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Nr. 170.
Samstag den 25. Juli
1891
Der •teftMt Ax-ct-er erscheint täglich, Ät Ausnahme deS MontagS.
Di« Gießener
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Gießener Anzeiger
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JcMtfc^c» Reich.
Darmstadt, 22. Juli. Das heute ausgegebene Groß- herzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 19) enthält u. A.: 1. Bekanntmachung Großh. Kreisamts Gießen, die Erhebung einer nachträglichen Umlage für die israelitische Religionsgemeinde Ettingshausen betreffend. 2. Uebersicht der für das Jahre 1891—92 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Communalbedürffniffe in den Gemeinden des Kreises Friedberg.
Berlin, 23. Juli. Im Bundesrathe wird demnächst der Eingang des im Reichsamte des Innern ausgearbeiteten Gesetzentwurfs, betreffend die Bekämpfung der Trunksucht, erwartet. Hoffentlich erfährt man alsdann auch Näheres über den Inhalt des Entwurfes.
— In Berlin hat am Mittwoch eine Conferenz zwischen Mitgliedern der Regierung und einer Anzahl Vertretern der hervorragendsten Getreidefirmen Deutschlands, welche auf höheren Wunsch nach ver Reichshauptstadt gekommen waren, stattgefunden. Ob die Conferenz einer abermaligen Erwägung der Ermäßigung der Getreidezölle oder nur der Feststellung der etwa in Deutschland vorhandenen Getreidevorräthe gegolten hat, muß noch dahingestellt bleiben. (Siehe indessen „Neueste Nachrichten".)
— In der Frage der Reform des Militär st raf- prozeßverfahrens scheint nun endlich eine principielle Entscheidung gefallen zu fein. Ueber die Grundlage der Vereinbarungen der verbündeten Regierungen über Einführung eines einheitlichen Militärstrafprozeßverfahrens wird von bayerischer Seite berichtet, es sei gelungen, mit der Begründung, daß Bayern unter keinen Umständen sein jetzt bestehendes, im großen Ganzen vorzüglich bewährtes Prozeßverfahren zu opfern geneigt sei, den Widerstand gegen die zwei Grund- principien des bayerischen Militärftrasprozesses, gegen die Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, zu überwinden und sogar den Verzicht des Kriegsherrn auf das Bestätigungs-, bezw. Verwerfungsrecht als Kriegsherr zu erlangen. Voraussichtlich werden die bayerischen Einrichtungen als Muster dienen. Nur würde voraussichtlich der mit einem großen Personenaufwand arbeitende Apparat der bayerischen Militärbezirksgerichte eine auch im dienstlichen Interesse wünschenswerthe Beschränkung erfahren.
— Die eolossalen Regengiisse der letzten Woche haben in einigen östlichen Theilen Deutschlands schweren Schaden angerichtet, zumal liegen aus vielen Gegenden der Provinz Schlesien Berichte von Ueberschwemmungen vor. Das ganze Neissethal gleicht einem weiten See, mehrere Dörfer sind vollständig überschwemmt und die Bewohner sind geflüchtet. Bei Oswieeim hat der Solafluß viele an demselben gelegene Straßen vollständig aufgerissen und eine Anzahl Wohnhäuser unterspült. Bei Patschkau wurden durch einen Wolkenbruch große Flächen bebauter Felder total vernichtet.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Torrespondmz-Bureau.
Berlin, 23. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet übereinstimmend mit der „National-Zeitung", daß von einer hier stattgehabten Conferenz zwischen Mitgliedern der Regierung und Vertretern hervorragender Getreidefirmen Deutschlands, betr. die Suspension der Getreidezölle, an zuständiger Stelle nichts bekannt ist.
Berlin, 23. Juli. Ueber die Krebsversuche des Professor Hahn veröffentlicht die „Medicinische Wochenschrift" eine Zuschrift des Chirurgen Dr. Frank, welcher an den Versuchen theilnahm- derselbe hebt hervor, daß es sich in erster Linie nicht um die Versuche der Möglichkeit der Krebs- Übertragung handelte, sondern daß eine Besserung des Zustandes der Patientin durch Ueberpflanzung gesunder Haut aus eine Krebsfläche, daß sich auf der übertragenen Stelle später Krebsknotchen gebildet, nachträglich Interesse erregt habe- das Befinden der Patientin sei durch die Behandlung nichtungünstig beeinflußt.
Luxemburg, 23. Juli. Der Einzug des Großherzogs, der Großherzogin und des Erbgroßherzogs fand um 2Uhr statt. Der Bürgermeister bewillkommnete das aroßherzogliche Paar an der Grenze des Staatsgebietes. Sämnnliche beglaubigten diplomatischen Vertreter wohnten dem Einzug bei'. Als der Großherzog, von einer Abteilung berittener Ehrengarde begleitet, durch die Straßen der Stadt fuhr in welchen gegen 200 Vereine Spalier bildeten, wurde er von der zahlreichen Volksmenge auf das Herzlichste begrüßt. Nach der Ankunft des Großherzogs im Palais fand ein Vorbeimarsch der Vereine statt.
Wie«, 23. Juli. Beim Grasen Kalnoky fand heute ein Diner statt, welchem die schweizer und die deutschen Dele- girten zu den Handelsvertrags-Verhandlungen, sowie mehrere hohe Beamten des Auswärtigen Amtes beiwohnten.
Steinamauger, 23. Juli. Auf dem Marsch zur Frühübung stürzte das Pferd des ungarischen Husarenmajors Grafen Rudolf Wallis. Der Graf wurde herab- geschleudert, blieb aber in dem Steigbügel hängen und wurde die Straße entlang geschleift. Er erlag bald darauf feinen Verletzungen.
Brest, 23. Juli. Gegentheiligen Aussagen gegenüber versichern mehrere Passagiere vom Dampfer „Neko", daß der Dampfer „Sainteliffe" nach dem Zusammenstöße mit dem „Neko" an der Unglücksstätte so lange geblieben sei, bis der englische Dampser „Ottereaps" herangekommen war.
London, 23. Juli. Die Königin traf im B u ck i n g h a m- Palast Anordnungen für den Aufenthalt des Prinzen von Neapel.
Konstantinopel, 23. Juli. Die gegen die Provenienzen aus dem Golf von Alexandrette verfügte zehntägige Quarantäne ist auf die Provenienzen von Mersina exclusive bis Tripoli exclusive ausgedehnt. Die Provenienzen aus Karamanien von Adalia inclusive bis Mersina und die syrischen Provenienzen von Tripoli bis Java inclusive unterliegen während der Fahrt einer einmaligen ärztlichen Visitation.
Petersburg, 23. Juli. Die Petersburger Blätter bringen aus AnlaßZ des französischen Besuches franzosenfreundliche Begrüßungsartikel und heben hervor, daß das Ereig- mß Zeugniß von den freundschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Rußland ablege. Die „Nowoje Wremja" meint, die Vereinigung beider Geschwader im finländischen Meere sei ein imposanter Reflex der internationalen Politik beider Länder. Die russische. „St. Petersb. Ztg." äußert, Rußland und Frankreich seien durch ein natürliches Bündniß verknüpft- Rußland fürchte Niemand.
Petersburg, 23. Juli. Der Tronsolger traf gestern Abend in Tobolsk ein. — Das „Journal de St. Peters- bourg" entbietet dem heute Mittag auf der Kronstädter Rhede erwarteten französischen Geschwader einen äußerst herzlichen Willkommensgruß. Der Kaiser empfängt das Offiziercorps des Geschwaders in Audienz und gibt dann den Offizieren ein Diner. Am 26. Juli giebt der Großfürst Alexei ein Diner und am 29. Juli veranstaltet die Stadt Petersburg einen Rout. Der Munizipalrath schenkt jedem französischen Kriegsschiffe für die Offizier smeffe eine silberne Kanne mit entsprechender Widmung.
Petersburg, 23. Juli. Aus Paris wird hierher gemeldet, Carnot habe die Rückgabe zweier heiligen Fahnen an Rußland angeordnet, welche im Krimkriege in der griechischen Kirche zu Eupatoria von den Franzosen erbeutet und bisher in Notre Dame aufbewahrt, wurden. Der Erzbischof von Paris stimmte der Rückgabe der Trophäen zu.
Petersburg, 23. Juli. Zum Empfange des französischen Geschwaders sind zwölf Kriegsschiffe und vier Torpedoboote auf der großen und vier Kriegsschiffe aus der kleinen Kronstädter Rhede ausgestellt. Hunderte von Fahrzeugen, dicht mit Zuschauern bedeckt, wohnen dem Empfange bei. Reicher Flaggenschmuck zeigt sich auf den Schiffen und den Forts, sowie in der Stadt Kronstadt. Auf den größeren Privatdampfern befinden sich Musikcorps.
Kronstadt, 23. Juli. Alle Gebäude der Stadt sind von Morgens an beflaggt und boten so einen sehr malerischen Anblick. Gegen 10 Uhr brachten Dampser ein zahlreiches Publikum aus Petersburg, Peterhos und Oramenbaum, dem französischen Geschwader entgegenzufahren. Auf der Rhede waren alle Schiffe mit Laubgrün, russischen und französischen Flaggen geschmückt. Um 11 Uhr tauchte das Geschwader am Horizonte auf, sofort umringt von Dampfern und begrüßt mit Hurrahrusen und dem Ruse: „Vive la France!“ Die Musik spielte die Marseillaise. Das Geschwader zog langsam gegen Kronstadt, voran die „Lance", dann „Marengo", „Requin", „Marceau" und „Furieux", dazwischen die zwei Torpedoboote, etwas rechts „Surcous". Als dieses Fahrzeug um halb 12 Uhr die russische Flagge gehisst hatte, ertönten Salutschüsse zur gegenseitigen Begrüßung. Aus den Raaen grüßten russische Mannschaften die Gäste mit Hurrahrusen. Gegen 1 Uhr ging das Geschwader den russischen Schiffen gegenüber vor Anker.
Hammerfest, 23. Juli. Gestern nach seiner Ankunst besuchte der Kaiser die Meridiansäule. Heute Vormittag verläßt die „Hohenzollern" Hammerfest und geht nach der Insel Skorö.
Skjervoe (Amt Tromsoe), 23. Juli. Die „Hohenzollern , mit dem Deutschen Kaiser an Bord, kam heute Nachmittag 4 Uhr 30 Minuten auf der Fahrt von Skaaroe hier
durch. Es haben sich Westwind und Regenschauer eingestellt.
Konstantinopel, 23. Juli. Nach der „Agence de Con- stantinople" hat der Sultan in Folge der Nachrichten aus Mekka, wonach die Todesfälle und Erkrankungen an der Cholera Plötzlich gestiegen sind und die Seuche auch in Djeddah aufgetreten ist, angeordnet, daß der Sanitätsrath zu einer außerordentlichen Sitzung behufs Ergreifung prophylactischer Maßnahmen zusammentrete.
Kairo, 23. Juli. Der Ab d in-Pal ast, die Residenz des Khedive, steht in Flammen. Die Ursache der Feuersbrunst ist noch nicht bekannt.
Newyork, 23. Juli. Der „Herald" meldet aus Valparaisos Das derCongreßpartei gehörige Schiff „Esmeralda" habe in der Nähe der Coquimbobay zweimal auf die französisch e Cor v ette „Volta" g es ch off en. Der französische Admiral werde eine Entschuldigung verlangen.
Victoria (Columbien), 22. Juli. Nach Meldungen eines aus Iokohama hier eingetroffenen Postdampfers ist der ganze Süden von C h i n a fortwährend unruhig - bewaffnete Banden durchziehen das Land und machen die Geschäfte.unmöglich. Die Anführer der Meuterer in Wuhu wurden verhaftet.
Buenos-Ayres, 23. Juli. Die Kammer genehmigte end- giltig die in erster Lesung beschlossene Herabsetzung der Steuern und Zölle aus Petroleum, Thee, Reis, Talg und Lichte - hingegen wurde die in erster Lesung ebenfalls angenommene Herabsetzung der Zuckerzölle abgelehnt.
Depeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 23. Juli. Wie der „Kreuzzeitung" aus Petersburg gemeldet wird, werden auf Verfügung des Kriegsministers 40 russische Offziere an den großen Manö- vern Frankreichs im Spätsommer theiluehmen.
Berlin, 24. Juli. Die „Polit. Nachrichten" schreiben: Die Conserenzen des Arbeitsministers mit den Vertretern des bergbaulichen Vereins sowie des Cokessyndicats bezwecken, Klarheit über Verhältnisse der Kohlenproduction und des Kohlenabsatzes zu gewinnen, um die Mittel zu finden, dem im Herbste regelmäßig wiederkehrenden Mangel an Eisenbahnwagen zu begegnen, als rasche Abfuhr und Rückkehr der Wagen von und nach den Zechen und der Einschiebung von Sonderzügen.
Hamburg, 23. Juli. Der „Correspondent" erfährt betreffs der Eisenbahnmaterial-Bestellung Chinas, es sei eine Bestellung, bestehend aus Locomotiven (Henschel), Waggons (van der Zypen) und Schienen (Bochum) bereits effectuirt und gehe am 10. August von Bremen mit dem Dampfer ab.
Neisse, 23. Juli. Die H o ch w a s s e r s ch ä d e n im Neisse- thale sind außerordentlich groß. Die Ernte ist größtentheils vernichtet.
Paris, 23. Juli. Der Stadtrath beschloß, die Maschinenhalle aus dem Marsfelde ausschließlich für die russische Ausstellung für Handel, Gewerbe und Ackerbau, welche am 1. Januar 1892 eröffnet wird, einzurichten.
Belgrad, 23. Juli. Hierher gelangten Nachrichten zufolge werde der Czar eine Zusammenkunft des Königs von Serbien mit seiner Mutter veranlassen.
Petersburg, 23. Juli. Duma bewilligte zum Empfang der französischen Flotte 15 000 Rubel. Ein massenhaftes Publikum auf zahllosen geschmückten Dampfern empfing das Geschwader in Kronstadt enthusiastisch, sodann sand offizieller Visitenaustausch der Behörden Kronstadts statt. Morgen ist der Empfang in Peterhof, am 27. Juli Bankett des Kronstädter Seeclubs. Das Geschwader bleibt bis 4. August.
New Jork, 23. Juli. Bei Prinzatolca im Staat Nicaragua soll ein Goldlager entdeckt worden fein. Es feien Goldklumpen von 6—38 Pfd. gefunden worden.
Ottawa, 23. Juli. Gestern wurde dem Parlamente eine Petition mit 50 000 Unterschriften von den Farmern überreicht, worin ausgeführt wird, wie sehr die Landwirth- schast des Landes darniederliegt und worin die Bitte ausgesprochen wird, im Wege der Gesetzgebung baldmöglichst Abhilfe zu schaffen und den Zoll auf Salz, Gewebe und Zucker gänzlich aufzuheben.
Loyaler tutfr provinziell".
Gießen, 24. Juli.
— Versetzungen. Der Director des Realgymnasiums und der Realschule, Herr Meirich, wurde in gleicher Eigenschaft an das Gymnasium nach Mainz versetzt und an seine Stelle Herr Dr. Rausch, Director der höheren Mädchenschule in Worms, berufen.


