend, zu beweisen scheint, daß diese Verbindung Afrikas mit Asien und gleichzeitige Trennung des Mittelländischen und Rothen Meeres erst in nicht allzu weit zurückliegender Vergangenheit eingetreten sind, wenngleich manche Umstände, vor Allem die große Verschiedenheit der Fauna des Rothen Meeres von der des Mittelmeeces, für ein höheres Alter der Landbrücke sprechen.
Man kann auf der Landenge von Suez drei verschiedene Bestandteile wahrnehmen. Die im Süden desselben befindlichen Ablagerungen sind in dem Rothen Meere abgesetzt worden, die im Norden des Isthmus aufgeschlossenen dagegen stammen aus dem Mittelmeere. Dazwischen liegen Flußsedimente, welche dem Nil angehört haben dürften, so daß die Annahme gerechtfertigt erscheint, daß der Nil einst seine Fluthen zum Theile gegen Osten entsendete. Indem sich das Meer aber mehr und mehr zurückzog, vergrößerte sich wohl die Landenge und die Nilmündungen versandeten. Vielleicht ist die Landenge noch in historischer Zeit gewachsen. Wann also die Vereinigung Asiens und Afrikas auch eingetreten sein mag, jedenfalls erscheint uns bie Durchstechung des Isthmus nur als eine Wiederherstellung des früheren Zustandes. Iw der That ist die Erbauung eines Canals über die Landenge.


