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Vir. 144.

Donnerstag den 25. Juni

1891

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Deutsches Reich.

Darmstadt, 22. Juni. lieber die Reise und den Aufenthalt des Großherzogs in Schottland wird derD. Z." aus Balmoral geschrieben: Der Groß- Herzog und Prinz Heinrich von Battenberg, begleitet von Generalmajor Wernher und Oberst Clerke, begaben sich am 15. d. M. von Oban nach Loch Awe, Station der Eisenbahn von Oban nach Stirling, um dorten der Familie Campbell aus dem alten, aus einer Insel des Sees sehr schön gelegenen Schlosse einen Besuch abzustatten. Gegen Abend kehrten die Herrschaften mit der Bahn nach Oban zurück und begaben sich wieder an Bord der DachtSheila". Am 16. d. M. früh verabschiedete sich der Großherzog vom Prinzen Heinrich und fuhr in Begleitung des Generalmajor Wernher mit der Bahn von Oban über Stirling, Perth Aberdeen nach Ballater und von da zu Wagen nach Schloß Balmoral, das nach zwölsstündiger Reise erreicht wurde. Am 19. d. M. sand die Abreise von Balmoral statt. Die Ankunft der Herrschaften in Darmstadt dürste voraussichtlich Ende dieses MonatS erfolgen.

Es bestätigt sich, daß von einer Einberufung der Zweiten Kammer vor dem Herbst, wie eine solche wegen einer eilenden finaneiellen Vorlage eine Zeit lang in Aussicht genommen war, endgiltig Abstand genommen ist.

Das heute ausgegebene Regierungsblatt veröffentlicht eine Bekanntmachung des Finanzministeriums, betreffend Capitalaufnahme von 1850000 Mark für Zwecke der neu errichteten Landescreditkasse.

Berlin, 23. Juni. Das Kaiserpaar wohnte am Montag Nachmittag der großen Regatta der Berliner Ruder­clubs in Grünau bei.

Der längst in Sicht befindliche Wechsel im preußi­schen Ministerium der öffentlichen Arbeiten ist nunmehr thatsächlich erfolgt. DerReichsanzeiger" ver­öffentlicht in seiner Montags-Ausgabe die Entbindung des bisherigen Leiters dieses Ressorts, Staatsministers v. May­bach, von seinem Amte, unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers. Weiter gibt das amtliche Blatt im Anschlüsse an diese Meldung- die Ernennung des Eisenbahndirections-Präsidenten Thielen in Hannover zum Minister der öffentlichen Arbeiten bekannt, welche Ernennung den hierüber gehegten Vermuthungen nur entspricht. Zugleich veröffentlicht derReichsanzeiger" ein königliches Handschreiben an Herrn v. Maybach, worin dem­selben anläßlich seines Ausscheidens aus dem Amte noch im Besonderen der Königliche Dank für die langjährigen treuen und ersprießlichen Dienste, welche der Minister dem Throne und dem Vaterlande geleistet hat, ausgesprochen wird. Als äußeres Zeichen dieser allerhöchsten Anerkennung hat der

Feuilleton.

Welche von Beiden?

Nooellette von I. Piorkowska.

(Schluß.)

Am vierten Tage endlich ließ es ihr keine Ruhe mehr- aus ihr Bitten ritt Georg nach Wymaring, zu sehen, ob Bernhard nicht etwa krank sei- doch kehrte mein Mann mit der Nachricht zurück, er befinde sich ganz wohl, nur sehr be­schäftigt und eben im Begriffe, sich nach Brisbane zu begeben. Mir sandte er noch ein Brieschen.

Liebe Marie," schrieb er,ich hätte Dich gebeten, mich zu begleiten, wenn ich nicht dächte, daß es besser wäre, Du bereitest »statt dessen Sophie aus Lillys Ankunft vor. Ich fürchte, Sophie liebt mich. Bringe es ihr so schonend be: als irgend möglich. Darum bittet Dich Dein tief unglück­licher Bruder Bernhard."

Solche Worte von einem jungen Manne, der eben seiner Braut entgegeneilen will, klingen freilich schlimm, dachte ich seufzend, während ich zuschaute, wie die hellen Flammen das Brieschen verzehrten.

Ueber Sophies Gefühle war ich längst nicht mehr in Zweifel. Es war ebenso rührend als traurig, wie sie es schlau anzusangen wußte, wenn wir zwei allein waren, das Gespräch aus meinen Bruder zu lenken. Ich brachte es nicht über das Herz, ihr zu sagen, daß er als verheirateter Mann von Brisbane zurückkehren würde- so lange wie mög­lich suchte ich die traurige Mittheilung hinauszuschieben.

Drei volle Tage wartete ich, dann aber wagte ich nicht, länger damit zu zögern- ich konnte ja nicht wissen,

Kaiser seine in Marmor ausgesührte Büste Herrn v. Maybach zum Geschenk gemacht.

Auch in der Frage der Neubesetzung der erledigten preußischen Oberpräsidentenposten ist nunmehr die endgültige Entscheidung getroffen worden. Es wurden ernannt: Staatsminister v. Puttkamer zum Oberpräsidenten von Pommern, Staatsminister v. Goßler zum Oberpräsidenten von Ostpreußen und Regierungspräsident Graf Clairon d'Haussonville zum Oberpräsidenten von Westpreußen. Die Berufung der beiden ersteren Herren in ihre nunmehrigen Aemter galt allerdings längst schon als sicher.

Gras Launay, der Botschafter Italiens am Berliner Hose, soll, wie verlautet, demnächst von seinem Posten abberufen werden. Ueber die Ursachen dieser angekündigten Abberufung ist noch nichts Näheres bekannt, ebensowenig wie hinsichtlich der etwaigen ferneren Verwendung des Grafen Launay. Jedenfalls würde sein Scheiden in den Kreisen der Berliner Hofgesellschaft das lebhafteste Bedauern Hervorrufen, denn Graf Launay, bekanntlich der Doyen (Sprechwart) des Berliner diplomatischen Corps, hat sich in der Reichshauptstadt während seiner langjährigen Wirksamkeit daselbst nach allen Seiten hin die größten Sympathien zu erwerben gewußt. Beim jetzigen Kaiser ist Gras Launay ebenso persona gratissima, wie er dies schon bei den Kaisern Friedrich und Wilhelm I. war.

Neueste Nachrichten.

WolstS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 23. Juni. Minister Maybach verabschiedete sich heute von den Directoren und Räthen seines bisherigen Amtes. Hierauf erfolgte die Begrüßung der Beamten durch den nunmehrigen Minister Thielen. Derselbe hielt eine Anrede, welche mit einem Hoch aus den Kaiser schloß. Ministerialdirector Schneider antwortete hieraus- sodann folgte die Vorstellung der Beamten.

Berlin, 23. Juni. Die gegenwärtige Tagung des Colonialrathes wurde heute geschlossen, nachdem die Berathungen über die Angelegenheit des colonialen Gesell­schaftsrechts, sowie über die Baumwollencultursrage beendigt waren. Der erneute Zusammentritt der Corporation ist für den October in Aussicht genommen, um über den dem Bundesrathe zu unterbreitenden Etatsanschlag zu berathen.

Potsdam, 23. Juni. Heute Nachmittag sand auf dem hiesigen Ulanen-Reitplatze von 3 bis 6 Uhr zur Feier des 151jährigen Bestehens des Regiments der Gardes-du-Corps ein Preisturnen und Reiten der Mannschaften des Regiments statt, welchem Se. Majestät der Kaiser, Ihre Majestät die Kaiserin, die drei ältesten kaiserlichen Prinzen, Se. Königl. Hoheit Prinz Friedrich

Leopold, der Cultusminister Gras Zedlitz-Trützschler, sämmt- liche activen Offiziere des Regiments mit ihren Damen, sowie viele frühere Offiziere beiwohnten. Nach Beendigung der Uebungen erfolgte die Vertheilung der in Uhren be­stehenden Preise durch Ihre Majestät die Kaiserin.

Aachen, 23. Juni. Aus Grube Langenberg ereignete sich letzte Nacht eine Explosion schlagenderWetter. Drei Bergleute wurden schwer verletzt.

Königsberg, 23. Juni. Der commandirende General Bronsart von Schellendorsf ist gestorben.

Wien, 23. Juni. Die Delegirten der Schweiz haben dem Ministerium des Auswärtigen zur Kenntniß ge­bracht, daß sie in den Besitz der beim Bundesrath eingeholten neuen Instructionen gelangt sind. In Folge dessen werden die am 12. Juni unterbrochenen Handelsvertrags­verhandlungen mit der Schweiz am Donnerstag wieder ausgenommen.

Basel, 23. Juni. Von den als vermißt Gemeldetem haben sich, bis auf drei, alle lebend wiedergefunden- vier als vermißt Gemeldete sind in dem angegebenen Heimathtz- orte unbekannt. Es wurden Namen von den sich Anmeldenden fingirt, um zu der Unglücksstätte Zugang zu erhalten.

Bordeaux, 23. Juni. Die Ruhe wurde gestern neuer­dings gestört. Die Menge.zündete die Tramwaykioske aus dem Platze Aquitaine und an anderen Stellen der Stadt an und bewarf die Truppen verschiedentlich mit Steinen. Es gelang indeß den Truppen, ohne Gebrauch von Waffen die Menge im Zaume zu halten- nur aus dem Aquitaine-Platze war Waffengewalt nothwendig. Es wurden 30 Verhaftungen vorgenommen- es herrscht große Ausregung in der Stadt - die Läden und Cafes in der Nähe des Aquitaine-Platzes sind geschlossen. Man glaubt die gestrigen Zwischenfälle den Anarchisten zuschreiben zu sollen.

Brüffel, 23. Juni. Der Generalrath der Arbeiterpartei versandte neuerdings ein Circular an die Arbeiter aller Länder, worin dieselben an die Zwecke des am 18. August d. I. hier tagenden internationalen socialistischen Arbeiter- Congresses erinnert werden.

Bologna, 23. Juni. Anläßlich der gestrigen Provinzial­wahlen in Castel Guelfo entstand zwischen Gemäßigten und Socialisten ein Handgemenge, in welchem eine Per- i son getödtet und fünf verwundet wurden. Die Polizei nahm \ 11 Verhaftungen vor.

Belgrad, 22. Juni. Die Gesellschaft des serbischen Rothen Kreuzes beschloß einstimmig, zur Errichtung des Denkmals für weiland Kaiserin Augusta in Ansehung der großen Verdienste der verewigten Herrscherin um die Gründung des j Vereins vom Rothen Kreuze, sowie deren Wohlthätigkeits- i Acte für serbische Verwundete 250 Dinars in Gold beizu­steuern.

wie bald Bernhard zurückkehren würde, und sagen mußte ich es ihr vorher - es wäre ihr Tod gewesen, wenn er mit einer Frau wiedergekommen und sie nicht daraus vorbereitet ge­wesen wäre.

Gegen Abend bat ich sie, einen Spaziergang mit mir zu machen. Ich schlug denselben Weg ein, auf dem wir uns zum ersten Male gesehen hatten ach, wie weit schien jener Tag schon hinter uns zu liegen.

Schweigend gingen wir eine Zeitlang nebeneinander her- ich wußte nicht, wie ich das, was ich ihr zu sagen hatte, einleiten sollte. Schließlich war sie es, die zuerst das Wort ergriff. Offenbar hatten ihre Gedanken sich mit Bern­hard beschäftigt.

Sage, Tantchen," Hub sie an,was veranlaßte eigent­lich neulich Abends Deinen Bruder, so plötzlich davon zu reiten ?"

Ein Bries ein Brief aus der Heimath," antwortete ich. Dann schwieg ich wieder. Ach, wie schwer fiel mir die Aufgabe, dem armen Mädchen sein ganzes Glück zu rauben.

Deßhalb mußte er auch nach Brisbane," fuhr ich stockend fort.Der Bries war von einem jungen Mädchen, das das wir von Deutschland her kennen."

Ich sah Sophie von der Seite an, um zu beobachten, welchen Eindruck meine Wone aus sie machten, offenbar aber hatte sie dieselben gar nicht gehört.

Horch!" rief sie plötzlich und blieb lauschend stehen, da kommt Jemand Galopp einhergeritten.Vielleicht ist es Dein Bruder!"

Der Zufall wollte, daß wir genau auf derselben Stelle standen, aus welcher Bernhard Sophies Pferd einst auf­gehalten hatte.

Das kann Bernhard nicht sein," versetzte ich,er kommt nicht hierher."

In der nächsten Minute aber tauchte er doch am Ende des Weges auf.

Er kam eilends herbeigesprengt. Als er uns erreicht hatte, schwang er sich leicht aus dem Sattel und begrüßte uns in bester Stimmung. Was, dachte ich, mag geschehen sein? Ich befand mich in einer geradezu fieberhaften Un­geduld. Doch so lange Sophie bei uns war, konnte Bern­hard meine Neugier nicht befriedigen.

Zu Hause bei uns angelangt, begab er sich sofort in das stets für ihn bereite Zimmer, seine Reisekleider zu wechseln.

Diese Gelegenheit benutzte ich, zehn Minuten später bei ihm anzuklopfen.

Aus seinHerein" trat ich ein und meine erste Frage war:Was ist geschehen? Ist sie nicht gekommen?"

O doch!" erwiderte er heiter.

Aber, mein Gott, so sprich doch. Ist sie" Verheirathet ist sie," lachte er.

Verheirathet?" wiederholte ich athemlos,was soll das heißen?"

Das ist sehr einfach. Der Capitän hat sich unter­wegs in sie verliebt und sich noch auf dem Schiffe mit ihr trauen lassen. Ich entsinne mich übrigens auch, daß sie von jeher eine Kokette war."

Was hat sie denn zu Dir gesagt?"

Sie hatte solche Angst vor mir, daß sie mich erst gar nicht sehen wollte - doch versprach ich, ihr zu verzeihen, wenn sie mir feierlich gelobe, keiner Seele ein Sterbenswörtchen von meinem Briese an sie zu sagen."

Lilly hielt Wort.

So erfuhr Sophie erst lange, nachdem sie Bernhards Frau geworden, aus seinem eigenen Munde, was es gewesen, das seine erste Werbung um sie unterbrochen hatte.