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26.7.1891 Erstes Blatt
 
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R«. 171 Erstes Blatt. Sonntag den 26. Juli 1891

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme drS MontagS.

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Gießener Anzeiger

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Gefunden: 1 gehäkeltes Halstuch, 1 Brache, 1 Trink­becher, 1 Paar Militärhandschuhe, 1 Pferdehalfter, 1 Man­schettenknopf, 1 Glacehandschuh, 2 Taschentücher, 2 Regen­schirme, 1 kleine Beißzange, 1 Paar Manschetten, 1 Zirkel, 2 Federhalter, 1 schwarzes Tuch.

Gießen, den 25. Juli 1891.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: Schliephake, Regierungsaffessor.

politische Wochenschau.

Gießen, 25. Juli 1891.

In die Einförmigkeit der politischen Begebenheiten und Erörterungen innerhalb der letzten Wochen brachte die Reichs- tagsersatzwahl im Wahlkreise Kassel-Melsungen eine kleine Abwechselung. Es standen sich hier nicht weniger als fünf Candidaten gegenüber, nämlich ein Nationalliberaler, ein Conservativer, ein Sozialdemokrat, ein Antisemit und ein Mitglied der particularistischen hessischen Rechtspartei in Kassel. Die Parteiverhältnisse zeigten diesmal eine wesentlich andere Physiognomie als diejenigen zur Zeit der allgemeinen Reichs­tagswahlen. Damals stimmten die Nationalliberalen sofort im ersten Wahlgange für den Conservativen, während die freisinnige Partei einen eigenen Candidaten ausstellte und die hessische Rechtspartei keinen solchen hatte. Ebenso ist das Wahlergebnis ein anderes geworden, indem diesmal der nationalliberale Candidat mit dem sozialdemokratischen in die Stichwahl gelangt ist. Die conservative Partei hat einen Rückgang um etwa 4000 Stimmen erfahren, der zum Theil den Antisemiten und der Rechtspartei zu Gute gekommen sein mag, in der Hauptsache aber durch den Umstand veranlaßt wurde, daß die nationalliberalen Stimmen diesmal dem conservativen Candidaten nicht zufielen. Auch die sozialdemo­kratische Partei hat einen erheblichen Verlust, und zwar von ungefähr 1400 Stimmen zu verzeichnen. Ausschlaggebend für den Ausfall der Wahl war die Stellungnahme der Frei­sinnigen, welche auf die Aufstellung eines eigenen Candidaten verzichteten, um sofort für den nationalliberalen zu stimmen, weil nur so die Wahl des antisemitischen oder conservativen Abgeordneten von vorneherein verhindert werden zu können schien. Infolge dieser Haltung der freisinnigen Partei hat der nationalliberale Candidat Hobrecht im Wahlkreise Tilsit- Niederung seine Candidatur zu Gunsten des von der frei­sinnigen Partei aufgestellten Herrn von Reibnitz zurück­gezogen. In Bezug auf die Antisclavereilotterie sind jetzt nähere Bestimmungen getroffen worden. Neben der Lotterie-Commission, welche sich aus neun Mitgliedern des geschäftsführenden Ausschusses des Lotteriecomites zusammen­setzt, soll eine Ausführungscommission stehen, in die von der Reichsregierung zum Zweck einer Controle über die Ver­wendung der eingehenden Gelder eine Anzahl von Mitgliedern des Colonialrathes und ein Reichscommissar entsandt werden. Diese Ausführungscommission ist nur bei Anwesenheit des Reichscommissars beschlußfähig, der außerdem ein unbedingtes Vetorecht hat.

Die Angelegenheit des bekanntlich gegen Frankreich ge­richteten Paßzwanges in Elsaß-Lothringen, der neuerdings wieder hüben und drüben zu erregten Auseinandersetzungen Anlaß gegeben hat, führt uns auf das Gebiet der auswärtigen politischen Verhältnisse. Durch Zeitungsnachrichten war unlängst in Deutschland und Frankreich das Gerücht verbreitet worden, daß in der letzten Zeit wiederum eine Verschärfung der Maßregeln gegen zureisendeFranzosen eingeführt worden sei, und in der That scheint es, als ob die deutsche Regierung mit Rücksicht aus das angebliche Bestehen eines Re­vanchevereins in Nancy, der die Losreißung Elsaß-Lothringens vom deutschen Reiche auf feinem Programm stehen haben soll, eine rigorosere Handhabung der einschlägigen Controlvor- schristen für angezeigt hielte. Eine Verletzung des Artikels 11 im Frankfurter Frieden, in dem den Franzosen das Recht einer meistbegünstigten Nation gewährleistet wird, würde damit nicht gegeben sein, da sich die bezeichnete Verschärfung gegen alle Ausländer richtet. In der französischen Kammer hat der "boulangistische Abgeordnete Laur die umlaufenden Gerüchte M einem Angriffe auf den Minister des Auswärtigen Ribot Zugespitzt. Doch ertheilte die Kammer dem Minister mit über­wältigender Mehrheit ein Vertrauensvotum. Eine zweite fran­zösische Ministercrisis ist gegenwärtig noch in der Schwebe "begriffen. Der Kriegsminister Freycinet hat die Abstimmung 3er Kammer in einer ganz geringfügigen Angelegenheit, zum

Anlaß seiner Demissionierung nehmen wollen, wird aber nun­mehr auf Bitten seiner zahlreichen Freunde zunächst den Aus­fall einer zweiten Abstimmung in derselben Angelegenheit ab­warten. In Portugal ist dieser Tage der Weizenzoll von 7,26 Mk. auf 3,18 Mk. ermäßigt worden. Portugal war seither der einzige europäische Staat, der noch höhere Getreidezölle als Deutschland hatte. Bei der letzten Erhöhung der deutschen Getreidezölle war in den Motiven des be­treffenden Gesetzentwurfes ausdrücklich auf die hohen portu­giesischen Zollsätze als Muster hingewiesen. Nunmehr hat Deutschland bei weitem die höchsten Getreidezölle von sämmt- lichen deutschen Staaten. In Bulgarien geht etwas vor, man weiß nur nicht recht was. Nach zweifelhaften Zei­tungsmeldungen steht die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens bevor. In Rumänien hat der Thronfolger Ferdinand nun doch lieber auf Helene Vacaresco, als auf den Thron verzichtet.

Deutsche» Reich.

Berlin, 24. Juli. Ueber die Eindrücke, welche der preußische Finanz- und der Handels Minister bei ihrem nun beendigten Besuche in Ostpreußen empfangen haben, liegen bemerkenswerte Aeußerungen des Herrn Miquel vor. In denselben erkennt der Finanzminister an, daß Ost­preußen wie Westpreußen. an gewissen Grundschäden leiden, die mit dem beinahe vollständigen Unterbinden des Handels dieser Provinzen mit dem benachbarten Rußland, mit ihrer weiten Entfernung von den industriellen Gebieten und der mangelhaften Entwickelung der Industrie an Ort und Stelle Zusammenhängen. Herr Dr. Miquel empfiehlt nun zur mög­lichsten Hebung der beiden Provinzen ihre Hinüberleitung aus ihrer gegenwärtigen, auf Ackerbau und Handel basiren- den Entwickelungsstufe in eine industrielle Entwickelung. Der Minister hält dies für gar nicht so schwer, wobei er sich auf die wachsende industrielle Bedeutung von Städten, wie Elbing und Danzig, bezieht. Was die von der landwirthschastlichen Bevölkerung der Provinzen gewünschte Aufhebung des Iden­titätsnachweises für Getreide anbelangt, so hängt die Er­füllung dieses Wunsches nach den weiteren Erklärungen deZ Finanzministers lediglich vom Bundesrathe ab. Als voll­kommen aussichtslos hat Herr Miquel die Hoffnungen auf baldige Oeffnung der russischen Grenze bezeichnet.

Neueste Nachrichten.

Wolfis telegraphisches Torrespondmz-Burean.

Aachen, 24. Juli. Zwischen der Station Rothe Erde und Aachen stieß gestern Abend ein unbekannter Passagier den ihm das Billet abfordernden Schaffner vom Wagen über den 20 Fuß tiefen Viaduct. Der Schaffner erlitt tödt- liche Verletzungen.

Swinemüude, 24. Juli. Der VergnügungsdampferCux­haven" ist heute Nachmittag bei Zinnowitz gestrandet. Die Passagiere wurden gerettet bis auf die an Bord befind­liche Schiffswirthin, deren Tochter und den Koch, welche drei Personen ertranken.

Men, 24. Juli. In Folge des Umstürzens eines Kessels mit flüssigem geschmolzenem Eisen in der Maschinenfabrik Schiffcik wurden acht Arbeiter schwer ver­wundet.

Wien, 24. Juli. DasFremdenblatt" und diePresse" treten gegen die jungczechische Presse auf, die gegen Deutschland Hetze und den Dreibund, der bekanntlich ein rein defensiver Friedensbund sei, als ein zum Schaden Oester­reichs gewobenes Netz schildere. DasFremdenblatt" spricht die Hoffnung aus, daß solches Treiben seinen Zweck verfehlen und auch der von den Jungczechen irregeleitete TM des czechischen Volkes die Weisheit der von dem Monarchen ein­geschlagenen, von dem weit überwiegenden Theile der beiden Parlamente freudig gebilligten Politik anerkennen werde. Das Bündniß stehe felsenfest. Die Jungczechen seien vollständig isolirt- sie werden sich selbst durch die Anstürme gegen den Friedensbund politisch tödten.

Neutitschein (Mähren), 24. Juli. Die Oder ist aus­getreten und hat zahlreiche Grundstücke unter Wasser ge­setzt. Die Straßen sind theilweise unwegbar, das Wasser ist auch in die Häuser eingedrnngen.

Paris, 24. Juli. Die Volkszählung vom April ergab 38,095,150 Einwohner, 208,584 mehr als 1886. Die Stadtbevölkerung ist gestiegen, die ländliche hat sich vermindert.

Paris, 24. Juli. Während die Mehrzahl der Blätter die russisch-französische Flottenbegegnung inKronstadt herzlich bespricht, warnt derTemps" vor Ueberschwänglich-

keit der Beurtherlung. Frankreich und Rußland besäßen keine gebundene Marschroute, keinen geschriebenen Vertrag, und Rußland werde immer nur rein russische Politik treiben. Die europäische Constellation habe jedoch die beiden Mächte zu einer stillschweigenden Verständigung gedrängt, die einen wirksamen Factor des Friedens bilde. Der Pariser Muni- cipalrath nahm einstimmig eine Tagesordnung an, worin dem Municipalrathe von Petersburg anläßlich des dem sranzö- sischen Geschwader bereiteten Empfanges Dank und herzlichste Sympathie ausgesprochen wird.

Marseille, 24. Juli. Das PacketbootMger" über­brachte aus dem Gebiete zwischen Haleb und Antiochia Nach­richten über die Cholera, wonach die Seuche dort (in Syrien) keine Fortschritte mache und verhältnißmäßig wenige Todesfälle im Gefolge habe. Während der letzten Woche seien nur drei oder vier Sterbefälle täglich vorgekommen.

Nantes, 24. Juli. In der letzten Nacht wurden gegen die Häuser des Bankiers Rousselet und gegen dasjenige seines Schwiegersohnes Dynamitattentate verübt. Der Scha­den ist sehr erheblich, doch wurde Niemand verletzt.

Luxemburg, 24. Juli. Staatsminister v. Eyschen gab heute zu Ehren des diplomatischen Corps einen Lunch, bei welchem der Gesandte Oesterreich-Ungarns einen Trinkspruch auf das Wohl des Großherzogs ausbrachte. Minister Eyschen beantwortete denselben mit einem Toaste auf die befreundeten Fürsten und Staatsoberhäupter. Luxemburg gehe aus der Uebergangszeit beruhigt und befestigt hervor. Der Großherzog halte die nationale Fahne hoch. Die Anwesenheit der Ver­treter der Mächte beweise, daß dieselben die hochherzigen Ge­sinnungen des Großherzogs theilen. Luxemburg werde alle Zeit den Mächten dankbar sein, welche das schwache Rohr unter hundertjährigen Eichen respectiren und schützen.

Neapel, 24. Juli. DerPungolo" veröffentlicht den Hauptinhalt eines Artikels von Crispi, welchen der­selbe für die am 1. August erscheinende Nummer derCon­temporary Review" geschrieben hat und mit seinem Namen unterzeichnet. Der Artikel sührt den Titel:Italien, Frank­reich und das Papstthum". Der Artikel betont, daß Frank­reich, sich einer Verständigung Italiens mit dem Vatican widersetzend, sich des Vaticans bediene, um Italien Schwierig­keiten zu machen. Ein Grund des Anschluffes Italiens an den Dreibund sei die Absicht, eine Sicherheit zu haben gegen die Forderungen des Papstes und gegen die Wiederholung einer Expedition Frankreichs zu Gunsten des Papstes.

Petersburg, 24. Juli. An dem gestrigen Diner zu Ehren der Offiziere des französischen Geschwaders in der französischen Botschaft nahmen etwa fünfzig Personen Thell, darunter Generaladmiral Großfürst Alexei, Admiral Gervais, die Commandanten der französischen Schiffe, ferner der Marine­minister, die Minister des Innern und der Finanzen, der Verkehrsminister und der Adjunkt des Ministers des Aus­wärtigen , Schischkin. Laboulaye toastete auf den Czaren, Großfürst Alexei auf Carnot und das tapfere französische Geschwader.

Kronstadt, 24. Juli. Admiral Skridlow fuhr gestern auf derOnega" dem französischen Geschwader ent­gegen und begab sich auf das AdmiralsschiffMarengo", wo er den Admiral Gervais Namens des Großfürsten Alexei begrüßte. Eine Deputation von Vertretern der Presse und der Künstlerschaft überreichte dem Admiral Gervais Salz und Brod.

Belgrad, 24. Juli. König Alexander hat an seinen Vater, den Exkönig Milan, vor seiner Abreise die Mittheilung gerichtet, er werde nach Paris kommen und alsdann mit dem Vater ein Bad besuchen. König Alexander ist heute früh in Reni auf russischem Gebiete angekommen- er wurde von der Bevölkerung und den Behörden dort herzlich em­pfangen. Nach einstündigem Aufenthalte in Reni setzte der junge König im russischen Hoszuge die Reise nach Kiew fort.

Kragujewatz, 24. Juli. Den Arbeitern des serbischen Militär-Arsenals wurden die rückständigen Arbeitslöhne bis Ende Juni ausbezahlt. In Folge dessen haben sie die Arbeit wieder ausgenommen.

Kairo, 24. Juli. Der Schaden, den die Feuers­brunst im Abdin-Palaste angerichtet hat, wird auf dreißig­tausend Pfund Sterling geschätzt. Der Khedive dankte den englischen Truppen für ihre Hilfeleistungen bei der Unter­drückung des Feuers.

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Berlin, 24. Juli. DiePolit. Nachr." schreiben, die Conferenzen des Arbeitsministers mit Vertretern deS berg­baulichen Vereins, sowie des Cocessyndicats bezweckten, Klar­heit über die Verhältnisse der Kohlenproduction [und des Kohlenabsatzes zu gewinnen, um die Mittel zu